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Immer weitere Opfer für die Täter – wie konnte das geschehen?

Von Thomas Großbölting

27.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Früherer Papst Benedikt XVI.: In der katholischen Kirche muss sich angesichts der vielen vertuschten Fälle von sexuellem Missbrauch etwas grundlegend ändern, sagt der Historiker Thomas Großbölting.
Früherer Papst Benedikt XVI.: In der katholischen Kirche muss sich angesichts der vielen vertuschten Fälle von sexuellem Missbrauch etwas grundlegend ändern, sagt der Historiker Thomas Großbölting. (Quelle: Andrew Medichini/ap-bilder)
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Vertuschter Missbrauch, geschützte Täter – auch der frühere Papst Benedikt XVI. hat gefehlt. Um Vertrauen zu gewinnen, muss die katholische Kirche ihre Bigotterie in Sachen Sex ablegen.

Der Skandal um den sexuellen Missbrauch von Klerikern an Kindern und Schutzbefohlenen ist ganz oben angekommen. Das Gutachten zum Erzbistum München-Freising belegt unmissverständlich: Auch Benedikt XVI. hat in seiner Zeit als Erzbischof der Diözese, so zeigt es die Untersuchung der darauf spezialisierten Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl, eklatante Fehler gemacht und dadurch zum Vertuschen von Missbrauch in seiner Diözese beigetragen.

Damit reiht sich auch der frühere Papst in die Reihe derjenigen katholischen Würdenträger ein, die in ihrer Führungstätigkeit versagt haben: Neben den Verbrechen und Vergehen der Missbrauchstaten selbst wird das Vertuschen der Bischöfe zum Skandal im Skandal, zieht weite Kreise und untergräbt das Vertrauen in die katholische Kirche.

(Quelle: Maike Raap, FZH Hamburg)

Thomas Großbölting, Jahrgang 1969, leitet die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und ist zugleich Professor für Neuere Geschichte/Zeitgeschichte an der Universität Hamburg. Im Juni 2022 erscheint sein Buch "Die schuldigen Hirten. Geschichte des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche"

Was so harmlos klingt – Vertuschen – ist tatsächlich ein eklatantes Fehlverhalten und hatte gravierende Folgen. Wer als Bischof und Personalverantwortlicher schwieg und die Täter einfach nur versetzte, der traf gleich zwei verhängnisvolle Entscheidungen: Er signalisierte dem Täter, dass diesem keine schweren Konsequenzen drohten. Immerhin war weder zu befürchten, dass der überführte Täter öffentlich bloßgestellt würde, noch dass er seine Stellung als Pfarrer und damit seine Existenzgrundlage verlöre.

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Und – viel schlimmer – die vertuschenden Bischöfe schufen auf diese Weise wiederholt Gelegenheiten für das Verbrechen: Jenen pädokriminell fixierten Priestern, die immer wieder missbrauchten, führten die Vertuscher wiederholt Kinder zu, indem sie diese in neue Gemeinden versetzten und oftmals niemanden über den vorhergehenden Missbrauchsfall informierten.

Immer weitere Opfer für die Täter – warum? Drei Schlaglichter helfen über die Einzelfälle hinaus zu erklären, wie es zu diesem persönlichen Versagen der Bischöfe wie auch zu dem der Institution kommen konnte.

Institutionenschutz und Unprofessionalität

Dass man auf den eigenen Sportverein nichts kommen lässt, die Familie sauber halten will und die Zusammenhänge schützt, denen man angehört – diese Formen von Institutionenschutz lassen sich auch in anderen Bereichen der Gesellschaft beobachten.

Im Katholischen liegen die Ursachen dafür tiefer: In den meisten Bistümern steht im Zentrum der Macht die kleine Runde der Personal- oder Ordinarienkonferenz. Wenn der Bischof mit den Weihbischöfen und meist wenigen anderen Klerikern über Kleriker und deren Fehlverhalten entschied, dann war zum einen der Sachverstand in Sachen Personal- und Organisationsführung gering, erst recht fehlten (sozial)psychologische Kenntnisse.

