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Corona-Impfungen: Was die USA schaffen, müsste Deutschland beschämen

MEINUNGImpfen gegen Corona  

Wie Amerika Deutschland beschämt

Corona-Impfungen: Was die USA schaffen, müsste Deutschland beschämen. Impfstation in Atlanta: In den USA werden aktuell zwei Millionen Amerikaner täglich gegen Corona geimpft. (Quelle: imago images/Robin Rayne)

Impfstation in Atlanta: In den USA werden aktuell zwei Millionen Amerikaner täglich gegen Corona geimpft. (Quelle: Robin Rayne/imago images)

Warum klappt in den USA, was in Deutschland nicht funktioniert? Zwei Millionen Amerikaner werden pro Tag gegen Corona geimpft. Selbst der t-online-Korrespondent war schon an der Reihe.

Man sollte mit diesem Satz vorsichtig sein, schließlich liegt ja momentan eine Mischung aus Impfdrang, Impffrust und Impfneid in der Luft, aber so ehrlich will ich die Kolumne beginnen: Ich habe meine erste Corona-Impfung bekommen.

Am Donnerstag vor acht Tagen hatte ich die Jagd nach einer Impfung aufgenommen, am Freitag dann einen Termin ergattert und am Dienstag um 12.20 Uhr pikste mir ein freundlicher Apotheker namens Khalid in einem Raum, in dem zu normalen Zeiten Rentner Bingo spielen, in den rechten Oberarm.

Endlich einmal kann ich Ihnen eine Erfolgsgeschichte aus Amerika erzählen. Und das, was die USA bei den Impfungen hinbekommen, müsste die Bundesregierung in Deutschland eigentlich beschämen.

Bevor sich nun jemand empört, dass ein halbjunger Mann wie ich (immer noch keine 40!) schon rankommt, will ich betonen: Vorgedrängelt habe ich mich nicht. Ich hatte großes Glück, aber ich war tatsächlich auch an der Reihe. Washington hat in dieser Woche sein Impfprogramm stark ausgeweitet auf alle ab 18 Jahren, die eine Vorerkrankung wie Asthma oder Diabetes haben.

Zwei Millionen Amerikaner werden gerade Tag für Tag geimpft. Jeder sechste Bürger hat bereits eine Dosis bekommen, 16 Prozent also – in Deutschland sind es gerade einmal 5,5 Prozent.

Donald Trump, der in der Pandemie so gut wie alles falsch gemacht hat, lag beim Impfstoff richtig. Sehr früh hat er sehr viel bestellt, ohne zu wissen, ob die Stoffe wirken werden oder nicht.

Nur um die Verteilung im Winter hat er sich nicht gekümmert, weil sein Horizont nur zur Wahl reichte. Doch das hat zum Glück Joe Biden in den Griff bekommen. Sein Team erarbeitete die Pläne bereits, als er noch gar nicht im Amt war. Geimpft wird jetzt in Football-Stadien, per Drive-Thru auf Parkplätzen, in Supermärkten. Impfstoff wird bis heute nicht exportiert: Beim Impfen gilt auch unter Biden America First.

Massen-Impfstation in Los Angeles: America First, auch unter Joe Biden. (Quelle: Getty Images/Mario Tama)Massen-Impfstation in Los Angeles: America First, auch unter Joe Biden. (Quelle: Mario Tama/Getty Images)

Läuft hier alles perfekt? Nein, weiß Gott nicht, und ich erzähle es Ihnen anhand meiner Jagd. Sie begann an einem etwas seltsamen Ort: der Obsttheke im Supermarkt. In den USA ist es üblich, dass die großen Supermärkte eine integrierte Apotheke haben und diese Apotheken auch impfen. So war es gegen Grippe und Tetanus, so ist es nun gegen Covid.

In den Tagen zuvor war in Washington das Jagdfieber spürbar angestiegen: Je mehr Impfstoff vorhanden war, desto mehr Unterhaltungen drehten sich um die Frage, wie man denn nun daran kommt. Eine viel diskutierte Option: Vor Ort vorsprechen, um vielleicht eine der Kühlung entnommene Dosis zu erhalten, die übrig geblieben ist und verspritzt werden muss, bevor sie schlecht wird.

