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#allesdichtmachen: Auf sie mit Gebrüll

MEINUNG#allesdichtmachen  

Auf sie mit Gebrüll

Von Lamya Kaddor

29.04.2021, 15:18 Uhr
#allesdichtmachen: Auf sie mit Gebrüll. Jan Josef Liefers: Der "Tatort"-Darsteller hat vergangene Woche mit rund 50 weiteren Schauspielern die "Alles dicht machen"-Aktion gestartet und dafür auch viel Kritik einstecken müssen.  (Quelle: dpa)

Jan Josef Liefers: Der "Tatort"-Darsteller hatte vergangene Woche mit rund 50 weiteren Schauspielern die "Alles dicht machen"-Aktion gestartet und dafür auch viel Kritik einstecken müssen. (Quelle: dpa)

Wer eine andere Meinung hat, muss vernichtet werden: Die deutsche Debattenkultur verroht. Die Gründe betreffen uns alle.

Wenn wir so weitermachen, kommen wir in Teufels Küche. Um auch in Zukunft noch miteinander klarzukommen, müssen wir verbal abrüsten. Überziehen ist für viele normal geworden, wenn jemand etwas tut oder äußert, mit dem sie nicht einverstanden sind. Für manche ist Widerspruch gleichbedeutend geworden mit der Vernichtung des Gegners. Tabula rasa. Darunter geht es nicht mehr. Das gilt für alle Seiten. Es wird desavouiert, verleumdet, verunglimpft, beleidigt, bedroht.


Adressen werden veröffentlicht mit der Aufforderung, mal ordentlich Angst zu verbreiten. Arbeitgeber werden kontaktiert mit der Forderung nach Konsequenzen für unliebsame Personen. Dieses Vorgehen hat sich mittlerweile bereits tief in der Mitte der Gesellschaft etabliert. Selbst ein ehemaliger Landwirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen und WDR-Rundfunkrat wie Garrelt Duin forderte in seiner ersten Reaktion auf die (auch meines Erachtens völlig missratene) #allesdichtmachen-Aktion sofort berufliche Konsequenzen für beteiligte Schauspielerinnen und Schauspieler. Nach massiver Kritik nahm der SPD-Politiker die Äußerungen schließlich zurück, bezeichnete sie als "Mist" und als unangemessen.

Kaum Raum für Zwischentöne

Auch das sollte man akzeptieren können, auch hier sollte man verzeihen können, jeder kann mal übers Ziel hinausschießen. Aber die Fehlschüsse häufen sich, wachsen sich bisweilen zu riesigen Hetzkampagnen aus, und mit einem Mal ist man nicht nur mittendrin im strafrechtlichen Bereich, sondern mittendrin im Alltag, wo am Ende körperliche Attacken nicht mehr weit sind und selbst Mord und Totschlag real werden.

Diese Entwicklungen werden bekanntlich durch die sozialen Medien und sonstigen Kommentarspalten im Internet forciert. Ein Grund ist die Schnelligkeit, die das Bespielen ihrer Klaviatur erfordert. Wer zuerst kommentiert, hat bessere Chancen, höhere Reichweiten zu erzielen. Und es geht fast immer darum, dass die eigene Meinung möglichst oft geteilt und gelikt wird – egal ob bei Facebook, Instagram, TikTok, Twitter oder sonst wo. Dieses Ziel lässt sich am besten erreichen, indem man seiner Fan-Base oder seiner Bubble nach dem Mund redet, sie anpeitscht und anheizt. Das funktioniert rechts wie links am besten mit kurzen und pointierten Botschaften. Raum für Zwischentöne ist dabei selten. Differenzierung ist ein Killer der Reichweite.

Kommunikation hat viele Ebenen

Noch bedeutsamer für die Rolle des Internets bei dieser Problematik ist die immanente Eindimensionalität von Onlinekommunikation. Wenn zwei Menschen miteinander reden, kommunizieren sie auf mehreren Ebenen. Auf der Sachebene: worüber jemand informieren will. Auf der Selbstoffenbarungsebene: was diese Person bewusst oder unbewusst über sich preisgeben will. Auf der Beziehungsebene: wie beide zueinander stehen und was sie voneinander halten. Auf der Appellebene: wozu die Person ihr Gegenüber veranlassen will.

Ein bekanntes Beispiel, leicht abgewandelt:

Zwei Freundinnen sitzen am Tisch und essen. Die eine sagt: "Da ist etwas Grünes in der Suppe." Dieser Satz kann mehrere Botschaften transportieren:

Sachlich: "Da ist etwas Grünes." Die Freundin versteht passend: "Da ist etwas Grünes."

Selbstoffenbarung: "Ich weiß nicht, was das ist." Die Freundin versteht aber: "Ihr schmeckt mein Essen nicht."

Beziehung: "Du bist meine Freundin, du sollst wissen, dass da etwas Grünes ist." Die Freundin aber empfängt die Botschaft: "Sie glaubt, ich kann nicht kochen."

Appell: "Sag mir, was das Grüne ist!" Die Freundin versteht: "Koch beim nächsten Mal etwas, das ich kenne!"

