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Wie geht die Corona-Pandemie weiter? Virologe schätzt Lage ein

Delta-Variante breitet sich aus  

Vier Fakten zur schwierigsten Corona-Frage: Wie geht es weiter?

Von Saskia Leidinger

01.07.2021, 11:25 Uhr
Wie geht die Corona-Pandemie weiter? Virologe schätzt Lage ein. Touristen am Timmendorfer Strand: Die Inzidenzen in Deutschland sind derzeit niedrig. (Quelle: imago images)

Touristen am Timmendorfer Strand: Die Inzidenzen in Deutschland sind derzeit niedrig. (Quelle: imago images)

Droht uns wieder eine neue Corona-Welle oder naht das Ende der Pandemie? Ein Virologe erklärt, warum wir noch lange mit dem Coronavirus leben müssen, aber hoffen können.

In den Cafés sitzen wieder Menschen und trinken ihren Kaffee, Kinos öffnen wieder und in den Freibädern genießen Kinder die Abkühlung. Der Sommer scheint fast normal zu sein, zumal die Inzidenz in zahlreichen Kreisen bei null liegt und über die Hälfte der Deutschen zumindest einmal geimpft ist. Doch zwischen die Entspanntheit des Sommers drängen sich die Warnungen vor einer vierten Welle und einem Herbst, in dem das Virus das Leben in Deutschland wieder bestimmen könnte.

Die Delta-Variante ist noch ansteckender und kann sich damit schneller verbreiten als die Alpha-Variante, die zuerst in Großbritannien entdeckt wurde und das Infektionsgeschehen in Deutschland zu Beginn des Jahres geprägt hat.

"Ich bin jedoch vorsichtig optimistisch, dass wir gute Karten gegen die Delta-Variante haben", sagt Luka Cicin-Sain, Professor am Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung. Wichtige Bedingung: Es müssen genügend Menschen vollständig geimpft sein. "Je schneller sich ein Virus verbreitet, desto höher muss die Durchimpfungsrate sein", so der Virologe.

Anstieg der Fallzahlen in Israel

In Deutschland sind 37,9 Prozent vollständig geimpft. (Stand: 2. Juli 2021) Ein Blick nach Israel und Großbritannien zeigt, dass das womöglich nicht ausreicht. In Israel sind gut 60 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, bei unseren europäischen Nachbarn sind es fast 50. In beiden Ländern sind die Infektionszahlen durch die Delta-Variante wieder gestiegen.

Einen erneuten Anstieg der Fallzahlen erwartet Luka Cicin-Sain auch in Deutschland, allerdings sei das Immunsystem vieler Menschen nun besser vorbereitet: "Die Impfstoffe, die uns zur Verfügung stehen, bieten einen ausreichenden Immunschutz gegen die Delta-Variante." Die Menschen, die trotz Impfschutz an der Delta-Variante sterben, seien zumeist die sehr alten und fragilen, sagt der Wissenschaftler mit Blick auf Studiendaten aus Israel.

Wir müssen noch lange mit dem Virus leben

Doch was, wenn die vierte Welle in Deutschland überstanden ist? Ist dann im kommenden Jahr die Pandemie vorbei und kehren wir als Gesellschaft wieder in das Leben zurück, das wir 2019 kannten? Ganz so einfach und ganz so schnell wird es laut Virologe Cicin-Sain nicht kommen. Vier Punkte zeigen, warum wir uns noch lange auf ein Leben mit dem Coronavirus einstellen müssen.

1. Lokale Ausbrüche sind wahrscheinlich

"Jeder wird dieses Virus sozusagen erleben, im wahrsten Sinne des Wortes", sagte Gesundheitsminister Jens Spahn im Mai auf einer Pressekonferenz und ergänzte: "Das Virus wird bleiben." Die Frage ist nicht, ob sich das Virus künftig noch mal in Deutschland verbreitet, sondern wie. "Es ist möglich, dass wir in den nächsten Jahren regelmäßige lokale Coronavirus-Ausbrüche sehen werden, aber es ist nicht zwingend", sagt Cicin-Sain. Entscheidend sei auch hier, wie viele Menschen an einem Ort geimpft sind.

Als Beispiel nennt der Virologe die Ausbrüche von Maserninfektionen unter Kindern in Berlin im Bezirk Prenzlauer Berg im Jahr 2015. "Dort hat sich eine große Gruppe von Menschen entschieden, ihre Kinder nicht zu impfen. Aber das hat nicht dazu geführt, dass sich das Virus auch in anderen Teilen Berlins groß verbreitet hat, denn dort waren die Kinder zumeist geimpft."

Erneut zeigt sich: Die Verfügbarkeit und Wirksamkeit von Impfstoffen und der Faktor Mensch sind entscheidend für den Verlauf der Pandemie.

2. Die Pandemie hängt von den Impfstoffen ab

Die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Astrazeneca schützen vor der Delta-Variante ähnlich gut wie vor der Alpha-Variante, wie Studien aus Großbritannien belegen. Und selbst wenn die Immunantwort gegen eine neue Variante etwas geringer ausfallen würde, mit einer vollständigen Impfung sind wir laut Cicin-Sain in jedem Fall besser auf eine Infektion vorbereitet.

