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Studie: Neun von zehn Menschen sehen Rassismus in Deutschland


Studie
Neun von zehn Menschen sehen Rassismus in Deutschland

Von dpa
05.05.2022Lesedauer: 3 Min.
Mehr als ein FĂŒnftel der Bevölkerung (etwa 22 Prozent) gibt an, bereits selbst von Rassismus betroffen gewesen zu sein.VergrĂ¶ĂŸern des BildesMehr als ein FĂŒnftel der Bevölkerung (etwa 22 Prozent) gibt an, bereits selbst von Rassismus betroffen gewesen zu sein. (Quelle: Peter Endig/dpa-Zentralbild/dpa./dpa)
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Berlin (dpa) - Rassistische VorfÀlle sind in Deutschland kein RandphÀnomen. Rund 45 Prozent der Bevölkerung haben laut einer reprÀsentativen Umfrage schon einmal persönlich rassistische VorfÀlle beobachtet.

Mehr als ein FĂŒnftel der Bevölkerung (etwa 22 Prozent) gibt an, bereits selbst von Rassismus betroffen gewesen zu sein. Das geht aus der Auftaktstudie zu einem neuen Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor hervor, der am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde und in den nĂ€chsten Jahren fortgeschrieben werden soll. UnabhĂ€ngig vom eigenen Erleben stimmen 90 Prozent der Menschen hierzulande der Aussage "Es gibt Rassismus in Deutschland" zu.

JĂŒngere berichten hĂ€ufiger von Rassismuserfahrungen

Die Studie des Deutschen Zentrums fĂŒr Integrations- und Migrationsforschung (Dezim) zeigt, dass junge Menschen hĂ€ufiger von direkten Rassismuserfahrungen als Ältere berichten. Das mag mit einem geschĂ€rften Problembewusstsein bei den JĂŒngeren zusammenhĂ€ngen, womöglich aber auch damit, dass junge Betroffene mehr Kontakt zu Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft haben.

Die Forscher hatten neben der reprĂ€sentativen Befragung der Bevölkerung im Alter ab 14 Jahren auch gezielt Angehörige von sechs Minderheiten in den Blick genommen: Schwarze Menschen, Muslime, Asiaten, Sinti und Roma, Juden und osteuropĂ€ische Menschen. Die Befragten konnten sich dabei sowohl selbst einer dieser Gruppen zuordnen als auch angeben, ob sie von Außenstehenden einer dieser Gruppen zugeordnet werden.

Von den Angehörigen der sechs Minderheiten gaben insgesamt 58 Prozent an, schon einmal selbst Rassismus ausgesetzt gewesen zu sein. In der Altersgruppe zwischen 14 und 24 Jahren waren es mit rund 73 Prozent aber deutlich mehr als bei den ĂŒber 65-JĂ€hrigen mit 24,2 Prozent.

In Bezug auf die einzelnen Gruppen ist die Studie allerdings nicht reprĂ€sentativ. Die Antworten von Befragten mit höherer Bildung zeigten dennoch, dass das Ausmaß von Erfahrungen mit Rassismus nichts mit "gelungener Integration" zu tun habe, betont Dezim-Direktorin Naika Foroutan.

Lange verschwiegen

"Jahrzehntelang wurde Rassismus in Deutschland verschwiegen oder gar bestritten, das wirkt bis heute nach", sagt die Beauftragte der Bundesregierung fĂŒr Antirassismus, Reem Alabali-Radovan. Sie verspricht: "Wir packen Strukturen an, die im Alltag rassistisch diskriminieren - in den Behörden, bei der Polizei, am Arbeits- oder Wohnungsmarkt."

"Rassismus" wird in der Studie definiert als eine Ideologie sowie als eine diskursive und soziale Praxis, in der Menschen aufgrund von Ă€ußerlichen Merkmalen in verschiedene Gruppen eingeteilt werden, denen per "Abstammung" verallgemeinerte, unverĂ€nderliche
Eigenschaften zugeschrieben werden.

Dass bestimmte ethnische Gruppen, beziehungsweise Völker intelligenter als andere sind, glauben dem Monitor zufolge zwar lediglich neun Prozent der Bevölkerung. Der Aussage, dass gewisse ethnische Gruppen oder Völker "von Natur aus fleißiger sind als andere", stimmte allerdings rund ein Drittel der Befragten zu.

"HĂ€ufig zu empfindlich"

Die Forscher kommen zu dem Schluss, Rassismuskritik werde oft dadurch abgewehrt, dass Betroffenen eine HypersensitivitĂ€t unterstellt werde. Den Angaben zufolge ist ein Drittel der Bevölkerung tendenziell der Auffassung, dass Menschen, die sich ĂŒber Rassismus beschweren, "hĂ€ufig zu empfindlich" seien. 11,6 Prozent der Befragten stimmten dieser Aussage voll und ganz zu, 21,5 Prozent stimmten ihr eher zu.

Um dieses PhÀnomen genauer zu beleuchten, haben die Wissenschaftler konkrete Situationen zur Beurteilung vorgestellt. Dabei zeigte sich, dass es beispielsweise knapp zwei Drittel der Bevölkerung voll und ganz (rund 35 Prozent) oder eher (gut 30 Prozent) rassistisch finden, wenn als Angehörige einer bestimmten Minderheit wahrgenommene Menschen bei der Einreise nach Deutschland wesentlich hÀufiger kontrolliert werden. Dass auch nett gemeinte Komplimente als Rassismus empfunden werden können, ist etwa jedem vierten Menschen in Deutschland voll und ganz bewusst. Der Klassiker ist hier der Satz: "Sie sprechen aber sehr gut Deutsch."

Insgesamt mehr als die HĂ€lfte der Befragten bewerteten es als rassistisch, wenn ein Comedian klischeehafte Witze ĂŒber eine bestimmte ethnische oder religiöse Gruppe macht. Allerdings gehen im Alltag die Meinungen darĂŒber auseinander, was denn ein "klischeehafter Witz" ist.

Jeder Zweite (47 Prozent) der Befragten gibt an, in den vergangenen fĂŒnf Jahren schon einmal einer rassistischen Aussage im Alltag widersprochen zu haben. Dennoch lĂ€sst sich - bezogen auf bestimmte Wahrnehmungen von Rassismus - auch ein gewisses Abwehrverhalten in der Bevölkerung beobachten. Fast die HĂ€lfte aller Befragen (44,8 Prozent) stimmte tendenziell der Aussage zu, dass "RassismusvorwĂŒrfe und politische Korrektheit" die Meinungsfreiheit einschrĂ€nken.

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Es sei wichtig, dass mit dem Rassismusmonitor endlich verlĂ€ssliche Daten zum Umfang des Problems vorlĂ€gen, sagte der Bundesvorsitzende der TĂŒrkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), Gökay Sofuoglu, und mahnte ausreichend Mittel fĂŒr Antirassismus-Projekte an. "Wenn der Haushalt 2022 so bleibt, lĂ€sst die Bundesregierung die Opfer von Rassismus de facto fĂŒr dessen BekĂ€mpfung zahlen." Bei Verhandlungen mit staatlichen Stellen habe er zuletzt wiederholt erlebt, dass dieses Thema unter Verweis auf die Kosten der Corona-Pandemie und den Krieg in der Ukraine "immer wieder nach hinten geschoben" werde.

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