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DDR-Raubzug – Kunstraub von Gotha: Wer stahl die Gemälde großer Meister?

Gestohlene Gemälde  

Gotha 1979: Wer drehte das größte Ding der DDR?

Von Dietmar Seher

15.03.2020, 17:41 Uhr
DDR-Raubzug – Kunstraub von Gotha: Wer stahl die Gemälde großer Meister?. Schloss Friedenstein in Gotha (Bildmontage): 1979 fand dort der größte Kunstraub der DDR statt. (Quelle: imago images/F. Berger)

Schloss Friedenstein in Gotha (Bildmontage): 1979 fand dort der größte Kunstraub der DDR statt. (Quelle: F. Berger/imago images)

1979 erschütterte ein spektakulärer Raubzug die DDR. Fünf wertvolle Gemälde wurden in Gotha gestohlen. Jeder stand im Verlauf der Zeit in Verdacht: so etwa die Stasi. Heute gibt es eine neue, alte Spur.

Schloss Friedenstein im thüringischen Gotha ist Hort zahlreicher Kunstschätze. Gleichwohl fehlt es im Jahr 1979 an entscheidenden Sicherheitsmaßnahmen. Wie einer einsatzbereiten Alarmanlage und ausreichend Wachpersonal. Der Chef des Museums, Heinz Wiegand, fürchtet um die Sicherheit der Kunstwerke, wie ein internes Protokoll der Volkspolizei belegt, das Jahrzehnte später vom MDR ausgewertet werden sollte.

Wiegands Sorge ist nicht unbegründet. Denn in der Nacht zum 14. Dezember 1979 dringt jemand in Schloss Friedenstein ein. Vielleicht wissen die Unbekannten – oder war es nur einer? – um die fatale Sicherheitslage. Jedenfalls sammeln sie gezielt fünf Ausstellungsstücke ein: darunter etwa die "Heilige Katharina" von Hans Holbein dem Älteren und die "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" von Jan Brueghel dem Älteren.

Gotha war geschockt

Die Meisterwerke verlassen das Gebäude über die Außenwand an einem Strick, vier Millimeter stark aus Mischbindfaden. Braun, dunkelblau und weiß. Das kann die Volkspolizei laut MDR ermitteln, die am frühen Morgen die Fahndung mit einem Großaufgebot eröffnet. Die Öffentlichkeit reagiert entsetzt, als der Kunstraub von Gotha bekannt wird. Kunsträuber sind unterwegs? In diesem scharf überbewachten Land, in dem es Kriminalität laut Staatsdoktrin quasi gar nicht geben darf? Ein Schock.

Als "Trauma" benannte Gothas langjähriger Oberbürgermeister Knut Kreuch Anfang 2020 im Interview mit dem MDR den Raubzug von 1979. Doch dieses Trauma sollte überwunden werden. Denn die Kunstwerke sind fast 40 Jahre nach ihrem Verschwinden wieder da. Kreuch spielte bei der Wiederbeschaffung eine wichtige Rolle.

Festsaal von Schloss Friedenstein: 1979 war das Gelände nur rudimental gegen Einbrecher gesichert. (Quelle: dpa/Carsten Koall)Festsaal von Schloss Friedenstein: 1979 war das Gelände nur rudimental gegen Einbrecher gesichert. (Quelle: Carsten Koall/dpa)

Bis dahin Unbekannte, die über das Diebesgut verfügten, sind 2018 über einen Mittelsmann an den Kommunalpolitiker Kreuch herangetreten. Für Millionenbeträge bot der Betreffende die Kunstwerke zum "Rückkauf" an. Nach Gefeilsche um Bedingungen standen die Gemälde 2019 vor dem Stadtoberhaupt. Kreuch kannte sie bis dahin nur von Fotos.

Nachdem ihre Echtheit überprüft wurde, werden die fünf Meisterwerke und beschädigte Teile der Rahmen derzeit restauriert. Wohl viele Kunstliebhaber werden nach Thüringen pilgern, wenn das Quintett 2021 in neuem, alten Glanz ausgestellt wird.

Den Tätern auf der Spur

Die Gothaer wie auch die Öffentlichkeit möchten aber natürlich nach wie vor wissen, wer hinter dem Kunstraub von 1979 steckt. Wer gab den Auftrag, wer führte ihn aus? Bis heute gibt es nur Spekulationen und Gerüchte. Und vielleicht ist sogar die Annahme, dass eine Bande von versierten Kunsträubern 1979 zugeschlagen habe, falsch. Möglicherweise war es – so unwahrscheinlich es zunächst klingen mag – tatsächlich ein einzelner, unbedarfter Täter, der im Schloss abräumte.

Seit 1990 ist Deutschland wiedervereint, seit 2009 fahndet die Polizei nicht mehr in der Angelegenheit von Schloss Gotha. Die Verjährungsfrist von 30 Jahren war damals abgelaufen. Doch seit 2019 ermittelt die Staatsanwaltschaft in Berlin, ob das vermeintliche "Angebot" an den Oberbürgermeister von Gotha einen Erpressungsversuch darstellt. Im Zuge dessen versucht die Staatsanwaltschaft auch zu klären, was tatsächlich 1979 passiert sein könnte. Spuren gibt und gab es zahlreiche.

