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Kampagne "Alles dicht machen": Der Aktivismus vergiftet unsere Gesellschaft

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Der Aktivismus vergiftet unsere Gesellschaft

24.04.2021, 08:20 Uhr
Kampagne "Alles dicht machen": Der Aktivismus vergiftet unsere Gesellschaft. Schauspieler der Internet-Aktion "Alles dicht machen".  (Quelle: dpa/Internetaktion #allesdichtmachen via Youtube)

Schauspieler der Internetaktion "Alles dicht machen". (Quelle: Internetaktion #allesdichtmachen via Youtube/dpa)

Liebe Leserin, lieber Leser,

kennen Sie das? Sie diskutieren mit Verwandten am Küchentisch oder mit Bekannten beim Bier und versuchen, einen klaren Gedanken zu formulieren. Aber Sie kommen gar nicht dazu, weil die anderen permanent durcheinanderreden. "So ist das!" – "Nee, das ist Mist!" – "Das kannst du nicht sagen!" – "Ihr Ignoranten!" Das Ergebnis solcher Debatten ist meistens dünn, am Ende ist man keinen Deut klüger als vorher, aber verdrossen. Diese Flachpfeifen, denkt man insgeheim, die haben doch keinen blassen Schimmer – und übersieht dabei geflissentlich, dass man selbst womöglich auch nicht die hellste Leuchte ist.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil ich Sie erstens bitte, meinem Kollegen Marc Krüger und mir bei dem Versuch zu lauschen, respektvoll über zwei brisante Themen zu diskutieren:

Und weil zweitens die alltägliche Erfahrung einer gescheiterten Diskussion ziemlich genau dem Phänomen entspricht, das wir derzeit auch als ganze Gesellschaft erleben: Unsere Debattenkultur verkommt. Wir sind drauf und dran, uns ähnlich zu radikalisieren wie in den USA, wo viele Bürger nicht mehr miteinander reden, sondern einander nur noch anschreien. Die Debatte über die Aktion "Alles dicht machen" von deutschen Schauspielern zeigt, wie weit die Polarisierung auch bei uns schon fortgeschritten ist. Man mag von den Videos halten, was man will (ich persönlich finde manche witzig, andere platt), aber mit einer differenzierten Ansicht dringt man im öffentlichen Schlachtenlärm nicht mehr durch. Die Beiträge werden entweder absurd verherrlicht ("endlich prangern Promis die Corona-Diktatur an!") oder absurd verteufelt ("eklig, grauenhaft, hilft nur den Querdenkern!").

Es zählt nur noch das Dafür oder Dagegen – und leider haben viele Publizisten und Politiker einen großen Anteil daran. Journalisten werden zu Aktivisten und blasen ihre Lockdown-Epistel in die Welt, Politiker duellieren sich in Twitter-Gefechten – und wenn alle lang genug herumgeblökt haben, dürfen sie das Spektakel noch mal in den TV-Talkshows wiederholen. So ist das in der Anschrei-Republik: Jeder Wichtigheimer gibt seinen Senf dazu, schnelle Meinungen zählen mehr als ausgewogene Argumente. Je radikaler ein Kommentar, desto größer der Erfolg, die perfiden Algorithmen der "sozialen" Medien belohnen Extremes. Zwischentöne und differenzierte Stimmen haben gegen den Chor der Lautsprecher selten eine Chance – ob es nun um Corona geht, um Klimaschutz oder um Gendersprache.

Schwarz oder weiß, Freund oder Feind, meine Meinung gegen deine: So vergiftet der Aktivismus unsere Gesellschaft. Manchmal wünsche ich mir, die großen Satiriker Karl Valentin, Heinz Erhardt oder Loriot würden noch leben, um uns mit einem Sketch oder Gedichtchen vor Augen zu führen, wie absurd wir uns benehmen. Wir brauchen dringend weniger Rage und mehr Humor.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein humorvolles Wochenende und empfehle Ihnen dazu eine köstliche Szene eines weiteren begnadeten Komikers. Der weiß nämlich genau, wie man Menschen erzieht.

Herzliche Grüße und bis Montag, Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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