Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ĂŒbernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Auf sie mit GebrĂŒll

  • Lamya Kaddor
Von Lamya Kaddor

Aktualisiert am 29.04.2021Lesedauer: 5 Min.
Jan Josef Liefers: Der "Tatort"-Darsteller hat vergangene Woche mit rund 50 weiteren Schauspielern die "Alles dicht machen"-Aktion gestartet und dafĂŒr auch viel Kritik einstecken mĂŒssen.
Jan Josef Liefers: Der "Tatort"-Darsteller hatte vergangene Woche mit rund 50 weiteren Schauspielern die "Alles dicht machen"-Aktion gestartet und dafĂŒr auch viel Kritik einstecken mĂŒssen. (Quelle: dpa-bilder)
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Wer eine andere Meinung hat, muss vernichtet werden: Die deutsche Debattenkultur verroht. Die GrĂŒnde betreffen uns alle.

Wenn wir so weitermachen, kommen wir in Teufels KĂŒche. Um auch in Zukunft noch miteinander klarzukommen, mĂŒssen wir verbal abrĂŒsten. Überziehen ist fĂŒr viele normal geworden, wenn jemand etwas tut oder Ă€ußert, mit dem sie nicht einverstanden sind. FĂŒr manche ist Widerspruch gleichbedeutend geworden mit der Vernichtung des Gegners. Tabula rasa. Darunter geht es nicht mehr. Das gilt fĂŒr alle Seiten. Es wird desavouiert, verleumdet, verunglimpft, beleidigt, bedroht.


Adressen werden veröffentlicht mit der Aufforderung, mal ordentlich Angst zu verbreiten. Arbeitgeber werden kontaktiert mit der Forderung nach Konsequenzen fĂŒr unliebsame Personen. Dieses Vorgehen hat sich mittlerweile bereits tief in der Mitte der Gesellschaft etabliert. Selbst ein ehemaliger Landwirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen und WDR-Rundfunkrat wie Garrelt Duin forderte in seiner ersten Reaktion auf die (auch meines Erachtens völlig missratene) #allesdichtmachen-Aktion sofort berufliche Konsequenzen fĂŒr beteiligte Schauspielerinnen und Schauspieler. Nach massiver Kritik nahm der SPD-Politiker die Äußerungen schließlich zurĂŒck, bezeichnete sie als "Mist" und als unangemessen.

Kaum Raum fĂŒr Zwischentöne

Auch das sollte man akzeptieren können, auch hier sollte man verzeihen können, jeder kann mal ĂŒbers Ziel hinausschießen. Aber die FehlschĂŒsse hĂ€ufen sich, wachsen sich bisweilen zu riesigen Hetzkampagnen aus, und mit einem Mal ist man nicht nur mittendrin im strafrechtlichen Bereich, sondern mittendrin im Alltag, wo am Ende körperliche Attacken nicht mehr weit sind und selbst Mord und Totschlag real werden.

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Diese Entwicklungen werden bekanntlich durch die sozialen Medien und sonstigen Kommentarspalten im Internet forciert. Ein Grund ist die Schnelligkeit, die das Bespielen ihrer Klaviatur erfordert. Wer zuerst kommentiert, hat bessere Chancen, höhere Reichweiten zu erzielen. Und es geht fast immer darum, dass die eigene Meinung möglichst oft geteilt und gelikt wird – egal ob bei Facebook, Instagram, TikTok, Twitter oder sonst wo. Dieses Ziel lĂ€sst sich am besten erreichen, indem man seiner Fan-Base oder seiner Bubble nach dem Mund redet, sie anpeitscht und anheizt. Das funktioniert rechts wie links am besten mit kurzen und pointierten Botschaften. Raum fĂŒr Zwischentöne ist dabei selten. Differenzierung ist ein Killer der Reichweite.

Kommunikation hat viele Ebenen

Noch bedeutsamer fĂŒr die Rolle des Internets bei dieser Problematik ist die immanente EindimensionalitĂ€t von Onlinekommunikation. Wenn zwei Menschen miteinander reden, kommunizieren sie auf mehreren Ebenen. Auf der Sachebene: worĂŒber jemand informieren will. Auf der Selbstoffenbarungsebene: was diese Person bewusst oder unbewusst ĂŒber sich preisgeben will. Auf der Beziehungsebene: wie beide zueinander stehen und was sie voneinander halten. Auf der Appellebene: wozu die Person ihr GegenĂŒber veranlassen will.

Ein bekanntes Beispiel, leicht abgewandelt:

Zwei Freundinnen sitzen am Tisch und essen. Die eine sagt: "Da ist etwas GrĂŒnes in der Suppe." Dieser Satz kann mehrere Botschaften transportieren:

Sachlich: "Da ist etwas GrĂŒnes." Die Freundin versteht passend: "Da ist etwas GrĂŒnes."

Selbstoffenbarung: "Ich weiß nicht, was das ist." Die Freundin versteht aber: "Ihr schmeckt mein Essen nicht."

Beziehung: "Du bist meine Freundin, du sollst wissen, dass da etwas GrĂŒnes ist." Die Freundin aber empfĂ€ngt die Botschaft: "Sie glaubt, ich kann nicht kochen."

Appell: "Sag mir, was das GrĂŒne ist!" Die Freundin versteht: "Koch beim nĂ€chsten Mal etwas, das ich kenne!"

