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Im blauen Bereich der Covid-19-Klinik will niemand landen

  • Adrian Roeger
Von Nathalie Rippich, Adrian Röger

Aktualisiert am 24.04.2020Lesedauer: 5 Min.
Im Behandlungszentrum auf der Messe Berlin: Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) sitzt auf einem der Krankenhausbetten, links neben ihr steht SPD-Fraktionschef Raed Saleh.
Im Behandlungszentrum auf der Messe Berlin: Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) sitzt auf einem der Krankenhausbetten, links neben ihr steht SPD-Fraktionschef Raed Saleh. (Quelle: Michael Kappeler/dpa-bilder)
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Wie wird sich die Corona-Pandemie in Deutschland weiterentwickeln? Steht das Schlimmste vielleicht noch bevor? Berlin hat fĂŒr den Ernstfall vorgesorgt – und ein ganzes Krankenhaus aus dem Boden gestampft.

Es gibt einen grĂŒnen und einen blauen Bereich. Dort, wo der Boden grĂŒn ist, werden Corona-Patienten mit weniger schlimmen KrankheitsverlĂ€ufen betreut. Der blaue Boden macht klar: Hier liegen die ernsten FĂ€lle, hier stehen die BeatmungsgerĂ€te. Hier werden Patienten, die das heimtĂŒckische Virus besonders hart getroffen hat, sediert und ĂŒber einen Tubus in der Luftröhre beatmet – wenn das provisorische Corona-Krankenhaus auf dem MessegelĂ€nde in Berlin ĂŒberhaupt gebraucht wird.

Wenn die KrankenhÀuser an ihr Limit kommen

FĂŒr den Fall, dass die KrankenhĂ€user an ihre KapazitĂ€tsgrenzen gelangen, hat die Hauptstadt auf dem zurzeit verwaisten MessegelĂ€nde ein Corona-Behandlungszentrum geplant. In den kommenden zwei Wochen ist die Fertigstellung geplant. ZunĂ€chst soll fĂŒr knapp 500 Patienten Platz sein, etwa 130 BeatmungsgerĂ€te stehen bereit. GrundsĂ€tzlich soll das Projekt auf ĂŒber 800 Betten wachsen.

Sieht aus wie eine Messehalle, ist jetzt aber ein Krankenhaus: Auf dem Berliner MessegelĂ€nde entsteht derzeit ein Corona-Behandlungszentrum, von dem niemand weiß, ob es gebraucht wird. Die Stadt will gewappnet sein.
Sieht aus wie eine Messehalle, ist jetzt aber ein Krankenhaus: Auf dem Berliner MessegelĂ€nde entsteht derzeit ein Corona-Behandlungszentrum, von dem niemand weiß, ob es gebraucht wird. Die Stadt will gewappnet sein. (Quelle: Andreas Gora/imago-images-bilder)

"Das ist kein Lazarett, das ist ein Krankenhaus", betont die zustĂ€ndige Senatorin Dilek Kalayci bei einem Rundgang durch die Messehalle 26, in der das ambitionierte Vorhaben zuhause ist. Sie fĂŒhrt durch die GĂ€nge, begleitet von weiteren Verantwortlichen. Den Stolz auf dieses Vorzeigeprojekt kann sie nicht verbergen – und sie will es auch nicht. "Das hier könnte fĂŒr zukĂŒnftige Pandemien als international adaptierbares Modell dienen", sagt sie und blickt sich um.

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Berlins Gesundheitssenatorin ist stolz auf ihr Projekt

Als sie diese Worte am Freitagvormittag spricht, steht sie zwischen der Messehalle und einem Trakt aus gestapelten, nigelnagelneuen Containern fĂŒr das medizinische Personal. Dieses werde in dem Messe-Krankenhaus einen harten Job machen und brĂ€uchte einen RĂŒckzugsort. Denn der Bereich mit den Patienten, die riesige Messehalle, gilt als Infektionsbereich. Dort darf sich nur bewegen, wer Schutzkleidung trĂ€gt. Pause machen, Besprechungen abhalten und sich umziehen, das sollen die Ärzte, Pfleger und Helfer in dem eigens fĂŒr sie geschaffenen Bereich.

