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Corona-Ausbruch bei Tönnies: Gütersloh bittet nun Bundeswehr um Hilfe


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Gütersloh bittet Bundeswehr um Hilfe

Von dpa, afp, dru

Aktualisiert am 18.06.2020Lesedauer: 3 Min.
Eingang zum Tönnies-Betrieb in Rheda-Wiedenbrück: Bei dem Branchenriesen waren bei Tests mehrere Hundert Infizierte entdeckt worden.
Eingang zum Tönnies-Betrieb in Rheda-Wiedenbrück: Bei dem Branchenriesen waren bei Tests mehrere Hundert Infizierte entdeckt worden. (Quelle: Friso Gentsch/dpa-bilder)
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Der Corona-Ausbruch bei Tönnies stellt den Landkreis Gütersloh vor gewaltige Herausforderungen. Weil Rotes Kreuz und Malteser die notwendigen Tests allein nicht mehr leisten können, soll die Bundeswehr helfen.

Der Kreis Gütersloh hat bei der Bundeswehr um Hilfe bei einem Reihentest auf Corona-Infektionen beim Schlachtbetrieb Tönnies am Stammsitz in Rheda-Wiedenbrück angefragt. Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) habe um Amtshilfe gebeten, wie eine Sprecherin am Donnerstag sagte.

Bislang hatten das Rote Kreuz und die Malteser bei den Tests geholfen. Diese Organisationen würden aber an ihre Grenzen stoßen. Die Bundeswehr soll ab Freitag 13 Soldaten mit medizinischen Vorkenntnissen sowie zwölf weitere für die Dokumentation schicken.

Nach Angaben eines Konzern-Sprechers sollen pro Tag 1.500 bis 2.000 Mitarbeiter auf das Corona-Virus getestet werden. Nach dem Start der behördlich angeordneten Reihe sind noch rund 5.300 Tests offen. Den Angaben zufolge soll dieser Durchlauf Anfang der nächsten Woche abgeschlossen sein. Der Kreis geht aber von einem längeren Zeitraum aus.

Schulen und Kitas wegen Ausbruch geschlossen

In dieser Woche war ein folgenreicher Corona-Ausbruch bei Tönnies bekannt geworden. Bei bislang 1.050 untersuchten Mitarbeitern waren mehr als 650 Neuinfizierte (Stand Mittwochabend) entdeckt worden. Die Produktion in dem Schlachtbetrieb in Westfalen wurde vorübergehend eingestellt, der Kreis Gütersloh schloss Schulen und Kitas und stellte gut 7.000 Menschen unter Quarantäne.

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Landrat Sven-Georg Adenauer erklärte am Mittwoch, er wolle einen allgemeinen Lockdown in seinem Kreis verhindern, obwohl die wichtige Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen deutlich überschritten sei. Die Produktion bei Tönnies, so erwartete er, werde zwischen 10 bis 14 Tagen ruhen.

Auch Bielefeld ergreift Maßnahmen

Im benachbarten Bielefeld informierte die Stadt am Donnerstag die Schulen und Kitas darüber, dass die Kinder von Tönnies-Beschäftigen nach Hause geschickt werden müssen. Andere Kinder aus dem Kreis Gütersloh betreffe diese Maßnahme nicht. Nach Informationen von "Radio Bielefeld" schloss das Klinikum Bielefeld seine drei Häuser für Besucher und machte damit zwischenzeitige Lockerungen der Corona-Regeln rückgängig.

Tönnies-Sprecher André Vielstädte wandte sich im Namen der Eigentümer an die Öffentlichkeit: "Wir möchten uns bei der Bevölkerung des Kreises im Namen der Familie Tönnies entschuldigen. Wir werden alles dafür tun, das Virus aus dem Betrieb zu bekommen, um wieder arbeitsfähig zu werden."

Ruf nach Verbot von Werkverträgen

Corona-Ausbrüche in Schlachthöfen machten in den vergangenen Monaten immer wieder Schlagzeilen und lösten eine Debatte über die Missstände bei Arbeits- und Unterbringungsbedingungen der häufig aus Osteuropa stammenden Beschäftigen aus. Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) forderte am Donnerstag eine schnellere Abschaffung der Werkverträge in der Branche. "In den ersten Sitzungswochen nach der Sommerpause brauchen wir diese gesetzliche Grundlage", sagte er im Deutschlandfunk.

Auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) verlangte ein umgehendes Werkvertragsverbot. Die Fleischwarenindustrie äußerte sich hingegen skeptisch. Die Präsidentin des Bundesverbands der Fleischwarenindustrie, Sarah Dhem, sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", bei einem Verbot solcher Verträge stünden einige Unternehmen der Fleischbranche "vermutlich kurzfristig vor erheblichen Personalproblemen". Ihre Branche könne keine hohen Stundenlöhne wie beispielsweise Automobilhersteller zahlen.

Kirche stellt sich vor Werkarbeiter

Für Empörung sorgten Aussagen aus dem Unternehmen Tönnies, wonach osteuropäische Werkarbeiter die Corona-Infektionswelle in den Betrieb getragen hätten. Solche Aussagen machten aus Opfern Täter, sagte der katholische Pastor Peter Kossen in Rheda-Wiedenbrück. "Dann heißt es nachher: Die 'dreckigen Rumänen', die es mit der Hygiene nicht so wichtig nehmen, die tragen uns hier die Krankheit rein. Dann sind wir mitten in der Rassismus-Debatte, die wir weltweit haben", sagte der Geistliche am Donnerstag bei Vorstellung eines Buches, das sich unter dem Titel "Das Schweinesystem" kritisch mit der Branche aufeinandersetzt.

Seit Jahren üben Gewerkschafter, Kirchenvertreter und Politiker Kritik an dem in der Fleischindustrie üblichen System, nicht auf eigene Belegschaft, sondern auf über Subunternehmer beschäftigte Werkarbeiter zu setzen. Tönnies habe das System als einer der ersten in die Branche eingeführt und setze es in allen seinen Schlachthöfen konsequent um, sagte der NGG-Funktionär Matthias Brümmer aus Oldenburg. "Das ist ein Exportschlager innerhalb der Branche."

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Verwendete Quellen
  • Nachrichtenagenturen dpa, AFP
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  • Lars Wienand
Von Lars Wienand
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