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"40.000 sind weg, 60.000 m├╝ssen noch weg"

  • Marc von L├╝bke-Schwarz
Von Marc von L├╝pke-Schwarz

Aktualisiert am 25.08.2019Lesedauer: 4 Min.
Diakonissenanstalt Bruckberg: Auch Menschen, die dort lebten, wurden w├Ąhrend der "Aktion T4" ermordet.
Diakonissenanstalt Bruckberg: Auch Menschen, die dort lebten, wurden w├Ąhrend der "Aktion T4" ermordet. (Quelle: /dpa-bilder)
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F├╝r Adolf Hitler waren sie "Ballast", bestimmt zur "Vernichtung": Im Oktober 1939 legitimierte er die Ermordung von Kranken und Menschen mit Behinderung.

Eine grauenvolle Szene spielt sich Anfang Januar 1940 im Alten Zuchthaus in Brandenburg an der Havel ab. Menschen werden in einen Raum gesperrt, dann str├Âmt Kohlenmonoxid ein. Es dauert nur wenige Augenblicke, bis das Gas sie get├Âtet hat.

Au├čerhalb des Raums herrscht Zufriedenheit, die Zuschauer des Mordes sind geradezu erfreut, wie schnell sich Menschen mittels Vergasung t├Âten lassen. Leonardo Conti befindet sich darunter, der "Reichs├Ąrztef├╝hrer", auch Karl Brandt, einer von Hitlers Leib├Ąrzten. Dazu Philipp Bouhler, Leiter der "Kanzlei des F├╝hrers", wie einige Chemiker von der SS. Allesamt waren sie nach Brandenburg gekommen, um die "Probevergasung" zu beobachten.

"Harte, notwendige Arbeit"

Denn die Nationalsozialisten exekutieren zu dieser Zeit einen Massenmord. Ihre Opfer sind Menschen mit k├Ârperlichen und geistigen Behinderungen, Menschen mit psychischen Erkrankungen ÔÇô f├╝r die Nationalsozialisten schlicht "Ballastexistenzen" und "unn├╝tze Esser". Die nun aus diesem Grund zu Tausenden w├Ąhrend der kommenden Monate in den eigens eingerichteten Mordanstalten Brandenburg an der Havel, Hadamar, Grafeneck, Pirna-Sonnenstein, Hartheim und Bernburg umgebracht werden.

Als "Euthanasie" bezeichneten Nazis und beteiligte ├ärzte damals besch├Ânigend den Massenmord, ├╝bersetzt aus dem Griechischen bedeutet letzteres "der gute Tod". "Das ist eine harte, aber auch notwendige Arbeit", behauptete Joseph Goebbels Ende Januar 1941 in einem Tagebucheintrag. Und zog eine Bilanz des Schreckens: "40.000 sind weg, 60.000 m├╝ssen noch weg."

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(Quelle: t-online.de)

Der Beginn dieser m├Ârderischen "Arbeit" lag im Jahr 1939. Im Oktober verf├╝gte Adolf Hitler, dass "unheilbar Kranken ÔÇŽ der Gnadentod gew├Ąhrt werden kann." Das Schreiben war zur├╝ckdatiert auf den 1. September, den Tag des Kriegsbeginns. Es ist ein zentrales Dokument: Anders als bei der Judenvernichtung hatte Hitler damit einen Befehl zur Ermordung von Menschen unterschrieben. Einen Kampf gegen vermeintlich "Minderwertige" innerhalb der "Volksgemeinschaft" f├╝hrten die Nationalsozialisten allerdings bereits seit ihrer Macht├╝bernahme. Ab 1934 durften sogenannte "Erbkranke" im Zuge der "Rassenhygiene" beispielsweise zwangssterilisiert werden.

Ein Pluszeichen war ein Todesurteil

Mit Kriegsbeginn erhoffte sich der "F├╝hrer" vermutlich eine gr├Â├čtm├Âgliche Ablenkung der Bev├Âlkerung von der geplanten "Vernichtung lebensunwerten Lebens", wie es in der NS-Ideologie hie├č. Ein System von Tarnorganisationen wurde geschaffen: Die "Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten" war etwa f├╝r die Erfassung der Opfer mittels Meldeb├Âgen zust├Ąndig, die "Gemeinn├╝tzige Krankentransportgesellschaft" f├╝r ihren Transport in die T├Âtungsanstalten.

An der Spitze firmierte eine "Zentraldienststelle" mit Sitz in der Berliner Tiergartenstra├če 4. Als "Aktion T4" wurde die T├Ątigkeit dieser Institution in der Nachkriegszeit bezeichnet. "In vielen Pflegeanstalten des Reichs sind viele unheilbar Kranke jeder Art untergebracht, die der Menschheit ├╝berhaupt nichts n├╝tzen", fasste Viktor Brack, einer der Hauptverantwortlichen f├╝r die Euthanasie, die ├ťberzeugung der T├Ąter zusammen.

