Sie sind hier: Home > Panorama > Wissen > