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Brite über EU-Austritt: "Der harte Brexit wird kommen – und das ist gut so"

INTERVIEWDieser Brite ist sicher  

"Der harte Brexit wird kommen – und das ist gut so"

Von Tim Kummert

27.02.2019, 07:17 Uhr
Zwei Jahre Brexit-Votum: Wie betrifft der Brexit die Deutschen? (Screenshot: Reuters)
Wie betrifft der Brexit die Deutschen?

Zwei Jahre sind seit dem Brexit-Votum vergangen. Was bedeutet der Austritt Großbritanniens eigentlich für Deutschland und seine Einwohner?

EU-Austritt Großbritanniens: So würde ein harter Brexit Deutschland treffen. (Quelle: t-online.de)


Großbritannien diskutiert ein zweites Referendum. Doch für Philip Crawford ist klar, dass der Brexit kommt und zwar ohne ein Abkommen mit der EU. Warum das die beste Lösung ist, sagt er im Interview mit t-online.de.

Es sind turbulente Tage im Vereinigten Königreich: Premierministerin Theresa May wirbt unermüdlich im britischen Unterhaus für Ihren Deal mit der EU, denn nach wie vor ist nicht geklärt, wie der Brexit erfolgen soll. Gleichzeitig hat Labour-Chef Jeremy Corbyn ein zweites Referendum gefordert. Ob das kommt, ist nach gegenwärtigem Stand unklar.

Fest steht: Der Tag des offiziellen EU-Austritts, der 29. März 2019, rückt immer näher. Wenn sich die EU und Großbritannien bis zu diesem Datum nicht auf einen Vertrag geeinigt haben, erfolgt der Austritt ohne ein verbindliches Übereinkommen. Vielen Beobachtern in Großbritannien und der EU bereitet das große Sorgen. Philip Crawford gehört nicht dazu. 

Crawford, 57, ist Immobilienbesitzer und wohnt in Manchester. Er gehört zu der Mehrheit der Menschen in Großbritannien, die dafür gestimmt haben, aus der EU auszutreten. Politisch ist Crawford in keiner Partei aktiv, doch verfolgt er den Brexit genau und freut sich auf den 29. März. Im Interview mit t-online.de erklärt er, weshalb er glaubt, dass das Land nach dem Austritt besser dasteht, er für einen Brexit ohne Deal mit der EU ist und warum er manchmal Mitleid mit Theresa May hat.

Mister Crawford, Jeremy Corbyn, der Labour–Chef, fordert ein neues Brexit–Referendum. Glauben Sie, dass das kommen wird?

Philip Crawford: Nein, das glaube ich nicht. Herr Corbyn ist getrieben von verschiedenen politischen Strömungen innerhalb seiner Partei. Es sind bereits neun Labour-Abgeordnete zurückgetreten, die gesamte Partei spricht nicht mehr mit einer Stimme. Daher würde ich Corbyns Forderung nicht überbewerten.

Wie sie selbst sagen: Ihr Land ist tief gespalten. Einige Landsleute wollen in der EU bleiben, andere – wie Sie – daran festhalten, die EU zu verlassen. Was wäre eigentlich so schlimm daran, wenn die Briten sich das mit dem Brexit noch mal überlegen?

Ganz einfach: Dann würde man ein demokratisches Referendum ignorieren – eine Demokratie funktioniert doch nicht nach dem Prinzip, dass man über den gleichen Sachverhalt wieder und wieder abstimmt, bis einem das Ergebnis passt. Vor der ersten Abstimmung wurde deutlich, dass jeder eine einzige Stimme hat, daran sollten wir uns halten. Das britische Volk hat abgestimmt und es hat sich entschieden: Für einen Austritt.

Selbst wenn ein zweites Referendum kommen sollte, was ich für extrem unwahrscheinlich halte, würden sich dann noch mehr Menschen für einen Austritt entscheiden. Aus meiner Sicht ist das "Leave"-Lager, also die Haltung dazu, den Brexit zu vollziehen, nach dem Vorschlag von Theresa May für einen Deal nochmals angewachsen.

Was halten Sie denn von dem Deal, den May ausgehandelt hat?

Nichts.

Warum?

