Sie sind hier: Home > Politik > Ausland >

Katalonien schiebt Forderung nach Unabhängigkeit auf

...

Ernüchterung auf der Plaza  

Katalonien schiebt Forderung nach Unabhängigkeit auf

11.10.2017, 09:54 Uhr | Carola Frentzen, dpa, AFP

Katalonien schiebt Forderung nach Unabhängigkeit auf. Der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont schiebt die Unabhängigkeitserklärung auf. (Quelle: AP/dpa/Manu Fernandez)

Der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont schiebt die Unabhängigkeitserklärung auf. (Quelle: Manu Fernandez/AP/dpa)

Zehntausende hatten sich in der Nähe des katalanischen Parlaments in Stellung gebracht. Im Gepäck Unabhängigkeitsflaggen und Rosen. Sie hofften, nach Jahren des Wartens endlich die Trennung von Spanien bejubeln zu können. Dann folgte die große Ernüchterung.

Was sich am Dienstagabend im Parlament von Barcelona abspielte, glich einem Krimi. Die Nerven der Katalanen, aber auch der Spanier, waren zum Zerreißen gespannt, Demonstranten warteten auf den Straßen mit Unabhängigkeitsflaggen in der Hand, Dutzende Journalisten hatten sich in Stellung gebracht. Nur der Hauptdarsteller ließ auf sich warten: Carles Puigdemont, der Chef der ungehorsamen Regionalregierung, der zusammen mit seinen Verbündeten seit Wochen das ganze Land in Aufruhr versetzt.

Rede wird zunächst verschoben

18 Uhr, eigentlich soll der 54-Jährige seine mit Spannung erwartete Rede beginnen – aber nichts geschieht. Dann lässt er verlauten, die Sitzung sei um eine Stunde verschoben. Spekulationen überschlagen sich: Gibt es Streit mit der ungeliebten Partei CUP, die beharrlich auf ihre Trennungsgelüste pocht und auf deren Unterstützung die Regierungsallianz im Parlament angewiesen ist? Wird er die Unabhängigkeit ausrufen oder sich für eine andere Variante entscheiden?

Nach 45 Minuten herrscht Klarheit – oder auch nicht. Puigdemont hat in einer eindringlichen Rede die derzeitige politische Situation samt ihrer Eskalation beleuchtet und erklärt dann, das Ergebnis des Abspaltungsreferendums vom 1. Oktober berechtige ihn, die Unabhängigkeit auszurufen. Zehntausende Demonstranten in Barcelona, die die Rede auf Großleinwand verfolgen, brechen in Jubel aus. Aber sie haben sich zu früh gefreut. Denn Puigdemont macht gleich einen Rückzieher und betont, zwar wolle er am Ziel der Trennung festhalten, aber zunächst einige Wochen lang einen Dialog mit Madrid versuchen, am besten unter Vermittlung. Nun gibt es Pfiffe auf der Plaza.

Gespannt verfolgen Demonstranten für die Unabhängigkeit die Rede. (Quelle: AP/dpa/Felipe Dana)Gespannt verfolgen Demonstranten für die Unabhängigkeit die Rede. (Quelle: Felipe Dana/AP/dpa)

Beobachter meinten hingegen, dies sei ein geschickter Schachzug der "Generalitat". Denn Puigdemont steht als gesprächsbereiter Gutmensch da, der noch einmal versucht, seiner Regierung und seinem Abspaltungsvorhaben Seriosität zu verleihen: "Wir sind keine Verbrecher, keine Verrückten, keine Putschisten", ruft er den Spaniern zu und fügt ernst hinzu: "Ich appelliere an die Verantwortung aller. Die spanische Regierung fordere ich dazu auf, eine Vermittlung zu akzeptieren." Etwas später wird bekannt, dass katalanische Politiker haben ein als "Unabhängigkeitserklärung" bezeichnetes Dokument unterzeichnet haben.

Madrid scheint nicht verhandlungsbereit

Ministerpräsident Mariano Rajoy lässt aber bereits durchblicken, seine Regierung betrachte die Aussagen dennoch als Unabhängigkeitserklärung und überlege sich die passende Reaktion darauf, wie die Zeitung "El País" berichtet. Über Katalonien schwebt schon seit Tagen wie eine dunkle Wolke der Artikel 155 der Verfassung, der besagt, dass Madrid eine Regionalregierung entmachten kann, wenn diese die Verfassung und das allgemeine Interesse Spaniens missachtet.