Ich ging in einen Giant-Supermarkt, wo nicht einmal im Apothekenbereich geimpft wurde, sondern in der Imbiss-Ecke. Als ich mittags vorsprach, sagte man mir, ich solle um fünf Uhr abends wiederkommen. Später, um viertel vor fünf, lungerten schon zwei Dutzend Leute vor dem Imbiss- und Impfbereich. Es gab keine Schlange, man stand wild verteilt und unruhig um die Obststände herum.

Ein Mann kam aus dem Impfbereich und sagte: "Sieht so aus, als hätten wir drei überschüssige Dosen." Enttäuschte bis unsichere Blicke an der Obsttheke. Dann begann er zu fragen: "Ist hier jemand über 80?" Schweigen. "Über 65?" Niemand. Pflegekräfte? Front-line workers? Polizei? Militär? Nicht einmal Supermarktmitarbeiter waren in unserer Gruppe. Lehrer? Die Hand einer Frau mit gasmaskenähnlichem Mundschutz schoss in die Höhe. Anwälte? Zwei weitere Frauen meldeten sich. Der Rest guckte sich an: Lawyers – seriously? Die drei Dosen waren also weg. Manche diskutierten noch eindringlich mit dem Apotheker, ich zog von dannen. Das hatte was von Wildem Westen.

Impfung vor dem Orangensaft-Kühlregal: Vizepräsidentin Kamala Harris besucht einen Supermarkt. (Quelle: Getty Images/Drew Angerer)Impfung vor dem Orangensaft-Kühlregal: Vizepräsidentin Kamala Harris besucht einen Supermarkt. (Quelle: Drew Angerer/Getty Images)

Am nächsten Morgen um neun vergab Washington 4.350 Impftermine – die erste Rutsche für all jene mit Vorerkrankungen. Ab fünf vor neun saß ich am Rechner. Genauer gesagt: Meine Frau und ich saßen vor zwei Rechnern und unseren beiden Telefonen.

Natürlich brach das System augenblicklich zusammen. Schon die sogenannte Captcha-Eingabe, die digitale Einlasskontrolle, bei der man den Nachweis erbringen muss, kein Roboter zu sein, machte schlapp. Auch bei der Telefonnummer, die man alternativ benutzen sollte, wurde man stets nach dem zweiten Klingeln aus der Leitung geschmissen. Kurzum: Es war ein technisches Desaster.

Doch ich machte einfach weiter und kam eine halbe Stunde später auf dem Handy meiner Frau tatsächlich durch. Ich konnte meine Daten eingeben und kam zur Terminvergabe. Der Supermarkt, in dem ich am Vortag stand: voll. Andere Märkte: kein Termin. Erst als ich eine mir völlig unbekannte Adresse am anderen Ende der Stadt anklickte, hatte ich Erfolg. Auch im Internet ein Hauch von Wildem Westen.

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Am Dienstag dann fuhr ich vom Nordwesten an die Stadtgrenze im Südosten. In Washington sind dies nicht nur Himmelsrichtungen, sondern unterschiedliche Lebenswelten. In Northwest wohnen – etwas zugespitzt formuliert – viele Weiße, denen es gut geht. In Southeast hingegen Schwarze, von denen es vielen nicht so gut geht.

Während ich quer durch Washington fuhr und das Lincoln Memorial, dann die Kapitolskuppel und schließlich der Anacostia River vorbeizogen, kam ich auf den eingangs erwähnten Gedanken: Nimmt hier der weiße Mann aus dem besseren Viertel gerade einem anderem den Termin vor der Haustür weg? Jemanden, der ihn noch dringlicher gebrauchen kann? Bin ich Teil der Lösung oder des Problems?

Nichts in Amerika lässt sich ohne die vertrackten Rassenbeziehungen verstehen, auch nicht die Impffrage. Schwarze haben – pauschal gesprochen – öfter Corona, weil sie seltener Jobs oder Häuser haben, in denen man anderen aus dem Weg gehen kann. Und sie lassen sich seltener impfen, da es ein Misstrauen gegenüber Ärzten gibt, weil sich grausige Medizinexperimente ins kollektive Gedächtnis gefressen haben.

