Meinung
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Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ├╝bernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Ein Ort, der an die Nieren geht

  • Florian Harms
Von Florian Harms

Aktualisiert am 04.12.2019Lesedauer: 5 Min.
Pavillon im Innenhof des Kinderkrankenhauses in Juba.
Pavillon im Innenhof des Kinderkrankenhauses in Juba. (Quelle: F. Harms)
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte ├ťberblick ├╝ber die Themen des Tages:

WAS WAR?

Man sollte meinen, es sei nicht so schwer, einen Menschen vor dem Schlimmsten zu bewahren. Was haben wir nicht alles erfunden. Kunstd├╝nger, um selbst in karger Erde Getreide anbauen zu k├Ânnen. Impfstoffe und Medikamente gegen grassierende Krankheiten. Flugzeuge, um Getreide und Medikamente, Kindernahrung und Stromgeneratoren in die entlegensten Winkel unseres Planeten zu transportieren. Es gibt die Vereinten Nationen und unz├Ąhlige Hilfsorganisationen, die Nothilfe koordinieren, Tag und Nacht, wenn n├Âtig jahrelang. Man sollte meinen, heutzutage h├Ątten wir gen├╝gend Mittel und Wege gefunden, um Menschen vor dem Schlimmsten zu bewahren.

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Haben wir nicht. ├ťberhaupt nicht. Ja, wir haben Getreide im ├ťberfluss, und gen├╝gend Flugzeuge gibt es auch. In Europa, Amerika und vielen L├Ąndern Asiens quellen die Kaufh├Ąuser ├╝ber, wir shoppen uns gl├╝cklich, und die Pharmafirmen machen mit ihren Medikamenten gl├Ąnzende Gesch├Ąfte. Was geht es uns doch gut. So gut, dass wir nur selten auf die Idee kommen, ├╝ber den Tellerrand unseres Konsum(rausch)lebens zu schauen und einmal nachzusehen, was eigentlich im Rest der Welt vor sich geht.



Zum Rest der Welt geh├Ârt beispielsweise Juba. In der Hauptstadt des S├╝dsudans gibt es einen Ort, der an die Nieren geht. Ich war vor zweieinhalb Wochen dort und habe seither ├╝berlegt, ob ich Ihnen davon berichten und Ihnen einige Fotos zeigen soll. Ich habe mich daf├╝r entschieden. Weil ich es als wichtig erachte, dass wir uns hierzulande ein Bild davon machen, was in Afrika vor sich geht, auch jetzt in der Vorweihnachtszeit.

Der Ort, der mir an die Nieren ging, ist das Kinderkrankenhaus von Juba. Ein paar Geb├Ąude auf staubiger Erde, dazwischen ein Pavillon, der vor der Sonne sch├╝tzt. Im Schatten dieses Pavillons begegnete ich Lona Kezi und ihrem vierj├Ąhrigen T├Âchterchen Maria Ake, das ausgemergelt auf dem Boden hockte, an Malaria, Fieber, Diarrh├ und massiver Unterern├Ąhrung litt. Ich begegnete Angelina Dak, deren Ehemann bei einem Gefecht get├Âtet worden war. Neben ihr lag ihr Sohn Bodang, der nur etwas mehr als zwei Kilogramm wog und kaum atmen konnte. "Ich w├╝nsche mir so, dass meine Kinder irgendwann einmal zur Schule gehen k├Ânnen", sagte sie. Ich begegnete Moab Anaw, dessen Ehefrau vor drei Tagen gestorben war; auf seinem Schoss sa├č sein einj├Ąhriger Sohn Alem Mosha, der heiser hustete und sich immer wieder erbrechen musste. Ich begegnete Elisabeth Janu und ihrer zweij├Ąhrigen Tochter Esther Konga, ein H├Ąuflein Elend auf einem gr├╝nen Laken, der Mutter fehlten die zw├Âlf US-Dollar f├╝r die dringend n├Âtige R├Ântgenuntersuchung. Ich begegnete weiteren Kindern und ihren Eltern, ihre Gesichter vergesse ich nicht mehr.

