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Gräber ohne Namen: Brasilien erlebt seine tödlichste Pandemie-Woche

Corona-Krise in Südamerika  

Gräber ohne Namen: Brasilien erlebt seine tödlichste Pandemie-Woche

10.03.2021, 20:33 Uhr | Von Martina Farmbauer, dpa

Immer mehr Corona-Tote in Brasilien

Nach der bisher tödlichsten Woche in der Pandemie hat Brasilien einen weiteren Höchstwert bei den an einem Tag erfassten Corona-Toten registriert. (Quelle: reuters)

Gräber ohne Namen in Caju: Die Pandemie ist in Brasilien vielerorts außer Kontrolle. (Quelle: reuters)


Brasilien ist an einem vorläufigen Höhepunkt der Corona-Pandemie. Doch der Präsident verweigert weiter strikte Anordnungen. Lokale Politiker aber haben den Ernst der Lage erkannt. 

Die meisten Bars und Restaurants in Rio de Janeiro haben am Samstag um 18 Uhr bereits ihre Läden heruntergelassen und die Türen geschlossen. "Rio de Janeiro ist eine Geisterstadt, nicht wahr?", sagt ein Fußgänger im Ausgehviertel Lapa. Anders als an vielen Wochenenden zuvor scheint die Nachlässigkeit, ja Gleichgültigkeit gegenüber dem Coronavirus nun der Vernunft gewichen zu sein. Das Stimmengewirr und die Musik weichen der Stille, an die Stelle des Barlichts tritt eine unwirtliche Dunkelheit.

Es ist das erste Wochenende eines "Lockdown light" mit einer Art Ausgangssperre gewesen. Rio de Janeiros Bürgermeister Eduardo Paes hatte erlassen, dass Bars und Restaurants ab Freitag um 17 Uhr schließen müssen, der Aufenthalt auf öffentlichen Straßen und Plätzen zudem nach 23 Uhr verboten ist. Kioske an den berühmten Stränden wie der Copacabana blieben gleich komplett geschlossen.

Neuer Höchstwert bei den Corona-Toten

Auch wenn Experten die Zögerlichkeit bei den nun ergriffenen Maßnahmen und das Fehlen einer Lösung für die überfüllten öffentlichen Transportmittel kritisieren – Politiker in anderen Bundesstaaten und Städten haben den Ernst der Lage ebenfalls erkannt und die Maßnahmen gegen eine rasante Ausbreitung des Coronavirus verschärft. So trat beispielsweise am Samstag auch São Paulo in die sogenannte rote Phase und die Geschäfte mussten schließen.

Ein Mann fährt mit dem Rad an einem geschlossenen Kiosk an den sonst gut besuchten brasilianischen Strand Copacabana: Bars und Restaurants müssen hier um 17 Uhr schließen. (Quelle: dpa/Fernando Souza)Ein Mann fährt mit dem Rad an einem geschlossenen Kiosk an den sonst gut besuchten brasilianischen Strand Copacabana: Bars und Restaurants müssen hier um 17 Uhr schließen. (Quelle: Fernando Souza/dpa)

Das Szenario heute erinnert sehr an den chaotischen Beginn der Pandemie im April und Mai - und ist der bisherige traurige Höhepunkt der Corona-Krise in Brasilien, das gerade seine tödlichste Woche erlebt hat. Allein am Dienstag starben 1.972 Menschen mit oder an Sars-CoV-2 – der höchste je registrierte Wert in Brasilien innerhalb von 24 Stunden.  Insgesamt haben sich im größten Land in Lateinamerika seit Beginn der Pandemie über 11,2 Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert, 268.370 sind im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben. Brasilien hat 210 Millionen Einwohner und ist 24 Mal so groß wie Deutschland.

Wie bedrohlich die Lage in Brasilien ist, sehen sie oben im Video oder hier.

Hohe Beamte rechnen mit mehr als 3.000 Toten pro Tag

"Das ist der schlimmste Moment, und es wird noch schlimmer werden", sagt der Epidemiologe Diego Ricardo Xavier von der Forschungseinrichtung "Fundação Oswaldo Cruz" (Fiocruz) in Rio de Janeiro der Deutschen Presse-Agentur. Die angesehene Forschungseinrichtung schrieb in einem Bericht, dass sich die gleichzeitige Verschlechterung mehrerer Indikatoren im ganzen Land feststellen lasse. Und laut der Zeitung "Valor" rechnen hohe Beamte im Gesundheitsministerium damit, dass in den kommenden Wochen die Marke von 3.000 Corona-Toten täglich überschritten wird.

