Sie sind hier: Home > Politik > Tagesanbruch >

Tagesanbruch: Hungerkrise im Südsudan – ein Ort, der an die Nieren geht

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Ein Ort, der an die Nieren geht

04.12.2019, 07:37 Uhr
Tagesanbruch: Hungerkrise im Südsudan – ein Ort, der an die Nieren geht. Pavillon im Innenhof des Kinderkrankenhauses in Juba. (Quelle: F. Harms)

Pavillon im Innenhof des Kinderkrankenhauses in Juba. (Quelle: F. Harms)

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Man sollte meinen, es sei nicht so schwer, einen Menschen vor dem Schlimmsten zu bewahren. Was haben wir nicht alles erfunden. Kunstdünger, um selbst in karger Erde Getreide anbauen zu können. Impfstoffe und Medikamente gegen grassierende Krankheiten. Flugzeuge, um Getreide und Medikamente, Kindernahrung und Stromgeneratoren in die entlegensten Winkel unseres Planeten zu transportieren. Es gibt die Vereinten Nationen und unzählige Hilfsorganisationen, die Nothilfe koordinieren, Tag und Nacht, wenn nötig jahrelang. Man sollte meinen, heutzutage hätten wir genügend Mittel und Wege gefunden, um Menschen vor dem Schlimmsten zu bewahren.

Haben wir nicht. Überhaupt nicht. Ja, wir haben Getreide im Überfluss, und genügend Flugzeuge gibt es auch. In Europa, Amerika und vielen Ländern Asiens quellen die Kaufhäuser über, wir shoppen uns glücklich, und die Pharmafirmen machen mit ihren Medikamenten glänzende Geschäfte. Was geht es uns doch gut. So gut, dass wir nur selten auf die Idee kommen, über den Tellerrand unseres Konsum(rausch)lebens zu schauen und einmal nachzusehen, was eigentlich im Rest der Welt vor sich geht.




Zum Rest der Welt gehört beispielsweise Juba. In der Hauptstadt des Südsudans gibt es einen Ort, der an die Nieren geht. Ich war vor zweieinhalb Wochen dort und habe seither überlegt, ob ich Ihnen davon berichten und Ihnen einige Fotos zeigen soll. Ich habe mich dafür entschieden. Weil ich es als wichtig erachte, dass wir uns hierzulande ein Bild davon machen, was in Afrika vor sich geht, auch jetzt in der Vorweihnachtszeit.

Der Ort, der mir an die Nieren ging, ist das Kinderkrankenhaus von Juba. Ein paar Gebäude auf staubiger Erde, dazwischen ein Pavillon, der vor der Sonne schützt. Im Schatten dieses Pavillons begegnete ich Lona Kezi und ihrem vierjährigen Töchterchen Maria Ake, das ausgemergelt auf dem Boden hockte, an Malaria, Fieber, Diarrhö und massiver Unterernährung litt. Ich begegnete Angelina Dak, deren Ehemann bei einem Gefecht getötet worden war. Neben ihr lag ihr Sohn Bodang, der nur etwas mehr als zwei Kilogramm wog und kaum atmen konnte. "Ich wünsche mir so, dass meine Kinder irgendwann einmal zur Schule gehen können", sagte sie. Ich begegnete Moab Anaw, dessen Ehefrau vor drei Tagen gestorben war; auf seinem Schoss saß sein einjähriger Sohn Alem Mosha, der heiser hustete und sich immer wieder erbrechen musste. Ich begegnete Elisabeth Janu und ihrer zweijährigen Tochter Esther Konga, ein Häuflein Elend auf einem grünen Laken, der Mutter fehlten die zwölf US-Dollar für die dringend nötige Röntgenuntersuchung. Ich begegnete weiteren Kindern und ihren Eltern, ihre Gesichter vergesse ich nicht mehr.





Als ich dort zwischen den Kindern saß, von denen einige heute möglicherweise schon nicht mehr leben, als ich in die Gesichter der Mütter sah, als ich die Pfleger berichten hörte, welche Medikamente ihnen zur Behandlung der Kleinen fehlen, als ich an einer Wand einen handgeschriebenen Zettel sah: "Dina Louis hat heute ihre Mutter verloren. Wir vertrauen in Gott. Amen", als ich die ganze erschütternde Tragik dieses Ortes im Inneren Afrikas erlebte, da musste ich unwillkürlich an eine deutsche Innenstadt denken. Erleuchtet von Konsumtempeln, bevölkert von Menschen mit Einkaufstüten, erfüllt von Wohlstand, Überfluss und manchmal auch Gedankenlosigkeit.

Niemandem ist ein Vorwurf zu machen, weil er hier lebt, weil er sein Leben genießt, und auch nicht, wenn er sich glücklich shoppt. Sehr wohl aber ist uns ein Vorwurf zu machen, wenn wir in unserem schönen Leben nicht wenigstens kurz mal den Blick heben und über den Tellerrand schauen. Zum Beispiel nach Afrika, zum Beispiel in den Südsudan, wo die Hungerkrise sich trotz des unermüdlichen Einsatzes der Vereinten Nationen und zahlreicher Hilfsorganisationen rapide verschlimmert. 800.000 unterernährte Kinder registrierte das UN-Kinderhilfswerk Unicef in diesem Jahr. Der örtliche Koordinator des Ernährungsprogramms, Biram Ndiaye, berichtete mir, wie viele er im kommenden Jahr erwartet: 1,3 Millionen. "Eine große Herausforderung ist die vorausschauende Planung", sagte er. "Oft fließen Gelder erst, wenn die Hungersnot bereits ausgebrochen ist. Aber dann ist es eigentlich zu spät. Um die Kinder zu retten, müssen wir vorher ansetzen: wenn sich eine Mangelernährung anbahnt." Es braucht also jetzt Hilfe. Jetzt. Dringend.