Links sollen die Mitarbeiter sich zurĂŒckziehen können, die Treppe rechts soll noch ĂŒber eine BrĂŒcke mit den Containern verbunden werden. In der Mitte hinten befindet sich der Eingang in das Behandlungszentrum. Die Halle rechts gehört dazu. Das wird Berlins Corona-Krankenhaus auf dem MessegelĂ€nde.
Links sollen die Mitarbeiter sich zurĂŒckziehen können, die Treppe rechts soll noch ĂŒber eine BrĂŒcke mit den Containern verbunden werden. In der Mitte hinten befindet sich der Eingang in das Behandlungszentrum. Die Halle rechts gehört dazu. Das wird Berlins Corona-Krankenhaus auf dem MessegelĂ€nde. (Quelle: /T-Online-bilder)

Von beengten VerhĂ€ltnissen soll keine Rede sein. Die Stadt Berlin hat sich frĂŒhzeitig zu diesem Projekt entschlossen, konnte deshalb noch ausreichend Container ergattern, sagt Kalayci. Diese können in Modulbauweise aufeinander gesetzt, WĂ€nde herausgetrennt werden, sodass großzĂŒgige Bereiche entstehen.

GroßzĂŒgig wirkt – so ganz ohne Patienten, medizinisches Personal und Hektik – auch die umgebaute Messehalle nebenan. An der Decke hĂ€ngt Veranstaltungstechnik, die aus den TV-Studios in Adlershof stammen soll. "Eigentlich war die wohl fĂŒr Mario Barth gedacht", verrĂ€t die Senatorin. Und tatsĂ€chlich: In Halle 26 der Berliner Messe sieht es aus, als wĂŒrde dort eine Krankenhaus-Telenovela gedreht. Dieses Prinzip hat einen entscheidenden Vorteil: Die Strom- und Sauerstoffversorgung kann durch die TrĂ€ger und die Bauweise ĂŒber die Decke erfolgen. Es mussten keine Kabel und SchlĂ€uche umstĂ€ndlich unter dem Boden verlegt werden. "Das hat uns extrem viel Zeitersparnis eingebracht", verrĂ€t der Bauleiter.

An der Decke hĂ€ngt Veranstaltungstechnik: Dass die Versorgungsleitungen nicht im Boden verlegt werden mĂŒssen, spart viel Zeit beim Bau.
An der Decke hĂ€ngt Veranstaltungstechnik: Dass die Versorgungsleitungen nicht im Boden verlegt werden mĂŒssen, spart viel Zeit beim Bau. (Quelle: /T-Online-bilder)

Das Messe-Krankenhaus besteht aus "Clustern"

Das Krankenhaus ist ebenso wie der Container-Aufenthaltsbereich modular angelegt. Durch weiße MessebauwĂ€nde voneinander abgegrenzt, besteht es aus sogenannten Clustern – oder einfacher: "Bereichen". Im grĂŒnen Bereich, in dem die FĂ€lle behandelt werden sollen, die keine intensivmedizinische Betreuung in den festen KrankenhĂ€usern mehr brauchen, besteht ein Cluster aus 24 Betten. "Wir haben hier hochmoderne Krankenhausbetten", sagt Kalayci und zeigt auf zwei Pflegebetten, deren Matratzen noch in PlastikhĂŒllen eingeschweißt sind. "Wir haben noch viel mehr davon, die lagern bisher in einer Kaserne", ergĂ€nzt Andrea Grebe, Vorsitzende der GeschĂ€ftsfĂŒhrung der Vivantes-Kliniken. Ihr Unternehmen wird das Corona-Krankenhaus betreiben.