Jetzt kommen natürlich auch noch die sozialen Möglichkeiten hinzu: Wer Zeit und Kenntnisse hat, schlägt sich besser durch den Impfdschungel. Die Frage hat hier zuletzt auch viele Ethiker beschäftigt. Die amerikanisch-pragmatische Antwort lautet stets: Wer weiß schon, ob der Termin sonst wirklich einem Bedürftigeren zufallen würde? Am Ende hilft jede Impfung, also kein schlechtes Gewissen bitte.

Nach einer halben Stunde kam ich an meinem Impfort an, einem kleinen Seniorenzentrum. Drinnen war es etwas chaotisch und eng. Erst auf dem Formblatt, das ich ausfüllen musste, las ich, welchen Impfstoff es gleich geben würde. "Wir kriegen Moderna", sagte ich dem Mann vor mir in der Schlange, auch er weiß und vielleicht um die Fünfzig. "Ich würde alles nehmen, sogar Astrazeneca", antwortete er und lachte. Von unserer Zehnergruppe, die reingerufen wurde, waren sechs Impfkandidaten weiß und vier schwarz. Niemand wirkte älter als 65.

Kurze Einführung von unserem Chefimpfer: Bei Nebenwirkungen einfach Schmerztabletten nehmen, sagt er. Auch das: amerikanisch-pragmatisch. Als ich an der Reihe war, fragte ich ihn, ob ein Foto ok sei. Dort, wo ich herkomme, müsste ich noch sehr lange auf eine Impfung warten. Wo denn? Fragte Khalid. Als ich Deutschland antwortete, sagte er nur: "Oh." Es klang überrascht. Dann setzt er den "shot".

Sein "Oh" lag mir auf der Heimfahrt noch lange im Ohr. Und so sehr ich erleichtert darüber bin, dass ich eine Impfung bekommen habe: Lieber hätte ich es gehabt, wenn daheim in Deutschland meine Mutter erst einmal ihren Impfstoff bekommt. Doch das wird wohl noch Wochen dauern. Denn die USA und Deutschland stecken hier in zwei verschiedenen Welten.

Man soll sich aus der Ferne mit Kommentaren über die Heimat tunlichst zurückhalten, lautet eine alte Korrespondentenregel. Doch lassen Sie es mich so sagen: Das, was ich von Deutschlands Corona-Politik in diesen Wochen hier mitbekomme, finde ich erstaunlich.

Während hier Joe Biden immer mehr Impfstoffe nachbestellt und Firmen zu Kooperationen überredet und während ich mich in Washington jeden Tag an sechs, sieben Orten der Stadt kostenlos testen lassen kann, wirkt die deutsche Politik behäbig. Man versteckt sich hinter einer Sprache, die verschleiert, spricht von einer "atmenden Öffnungsmatrix" (Söder), gründet eine "Taskforce Testlogistik", während Millionen Impfdosen ungespritzt vor sich hin lagern.

Und während hier nicht nur Präsident und Kabinett geimpft sind, sondern so gut wie alle Abgeordneten im Kongress, wundere ich mich, warum die Bundeskanzlerin sich selbst vor dem Impfen ziert. Sie sollte als Regierungschefin geschützt werden und zudem ihrer Vorbildfunktion gerecht werden.

Vieles scheint nun plötzlich hier besser zu funktionieren. Gerecht und reibungslos geht es ganz sicher nicht zu, und in manchen Bundesstaaten wie Texas tut der Gouverneur bereits so, als sei Corona schon wieder vorbei.

Doch es werden gerade große Kräfte mobilisiert und es geht spürbar voran, beim Testen und eben beim Impfen. Das sind nach diesem düsteren amerikanischen Jahr 2020 doch gute Nachrichten.

Ich bin in jedem Fall dankbar, die erste Dosis bekommen zu haben – auch wenn ich mich noch mit den Nebenwirkungen herumplage. Und ich wünsche jeder und jedem von Ihnen, dass auch Sie sehr bald den “shot” bekommen können.

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