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Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung übernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Was hat Vorrang: unsere Gesundheit oder die Ökonomie?

Von Gerhard Spörl

Aktualisiert am 20.04.2020Lesedauer: 3 Min.
Eine junge Frau mit Mundschutz vor einem Geschäft: Die Diskussion über Lockerungen für die Wirtschaft wird in den nächsten Tagen und Wochen mit zunehmender Schärfe ausgetragen werden.
Eine junge Frau mit Mundschutz vor einem Geschäft: Die Diskussion über Lockerungen für die Wirtschaft wird in den nächsten Tagen und Wochen mit zunehmender Schärfe ausgetragen werden. (Quelle: imago-images-bilder)
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Kleine Schritte müssen genügen, argumentiert die Kanzlerin und bittet um Geduld. Große Schritte sind nötig, verlangen Industrie und Wirtschaft. Wer hat recht und wer setzt sich durch?

Normalerweise lese ich Sonntag Spielberichte und studiere die Bundesliga-Tabelle. Da wir aber im Ausnahmezustand leben, schaue ich mir die Corona-Tabelle an, die das Robert Koch-Institut Tag für Tag veröffentlicht. Gestern waren mehr als 144.000 Menschen infiziert, knapp 90.000 davon haben es hinter sich und sind gesund. Im Vergleich zur Vorwoche ging die Zahl der Neuerkrankten zurück, worin wir ein gutes Zeichen sehen sollten, sagen die Virologen, die mir Nachhilfe beim Verständnis der Zahlenflut erteilen. Fast 5.000 Menschen sind in Deutschland gestorben, mögen sie in Frieden ruhen.

Es geht voran, es gibt Grund zur Zuversicht, aber nur in Maßen. Vom Gesundheitsminister stammt der Satz, am Freitag ausgesprochen, dass das Virus "beherrschbar" sei – "beherrschbarer" schob er rasch nach, damit bloß kein Missverständnis entsteht. Worte wollen sorgfältig gewählt sein.

Große Schritte hätten wir alle gern

"Beherrschbar" hätte Normalität bedeutet und nicht nur vorsichtige Lockerung der Kontaktsperre, wie sie die Regierung verkündete. "Beherrschbarer" klingt verhalten und meint dem Sinne nach: Bloß nicht ungeduldig werden, bloß nicht denken, wir sind schon über den Berg, es geht weiter wie bisher, mit ein paar Veränderungen, okay?

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In kleinen Schritten geht es voran, in Kinderschritten. Das ist folgerichtig, weil weder ein Medikament bereitsteht, das den Erkrankten Linderung bringen könnte, geschweige denn ein Impfstoff erfunden wäre, der diese tückische Lungenkrankheit besiegen würde. Die Suche dauert an, zieht sich hin, vielleicht nur bis in den Herbst, vielleicht aber auch ins nächste Jahr. Niemand weiß mehr, niemand kann mehr versprechen.

Gesundheitsminister Jens Spahn wird von Ärzten über die Corona-Krise unterrichtet: Große Schritte hätten wir alle gern, sie sind aber nicht angebracht, meint Kolumnist Gerhard Spörl. Sie kämen zu früh, sagen führende Politiker.
Gesundheitsminister Jens Spahn wird von Ärzten über die Corona-Krise unterrichtet: Große Schritte hätten wir alle gern, sie sind aber nicht angebracht, meint Kolumnist Gerhard Spörl. Sie kämen zu früh, sagen führende Politiker. (Quelle: imago-images-bilder)

Große Schritte hätten wir alle gern, sie sind aber nicht angebracht. Sie kämen zu früh, sagen Merkel/Scholz/Söder/Spahn. Sie wären möglicherweise kontraproduktiv, sagen die Virologen. Klingt plausibel, also halten wir Abstand im schönsten Frühlingswetter. Verschieben Reisen, bangen um den Sommerurlaub und unsere schöne Freiheit.

Macht immer weniger Spaß, muss aber sein, oder?

Unsere Gesundheit hat Vorrang. Deshalb müssen wir uns noch lange gedulden, das wissen wir seit der letzten Pressekonferenz der Kanzlerin. In Wahrheit wird bis zum Jahresende, mindestens, nichts Größeres passieren: keine vollen Fußballstadien, keine vollen Konzerthäuser, keine vollen Theater, keine vollen Kinos, keine vollen Klubs oder Restaurants, weder gästereiche Geburtstagsfeiern noch Bälle noch Weihnachtsfeiern und so weiter und so fort.

Ironischerweise ist die Länge des Ausnahmezustands eine Folge unserer Geduld. Im Ausland preisen sie die Deutschen dafür: für ihre Disziplin, für das intakte Gesundheitssystem, für den Pragmatismus der Regierung, für die umfassende Staatshilfe für die Kleinen wie die Mittleren wie die Großen im Wirtschaftsprozess. Verglichen mit den USA und Großbritannien, mit Frankreich oder Italien geht es uns gut mit unserem Gesundheitswesen und dem Sozialstaat.

Stimmt ja auch, ist gut so, hat aber eine Kehrseite, wie alles eine Kehrseite hat.

Bis alle immun sind, wird es lange dauern

Ich habe noch Angela Merkel im Ohr, die uns sagte, dass sich 60 bis 70 Prozent aller Deutschen infizieren müssten, damit die Herdenimmunität erreicht sein werde, womit unser aller Schutz vor Infektion gemeint ist. Davon sind wir noch meilenweit entfernt. Dass die Infektionskurve abgeflacht ist, worauf es ja ankommt, damit die Krankenhäuser funktionstüchtig bleiben, bedeutet eben auch, dass der Gesamtprozess lange dauern wird, länger als anderswo.

Kleine Schritte, ja. Große Schritt, nein. Kann das gut gehen?

Momentan gilt der Primat unserer Gesundheit. Darüber können wir uns kaum beschweren. Dafür hat sich die Kanzlerin entschieden und deshalb hat sie unser Vertrauen, noch. Die spannende Frage ist nur, ob sie das so lange durchhalten kann, wie es die Logik ihrer Politik verlangt.

Es ist ja nicht zu übersehen, wie der Unmut in der Wirtschaft wächst, die von den kleinen Schritten nicht begünstigt ist. Sie verlangt nach großen Schritten, sie will mehr, anderes. Galeria Karstadt Kaufhof will das Recht auf Wiedereröffnung sogar vor Gericht erstreiten. Wenn das Sommergeschäft ausbleibt, gehen Hotels und Gaststätten massenweise pleite, sagt die Lobby des Gewerbes. Wie die unvermeidliche Rezession ausfällt, hängt von der Fixierung auf kleine Schritte ab.

Ein klassischer Konflikt zwischen Gesundheit und Ökonomie zeichnet sich da ab. Er steckte von Anfang in der Corona-Krise, erst latent und nun eben manifest. Die Argumente werden in den nächsten Tagen und Wochen mit zunehmender Schärfe ausgetragen werden. Jede Seite hat für sich recht, was die Sache nicht einfacher macht, sondern erschwert.

Der politische Kampf ist eröffnet. Und wir entscheiden mit darüber, wer sich durchsetzt – mit der Geduld, die wir bewahren oder verlieren, und dem Vertrauen, das wir weiterhin in die Kanzlerin setzen oder ihr entziehen.

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