"Man kann nicht nicht kommunizieren"

Was die Senderseite sagen will, wird also von der EmpfÀngerseite nicht immer so verstanden, wie es gemeint ist. Es kommt zu MissverstÀndnissen, vielleicht zu Streit. Das ist eine klassische Erkenntnis der Kommunikationsforschung. Alle, die mit diesem Thema zu tun haben, kennen sie. Prominent gemacht hat sie Professor Friedemann Schulz von Thun.

Hinzu kommt das Diktum seines gleichfalls berĂŒhmten Kollegen Paul Watzlawick: "Man kann nicht nicht kommunizieren." Wenn sich zwei Menschen im Wartezimmer eisern anschweigen und vor sich hin ins Leere starren, kommunizieren sie trotzdem – ĂŒber die Körpersprache sagen sie sich: "Lass mich in Ruhe!"

Die meisten miteinander essenden Freundinnen wĂŒrden ĂŒber das GrĂŒne in der Suppe wohl nicht in MissverstĂ€ndnisse verfallen, weil sie sich einschĂ€tzen UND weil die eine beobachten kann, ob die andere durch ihr Verhalten zum Beispiel Ekel signalisiert oder nicht. Das ist im Netz und in Chats so nicht möglich. Viele wichtige Informationen zwischen Sender und EmpfĂ€nger bleiben auf der Strecke. Der Interpretationsspielraum wird damit grĂ¶ĂŸer, als Anhaltspunkt bleiben nur noch nackte Buchstaben – kein grimmiges, freundliches, erstauntes Gesicht begleitet sie; es sei denn, man setzt Emojis, das kann helfen. Deshalb hĂ€ufen sich im Netz und in Chats MissverstĂ€ndnisse, deshalb wird Ironie dort so oft nicht verstanden, deshalb werden zwischen den Zeilen vielfach Botschaften gelesen, die gar nicht existieren. Etc.

Gegenrede wird als Beleidigung aufgefasst

Was tun? Wir mĂŒssen Friedemann Schulz von Thun und Paul Watzlawick quasi "digitalisieren". Als die beiden KoryphĂ€en ihre Lehren entwickelten, erstreckte sich schriftliche Kommunikation noch auf ellenlange Briefwechsel oder beschrĂ€nkte sich auf Postkarten mit unverfĂ€nglichen UrlaubsgrĂŒĂŸen. Soziale Medien sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Jeder fĂŒr sich muss lernen, mit den beschrĂ€nkten Möglichkeiten der dortigen Kommunikation umzugehen – vor allem, wenn es um politische Kommunikation geht.

Hier sind alle aufgerufen zu handeln. Und ich meine wirklich alle. Wenn ich eingangs von verbalem AbrĂŒsten sprach, so gilt das nicht nur fĂŒr jene, die kritische Botschaften aussenden. Es gilt ebenso fĂŒr EmpfĂ€ngerinnen und EmpfĂ€nger der Botschaften. Viele reagieren hypersensibel. Schnell nehmen sie Gegenrede persönlich, fassen sie gar als Beleidigung oder Abwertung auf. HĂ€ufen sich Gegenreden, wĂ€hnen sie sich gleich inmitten eines Shitstorms. Kaum erhielten Kritikerinnen und Kritiker zum Beispiel der IdentitĂ€tspolitik fĂŒr ihre Äußerungen empörten Widerspruch, empörten sie sich ĂŒber die Empörungen und witterten vermeintliche VorwĂŒrfe, meinten, von Nazikeulen getroffen und in rechte Ecken gestellt zu werden. Hinter solchen AblĂ€ufen steckt inzwischen ein Muster.

Empörung ist nicht immer falsch

Wer Meinung Ă€ußert, hat kein Recht darauf, in Ruhe gelassen zu werden. Ich muss seit Jahren mit dieser "Weisheit" leben! Je hanebĂŒchener die Äußerung, desto grĂ¶ĂŸer der Gegenwind und die Empörung. Empörung ist vor diesem Hintergrund nicht immer falsch. Empörte Reaktionen und Shitstorms gehören zur neuen Medienwelt dazu und mĂŒssen bis zu einem gewissen Grad ausgehalten werden.

Das gilt umso mehr, da sich Deutschland auf eine demokratische Minderheitengesellschaft zubewegt. FĂŒr kĂŒnftige Generationen wird es kaum noch möglich sein, von einer "Mehrheitsgesellschaft" zu sprechen. Mehrheiten werden vielfĂ€ltig zusammengesetzt sein. Das ist der Preis der Vielfalt. Wenn wir Freiheiten und Sicherheiten in Deutschland behalten wollen, wird es in so einer globalisierten Vielfaltsgesellschaft maßgeblich darauf ankommen, dass wir in der Lage bleiben, uns miteinander zu verstĂ€ndigen, im Streit Kompromisse zu schließen und Gemeinsamkeiten zu finden.

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Wenn uns nicht dasselbe Schicksal der Polarisierung wie in den USA erfassen soll, mĂŒssen wir jetzt frĂŒhzeitig die dunklen Wolken am Horizont erkennen und uns auf den Sturm vorbereiten, statt ihn noch kĂŒnstlich zu verstĂ€rken. Sonst werden wir am Ende eine atomisierte Gesellschaft sein. Mit vielen kleinen Parteien. Mit vielen kleinen GrĂŒppchen. Jeder gegen jeden. Alle gegen alle. FĂŒr mich ist das eine Horrorvision. Lassen wir es nicht dazu kommen.

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Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, ReligionspĂ€dagogin, Publizistin und GrĂŒnderin des Liberal Islamischen Bunds e.V. (LIB). Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der UniversitĂ€t Duisburg-Essen und ist Kandidatin der GrĂŒnen fĂŒr den Bundestag. Ihr aktuelles Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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