Jan Brueghel d. Ä. (Brüssel 1568 - 1625 Antwerben) Landstraße mit Bauernwagen und Kühen, um 1610 Vor 1804 für die Sammlu (Quelle: imago images/VIADATA)Jan Brueghel d. Ä. (Brüssel 1568 - 1625 Antwerben) Landstraße mit Bauernwagen und Kühen, um 1610 Vor 1804 für die Sammlu (Quelle: VIADATA/imago images)

Die erste Fährte der Fahnder reicht zurück ins Jahr 1977 und zu Dieben, die es damals auf dasselbe Museum und dieselben Bilder abgesehen hatten. Diese Bande war festgenommen, verurteilt und im November 1979 im Zuge einer Amnestie freigelassen worden – nur einen Monat vor dem tatsächlichen Raub in Gotha. Dennoch: Der Anfangsverdacht eines zweiten Versuchs durch die Möchtegerndiebe von 1977 stellte sich als falsch heraus.

Per Laster in den Westen?

Schnell entwickelte sich eine zweite Überlegung. Polizeihunde hatten am Morgen nach der Tat einen Fluchtpfad durch einen benachbarten Park hin zu einer Verladestelle für Lkw erschnüffelt, wie die "Berliner Zeitung" berichtete. Hier spielten sich Nacht für Nacht erstaunliche Geschäfte ab. Westdeutsche Laster der Rosenheimer Schlachtfirma Marox holten Fleisch für den Verkauf in der alten Bundesrepublik ab. Der Inhaber Josef März war ein enger Freund des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (CSU) – und unterhielt beste Beziehungen zur DDR-Führung.

Sind in diesen Fleischlastern, zwischen Schweine- und Rinderhälften, auch die gestohlenen Schätze aus Schloss Friedenstein transportiert worden, verscherbelt gegen Westmark für die DDR-Staatskasse?

Die Fleischspur ist ebenso nur Gerücht und unbewiesene Möglichkeit geblieben wie die ähnlich klingende Geschichte vom Bunker der staatseigenen Kommerziellen Koordination KoKo in Gotha, in dem Wertvolles für den Westverkauf aufbewahrt wurde – oder wie die von der wohlhabenden Familie aus dem Westen, die die Gemälde habe stehlen lassen, um so einen in der DDR inhaftierten Freund freizupressen. Dass ein Arzt aus Ostfriesland zuletzt im Besitz der gestohlenen Kunstwerke gewesen sei? Auch das liegt wohl daneben.

"Die Stasi-Legende ist widerlegt"

Was ist wirklich in der Nacht passiert? Die Rechtsanwältin Friederike von Brühl, die die Gothaer Stiftung Schloss Friedenstein vertritt, arbeitet in der Berliner Kanzlei K&L Gates und gilt als ausgewiesene Kunstrechtsexpertin. "Die Marox-Spur glaubt keiner mehr", erklärte sie t-online.de, "auch die Stasi-Legende ist widerlegt." Laufende strafrechtliche Ermittlungen will sie nicht näher kommentieren.

Aber nach Informationen von t-online.de zeichnet sich eine Kehrtwende bei der Aufklärung ab. In der Raubnacht hat wahrscheinlich ein Einzeltäter zugeschlagen. Er könnte aus dem Süden Thüringens stammen.

Die "Berliner Zeitung" berichtete schon Anfang Februar über diesen möglichen Verdächtigen. Die Volkspolizei habe im Winter 1979 eine Spur übersehen. Der Betreffende war Techniker bei der Deutschen Reichsbahn, der nach damaligen, nicht ernst genommenen Zeugenaussagen die Kunstwerke in seinem extra präparierten Auto, einem frühen Modell des Trabants, weggefahren haben soll. Der Mann wurde Ende der 80er-Jahre in die Bundesrepublik abgeschoben und ist 2014 verstorben.

Unersetzbare Werte

War er es, der – auf welchem Weg auch immer – die Beute womöglich an westdeutsche Abnehmer verkauft hat? An dieser Stelle könnten die Erpressungsermittlungen der Berliner Staatsanwaltschaft Klarheit bringen, die sich gegen den Sohn eines 2018 verstorbenen Erblassers und seinen Anwalt richten.

Der Sohn ist eines von vier Kindern, die die gestohlenen Gemälde aus dem väterlichen Vermögen übernommen haben. Im Auftrag der anderen drei sollte er an die Stadt Gotha herantreten. Die Erbengemeinschaft könnte manches wissen. Wenn es richtig ist, dass der Vater die Werke seit den 80er-Jahren besessen hat, dann muss er auch die Herkunft erahnt haben.

Noch 2018 suchte Oberbürgermeister Knut Kreuch nach Geldquellen, um die Erben zu bezahlen. Die Ernst von Siemens-Kunststiftung erklärte sich bereit, großzügig einzuspringen. Doch heute ist sicher: Die Erben werden keinen Cent bekommen. Das ist in einer Vereinbarung mit ihnen sichergestellt, die laut Rechtsanwältin Friederike von Brühl "keine finanzielle Gegenleistung für die Bilder mehr vorsieht. Dafür haben wir gekämpft und das haben wir auch geschafft."

Ohnehin: Was die fünf inzwischen für eine Summe über viereinhalb Millionen Euro versicherten Gemälde wert sind, das ließe sich gar nicht beziffern, sagt von Brühl. Der eigentliche Wert sei "ideell und kunsthistorisch unermesslich."

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