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Wetter in Deutschland: Drei verbreitete Hitze-Mythen

MEINUNGDrei verbreitete Hitze-Mythen  

Kaufen Sie Oma bitte einen Ventilator!

Von Jörg Kachelmann

21.07.2018, 09:46 Uhr
Wetter in Deutschland: Drei verbreitete Hitze-Mythen. Der Hochsommer ist da: Zwei Frauen sonnen sich auf einer Bank. (Quelle: AP/dpa/Frank Augstein)

Der Hochsommer ist da: Zwei Frauen sonnen sich auf einer Bank. (Quelle: Frank Augstein/AP/dpa)

Ja, es ist warm und ja, es regnet nicht: Eine Hitzewelle macht das noch lange nicht! Jörg Kachelmann erklärt in seiner Kolumne, wann wirklich Panik angesagt ist – und räumt nebenbei mit deutschem Aberglauben auf. 

Die gefühlte Temperatur hat in den letzten Wochen eine ganz neue Bedeutung bekommen. Ursprünglich beschreibt sie ja den Einbezug von Luftfeuchtigkeit und Wind zur Temperatur, indem sich diese theoretisch höher anfühlt, wenn es zur Hitze auch noch schwül und windstill ist. 2018 wird ein Wendepunkt sein in der Wettergeschichte, als die gefühlte Temperatur zur #FakeHitze wurde.

Ein großes Boulevard-Blatt titelte bereits: "Experten erwarten Preis-Hammer – Darum wird die Hitze für uns alle richtig teuer". Auch vergleichsweise seriöse Meldungen verirren sich in Aussagen wie: "Ernteausfälle – Bauern melden weniger Ernte wegen Hitze". Wer ein bisschen was von der Landwirtschaft versteht und schon mal eine Reise in die Tropen gemacht hat weiß, dass es dort, wo es besonders warm bis heiß ist, viel Vegetation gibt – wenn es denn genug regnet.

Deswegen gibt es Regenwälder, Dschungel und alles das, was man in den nächtlichen Stunden auf den "Nachrichtensendern" sehen kann – dort herrschen Temperaturen, wie sie in den letzten Wochen bei uns vorkamen und noch ein bisschen mehr. Dass irgendwas teurer werden soll oder Bauern traurig sind, hat absolut nichts mit der Hitze zu tun – die Temperaturen waren für das Pflanzenwachstum perfekt.

Die Sammlung der Fake News des Sommers 2018 ist damit noch lange nicht zu Ende. Die Behauptung, es hätte an sich große Hitze gegeben, erweist sich bisher als völliger Blödsinn. Es gab nirgendwo bisher 35 Grad, viele Orte im Flachland haben noch nicht mal 30 Grad erlebt – durch das dauerhafte Hoch gibt es zwar permanente Wärme, aber die verzweifelt herbeigeschriebene Hitzewelle hat zumindest bisher noch nicht stattgefunden. Das sieht man auch an den Abweichungen zu den Normaltemperaturen bisher in diesem Juli – läppische Abweichungen von unter 1 bis 3 Grad.

 (Quelle: Bernd Hussing) (Quelle: Bernd Hussing)

In einem heißen Juli, der das Adjektiv verdient, sieht es dagegen mit der Abweichung vom Durchschnitt so aus (das war der mit der WM 2006):

 (Quelle: Bernd Hussing) (Quelle: Bernd Hussing)

Für die Hitzefanatiker, die sowas mögen, gibt es allerdings die Hoffnung, dass es kommende Woche noch heißer wird, wenn es auch noch große Differenzen zwischen den einzelnen Wettermodellen gibt.

Weil ich möchte, dass es nicht weniger Leser bei t-online gibt kommende Woche, hier noch ein paar Hinweise, damit möglichst alle gesund bleiben:

Deutscher Aberglaube, Teil 1: "Durchzug"

Die Existenz von "Durchzug" und "Zugluft" ist eine vornehmlich deutsche Obsession, die real nicht existiert. Wind ist nicht Durchzug, nur weil er drin oder in Bussen stattfindet. Dieser schrecklich dumme Aberglaube ist schuld daran, dass viele alte Menschen sterben, weil ihre bildungsfernen Kinder und Enkel ihnen keinen Ventilator schenken. Was hört man nicht alles, was die hinterhältige Zugluft alles anstellen soll, steifer Nacken, Grippe und Schlimmeres. Das führt dazu, dass viele Menschen im Sommern vollkommen sinnlos im eigenen Saft vor sich hin schmoren, statt die Segnungen des Windes zu genießen.

Deutscher Aberglaube, Teil 2: "Mittagshitze" 

Ein weiterer Aberglaube, der unausrottbar mit dem naturwissenschaftlichen Bildungsprekariat in Deutschland verbunden ist, ist die „Mittagshitze“. An normalen sonnigen Sommertagen findet die Höchsttemperatur – wenn nicht in Küstennähe Seewind oder nachmittägliche Bewölkung die Bedingungen ändern) zwischen 17 und 18 Uhr statt. 12 Uhr mittags ist es 5 bis 10 Grad kühler.

Da die Schadstoffbelastung der Luft durch giftiges Ozon mit der Temperatur einhergeht und eine lange Bremsspur in den Abend hat, ist es eine besonders lustige Idee, an heißen Sommertagen draußen Sport zu machen. Der medizinisch korrekte Ozon-Grenzwert, wie er auch von zivilisierten Ländern angewendet wird, ist 120 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Wo es höhere Grenzwerte gibt, sind diese politisch, nicht zur Gesundheitsprävention bedingt (in Deutschland 180).

Statt Abendsport lieber eine rauchen

Diese Grenzwerte werden kommende Woche verbreitet überschritten werden. Damit ist es ungesund, abends draußen Sport zu machen. Sie schaden Ihrem Körper. Sie sollten deswegen an Tagen wie kommende Woche morgens, spätestens mittags joggen oder nicht mehr. Später abends oder im Wald oder wo auch immer ist ähnlich ungesund. Sie atmen giftiges Ozon ein in erheblichen Mengen. Sie können auch einfach eine rauchen, für Ihre Lungen ist es dasselbe Elend.

Die Mittagshitze-Abergläubischen werden übrigens mit dem Sonnenstand kommen, der nach 13 Uhr am höchsten sei – dafür gibt es Mützen und Sonnenschutz, es wird auch eine geringere Fläche des Körpers beschienen als nachmittags, wenn es viel heißer ist. Ich schrieb schon mal hier, dass Deutschland – ich weiß noch nicht ganz genau warum – das Zentrum des Aberglaubens der Welt ist, zumindest, was Wetterdinge betrifft. Das mag sehr rührend sein, im Fall des Durchzugs ist der Aberglaube nicht nur dumm, sondern für alte Menschen tödlich.

Kaufen Sie jetzt BITTE Oma und Opa einen Ventilator, danke.

Jörg Kachelmann ist Meteorologe und Unternehmer. Er arbeitet seit vielen Jahren als Wetterexperte für das Fernsehen. Zudem hat er seine eigenen Wetterdienste gegründet. Seit 2015 ist er Chef der Wetterplattform kachelmannwetter.com.

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