Als ich dort zwischen den Kindern sa├č, von denen einige heute m├Âglicherweise schon nicht mehr leben, als ich in die Gesichter der M├╝tter sah, als ich die Pfleger berichten h├Ârte, welche Medikamente ihnen zur Behandlung der Kleinen fehlen, als ich an einer Wand einen handgeschriebenen Zettel sah: "Dina Louis hat heute ihre Mutter verloren. Wir vertrauen in Gott. Amen", als ich die ganze ersch├╝tternde Tragik dieses Ortes im Inneren Afrikas erlebte, da musste ich unwillk├╝rlich an eine deutsche Innenstadt denken. Erleuchtet von Konsumtempeln, bev├Âlkert von Menschen mit Einkaufst├╝ten, erf├╝llt von Wohlstand, ├ťberfluss und manchmal auch Gedankenlosigkeit.

Niemandem ist ein Vorwurf zu machen, weil er hier lebt, weil er sein Leben genie├čt, und auch nicht, wenn er sich gl├╝cklich shoppt. Sehr wohl aber ist uns ein Vorwurf zu machen, wenn wir in unserem sch├Ânen Leben nicht wenigstens kurz mal den Blick heben und ├╝ber den Tellerrand schauen. Zum Beispiel nach Afrika, zum Beispiel in den S├╝dsudan, wo die Hungerkrise sich trotz des unerm├╝dlichen Einsatzes der Vereinten Nationen und zahlreicher Hilfsorganisationen rapide verschlimmert. 800.000 unterern├Ąhrte Kinder registrierte das UN-Kinderhilfswerk Unicef in diesem Jahr. Der ├Ârtliche Koordinator des Ern├Ąhrungsprogramms, Biram Ndiaye, berichtete mir, wie viele er im kommenden Jahr erwartet: 1,3 Millionen. "Eine gro├če Herausforderung ist die vorausschauende Planung", sagte er. "Oft flie├čen Gelder erst, wenn die Hungersnot bereits ausgebrochen ist. Aber dann ist es eigentlich zu sp├Ąt. Um die Kinder zu retten, m├╝ssen wir vorher ansetzen: wenn sich eine Mangelern├Ąhrung anbahnt." Es braucht also jetzt Hilfe. Jetzt. Dringend.

Wenige tausend Kilometer s├╝dlich von unserem sch├Ânen Leben sterben jeden Tag Menschen an Hunger oder an Krankheiten, gegen die es Medikamente gibt. Jeden Tag leiden Kinder und trauern Eltern um ihre Kleinen. Das m├╝sste nicht so sein. Sicher, die Politiker vor Ort m├╝ssen ihre Konflikte l├Âsen und das Land befrieden. Sicher, die internationale Staatengemeinschaft muss durch Diplomatie und Sanktionen Druck machen. Sicher, die UN und die Hilfsorganisationen k├Ânnen helfen. Aber sie k├Ânnen das nicht alleine. Sie brauchen Unterst├╝tzung. Selbst wenn es nur eine kleine Spende ist, zum Beispiel eine Patenschaft f├╝r ein Kind. Es reichen schon 20 Euro monatlich. F├╝r Unicef, f├╝r ├ärzte ohne Grenzen, f├╝r Plan International oder f├╝r eine andere Organisation. Jede Gabe hilft. Das habe ich im Kinderkrankenhaus in Juba gelernt.

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WAS STEHT AN?