"Ich bin nicht gerade glücklich über das, was Puigdemont gesagt hat, aber wahrscheinlich war es das klügste", sagt Sergi Rouira direkt nach der Rede. Zusammen mit zahlreichen Gleichgesinnten hat er die Ansprache auf dem Platz vor dem Triumphbogen unweit des Parlaments verfolgt. "Jetzt gibt es eine letzte Chance für Gespräche", hofft der Sozialarbeiter. "Aber am Ende kann nur die volle Unabhängigkeit stehen", fügt er hinzu. So wie Sergi ziehen viele Menschen von der Passeig de Lluis de Companys – in einer Mischung aus Enttäuschung und Erleichterung.

Demonstranten: "Ohne Ungehorsam keine Unabhängigkeit"

Manche der Teilnehmer hatten stundenlang auf die Rede gewartet. Fliegende Händler mit Getränken machten ein gutes Geschäft, Poster mit Unabhängigkeitsforderungen und Rosen gab es umsonst. "Die Rose ist unser Symbol für die Friedfertigkeit", sagt Ana. Rot-gelbe Fahnen werden geschwenkt, die "Estelada", die um einen Stern nach dem Vorbild der kubanischen Fahne erweiterte Flagge der katalanischen Separatisten. Andere haben Aufkleber auf Brust: "Ohne Ungehorsam keine Unabhängigkeit."

Einer der Zuhörer ist doch ganz zufrieden: "Das ist wie beim Fußball, da wissen die Zuschauer auch immer alles besser. Aber Puigdemont ist Trainer und der weiß es am besten", erklärt sich José Pascua die Rede. "Jetzt können wir auf Augenhöhe mit Madrid verhandeln", freut er sich. Ob er denn eine Verhandlungslösung akzeptieren würde, bei der Katalonien bei Spanien bleibt und dafür mehr Autonomierechte erhielte? "Nein, wir wollen die Unabhängigkeit." Judith Rodriguez Catalan ruft nach Hilfe aus dem Norden. "Wo ist Merkel? Die soll Rajoy zur Vernunft bringen", findet sie. Deutschland sei doch schließlich eine internationale Macht.

Wie es weitergeht in Katalonien steht noch immer in den Sternen. Die Rede jedenfalls brachte keine Erleuchtung, hat Puigdemont doch letztlich einen Mittelweg gewählt. Ob ihn dieser aber vor dem Gefängnis bewahren wird, bleibt abzuwarten – denn Spaniens stellvertretende Ministerpräsidentin Soraya Saénz de Santamaría hatte zuletzt bereits scharf erklärt, die Regierung werde "alle nötigen Maßnahmen ergreifen, um das Gesetz und die Demokratie in Katalonien wiederherzustellen."

Liebe Leserinnen und Leser,

wir wollen alle Debatten auf t-online.de schnell und sorgfältig moderieren und können deswegen aus der Vielzahl unserer Artikel nur einzelne Themen für Leserdebatten gezielt auswählen. Dabei ist uns wichtig, dass sich das Thema für eine konstruktive Debatte eignet und es keine thematischen Dopplungen in den Diskussionen gibt. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Aufstellung der aktuellen Leserdebatten finden Sie auf unserer Übersichtsseite. Mehr zu unserer Community erfahren Sie in unseren FAQ. Wir freuen uns auf angeregte und kontroverse Diskussionen.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Anzeige
Duftkerze mit der bekannten NIVEA Creme-Note
jetzt bestellen auf NIVEA.de
Anzeige
Summer Sale bei TOM TAILOR: Sparen Sie bis zu 50 %
jetzt im Sale
Klingelbonprix.detchibo.deCECILStreet OneLIDLBabistadouglas.deBAUR

shopping-portal
Das Unternehmen
  • Ströer Digital Publishing GmbH
  • Unternehmen
  • Jobs & Karriere
  • Presse
Weiteres
Netzwerk & Partner
  • Stayfriends
  • Erotik
  • Routenplaner
  • Horoskope
  • billiger.de
  • t-online.de Browser
  • Das Örtliche
  • DasTelefonbuch
  • Erotic Lounge
  • giga.de
  • desired.de
  • kino.de
  • Statista
Telekom Tarife
  • DSL
  • Telefonieren
  • Entertain
  • Mobilfunk-Tarife
  • Datentarife
  • Prepaid-Tarife
  • Magenta EINS
Telekom Produkte
  • Kundencenter
  • Magenta SmartHome
  • Telekom Sport
  • Freemail
  • Telekom Mail
  • Sicherheitspaket
  • Vertragsverlängerung Festnetz
  • Vertragsverlängerung Mobilfunk
  • Hilfe
© Ströer Digital Publishing GmbH 2018