Zum Vergleich: Nach einer natürlichen Infektion werden in der Regel Antikörpertiter im Hunderterbereich nachgewiesen, nach einer Impfung im Tausenderbereich. Das bedeutet, dass auch Varianten, die das Immunsystem ein Stück weit umgehen können, "schlechte Karten haben gegen Menschen mit einer vollständigen Impfung", so der Virologe.

Doch Impfstoff ist auf der Welt nicht überall gleich verteilt. Auf dem Afrikanischen Kontinent sind kaum mehr als ein Prozent der Gesamtbevölkerung vollständig geimpft. In Südafrika beispielsweise stiegen die Fallzahlen in den vergangenen Wochen wieder stark an und die Regierung verhängte den zweitstrengsten Lockdown – Level 4.

Eher eine Frage von Jahren statt Monaten

Auf diese weltweiten Hotspots müssen wir uns künftig einstellen, ist sich Cicin-Sain sicher: "Bei all den Milliarden Menschen auf der Welt wird sicherlich noch irgendwo eine Ausnahmesituation auftreten, aber der Trend geht in Richtung Normalität." Und auch die weltweite Impfstoffverfügbarkeit wird sich verbessern. Allerdings nicht in den nächsten Monaten, sondern eher in einem Zeitraum von Jahren. "Der Mangel an Impfstoff wird langfristig beseitigt werden, denn bis vielleicht im Jahr 2025 wird man auch im letzten abgelegenen Dorf Menschen ein Impfangebot machen können", schätzt der Wissenschaftler.

Eine Person wird in Johannesburg geimpft: In Südafrika sind nur wenige Menschen vollständig geimpft. (Quelle: imago images/Xinhua)Eine Person wird in Johannesburg geimpft: In Südafrika sind nur wenige Menschen vollständig geimpft. (Quelle: Xinhua/imago images)

Eine vielfach diskutierte Freigabe von Patenten könnte den Prozess beschleunigen, glaubt Cicin-Sain, warnt aber auch vor den Folgen für die Forschung. "Wenn man einseitig die Patentrechte aufhebt, wäre das ein toxisches Signal für die Forschungsgemeinde. Es wird dann noch schwieriger, Gelder für Forschung und Entwicklung zu bekommen, weil die Anleger das Risiko noch höher einstufen würden. Auf der anderen Seite würde eine Freigabe Menschen in ärmeren Ländern durchaus helfen."

Der Wissenschaftler plädiert deshalb für einen Kompromiss: "Menschen, die neue Medikamente entwickeln, arbeiten öfters ein Leben lang, ohne dass sie zum großen Durchbruch und Erfolg kommen. Man sollte deshalb einen Kompromiss finden, der Anreize für Forscher, Entwickler und Anleger, die ihre Arbeit unterstützen, behält und gleichzeitig mehr Impfstoffdosen für ärmere Länder bereitstellt."

3. Der Faktor Mensch

Doch die beste Abdeckung mit Impfstoffen nützt nichts, wenn Menschen sich nicht impfen lassen, wie sich an dem Masernausbruch in Berlin gezeigt hat. "Diese Menschen machen es schwieriger, eine Herdenimmunität zu erreichen", sagt der Virologe.

Wo genau die notwendige Schwelle für eine Herdenimmunität bei den neuen Varianten des Coronavirus liegt, lässt sich kaum an einer konkreten Zahl festmachen. "Deutlich über 50 Prozent, vielleicht 60, 70", schätzt Cicin-Sain. Klar ist für ihn nur: "Wir müssen es mittels der Impfungen dem Virus unmöglich machen, sich weiter auszubreiten."

Die Impfbereitschaft in Deutschland liegt laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey zwischen 60 und 80 Prozent, je nach Bundesland. Während sich in Bremen 80 Prozent der Ungeimpften eine Spritze geben lassen wollen, sind es in Sachsen nur rund 59 Prozent. 36 Prozent dort lehnen eine Impfung sogar ab.

Auch in den USA wird es zunehmend schwerer, Menschen von einer Impfung zu überzeugen. Das liegt aber laut Cicin-Sain nicht nur an kategorischen Impfverweigerern, sondern auch an einer Fehleinschätzung der Situation, die allerdings nachvollziehbar sei. "Wir Menschen denken in Geschichten und sind nicht gut darin, in Wahrscheinlichkeiten zu denken. Deshalb überschätzen wir die Nebenwirkungen und unterschätzen die Gefahr einer Corona-Erkrankung."

4. Eine neue Pandemie wird kommen

Ebenso unberechenbar wie das Verhalten der Menschen ist das Verhalten des Virus. Für den Virologen ist daher klar: "Die Delta-Variante wird nicht unbedingt die letzte Variante sein, die kommt". Eine neue Pandemie werde auf uns zukommen, in fünf Jahren, in zehn oder später. "Wir leben in einem komplexen Ökosystem und sind Teil davon. Deshalb wird irgendwann ein neues, unbekanntes Virus kommen und wir müssen mit diesem Risiko leben."

Und wann ist die aktuelle Pandemie beendet? "Es wird nicht diesen einen Augenblick geben, an dem wir sagen können: Nun können wir alle unsere Masken ausziehen, durchatmen und wieder so leben wie 2019. Es wird vielmehr ein vorsichtiges Herantasten an die Normalität sein", sagt Cicin-Sain und ergänzt: "Wir müssen verstehen, dass sich unser Leben seit dem Jahr 2019 verändert hat."

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Luka Cicin-Sain

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