Humanit├Ąre Krisen auf der Welt.
Humanit├Ąre Krisen auf der Welt. (Quelle: United Nations/OCHA Services)


Der S├╝dsudan ist nur einer von vielen Krisenherden auf dem Globus. In anderen afrikanischen L├Ąndern, im Jemen, in Syrien, aber auch in Asien und Lateinamerika gibt es viele weitere. Weltweit ben├Âtigten in diesem Jahr fast 150 Millionen Menschen humanit├Ąre Hilfe. Wir wissen das so genau, weil die Vereinten Nationen akribisch Buch f├╝hren (hier die ├ťbersichtskarte). Heute stellen die UN in Berlin einen Bericht vor, in dem sie prognostizieren, wie gro├č der Bedarf humanit├Ąrer Hilfe im Jahr 2020 voraussichtlich sein wird.

In Br├╝ssel planen die Finanzminister der Euro-Staaten den Ausbau der Bankenunion zu einem Sicherungssystem f├╝r Sparguthaben. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) hatte daf├╝r viel Vorarbeit geleistet, aber ob er nach seiner Niederlage im Rennen um den SPD-Vorsitz heute noch dabei ist, ist unklar.

Die Europ├Ąische Umweltagentur will in ihrem F├╝nfjahresbericht zeigen, wie es um Klima und Umwelt auf unserem Kontinent bestellt ist. So viel steht schon fest: Artensterben, Erderhitzung und CO2-Emissionen haben zugenommen.

In L├╝beck ├╝berlegen die Innenminister der Bundesl├Ąnder, wie sie Rechtsextremismus, Antisemitismus und Hass im Internet effektiver bek├Ąmpfen k├Ânnen. Gut so.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Bundespolizeipr├Ąsident Dieter Romann berichten, was die versch├Ąrften Kontrollen und Fahndungen an den Grenzen tats├Ąchlich bewirkt haben.

In Washington gehen die Vorbereitungen der Demokraten f├╝r ein m├Âgliches Amtsenthebungsverfahren gegen Pr├Ąsident Trump in die n├Ąchste Phase: Der Justizausschuss h├Ârt mehrere Verfassungsrechtler an.

In London wird der erste Trailer f├╝r den neuen James-Bond-Film gezeigt: "Keine Zeit zu sterben". Ich kannÔÇÖs kaum erwarten.

Eine Familie in Rinteln, Niedersachsen, will einen Rekord auf- und 350 geschm├╝ckte Weihnachtsb├Ąume in ihr Haus stellen. Die Vorbereitungen laufen seit Monaten. Sachen gibtÔÇÖs.


WAS LESEN?

Leonie Bremer.
Leonie Bremer. (Quelle: imago images)

Auf der Klimakonferenz in Madrid beraten die Staaten der Welt, was sie gegen die Klimakrise zu tun bereit sind. "Fridays for Future"-Sprecherin Leonie Bremer hat eine klare Vorstellung davon, was es braucht. Hier erkl├Ąrt sie es.


Weihnachtsgeschenke online kaufen, Videos per WhatsApp verschicken, Serien streamen: Wer bedenkt dabei schon, dass er mit jedem einzelnen Klick klimasch├Ądliches CO2 ausst├Â├čt? Tun wir. Streaming-Dienste wie Netflix und Amazon produzieren in einem Jahr so viel CO2 wie die Bev├Âlkerung Chiles. Welche IT-Firmen besonders klimasch├Ądlich sind und welche andere Wege gehen, verr├Ąt Ihnen meine Kollegin Saskia Leidinger.

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Sebastian Klussmann wei├č Bescheid. Richtig gut Bescheid. So gut, dass er es mit jedem aufnimmt. Hier und heute k├Ânnen Sie gegen den Quiz-Europameister antreten: Wie viele seiner Fragen beantworten Sie richtig?


WAS AM├ťSIERT MICH?

Fiel in Deutschland ja nicht so doll aus, die Pisa-Studie. Aber wer will, kann in jeder Niederlage auch einen kleinen Sieg erkennen.

(Quelle: Mario Lars)


Ich w├╝nsche Ihnen einen optimistischen Tag. Herzliche Gr├╝├če,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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