Zwei Krankenhausbetten stehen schon in Halle 26 der Berliner Messe: ZunĂ€chst soll ihre Zahl auf knapp 500 steigen, perspektivisch auf ĂŒber 800.
Zwei Krankenhausbetten stehen schon in Halle 26 der Berliner Messe: ZunĂ€chst soll ihre Zahl auf knapp 500 steigen, perspektivisch auf ĂŒber 800. (Quelle: /T-Online-bilder)

Hinter den Betten stehen sogenannte Versorgungsmodule. Zu sehen sind mehrere AnschlĂŒsse fĂŒr SchlĂ€uche, StromanschlĂŒsse sowie ein USB-Anschluss. Wozu das? "Die Messe als Standort bietet viele Vorteile. Unter anderem gibt es hier fast ĂŒberall WLAN. Das dĂŒrfen auch die Patienten nutzen, an den USB-Steckdosen können sie ihre Handys laden."

Die Messehalle wird zum riesigen Infektionsbereich

Und Handys werden fĂŒr die Patienten, die vielleicht im Berliner Messe-Krankenhaus versorgt werden mĂŒssen, wichtig sein. "Die gesamte Halle ist ein großer Infektionsbereich. Hier darf niemand rein außer des medizinischen Personals", betont Wulf Pankow. Der Lungenspezialist wird die Klinik leiten. Eigens dafĂŒr kam er zurĂŒck aus dem Ruhestand.

Außerhalb der Halle wird es ein Informationszentrum fĂŒr Angehörige geben, um Informationen und in gewisser Weise Kontakt zu den Patienten zu bekommen. Auch fĂŒr Seelsorger soll gesorgt werden. "Wir machen nur eine Ausnahme: Es wird einen kleinen Palliativ-Bereich geben, in den auch Angehörige dĂŒrfen", verrĂ€t Pankow. Die Patienten, die das Coronavirus nicht ĂŒberleben werden, mĂŒssen also nicht allein sein. Das ist dem Planungsteam wichtig.

Jeder dankt jedem, alle reden von SolidaritÀt

SolidaritĂ€t und Dankbarkeit, darĂŒber wird am Freitagvormittag viel gesprochen. Auch vor den verpackten Matratzen. Da dankt die Senatorin dem Parlament, die Projektleiterin den Betreibern, die Klinik-Chefin dem leitenden Arzt. Jeder dankt jedem. Unter normalen UmstĂ€nden wĂŒrde das wohl abgeschmackt wirken, doch hier glaubt man den Beteiligten. In wenigen Wochen haben sie gemeinsam, mit viel Hilfe von Außen, Beeindruckendes geschafft. Das zeigt sich, als der Rundgang fortgesetzt wird.

Zu jedem Bett gehört ein Versorgungsmodul: Ein USB-Anschluss soll den Patienten das Laden ihrer Handys ermöglichen. Besuch dĂŒrfen sie nicht empfangen.
Zu jedem Bett gehört ein Versorgungsmodul: Ein USB-Anschluss soll den Patienten das Laden ihrer Handys ermöglichen. Besuch dĂŒrfen sie nicht empfangen. (Quelle: /T-Online-bilder)

Ein Bereich mit grauem Fußboden markiert die Zone, in der die neuen Patienten eintreffen. Dort werden sie begutachtet und dann aufgenommen. In einem kleinen Raum, der – wie alles hier – nur von MessebauwĂ€nden begrenzt wird – findet sich ein betoniertes "T" auf dem Boden. In den kommenden Tagen wird dort ein tonnenschweres neues CT-GerĂ€t aufgebaut. "Das ist extrem wichtig fĂŒr die Untersuchung der Patienten", betont Vivantes-Chefin Grebe. Die Senatorin ergĂ€nzt: "Auch hier haben wir GlĂŒck, dass wir so schnell gehandelt haben. Wir haben das medizinische GerĂ€t, das wir brauchen, noch bestellen können."