Bitte nicht falsch verstehen: Ich will hier nicht die Premierministerin runtermachen. Auf der Insel stehen sich zwei völlig verschiedene politische Lager gegenüber, und die EU ist nicht mehr zu Nachverhandlungen bereit. May ist eingeklemmt, irgendwie tut sie mir manchmal leid. Aber: Der Deal, den sie jetzt auf den Tisch gelegt hat, bindet uns noch lange an die EU. 

Auf dem Vertrag steht zwar sinngemäß "Wir verlassen die EU", doch der Inhalt ist: "Wir bleiben ganz nahe bei euch." Das will das britische Volk nicht, und das wissen die Abgeordneten, die dem nicht zustimmen werden im Parlament! Daher glaube ich: Der harte Brexit wird kommen – und das ist gut so, denn Mays sogenannter "Deal" ist keine Alternative.

Philip Crawford in einem Pub: Der Brite will am EU-Austritt festhalten. (Quelle: privat)Philip Crawford in einem Pub: Der Brite will am EU-Austritt festhalten. (Quelle: privat)

Bereiten Ihnen die wirtschaftlichen Folgen eines No-Deal-Brexits keine Sorgen?

Es wird nicht einfach so weitergehen können wie bisher, eventuell wird die Wirtschaft kurzzeitig Rückschläge hinnehmen müssen. Wir werden dann schon kämpfen müssen. Doch es wird keinen völligen Zusammenbruch geben, im Gegenteil: Großbritannien ist eine der stärksten Volkswirtschaften Europas. Wir werden Einzelverträge mit verschiedenen Ländern schließen, und dann wird es uns besser gehen als je zuvor.

Verschiedene Länder weltweit haben uns jetzt schon für Handelsabkommen angefragt. Daher kann die Lösung nur sein: Wir müssen diesen Staatenbund auf dem Festland schnellstmöglich verlassen, die EU steht ohnehin kurz vor dem Scheitern.

Warum glauben Sie das?      

Werfen wir mal einen Blick darauf, wie die EU mit verschiedenen Ländern umgegangen ist, insbesondere den Südstaaten in der Eurokrise. Steuergelder aus Deutschland und Frankreich wurden zur Rettung der griechischen Banken ausgegeben, gleichzeitig massive Spardikate auferlegt. Die EU ist ein System der Bevormundung von Ländern, das wird sich rächen. Ich bin niemand, der per se einfach nur die EU schlecht reden möchte, an sich ist dieser Staatenbund eine gute Idee. Doch wie sie aktuell in der Praxis umgesetzt wird, ist schlicht katastrophal – daher glaube ich auch, dass sich nach dem Brexit dem Austritt aus der EU andere Länder anschließen werden.

Wie bewerten Sie den Umgang der EU mit Großbritannien in den Brexit-Verhandlungen?

Wie die EU uns aktuell behandelt, war und ist einfach völlig daneben: Es wurden nur harte Forderungen aufgestellt und auf die britische Position wurde praktisch nicht eingegangen. Diese Sprache spricht auch der Deal, den Theresa May vorgeschlagen hat – unter anderem deshalb ist er so schlecht.

Nach dem Referendum hörte man von vorher lautstarken Brexit-Befürwortern wie Nigel Farage oder Boris Johnson nur noch wenig. Fühlten sie sich da nicht verraten?

Nein, denn erstens standen sie in der Sache, für die sie gekämpft haben, auf der richtigen Seite. Und zweitens ist der Brexit sehr groß und wichtig für unser Land. Da sollten wir uns von ein paar Personalien nicht beeindrucken lassen.

Werden Sie für Ihre Position als Verteidiger eines EU-Austritts ohne Abkommen persönlich angefeindet?

Auf mich wurden noch keine Eier geworfen, wenn Sie das meinen (lacht). Doch sicher ist: Das Thema wird enorm emotional diskutiert, unter Freunden, meiner Familie, selbst mit meinen Kindern. Nie war ein Land so zerstritten, wie es Großbritannien gerade ist.


Ich denke, in diese Diskussion wird erst wieder Ruhe kommen, wenn wir die EU verlassen haben. Und wenn dann mit einigem Abstand allen klar ist, dass es für unser Land nie eine politisch klügere Entscheidung gab als den harten Brexit.

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