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Elektrischer Stuhl wird 125: "Sie hätten besser eine Axt genommen"

Der elektrische Stuhl wird 125  

"Sie hätten besser eine Axt genommen"

05.08.2015, 11:46 Uhr | dpa

Elektrischer Stuhl wird 125: "Sie hätten besser eine Axt genommen". "Old Sparky": Der elektrische Stuhl wird 125 Jahre alt. (Quelle: dpa)

"Old Sparky": Der elektrische Stuhl wird 125 Jahre alt. (Quelle: dpa)

Schon die Guillotine sollte die Hinrichtung im 18. Jahrhundert humaner gestalten. Dann der elektrische Stuhl, der jetzt 125 Jahre alt wird. Aber gibt es eine "humane Todesstrafe" überhaupt? Oder dient das Gerät zur Abschreckung? Der "alte Funkensprüher" hatte vom ersten Tag an seine Kritiker: "Sie hätten besser eine Axt genommen", sagte ein Industrieller nach der ersten Hinrichtung.

William Kemmlers letzte Worte waren an den "Staatselektriker" gerichtet: "Seien Sie gründlich, ich habe keine Eile", sagte der Sohn deutscher Einwanderer, bevor man ihm am 6. August 1890 einen Sack über den Kopf zog und eine Elektrode an den kahlgeschorenen Schädel legte. Der Axtmörder sollte als erster durch eine neue, angeblich humanere Art hingerichtet werden.

Doch der Todeskampf im Auburn Prison nördlich von New York dauerte acht Minuten. Adern platzten, Funken stoben und es roch nach verbranntem Fleisch. Schließlich war der 30-Jährige tot, als erster durch eine Erfindung namens elektrischer Stuhl. Die wird jetzt 125 Jahre alt - und die Debatte um die Todesstrafe ist in den USA so lebhaft wie lange nicht.

"Der Todesstrafe entkommt keiner"

"Furchtbare Taten brauchen eine angemessene Strafe", sagt Dudley Sharp. Der frühere Gegner der Todesstrafe ist heute ihr Befürworter und er sieht kein moralisches Problem: "Im Gegenteil, es ist unmoralisch, wenn jemand unaussprechliche Verbrechen begeht und dafür auch noch mit dem Leben belohnt wird. Denn das Leben ist ein Geschenk, das Verantwortung mitbringt."

Sharp zweifelt nicht an der Abschreckung der Todesstrafe: "Selbst der gemeinste Verbrecher, selbst das größte Arschloch will leben. Aus dem Knast gibt es einen Ausweg, legal oder illegal. Aber der Todesstrafe entkommt keiner."

Keine Nachsicht mit Kriminellen

Auch Bryan Stevenson will mit Kriminellen nicht nachsichtig sein, ist aber gegen die Todesstrafe. "Man muss sie zur Verantwortung ziehen. Aber verantwortungsvoll", sagt der Geschäftsführer der "Equal Justice Initiavtive", die sich in Amerika für Menschen einsetzt, die unter die Räder der politischen Justiz kommen. Ein Leben zu nehmen, das man nicht selbst gegeben habe, sei falsch, das dürfe nur Gott. "Wir müssen nicht töten, um zu zeigen, dass töten falsch ist. Wir vergewaltigen ja auch keine Vergewaltiger."

Er habe ein gewisses Verständnis für die Befürworter der Todesstrafe, erst recht wenn sie selbst Opfer von Verbrechen sind. "Aber da ist viel Rache und viel Wut im Spiel. Und das hat in der Justiz nichts zu suchen. Es gibt so viele Wege, Menschen hart zu bestrafen."

20 Jahre von Urteil bis Hinrichtung

In 31 der 50 US-Staaten gibt es die Todesstrafe, wenn auch in einigen nur noch pro forma. Nur in Nebraska ist der elektrische Stuhl offiziell die einzige Exekutionsmethode. Faktisch werden hier jedoch keine Todesurteile mehr vollstreckt, weil das oberste Bundesgericht die Methode 2008 für verfassungswidrig erklärte - zu "grausam und ungewöhnlich".

In Alabama, Florida, Georgia, South Carolina und Virginia ist der elektrische Stuhl noch immer im Einsatz, es gibt allerdings auch andere Hinrichtungsarten. In Arkansas, Kentucky und Tennessee können Verurteile auf eigenen Wunsch statt mit der Giftspritze auch mit dem elektrischen Stuhl hingerichtet werden, wenn ihr Verbrechen noch vor dem offiziellen Abschaffungsdatum stattfand.

Der bislang letzte Verurteilte, der durch den elektrischen Stuhl starb, war ein 42-Jähriger in Virginia im Januar 2013.

35 Häftlinge wurden im vergangenen Jahr in den USA insgesamt hingerichtet, etwa 3000 weitere warten darauf. In der Regel dauert es vom Urteil bis zur Hinrichtung - wenn es überhaupt dazu kommt - zehn, manchmal 20 Jahre. Die meisten Hinrichtungen gibt es in Texas, zehn im letzten Jahr, neun schon in diesem. Geht es nach Bevölkerungsgröße, liegt der Nachbar Oklahoma vorn.

Mörder und Spione

Auf dem elektrischen Stuhl starben vor allem Mörder. Und im Zweiten Weltkrieg auch deutsche Spione, am 8. August 1942 gleich sechs an einem Tag. Nach dem Krieg wurde Julius Rosenberg, ein Atomspion, und seine Frau Ethel "elektrokutiert".

Doch "Old Sparky", der "alte Funkensprüher", war von Anfang an umstritten. "Sie hätten besser eine Axt genommen", sagte nach Kemmlers Hinrichtung der Industrielle George Westinghouse, der seinen Wechselstrom diskreditiert sah. Und Meldungen über aus den Schädeln schlagenden Flammen machten dem elektrischen Stuhl fast überall ein Ende.

Sharp hält die Todesstrafe für nötig, aber das Verfahren müsse straffer werden, damit nicht zwischen Urteil und Exekution Jahrzehnte lägen. Stevenson sieht das Geld falsch angelegt: "Kalifornien gibt für den Todestrakt 200 Millionen Dollar im Jahr aus, genutzt oder nicht. Gleichzeitig sagt die Polizei, ein Drittel aller Morde werde aus Geldmangel nicht aufgeklärt. Das ist doch Irrsinn. Wir verschwenden Millionen für eine Strafe, die nichts bringt."

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