Wenige tausend Kilometer südlich von unserem schönen Leben sterben jeden Tag Menschen an Hunger oder an Krankheiten, gegen die es Medikamente gibt. Jeden Tag leiden Kinder und trauern Eltern um ihre Kleinen. Das müsste nicht so sein. Sicher, die Politiker vor Ort müssen ihre Konflikte lösen und das Land befrieden. Sicher, die internationale Staatengemeinschaft muss durch Diplomatie und Sanktionen Druck machen. Sicher, die UN und die Hilfsorganisationen können helfen. Aber sie können das nicht alleine. Sie brauchen Unterstützung. Selbst wenn es nur eine kleine Spende ist, zum Beispiel eine Patenschaft für ein Kind. Es reichen schon 20 Euro monatlich. Für Unicef, für Ärzte ohne Grenzen, für Plan International oder für eine andere Organisation. Jede Gabe hilft. Das habe ich im Kinderkrankenhaus in Juba gelernt.

______________________________

WAS STEHT AN?


Humanitäre Krisen auf der Welt.  (Quelle: United Nations/OCHA Services )Humanitäre Krisen auf der Welt. (Quelle: United Nations/OCHA Services )


Der Südsudan ist nur einer von vielen Krisenherden auf dem Globus. In anderen afrikanischen Ländern, im Jemen, in Syrien, aber auch in Asien und Lateinamerika gibt es viele weitere. Weltweit benötigten in diesem Jahr fast 150 Millionen Menschen humanitäre Hilfe. Wir wissen das so genau, weil die Vereinten Nationen akribisch Buch führen (hier die Übersichtskarte). Heute stellen die UN in Berlin einen Bericht vor, in dem sie prognostizieren, wie groß der Bedarf humanitärer Hilfe im Jahr 2020 voraussichtlich sein wird.

In Brüssel planen die Finanzminister der Euro-Staaten den Ausbau der Bankenunion zu einem Sicherungssystem für Sparguthaben. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) hatte dafür viel Vorarbeit geleistet, aber ob er nach seiner Niederlage im Rennen um den SPD-Vorsitz heute noch dabei ist, ist unklar.

Die Europäische Umweltagentur will in ihrem Fünfjahresbericht zeigen, wie es um Klima und Umwelt auf unserem Kontinent bestellt ist. So viel steht schon fest: Artensterben, Erderhitzung und CO2-Emissionen haben zugenommen.

In Lübeck überlegen die Innenminister der Bundesländer, wie sie Rechtsextremismus, Antisemitismus und Hass im Internet effektiver bekämpfen können. Gut so.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Bundespolizeipräsident Dieter Romann berichten, was die verschärften Kontrollen und Fahndungen an den Grenzen tatsächlich bewirkt haben.

In Washington gehen die Vorbereitungen der Demokraten für ein mögliches Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Trump in die nächste Phase: Der Justizausschuss hört mehrere Verfassungsrechtler an.

In London wird der erste Trailer für den neuen James-Bond-Film gezeigt: "Keine Zeit zu sterben". Ich kann’s kaum erwarten.

Eine Familie in Rinteln, Niedersachsen, will einen Rekord auf- und 350 geschmückte Weihnachtsbäume in ihr Haus stellen. Die Vorbereitungen laufen seit Monaten. Sachen gibt’s.

______________________________

WAS LESEN?

Leonie Bremer. (Quelle: imago images)Leonie Bremer. (Quelle: imago images)

Auf der Klimakonferenz in Madrid beraten die Staaten der Welt, was sie gegen die Klimakrise zu tun bereit sind. "Fridays for Future"-Sprecherin Leonie Bremer hat eine klare Vorstellung davon, was es braucht. Hier erklärt sie es. 

______________________________

Weihnachtsgeschenke online kaufen, Videos per WhatsApp verschicken, Serien streamen: Wer bedenkt dabei schon, dass er mit jedem einzelnen Klick klimaschädliches CO2 ausstößt? Tun wir. Streaming-Dienste wie Netflix und Amazon produzieren in einem Jahr so viel CO2 wie die Bevölkerung Chiles. Welche IT-Firmen besonders klimaschädlich sind und welche andere Wege gehen, verrät Ihnen meine Kollegin Saskia Leidinger.

______________________________

Sebastian Klussmann weiß Bescheid. Richtig gut Bescheid. So gut, dass er es mit jedem aufnimmt. Hier und heute können Sie gegen den Quiz-Europameister antreten: Wie viele seiner Fragen beantworten Sie richtig?

______________________________

WAS AMÜSIERT MICH?

Fiel in Deutschland ja nicht so doll aus, die Pisa-Studie. Aber wer will, kann in jeder Niederlage auch einen kleinen Sieg erkennen.

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)


Ich wünsche Ihnen einen optimistischen Tag. Herzliche Grüße,


Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

Den täglichen Newsletter von Florian Harms hier abonnieren.

Alle Tagesanbruch-Ausgaben finden Sie hier.
Alle Nachrichten lesen Sie hier.

Ihre Meinung zählt!

Wir freuen uns auf angeregte und faire Diskussionen zu diesem Artikel.
Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

Live-Diskussion öffnen (0 Kommentare)

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail


shopping-portal