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Corona-Ausbruch in Australien – "wie die Flucht vor der Apokalypse"

"Wie die Apokalypse"  

Corona-Ausbruch in Australien: Sex, Lügen und Quarantäne

Von Anna-Lena Janzen, Melbourne

09.07.2020, 11:36 Uhr
Melbourne muss zurück in den Lockdown

Nach einem starken Anstieg von Corona-Infektionen wurde in der zweitgrößten Stadt Australiens wieder eine Ausgangssperre verhängt. Die Grenze zum Nachbarstaat New South Wales wurde geschlossen. (Quelle: Reuters)

Lockdown in Millionenmetrople: Kurz vor Beginn der Ausgangssperre versuchten viele Melbourner in den Nachbarstaat zu entkommen. (Quelle: Reuters)


Australien hatte das Virus im Griff – nun herrscht in Teilen des Landes wieder der Ausnahmezustand. Die Metropole Melbourne wurde abgeriegelt. Wie konnte es dazu kommen?

Am Dienstag kündigte der Gouverneur von Melbourne an: Die Großstadt müsse ab Mitternacht erneut in einen sechswöchigen Lockdown. Drei Tage in Folge hatte der Bundesstaat Victoria mehr als 100 neue Infektionen verzeichnet – 191 am Tag der Ankündigung, ein Rekord.

Nun steht das Leben erneut still in der Fünf-Millionen-Stadt: Die Bewohner dürfen nur noch für das Notwendigste aus dem Haus gehen. Besuche von Familie und Freunden: nicht erlaubt. Reisen in andere Bundesstaaten oder gar Länder: schon lange nicht. Fitnessstudios, Restaurants, öffentliche Einrichtungen: erneut dicht. Es drohen harte Strafen: bis zu 11.000 australische Dollar, das sind umgerechnet etwa 6.700 Euro, und sechs Monate Gefängnis. Die Polizei patrouilliert die Grenzen.

Erst vor wenigen Wochen war die Wirtschaft in Victoria langsam wieder geöffnet worden. Nun ist das Chaos perfekt. Hunderte Menschen versuchten, die Stadt mit einem der letzten Flüge zu verlassen. "Es war wie die Flucht vor der Apokalypse", sagte eine Besucherin dem Fernsehsender Channel 9. Im letzten Moment hatte sie einen Rückflug nach Sydney ergattern können. Erneut stehen Menschen vor den Supermärkten Schlange, kaufen Toilettenpapier und Nudeln. "Ein schreckliches Déjà-vu", wird eine ältere Frau in einer Lokalzeitung zitiert. 

Das größte Übel schien an Down Under vorbeigezogen zu sein

Zu Beginn der Pandemie hatte die australische Regierung den Bundesstaaten die Verantwortung – ihm Rahmen von Vorgaben – für die Corona-Maßnahmen übergeben. Schnell wurden die Übergänge innerhalb des Landes geschlossen und die Menschen in ihre vier Wände beordert.

Die Gefahr schien nach wenigen Wochen gebannt. Keine neuen Fälle im Norden, nur wenige im Westen, in Queensland und in Tasmanien. Die Ausbrüche im bevölkerungsreichsten Bundesstaat New South Wales konnten schnell unter Kontrolle gebracht werden. Auch Victoria handelte schnell und konsequent. Ein noch größerer Ausbruch wie in den USA schien an Down Under vorbeigezogen zu sein. Die Menschen im Land fühlten sich schnell wieder sicher, die Gefahr wurde unterschätzt. Cafés und Strände füllten sich, Urlaub innerhalb des Landes wurde geplant. Kaum einer trägt Mundschutz.

Die Jagd auf die Schuldigen ist eröffnet

Doch wer übernimmt nun die Verantwortung für die zweite Welle? Die Jagd auf die Sündenböcke hat begonnen. Zum einen sollen mehrere Verstöße gegen die Kontaktauflagen in zwei Quarantäne-Hotels in Melbourne für die erneute Eskalation gesorgt haben. Seit dem Inkrafttreten des Reiseverbots für Australien im März müssen sich alle Einreisenden zwei Wochen lang in Hotelzimmern – von der Regierung bereitgestellt – isolieren. Der Eklat: In den Hotels soll unter anderem das Wachpersonal Sex mit Gästen gehabt haben, die sich in Quarantäne befanden. Das Personal hätte zudem Hände mit Gästen geschüttelt, sei gemeinsam mit ihnen im Aufzug gefahren, hätte sich frei durch die Zimmer des Hotels bewegt.

