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Trump sorgt sich um die Wiederwahl, Obama um die Demokratie

Eine Kolumne von Fabian Reinbold, Washington

Aktualisiert am 31.07.2020Lesedauer: 5 Min.
Barack Obama bei der Trauerfeier fĂŒr John Lewis: "Wenige Wahlen waren in vielerlei Hinsicht so wichtig wie diese."
Barack Obama bei der Trauerfeier fĂŒr John Lewis: "Wenige Wahlen waren in vielerlei Hinsicht so wichtig wie diese." (Quelle: Alyssa Pointer/Pool/Reuters-bilder)
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Donald Trump sorgt sich um die Wiederwahl, Barack Obama um die ganze US-Demokratie. WÀhrend Amerika um einen Helden trauert, zeigt sich, woran sich die kommende PrÀsidentschaftswahl wirklich entscheidet.

WÀhrend der Sommerpause der Kolumne habe ich mir einen besonderen Luxus geleistet: Ich habe jenen Alarm auf meinem Handy ausgeschaltet, der jedes Mal summt, wenn Donald Trump einen Tweet absetzt. Das kann zwanzig Mal pro Tag passieren, wenn es gut lÀuft, oder manchmal auch zweihundert Mal. Ich nahm mir Trump-Alarm-frei und las ein wunderbares Buch, mit dem man das zerrissene Amerika des Jahres 2020 besser versteht.

Das Buch stellte Amerikas Geschichte ehrlicher dar als viele andere. Was ich mit ehrlich meine? Dass das Dunkle hier stets neben dem Hellen stand, dass die WidersprĂŒche des Experiments Amerika von Anfang an kaum auszuhalten waren: Freiheit und Sklaverei, Gleichheit und UnterdrĂŒckung, Selbstbestimmung und Vertreibung, Vernunft und Paranoia. Und dass die abgrundtiefe Spaltung des Landes, die einen heute so staunen lĂ€sst, mehr Regel als Ausnahme ist. (Ich kann Ihnen das Buch der Harvard-Historikerin Jill Lepore wirklich empfehlen, es ist auch auf Deutsch erschienen.)

Als Klammer dient der Autorin eine Frage, die der schillerndste der GrĂŒndervĂ€ter, Alexander Hamilton, bei der Erarbeitung der Verfassung stellte: Kann sich das Volk durch vernĂŒnftige Überlegung und Wahlen selbst eine gute politische Ordnung geben? Oder entscheiden am Ende doch Zufall, TĂ€uschung und Gewalt ĂŒber die Macht? Keine schlechte Frage fĂŒr Amerika im Jahr 2020.

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ZurĂŒck in Washington leistete ich mir am Montag den Luxus, den Trump-Alarm noch ausgeschaltet zu lassen. Ich verpasste also zehn Mitteilungen des PrĂ€sidenten zum vermeintlichen Corona-Wundermittel Hydroxychloroquin und seine Verbreitung des Auftritts einer seltsamen Ärztin aus Texas, deren Expertise sonst in Predigten ĂŒber DĂ€monensperma und Alien-DNA liegt und die nun verkĂŒndete: “Niemand muss krank werden” – dank, genau, Hydroxychloroquin.

Stattdessen ging ich zum Kongress, wo ein amerikanischer Held aufgebahrt lag. Mit dem Wort Held darf man vorsichtig sein, doch bei John Lewis, der sich in den Sechzigern von den Rassisten verprĂŒgeln ließ, die friedliche BĂŒrgerrechtsbewegung prĂ€gte und spĂ€ter als "Gewissen des US-Kongresses" galt, ist das ganz sicher keine Übertreibung. Lewis' Sarg lag auf den Stufen des Kapitols, das einst Sklaven gebauten hatten, und Washington stand Schlange, um sich aus der Distanz zu verabschieden. Ein rĂŒhrender Moment.

Abschied von John Lewis am Kapitol: Der langjÀhrige Abgeordnete wurde am Freitag beigesetzt.
Abschied von John Lewis am Kapitol: Der langjÀhrige Abgeordnete wurde am Freitag beigesetzt. (Quelle: Patrick Semansky/ap-bilder)

In der Sommerpause war Trumps “Kurswechsel” in Sachen Corona verkĂŒndet worden, doch nach ein paar Minuten seiner Pressekonferenz am Dienstag war mir klar, dass sich nichts geĂ€ndert hat. Sein Tenor: Wir machen einen Bombenjob, nĂ€chstes Jahr wird großartig und warum bitte schön hat denn Experte Fauci so gute Werte, aber, Zitat, “niemand mag mich”?

Es war plötzlich wieder MÀrz. Damals hatte Trump die gleichen verheerend verharmlosenden Corona-Auftritte zelebriert. Nur dass mittlerweile die US-Totenzahlen auf mehr als 150.000 gestiegen sind.