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Im blauen Bereich will niemand landen

Weiter geht es in den blauen Bereich. Er sieht ebenso freundlich aus wie der grĂŒne zuvor. Doch hier möchte wirklich niemand landen. Der Bereich ist den Patienten mit schweren VerlĂ€ufen vorbehalten, bei denen die Lunge ob des Virusbefalls nicht mehr von alleine arbeitet, und sie deshalb beatmet werden mĂŒssen. Hier stehen in jedem Cluster nur 16 Betten. Denn die BeatmungsgerĂ€te und die Monitore brauchen Platz. Hier ist auch der PersonalschlĂŒssel höher. Denn diese Patienten brauchen die höchste Aufmerksamkeit.

100 Ärzte sollen in dem Corona-Krankenhaus arbeiten, sie erhalten AbrufvertrĂ€ge. Denn noch weiß niemand, ob und wann dieses Behandlungszentrum gebraucht wird. Kommt es zur Vollauslastung, werden etwa 1.000 Stellen gebraucht. Davon etwa 250 PflegekrĂ€fte, genauso viele Helfer wie SanitĂ€ter und Pflegehelfer und etwa 400 weitere Stellen fĂŒr Logistik und Versorgung. "Wir haben eine gute Resonanz. Nur Pfleger zu finden, ist immer so eine Sache", sagt die Vivantes-Chefin. Deshalb kriegen die auch unbefristete VollvertrĂ€ge und werden auch nach der Corona-Krise weiter beschĂ€ftigt.

Ein betoniertes "T" markiert die Stelle, an der zukĂŒnftig ein tonnenschweres CT-GerĂ€t stehen wird. Das ist wichtig fĂŒr die Untersuchung der Corona-Patienten.
Ein betoniertes "T" markiert die Stelle, an der zukĂŒnftig ein tonnenschweres CT-GerĂ€t stehen wird. Das ist wichtig fĂŒr die Untersuchung der Corona-Patienten. (Quelle: /T-Online-bilder)

Fast alles soll auch nach der Krise verwendet werden

Generell wird bei dem Projekt auf Nachhaltigkeit geachtet. Viele Elemente sind gemietet, andere können danach ohne Probleme in den Vivantes-Kliniken zum Einsatz kommen. Nur der Boden wird nach der Krise, wenn auf dem GelĂ€nde wieder Messen stattfinden, entsorgt. Aber der musste sein. "Die Mitarbeiter werden hier am Tag viele Kilometer laufen, sie schieben Betten und GerĂ€t. Wenn der Boden nicht vernĂŒnftig ist, werden sie es spĂŒren", sagt der Bauleiter.

Niemand weiß heute, ob und in welchem Umfang all das je zum Einsatz kommt. Auf die Messe kommen Patienten erst dann, wenn die festen KrankenhĂ€user keinen Platz mehr haben. Es ist immer der Anspruch, Menschen erst dort zu behandeln. Das Behandlungszentrum sei zwar medizinisch top ausgestattet, sei aber nur eine Ersatzeinrichtung.

Ein Krankenhaus hat WÀnde: Die WÀnde im Behandlungszentrum auf der Berliner Messe bestehen aus MessebauwÀnden. Zurzeit werden sie noch aufgebaut.
Ein Krankenhaus hat WÀnde: Die WÀnde im Behandlungszentrum auf der Berliner Messe bestehen aus MessebauwÀnden. Zurzeit werden sie noch aufgebaut. (Quelle: /T-Online-bilder)

Zurzeit ist die Lage in Berlins KrankenhĂ€usern entspannt. "Jetzt gab es Lockerungen, die Infektionszahlen könnten wieder steigen", sagt Kalayci. Man mĂŒsse aber nicht nur im kleinen Rahmen denken. In Berlin könnten bei Bedarf auch Patienten aus anderen BundeslĂ€ndern oder gar anderen Staaten behandelt werden. "SolidaritĂ€t", betont die Senatorin.

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Oben im Video sehen Sie die Aufnahmen aus dem Berliner Behelfskrankenhaus sowie die Stellungnahme der zustÀndigen Senatorin, oder Sie klicken hier.

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