Die letztliche Entscheidungsgewalt konzentrierte sich auf den Bischof, der den Tätern gegenüber nicht nur Vorgesetzter war, sondern in vielen Fällen auch darüber hinaus verbunden: als geistlicher Berater, als Mitbruder, vielleicht sogar als Studien- oder Seminarkollege. Man kennt sich, gehört vielleicht sogar denselben geistlichen Gemeinschaften an. Dann liegt es nahe, dem Täter noch eine Chance zu geben – und damit den fatalen Konsequenzen Vorschub zu leisten.

Täterfürsorge und Klerikalismus

Darüber hinaus ist es mehr als Kumpanei, die zu dieser erstaunlichen Form der Täterfürsorge führte. Während die Betroffenen bis weit in die 2000er-Jahre kaum Beachtung fanden und mit ihren Nöten alleingelassen wurden, kümmerten sich die Bistümer zum Teil intensiv um die Täter – weniger im Sinne von Bestrafung und Therapie, sondern vor allem mit dem Ziel, dass diese ihre priesterliche Existenz weiterführen konnten.

München: Mit einer Demonstration protestierten Kritiker gegen die lange unterbliebene Aufklärung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche.
München: Mit einer Demonstration protestierten Kritiker gegen die lange unterbliebene Aufklärung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. (Quelle: Sven Hoppe/dpa-bilder)

Ziel war es, dass das Priestertum und das damit verbundene Konzept von Kirche keinen Schaden nimmt. Aus dieser Perspektive wurde dann auch der Kindesmissbrauch vor allem als eines gesehen: als Zölibatsbruch. Und es liegt in dieser fatalen Logik dieses Gedankens, dass nach der "Heilung" dieses Vergehens dann auch alles weitergehen konnte wie vorher.

Sexualmoral und Bigotterie

All das wurde begünstigt durch den toxischen Umgang mit Sexualität und Sexualmoral in der katholischen Kirche. Ein Gedankenexperiment kann das rasch verdeutlichen: Man stelle sich vor, in der Kirche würden wiederholt Menschen ermordet oder totgeschlagen. Alle wären sich rasch einig, dass man die Taten lückenlos aufklären, die Täter überführen, bestrafen und mit einer Null-Toleranz-Haltung dem Schrecken ein Ende bereiten müsse.

Im Bereich der Sexualität aber ist die Situation aus der katholischen Binnenperspektive viel weniger eindeutig. Hier regiert ein Graubereich. Offenes Sprechen über Sexualität, das eigene (Liebes)Leben oder auch davon betroffene gesellschaftliche Zusammenhänge? Fehlanzeige! Viele kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch gläubige Christinnen und Christen haben deswegen ein Problem, weil sich ihr persönliches Verhalten nicht deckt mit den Vorgaben der katholischen Sexualmoral.

Konservative Schätzungen gehen beispielsweise davon aus, dass mindestens zwanzig Prozent der Priester homosexuell orientiert sind. Viele von diesen leben wie ein größerer Teil der heterosexuell orientieren Amtsbrüder auch mit einem Partner, müssen diesen verstecken oder trauen sich mehr oder weniger offen, mit ihm zusammenzuleben.

Seine Liebe so zu leben, wie es ihm passt – was dem Einzelnen unbenommen sein soll, wird dann zum Problem, wenn es sich mit den Regeln der Institution nicht deckt und deswegen zu einer Atmosphäre der Heimlichtuerei, Verlogenheit und möglicher Denunziation führt. In einem solchen Zusammenhang verwischen nicht nur die Unterschiede zwischen einem Verbrechen wie dem Kindesmissbrauch und dem Zölibatsbruch. Eine solche Bigotterie bietet für Pädokriminelle beste Voraussetzungen für ihr Tun.

Die Missbrauchskrise ist damit viel mehr als der Anlass für bessere Regeln, verstärkte Überwachung und eine Präventionsarbeit im engen Sinne. So wichtig das alles ist: Die katholische Kirche muss vielmehr nachdenken über ihr Selbst- und Amtsverständnis, über die damit verbundene Pastoralmacht und vor allem darüber, wie sie einen menschen- und damit auch gottesfreundlichen Zu- und Umgang mit der menschlichen Sexualität gewinnt.

Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben die Meinung der Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.

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