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Warum mag die CSU keine Kreuze?

  • Lamya Kaddor
Eine Kolumne von Lamya Kaddor

Aktualisiert am 27.04.2018Lesedauer: 3 Min.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hängt ein Kreuz auf: Der CSU-Politiker instrumentalisiert mit seiner Kreuz-Pflicht die Religion, sagt unsere Kolumnistin Lamya Kaddor.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hängt ein Kreuz auf: Der CSU-Politiker instrumentalisiert mit seiner Kreuz-Pflicht die Religion, sagt unsere Kolumnistin Lamya Kaddor. (Quelle: Peter Kneffel/dpa-bilder)
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Bayern will, dass in Behörden Kreuze hängen. Ministerpräsident Söder hängte sogar eigenhändig eines auf. Dafür bekam er viel Kritik, Häme und Spott ab. Unsere Kolumnistin Lamya Kaddor mag Kreuze. Sie fragt sich nur:

Ich mag Kruzifixe und störe mich nicht an ihnen. Im Gegenteil. Sie begleiten mich schon ein Leben lang. Jesus steht für Werte wie Nächstenliebe, Demut, Gerechtigkeit. Wer könnte etwas dagegen haben?

Im Bamberger Dom liegt seit 1047 Papst Clemens II. begraben. Vor 501 Jahren nahm die Reformation hierzulande ihren Ausgang. Der höchste Kirchturm der Welt steht in Ulm und der Kölner Dom ist die beliebteste Sehenswürdigkeit Deutschlands. Ja, dieser Staat ist christlich geprägt. Da gibt es es kein Vertun.

Jesus oder Isa, wie Muslime sagen, schenkte allen Mitmenschen Aufmerksamkeit und Liebe. Denken wir an die Geschichten von Zachäus, dem obersten Zöllner von Jericho, oder von Levi aus Kapernaum. Jesus gibt sich mit ihnen ab, geht sogar mit zu ihnen nach Hause, obwohl sie und ihresgleichen vom Volk verachtet wurden.

Zöllner galten als Kollaborateure, weil sie den Menschen für die Römer die Steuern abnehmen sollten. Sie wurden für ungerecht und sündhaft erachtet, weil sie oft Gelder unterschlugen, für sich selbst eintrieben und so sehr reich wurden. Jesus sagt im Markusevangelium über sie: "Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten."

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Christlicher Geist tut Behörden gut

Christliche Werte wie Offenheit und Barmherzigkeit sind mir als Muslimin nicht fremd. Von daher fände ich es persönlich gut, wenn fortan ein christlicher Geist durch staatliche Behörden und Institutionen wehen würde. Gerne möchte ich überzeugt werden und Zuwendung, Mitgefühl und Achtung erfahren – wenn ich zum Beispiel Ausweispapiere beantrage.

Doch frage ich mich: Wie geht der Anspruch mit einer von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt angekündigten "konservativen Revolution" zusammen? Wie kommt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder dazu, das Kreuz nicht mehr als "Zeichen einer Religion" zu verstehen, sondern als "Bekenntnis zur Identität" und "zur kulturellen Prägung" Bayerns umzudeuten?

Bei solchen Manövern wird mir eines vor Augen geführt: Es erinnert allzu sehr an jene muslimischen Glaubensgeschwister, die in Autos Gebetsketten hängen, um jedem mitzuteilen: Achtung! Hier fährt jemand, der sich zum Islam bekennt. Er ist vielleicht gar nicht religiös, aber er ist Muslim. Punkt. So ähnlich erscheint mir der Kabinettsbeschluss aus Bayern zum Aufhängen von Kreuzen.

Beinahe etwas bedrohlich und befremdlich

Das symbolträchtige Foto von Markus Söder, der das Kreuz vor sich hält und wie eine Monstranz präsentiert, vermittelt beinahe etwas Bedrohliches und Befremdliches.

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Bedrohlich deshalb, weil es auch ein Stoppschild sein könnte: Halt! Jeder, der nicht christlich ist, sondern vielleicht Atheist, Agnostiker, Hindu oder Jude, gehört nicht dazu, sondern hat sich gefälligst anzupassen. Denn wir leben hier in einer christlich geprägten Kultur! (Bereinigt freilich um den offenen Geist Jesu, schließlich ist das Kreuz ja kein Zeichen einer Religion.) Und befremdlich, weil wir in einem säkularen Rechtsstaat leben, in dem der Staat bei der Religion Neutralität zu wahren hat.

Dass die CSU das Kruzifix kapert, den Leib Jesu runterreißt, um das Kreuz als bloßes kulturelles Symbol zu verkaufen, damit sie nicht verfassungswidrig handelt, lässt mich schon als Muslimin erschrecken. Wie muss es da erst gläubigen Christen ergehen? Eigentlich müsste es einen Aufschrei in den Kirchen geben! Die Botschaft des Kreuzes kann doch aus Sicht von Christen nicht verhandelbar sein.

FDP-Chef Lindner fühlt sich an Erdogan erinnert

FDP-Chef Christian Lindner fühlt sich beim Vorgehen der CSU sogar an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und dessen AKP erinnert. Welch Ironie. Wo die CSU mit der Aktion doch im Grunde nur ihren Wählern vormachen will, sie grenze sich von der kleinen Minderheit von fünf Prozent Muslimen ab. Gut, soll sich die CSU positionieren, aber muss sie das auf so einfältige Weise tun? So, dass es einer Beleidigung des Intellekts gleichkommt?

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Man kann nur hoffen, dass diese Söder'sche Umdeutung des Kreuzes von Christen nicht hingenommen wird. Als Muslimin, deren Glaube ständig von unterschiedlichsten Seiten ideologisiert wird, kenne ich solche Formen der Umdeutung zur Genüge. Obwohl: Vielleicht sollten die Muslime Herrn Söder am Ende dankbar sein, weil nun auch andere verstehen können, wie es ist, wenn ihr Glaube politisch instrumentalisiert wird.

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