Und es kommt noch schlimmer: Mitarbeiter der gleichen Security-Firma verschleppten die Infektion dann offenbar noch in eine Hochhaussiedlung. Hier wohnen hauptsächlich Menschen mit Migrationshintergrund, ältere und kranke Menschen, die Hilfe von der Regierung beanspruchen. Die Wohnsiedlung ist nun neuer Corona-Hotspot, 75 Krankheitsfälle wurden bisher gezählt. Rund 500 Polizisten bewachen die neun Türme mit rund 3.000 Bewohnern im Norden der Stadt.

"Keiner darf rein oder raus" und "Wir wurden nicht darüber informiert, dass unser Gebäude ab sofort im Lockdown ist" und "Wir bekommen keine Antwort darauf, wie lange wir hier ausharren müssen, es ist eine beängstigende Erfahrung", berichten einige der Bewohner in Videos, die in den Medien kursieren. Es fehlt offenbar an Informationen, an Essen, an Medizin. Alle Bewohner mussten sich am Donnerstag einem Test unterziehen. Das Ergebnis steht noch aus.

Ein Spielplatz vor der Hochhaussiedlung in Melbourne ist abgeriegelt: Rund 3.000 Menschen befinden sich hier im Lockdown. (Quelle: Reuters/Sandra Sanders)Ein Spielplatz vor der Hochhaussiedlung in Melbourne ist abgeriegelt: Rund 3.000 Menschen befinden sich hier im Lockdown. (Quelle: Sandra Sanders/Reuters)

Victorias Regierung unter Druck

Ein harter Schlag für den Premier von Victoria. Die australische Regierung hatte sich für ihre Quarantäne-Strategie ordentlich auf die Schulter geklopft. Nun lautet der Vorwurf, einer der Bundesstaaten habe die Kontrolle über die Situation verloren: Die Angestellten in den Quarantäne-Hotels seien nicht ausreichend ausgebildet worden. Die Firma "habe zudem Gebühren für Schichten erhoben, die nie gearbeitet wurden, die Sicherheitskräfte in bar bezahlt und Namen für Mitarbeiter erfunden, die es nie gegeben habe", berichtete der Nachrichtensender "Sky News". Die Regierung von Victoria hat nun eine Untersuchung angekündigt, um die Zusammenhänge des "Hotel-Skandals" zu ermitteln.  


Der erneute Lockdown sorgt bei den betroffenen Menschen für große Sorge und Empörung. Die Wirtschaft von Victoria macht rund ein Viertel der gesamten australischen Wirtschaft aus. Experten befürchten, dass die Maßnahmen dem Land großen Schaden zufügen könnten. Viele Menschen müssen nun erneut um ihre Existenz bangen.

Andernorts wird weiter gefeiert

Doch andernorts, außerhalb der Großstädte, scheint die Botschaft noch immer nicht angekommen zu sein: Erst am vergangenen Wochenende gab es Berichte darüber, dass nahe dem Touristenort Byron Bay an der Ostküste rund eintausend Menschen eine Party gefeiert hatten. Die Behörden schlugen Alarm. Bis dato hatte es seit mehr als zwei Monaten keine einzige Neuinfektion in der Region gegeben – auch das könnte sich nun ändern. Die Situation könne hier noch schlimmer als in Victoria werden, warnten Gesundheitsexperten.

Immer wieder gibt es zudem Berichte darüber, dass Bewohner aus den Hotspot-Gegenden Dokumente gefälscht oder gelogen hätten, um dem erneuten Lockdown per Auto oder Flieger über die Grenze zu entkommen. Die Premierministerin des benachbarten Bundesstaates New South Wales warnte davor, sich heimlich auf den Weg zu machen: "Lügt uns nicht an!" Sollte das Virus auch in abgelegeneren Gegenden zuschlagen, sei die Gesundheitsversorgung für ein solches Szenario kaum gewappnet. 

Australiens Behörden haben bisher mehr als 8.886 Corona-Fälle und 106 Tote registriert. Im Vergleich zu anderen Ländern fällt das Ergebnis trotz des jüngsten Rückschlags noch immer glimpflich aus. Der Fall von Melbourne sollte aber klar machen: Auch wenn eine Regierung die Corona-Krise nicht leugnet – und notwendige Maßnahmen trifft: In Sicherheit vor dem Virus sollte man sich auch am anderen Ende der Welt nicht wähnen. 

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