Auf verschiedenen Friedhöfen in Rio werden am Samstag flache Gräber in einem Bereich mit trockener Erde und Steinboden für Beerdigungen vorbereitet, der Bestatter Douglas Silva in Caju schreibt nur Nummern auf das Kreuz eines Begrabenen, das er austauscht. In Irajá steht auf der Rückseite auch der Tag der Beerdigung. Die sogenannten covas rasas sind die älteste und einfachste Art der Bestattung und zeigen die Abgründe der brasilianischen Gesellschaft auf. Ursprünglich für die Armen vorgesehen, sind die Gräber ohne Namen in der Corona-Pandemie zu einer der wenigen erschwinglichen Optionen für viele Familien geworden, Angehörige zu begraben.

In Manaus steht das Gesundheitssystem vor dem Zusammenbruch

Der Epidemiologe Diego Xavier hofft, dass es in Brasilien, dem Land der Wunder, nicht so weit kommt, wie die Beamten im Gesundheitsministerium befürchten. Aber bei einem ist er sich sicher: "Viele Leute werden sterben, ohne dass sie in ein Intensivbett kommen." Die Intensivbetten in 18 der 27 Bundesstaaten sowie dem Hauptstadtdistrikt sind laut Fiocruz zu mehr als 80 Prozent ausgelastet.

Nach der Amazonas-Metropole Manaus, der im Januar der Sauerstoff ausging, steht das Gesundheitssystem nun an mehreren Orten gleichzeitig vor dem Zusammenbruch, etwa auch in Regionen im Südosten und Süden, die über eine stärkere Infrastruktur verfügen. Alle zwei Minuten wird zum Beispiel im reichen São Paulo ein Patient ins Krankenhaus gebracht. In den von deutschen Einwanderern geprägten Bundesstaaten Santa Catarina und Rio Grande do Sul verlegen Hospitäler Patienten und stellen Kühlcontainer für die Leichen auf.

"Das große Problem ist der Präsident"

Jetzt passiert, was die Forschungseinrichtung Fiocruz im Dezember vorhergesagt hatte – bevor sich die Menschen an Weihnachten, Silvester, in den Sommerferien und der Karnevalswoche fast ohne Einschränkungen versammelten. "Wenn wir nur ein bisschen am Jahresende und während des Karnevals eingeschränkt hätten, müssten wir jetzt nicht alles schließen", sagt eine andere Passantin. Hinzu kommt eine Virus-Variante, die ansteckender und unempfindlicher gegenüber Antikörpern zu sein scheint als das ursprüngliche Virus – und recht frei zirkulieren kann.

"Das große Problem ist der Präsident", sagt Diego Xavier. "Er regt dazu an, dass die Leute sich versammeln, behauptet, dass eine Maske nicht hilft." Nun fordern Gouverneure einen nationalen Pakt mit einschränkenden Maßnahmen und mehr Impfstoffen. Präsident Jair Bolsonaro hat jedoch bereits klargemacht, dass es mit ihm niemals einen landesweiten Lockdown geben werde.

Jair Bolsonaro, Präsident von Brasilien: Er hat inmitten der rasanten Ausbreitung des Coronavirus einschränkende Maßnahmen scharf kritisiert. (Quelle: AP/dpa/Eraldo Peres)Jair Bolsonaro, Präsident von Brasilien: Er hat inmitten der rasanten Ausbreitung des Coronavirus einschränkende Maßnahmen scharf kritisiert. (Quelle: Eraldo Peres/AP/dpa)

Bolsonaro: "Schluss mit dem Mimimi"

Am Tag, nachdem Brasilien zum zweiten Mal in Folge einen Höchstwert bei den Corona-Toten innerhalb von 24 Stunden registriert hatte, weihte Bolsonaro im Landesinneren das Teilstück einer Eisenbahnlinie ein, die Soja und andere landwirtschaftliche Produkte transportieren soll. "Ihr seid nicht zu Hause geblieben. Ihr seid nicht feige gewesen. Schluss mit dem "Mimimi"", sagte er zu den Arbeitern. "Mimimi" ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für Gejammere, den der Rechtspopulist und seine Anhänger benutzen, um das politisch Korrekte zu bekämpfen.

Bis zur Jahresmitte will Fiocruz, deren Impfstofffabrik im Norden Rios als die größte Lateinamerikas gilt, gut 110 Millionen Dosen des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca auf der Basis von importiertem Arzneistoff herstellen; und in der zweiten Jahreshälfte dank Technologietransfers zudem weitere 110 Millionen Dosen völlig eigenständig produzieren können.

Die Hoffnungen der Brasilianer ruhen nun auf einem Durchbruch bei den ins Stocken geratenen Impfungen – und darauf, dass, wie es im Land heißt, Gott Brasilianer ist.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

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