Am Mittwoch wurde Trumps Truppenabzug aus Deutschland verkĂŒndet. Ich staunte, wie Pentagon-Chef Esper und seine GenerĂ€le Trumps Lust an der Bestrafung Deutschlands, die die USA Milliarden Dollar kosten wird, den Anstrich einer neuen MilitĂ€rstrategie verpassen mussten. Kurz nach dem Auftritt rief ich Mark Hertling an, einen pensionierten Drei-Sterne-General, der frĂŒher die US-Armee in Europa befehligte. Hertling saß in Florida und musste sich erst einmal sammeln. "Was wird nur aus Grafenwöhr, was wird aus Kaiserslautern", sagte er mehr zu sich als zu mir. "Was wird aus Wiesbaden, da ist doch alles noch brandneu. Es ergibt fĂŒr mich alles keinen Sinn." Ich glaube, er stand unter Schock.

Am Donnerstag schaffte Trump es wieder einmal mit einem einzigen Tweet, die weltweite Öffentlichkeit in einen Ă€hnlichen Zustand zu versetzen. (Ich hatte meinen Twitter-Alarm rechtzeitig wieder angeschaltet.) Sein Raunen, dass die Stimmabgabe per Briefwahl dem Betrug TĂŒr und Tor öffnen wĂŒrde und man deshalb vielleicht die PrĂ€sidentschaftswahl verschieben mĂŒsse, ging in einem Wimpernschlag um die Welt.

Trump hat dazu zwar keine Befugnis, aber das spielte in diesem Moment keine Rolle. Der Tweet war ein klassischer Taschenspielertrick mit den Elementen Ablenkung und Zweifel sÀen. 15 Minuten vor dem Tweet kamen nÀmlich die desaströsen Wirtschaftszahlen zum 2. Quartal, vielleicht die Sache, die Trumps Wiederwahl am meisten gefÀhrdet.

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Wie praktisch, dass er mit seinem Wahltagstweet umgehend wieder die öffentliche Debatte kontrollierte. Bei der "Washington Post" löste der Wahltermin prompt die Wirtschaftskrise als meistgelesene Geschichte ab.

Zum anderen war der Tweet Ausdruck seiner Strategie, schon jetzt möglichst viele Zweifel am Wahlprozess zu sĂ€en, fĂŒr den Fall einer Niederlage oder eines unklaren Ergebnisses.

Amerikas Demokratie war immer geprÀgt vom Kampf darum, wessen Stimme zÀhlt und wessen nicht. Der Erfindungsreichtum jener, die Minderheiten von der Urne fernhalten wollen, ist unbegrenzt. Trump ist einer von ihnen. Es wird vielleicht die wichtigste Auseinandersetzung bei der Wahl 2020.

Kurz darauf begann in Atlanta die letzte der Trauerfeiern fĂŒr den amerikanischen Helden John Lewis. Unter den Rednern: Bill Clinton, George W. Bush, Barack Obama. (Trump blieb auch dieser Feier fern.)

Obama, der seinem Ruf als packender Redner wieder gerecht wurde, riss die Trauernden von den Sitzen. Was hatte er gesagt? Er schlug den Bogen von Lewis’ Kampf in den Sechzigern fĂŒr Gleichberechtigung zu unserer seltsamen Zeit, ausdrĂŒcklicher als erwartet.

Interessieren Sie sich fĂŒr die US-Wahl? Unser Washington-Korrespondent Fabian Reinbold schreibt ĂŒber seine Arbeit im Weißen Haus und seine EindrĂŒcke aus den USA unter Donald Trump einen Newsletter. Hier können Sie die "Post aus Washington" kostenlos abonnieren, die dann einmal pro Woche direkt in Ihrem Postfach landet.

Er pickte sich zwei Rassisten aus Lewis’ Heimat Alabama raus, die das ganze Land kennt: Bull Connor, den berĂŒchtigten Polizeichef aus Birmingham, der Kampfhunde auf SchĂŒler hetzte. Und George Wallace, der Gouverneur, der seine Polizisten Lewis und Co. zusammenprĂŒgeln ließ.

Obama: "Bull Connor mag fort sein, aber heute sehen wir mit eigenen Augen die Polizisten auf dem Hals schwarzer Amerikaner knien. George Wallace mag fort sein, aber wir sehen die Bundesregierung Beamte mit TrĂ€nengas und Schlagstöcken gegen friedliche Demonstranten vorgehen." Dann zĂ€hlte er auf, mit welchen Tricks “jene an der Macht” versuchten, Schwarzen und anderen Minderheiten das WĂ€hlen zu erschweren.

Der Ex-PrĂ€sident ĂŒberlegt ganz genau, bevor er seinen Nachfolger öffentlich kritisiert, auch wenn er seinen Namen nicht erwĂ€hnte. Mein Eindruck: Obama macht sich große Sorgen um die US-Demokratie. Tja, wer, der mit einem halbwegs klaren Blick auf das Land schaut, tut das nicht?

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Und so kam an diesem Donnerstag wieder alles zusammen in Amerika: Vergangenheit und Gegenwart, das Dunkle und das Helle. Gleichheit und UnterdrĂŒckung.

Der Kampf darum, wessen Stimme zĂ€hlt, und auch die alte Frage des jungen GrĂŒndervaters Hamilton, ob das Volk sich ĂŒber Vernunft und Wahlen selbst gut regieren kann. Oder ob am Ende doch Zufall, TĂ€uschung und Gewalt ĂŒber die Macht entscheiden.

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