"Man kann nicht nicht kommunizieren"

Was die Senderseite sagen will, wird also von der Empfängerseite nicht immer so verstanden, wie es gemeint ist. Es kommt zu Missverständnissen, vielleicht zu Streit. Das ist eine klassische Erkenntnis der Kommunikationsforschung. Alle, die mit diesem Thema zu tun haben, kennen sie. Prominent gemacht hat sie Professor Friedemann Schulz von Thun.

Hinzu kommt das Diktum seines gleichfalls berühmten Kollegen Paul Watzlawick: "Man kann nicht nicht kommunizieren." Wenn sich zwei Menschen im Wartezimmer eisern anschweigen und vor sich hin ins Leere starren, kommunizieren sie trotzdem – über die Körpersprache sagen sie sich: "Lass mich in Ruhe!"

Die meisten miteinander essenden Freundinnen würden über das Grüne in der Suppe wohl nicht in Missverständnisse verfallen, weil sie sich einschätzen UND weil die eine beobachten kann, ob die andere durch ihr Verhalten zum Beispiel Ekel signalisiert oder nicht. Das ist im Netz und in Chats so nicht möglich. Viele wichtige Informationen zwischen Sender und Empfänger bleiben auf der Strecke. Der Interpretationsspielraum wird damit größer, als Anhaltspunkt bleiben nur noch nackte Buchstaben – kein grimmiges, freundliches, erstauntes Gesicht begleitet sie; es sei denn, man setzt Emojis, das kann helfen. Deshalb häufen sich im Netz und in Chats Missverständnisse, deshalb wird Ironie dort so oft nicht verstanden, deshalb werden zwischen den Zeilen vielfach Botschaften gelesen, die gar nicht existieren. Etc.

Gegenrede wird als Beleidigung aufgefasst

Was tun? Wir müssen Friedemann Schulz von Thun und Paul Watzlawick quasi "digitalisieren". Als die beiden Koryphäen ihre Lehren entwickelten, erstreckte sich schriftliche Kommunikation noch auf ellenlange Briefwechsel oder beschränkte sich auf Postkarten mit unverfänglichen Urlaubsgrüßen. Soziale Medien sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Jeder für sich muss lernen, mit den beschränkten Möglichkeiten der dortigen Kommunikation umzugehen – vor allem, wenn es um politische Kommunikation geht.

Hier sind alle aufgerufen zu handeln. Und ich meine wirklich alle. Wenn ich eingangs von verbalem Abrüsten sprach, so gilt das nicht nur für jene, die kritische Botschaften aussenden. Es gilt ebenso für Empfängerinnen und Empfänger der Botschaften. Viele reagieren hypersensibel. Schnell nehmen sie Gegenrede persönlich, fassen sie gar als Beleidigung oder Abwertung auf. Häufen sich Gegenreden, wähnen sie sich gleich inmitten eines Shitstorms. Kaum erhielten Kritikerinnen und Kritiker zum Beispiel der Identitätspolitik für ihre Äußerungen empörten Widerspruch, empörten sie sich über die Empörungen und witterten vermeintliche Vorwürfe, meinten, von Nazikeulen getroffen und in rechte Ecken gestellt zu werden. Hinter solchen Abläufen steckt inzwischen ein Muster.

Empörung ist nicht immer falsch

Wer Meinung äußert, hat kein Recht darauf, in Ruhe gelassen zu werden. Ich muss seit Jahren mit dieser "Weisheit" leben! Je hanebüchener die Äußerung, desto größer der Gegenwind und die Empörung. Empörung ist vor diesem Hintergrund nicht immer falsch. Empörte Reaktionen und Shitstorms gehören zur neuen Medienwelt dazu und müssen bis zu einem gewissen Grad ausgehalten werden.

Das gilt umso mehr, da sich Deutschland auf eine demokratische Minderheitengesellschaft zubewegt. Für künftige Generationen wird es kaum noch möglich sein, von einer "Mehrheitsgesellschaft" zu sprechen. Mehrheiten werden vielfältig zusammengesetzt sein. Das ist der Preis der Vielfalt. Wenn wir Freiheiten und Sicherheiten in Deutschland behalten wollen, wird es in so einer globalisierten Vielfaltsgesellschaft maßgeblich darauf ankommen, dass wir in der Lage bleiben, uns miteinander zu verständigen, im Streit Kompromisse zu schließen und Gemeinsamkeiten zu finden.

Wenn uns nicht dasselbe Schicksal der Polarisierung wie in den USA erfassen soll, müssen wir jetzt frühzeitig die dunklen Wolken am Horizont erkennen und uns auf den Sturm vorbereiten, statt ihn noch künstlich zu verstärken. Sonst werden wir am Ende eine atomisierte Gesellschaft sein. Mit vielen kleinen Parteien. Mit vielen kleinen Grüppchen. Jeder gegen jeden. Alle gegen alle. Für mich ist das eine Horrorvision. Lassen wir es nicht dazu kommen.   

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Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin, Publizistin und Gründerin des Liberal Islamischen Bunds e.V. (LIB). Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der Universität Duisburg-Essen und ist Kandidatin der Grünen für den Bundestag. Ihr aktuelles Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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