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Corona-Chaos in Shanghai: "Ist das in Ordnung, wenn ich sterbe?"


"Ist das in Ordnung, wenn ich sterbe?"

dpa, Von Andreas Landwehr

17.04.2022Lesedauer: 4 Min.
Zhang Hui, ein Sozialarbeiter, streift durch die leeren Straßen in Chinas Millionenmetropole Shanghai.Vergrößern des BildesZhang Hui, ein Sozialarbeiter, streift durch die leeren Straßen in Chinas Millionenmetropole Shanghai. (Quelle: Jin Liwang/imago-images-bilder)
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Mit alten Waffen bekämpft China einen neuen Feind: Omikron BA.2. Ausgangssperren, Massentests und Quarantäne verlieren an Wirkung. Die Verzweiflung in der Bevölkerung ist immens.

Herr Yu will zum Arzt, hat leichtes Fieber. "Ich habe nichts zu essen. Ich fühle mich schrecklich", sagt der ältere Herr in einem dringlichen Telefonat mit seinem Nachbarschaftskomitee in Shanghai. Seit Wochen unterliegen die meisten der 26 Millionen Einwohner der Hafenmetropole einem harten und vielfach chaotischen Lockdown.

Er habe auch keine Medikamente mehr, klagt Herr Yu. Sein Antrag, medizinisch behandelt oder zur Computertomografie gelassen zu werden, bleibe seit Tagen von höherer Stelle unbeantwortet. "Ist das in Ordnung für die, wenn ich sterbe?"

Der Funktionär am anderen Ende der Leitung ist überfordert: "Wir sind machtlos und können nichts daran ändern", sagt er und beklagt sich über die Verantwortlichen. "Die tun nichts für die Alten, die Schwangeren und die Senioren, die gestorben sind. Selbst um die Mülltonnen kümmern sie sich nicht." Ein Mitschnitt des Gesprächs, das offenbar von einem Familienmitglied aufgezeichnet wurde, geht online, empört Millionen, bis die Zensur es streicht.

"Ich weiß auch nicht, warum Shanghai sich so verändert hat"

"Ich kann nicht glauben, was aus unserem Land geworden ist", sagt Herr Yu am Ende resigniert. Der Vertreter des Nachbarschaftskomitees stimmt ihm zu: "Ich weiß auch nicht, warum Shanghai sich so verändert hat." Das Gespräch trifft einen Nerv, und selbst Chinas Staatsmedien sprechen von einer "traurigen Geschichte", beteuern aber, Herrn Yu sei schließlich zur Behandlung ins Krankenhaus gebracht worden.

Zwar hat die Stadt bisher noch keine Covid-Toten gemeldet, aber im Internet kursieren verzweifelte Schilderungen von Angehörigen, dass Alte oder chronisch Kranke keine medizinische Behandlung bekommen hätten und deswegen gestorben seien.

Ausgerechnet das wirtschaftliche und finanzielle Zentrum, der Stolz Chinas, schlittert ins Chaos. Die reichste Stadt steht im Mittelpunkt der größten Corona-Welle, die das bevölkerungsreichste Land der Erde seit Ausbruch der Pandemie vor zwei Jahren erlebt hat.

China kämpft mit alten Waffen gegen neue Variante

Auch in den Millionenmetropolen Changchun und Shenyang, der Provinz Jilin in Nordostchina sowie in Wohnblocks anderer Städte wie selbst Peking gelten Lockdowns. Viele Millionen Menschen sind landesweit betroffen – in Shanghai auch einige Tausend Deutsche. Sie können nicht einfach ausreisen. Einerseits gibt es kaum Flüge, zum anderen kämen sie nicht einmal zum Flughafen.

Während der Rest der Welt versucht, "mit dem Virus zu leben", kämpfen Chinas Behörden mit alten Waffen gegen einen neuen Feind: Omikron BA.2. Die sich rasant verbreitende Variante stellt Chinas Null-Covid-Strategie infrage. Rigorose Methoden wie Ausgangssperren, Massentests und Quarantäne verlieren an Wirkung, konnten das Virus in Shanghai bisher nicht stoppen. Die Mehrzahl der landesweit 30.000 neuen Infektionen pro Tag wird in der Hafenstadt entdeckt.

"Logistischer Albtraum"

"Der gegenwärtige Lockdown und sein logistischer Albtraum ist der letzte Sargnagel für die Attraktivität Shanghais im Rest der Welt", sagt die Vizepräsidentin der Europäischen Handelskammer in China, Bettina Schön-Behanzin, die schon lange in der Hafenstadt lebt. "Es ist echt nicht typisch für Shanghai, dass es tatsächlich einen Mangel an Vorbereitung gab, bevor diese Vorbeugungs- und Kontrollmaßnahmen umgesetzt werden."

Die Lieferung von Lebensmitteln funktioniert schlecht. Bewohner, die nicht genug Vorräte haben, rufen laut aus Fenstern: "Wir haben Hunger." Behördenvertreter räumen Probleme bei der Versorgung "auf den letzten hundert Metern" ein. "Wir sind zu viert in meiner Familie, und wenn wir uns nur auf die Gemüse-Verteilung der Regierung stützen müssten, hätten wir definitiv nicht genug", sagt Frau Ye, eine 26-jährige Finanzexpertin im Stadtteil Xuhui, die seit einem Monat in ihrem Apartment feststeckt.

"Ich und meine Freunde wollen Shanghai verlassen"

Ähnlich eine Frau im Stadtteil Pudong: "Ich bin jetzt 30 Tage zu Hause isoliert und habe endlich mal Gemüse von den Behörden bekommen." Vorher habe sie nur einmal Reis, Mehl und Öl erhalten. Sie lebe von Vorräten und habe Glück gehabt, im Internet mal was zu erwischen, was Millionen Shanghaiern schwerfällt. "Normalerweise ist Shanghai ziemlich gut, aber die Regierung tut viel zu wenig", sagt die junge Frau. "Ich und meine Freunde wollen Shanghai verlassen."

Es geht die Angst um, in Quarantäne gebracht zu werden, wenn einer der ständigen Tests positiv ausfallen sollte. Jeder Infizierte muss in China in zentrale Lager, die für Zehntausende auch in Messehallen eingerichtet wurden. Vielfach gibt es keine Duschen. Es gibt Klagen über dreckige Toiletten. "Es sind Superspreader-Abschottungsorte, und es ist ganz leicht, Kreuzinfektionen zu bekommen", warnt die EU-Kammervizevorsitzende Schön-Behanzin.

Die Nerven liegen blank. Staatsmedien räumen ein, dass "Zweifel, Angst und Müdigkeit spürbar" seien. Bewohner beschimpfen weiß vermummte Pandemie-Ordner oder Polizisten, die auch handgreiflich gegen protestierende Bewohner vorgehen, wie Videos im Internet zeigen. Mit Drohnen werden Wohngebiete aus der Luft überwacht. Hohe Absperrungen und Bauzäune riegeln Häuser hermetisch ab. Roboterhunde, mit plärrendem Megafon aufgeschnallt, laufen durch die leeren Straßen: "Tragt Maske, wascht häufig Hände, und messt Fieber!" So wird es wohl noch Wochen gehen. Erst Mitte Juni soll der Ausbruch in Shanghai wirklich unter Kontrolle sein, sagen chinesische Experten.

Verwendete Quellen
  • Nachrichtenagentur dpa
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