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Wetter in Deutschland: 35 Grad sind im deutschen Sommer nicht normal

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Abkühlung zum Sommeranfang  

35 Grad sind im deutschen Sommer nicht normal

Eine Kolumne von Jörg Kachelmann

22.06.2018, 16:39 Uhr
Wetter in Deutschland: 35 Grad sind im deutschen Sommer nicht normal. Berliner Feuerwehrleute sorgen Anfang Juni mit ihren Schläuchen für Abkühlung: Höchsttemperaturen wie in den vergangenen Wochen sind in Deutschland nicht die Norm. (Quelle: imago/snapshot-photography/R. Price)

Berliner Feuerwehrleute sorgen Anfang Juni mit ihren Schläuchen für Abkühlung: Höchsttemperaturen wie in den vergangenen Wochen sind in Deutschland nicht die Norm. (Quelle: snapshot-photography/R. Price/imago)

Ausgerechnet zum kalendarischen Sommerbeginn stürzen die Temperaturen in Deutschland ab. Doch das ist kein Grund zum Wehklagen, findet unser Kolumnist Jörg Kachelmann.

Früher gab es noch überall Sirenen. Manchmal wurden alle gleichzeitig getestet und ein kollektives Heulen überzog Stadt und Land. Am Freitag haben wir hierfür Radiomoderatoren. In deren Augen ist am Morgen der meteorologische Super-GAU passiert. Es war eben Sommeranfang, es ist kühl geworden und am allerschlimmsten und jederzeit Grund zum Hyperventilieren an den Mikrofonen der Heimat: Es regnet! – zumindest im Nordwesten Deutschlands.

Schon am Donnerstag gab es unter dem Hashtag #Sommeranfang ein beachtliches Wehklagen in den sozialen Medien. Viele Menschen scheinen irgendwie zu denken, dass ein Tag im Kalender irgendwas mit dem Wetter zu tun hätte und Petrus – oder andere Zuständige – irgendeinen Schalter umlegten, nur weil die Sonne im Jahreslauf gerade ihren höchsten Stand hat.

Dies ist bei allen Sommeranfängen nicht der Fall.

Besucher der Kieler Woche schützen sich mit Regenponchos vor einem Wolkenbruch: Ein kalter Tag zum kalendarischen Sommeranfang ist keine Seltenheit, erklärt unser Kolumnist Jörg Kachelmann. (Quelle: dpa/Frank Molter)Besucher der Kieler Woche schützen sich mit Regenponchos vor einem Wolkenbruch: Ein kalter Tag zum kalendarischen Sommeranfang ist keine Seltenheit, erklärt unser Kolumnist Jörg Kachelmann. (Quelle: Frank Molter/dpa)

Dem Wetter ist vollkommen wurscht, ob gerade der 5. oder 25. Juni ist. It’s the Luftmasse, stupid: Auf die kommt es an und nach langen Wochen extrem überdurchschnittlicher Temperaturen wurden wir dorthin geworfen, was für die Jahreszeit normal oder sogar ein bisschen drunter ist.

Abkühlungen zum Sommeranfang sind normal

Der Luftmassenwechsel ist auch ein schöner Hinweis für alle Leute, die bei lästig empfundener Hitze auf ein Gewitter warten und denken, dass Abkühlung (nur) durch Gewitter zustande käme. Das Gegenteil ist der Fall, solange die Luftmasse nicht ausgetauscht wird: Ein Gewitter mag zwar vorübergehend die Temperatur um ein paar Grad senken, ist aber letztendlich nur ein Schwüle-Boost und macht das Leiden für die Schwitzer im Land elender denn je.



So wird es immer für alle kühler, weil Gewitter eine technisch völlig unnötige Begleiterscheinung von Luftmassenwechseln sind, aber nie die Ursache. Und es ist völlig normal, dass es eine solche Abkühlung gibt, sei es vor oder nach Sommeranfang. Das Jammern und Wehklagen der jungen Radiomenschen wird Ihnen zwar nahegelegt haben, dass es so was ja "noch nie" gegeben habe, so gesäßkalt, und das in dieser Jahreszeit.

Das waren die Tiefstwerte am Freitagmorgen: 

Ziemlich frisch am Freitagmorgen: Doch das bedeutet nichts für den Rest des Sommers.  (Quelle: Kachelmannwetter.com)Ziemlich frisch am Freitagmorgen: Doch das bedeutet nichts für den Rest des Sommers. (Quelle: Kachelmannwetter.com)

Und der 22.Juni in ein paar anderen Jahren:

2015: 6 bis 12 Grad. 

2014: 5 bis 12 Grad.

2010: 5 bis 11 Grad.

2009: 6 bis 12 Grad.

Oder für die Älteren von Ihnen, die sich erinnern werden: Auch vor 100 Jahren gab es einen frischen Morgen:

Deutschland 1918: 6 bis 11 Grad an einem 22. Juni, nicht viel anders als am Freitagmorgen.  (Quelle: Kachelmannwetter.com)Deutschland 1918: 6 bis 11 Grad an einem 22. Juni, nicht viel anders als am Freitagmorgen. (Quelle: Kachelmannwetter.com)

Geht jetzt der ganze Sommer kaputt?