├ťber das Schicksal der Opfer entschieden seit Beginn der "Aktion T4" drei, bisweilen auch vier ├ärzte, allein mittels der nun aus zahlreichen Heil- und Pflegeanstalten eintreffenden Meldeb├Âgen. Ohne den betreffenden Menschen je pers├Ânlich gesehen zu haben. Vermerkten die Mediziner ein Minuszeichen in blau, durfte der Patient weiterleben. Vermerkten sie ein "Plus" in rot, war dieser dem Tode geweiht.

Die Verwandten wurden belogen

In meist grauen Busse transportierten die T├Ąter nun in den kommenden Monaten Tausende Patienten von ihren Wohn- und Pflegeorten in die T├Âtungsanstalten, binnen k├╝rzester Zeit wurden sie dort umgebracht. In Krematorien verbrannten die M├Ârder ihre sterblichen ├ťberreste, den Verwandten wurden erfundene Todesursachen gemeldet.

V├Âllig geheim lie├č sich ein solcher Massenmord aber nicht halten: Sp├Ątestens seit dem Sommer 1940 war in der deutschen Bev├Âlkerung bekannt, dass etwas Schreckliches mit den abtransportierten Menschen geschah. Zu unglaubw├╝rdig waren die Erkl├Ąrungen ├╝ber deren Schicksal.

Frankfurt am Main Das reisende Denkmal der Grauen Busse auf dem Rathenauplatz in Frankfurt
Gedenken: Weil viele der Ermordeten mit grauen Bussen zu den T├Âtungsanstalten transportiert wurden, erinnert ein mobiles Denkmal an diese Menschen. (Quelle: Hartenfelser/imago-images-bilder)

Am 3. August 1941 trat schlie├člich Bischof Clemens August Graf von Galen vor die Gl├Ąubigen in der M├╝nsteraner Kirche St. Lamberti. "Seit einigen Monaten h├Âren wir Berichte, dass aus Heil- und Pflegeanstalten ÔÇŽ Pfleglinge ... zwangsweise abgef├╝hrt werden", begann der Geistliche. Um den Versammelten dann die furchtbare Konsequenz der NS-Ideologie f├╝r jeden Einzelnen unter ihnen zu offenbaren: "Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den 'unproduktiven' Mitmenschen t├Âten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden."

Das Morden ging weiter

Emp├Ârung war die Folge, zumal auch andere Geistliche Protest erhoben. Hitler stoppte daraufhin die "Aktion T4". Etwa 70.000 Menschen waren bis dahin umgebracht worden. Die Morde an Kranken gingen jedoch weiter, allerdings ohne die zentrale Steuerung aus Berlin. Viele Wehrlose wurden nun in Heil- und Pflegeanstalten mit Medikamenten umgebracht, andere lie├č man einfach verhungern. Als "wilde Euthanasie" wird dieses T├Âten bisweilen bezeichnet. Zu Unrecht, denn die Ermordung dieser Menschen wurde weiterhin mit gnadenloser Akribie durchgef├╝hrt. Sch├Ątzungen zufolge starben dabei weitere 30.000 Menschen bis Kriegsende.

"T4" und die sich anschlie├čende "wilde Euthanasie" sind nicht die einzigen Aktionen innerhalb der nationalsozialistischen Krankenmorde. Im Zuge der "Kindereuthanasie" wurden mehrere Tausend Kinder und Jugendliche umgebracht, die T├Âtungsanstalten Bernburg, Sonnenstein und Hartheim wurden 1942 erneut zu Tatorten: Bei der "Aktion 14f13" vergasten die Nazis dort vor allem als "krank" geltende KZ-H├Ąftlinge. Bis zu 20.000 Menschen fielen dieser Mordaktion zum Opfer.

Vorspiel f├╝r den Holocaust

Die "Aktion T4" hatte sich trotz ihres Abbruchs f├╝r die Nationalsozialisten als n├╝tzlich erwiesen. Sie hatten nicht nur eine neue Art des Massenmords erprobt, sondern auch bewiesen, wie leicht Menschen zum vielfachen und wiederholten T├Âten gebracht werden konnten. Einer der aufmerksamsten Beobachter der "Probevergasung" 1940 in Brandenburg war ein Polizeibeamter namens Christian Wirth. Bald stieg er zum "Inspekteur" aller T├Âtungsanstalten der "Aktion T4" auf, sp├Ąter war Wirth erster Kommandant des Vernichtungslagers Belzec im besetzen Polen.


Bei seiner Ankunft dort verk├╝ndete Wirth seinen Untergebenen, dass nun "alle Juden umgelegt" w├╝rden. Tats├Ąchlich wurden Sch├Ątzungen zufolge allein dort mehr als 400.000 Menschen ermordet. Auch mithilfe der "Erfahrungen" aus der "Aktion T4".

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