Und bevor die Schlagzeile jetzt irgendwoanders kommt, soll sie hier stehen: Geht jetzt der ganze Sommer kaputt? 

Nein, natürlich nicht.

Es bedeutet für den Restsommer nichts, dass es lange warm war. Es bedeutet nichts, dass es jetzt kühler geworden ist. Es bedeutet nichts, wie das Wetter am 27. Juni sein wird, dem Siebenschläfertag.



Es ist vollkommen wurscht, was immer Sie auch wo lesen werden. Ein bisschen entscheidend für das Wetter im Juli ist allenfalls die erste Juliwoche. Herrscht in ihr ein stabiles Sommerhoch, so ist die Wahrscheinlichkeit immerhin 60 bis 70 Prozent, dass auch der Rest des Monats eher hochdruckbestimmt bleibt – und umgekehrt.

Im Moment ist es noch etwas zu früh, um die erste Juliwoche in den einen oder anderen Topf zu werfen, kommende Woche wissen wir mehr – und notfalls gibt es immer noch den Trost, dass es ja mit 30 bis 40 Prozent Wahrscheinlichkeit auch andersrum kommen kann.

Groteske Vorstellung über "normale" Temperaturen

Falls das Wetter kühl, schrecklich und gar ganz abscheulich wird, ist es dennoch meist einfach nur normal für die Jahreszeit. In den letzten Jahrzehnten hat sich in Deutschland eine komplett groteske Vorstellung entwickelt, welche Temperaturen im Sommer normal seien. Menschen, die sonst bei Trost sind, glauben im Ernst, dass eine Woche Sonne und 35 Grad in einem deutschen Sommer völlig normal seien. Sie haben meist auch die extrem überdurchschnittlichen Temperaturen als normal empfunden, um jetzt gemeinsam mit den Radiomoderatoren (Regen! Kühl! Wir müssen alle sterben!) die Temperaturen von 20 Grad als groteske Zumutung zu empfinden.

Einerseits ist die Kühle schnell vorbei, wie man am 14-Tage-Trend – mit Unsicherheitsbereich – zum Beispiel für Hamburg sehen kann. Andererseits ist eben die Erwartungstemperatur an einem 22. Juni nicht dort, wo die meisten Menschen sie vermuten.

Ich möchte bitte, dass Sie folgende Sätze laut lesen – Auswahl je nach Wohnort:

  • Die durchschnittliche Höchsttemperatur an einem 22. Juni ist für Hamburg 20 Grad.
  • Die durchschnittliche Höchsttemperatur an einem 22. Juni ist auf Sylt knapp 17 Grad.
  • Die durchschnittliche Höchsttemperatur an einem 22. Juni ist für Berlin, München, Stuttgart 22 Grad.
  • Die durchschnittliche Höchsttemperatur an einem 22. Juni ist für Frankfurt am Main sowie im äußersten Südwesten 23 bis 24 Grad.

Und nun noch mal ganz laut und deutlich in den Spiegel: Das ist die normale Höchsttemperatur für diesen Tag, für diese Jahreszeit. Es ist völlig gaga, 30 Grad zu erwarten, das wäre weit über dem Durchschnitt.

Das soll nur Ihr Mantra sein, auch wenn es genau vor einem Jahr alles ganz anders, aber eben extrem drüber war:

Hochsommer in Deutschland: Mit Ausnahme des Nordens ätzte die Republik vor einem Jahr über die Hitze.  (Quelle: Kachelmannwetter.com)Hochsommer in Deutschland: Mit Ausnahme des Nordens ätzte die Republik vor einem Jahr über die Hitze. (Quelle: Kachelmannwetter.com)

Aber Sie dürfen auch nicht 2015 vergessen:

Das genauer Gegenteil von 2017: 22.Juni, doch überall ist ziemlich frisch. (Quelle: Kachelmannwetter.com)Das genauer Gegenteil von 2017: 22.Juni, doch überall ist ziemlich frisch. (Quelle: Kachelmannwetter.com)

Bitte helfen Sie also mit, dass wir heute gemeinsam das Posten von Tweets und anderem wie "Hey, ist Sommeranfang, was erlaube Wetter?" im Keime verhindern können. Helfen Sie mit, Deutschland wieder klug zu machen. Schleudern Sie den ungerechten Wettermeckerern entgegen: Die zu erwartende Höchsttemperatur für Hannover am Freitag beträgt knapp 21 Grad, Alter!

Es wird eine bessere Welt.

Jörg Kachelmann ist Meteorologe und Unternehmer. Er arbeitet seit vielen Jahren als Wetterexperte für das Fernsehen. Zudem hat er seine eigenen Wetterdienste gegründet. Seit 2015 ist er Chef der Wetterplattform kachelmannwetter.com.

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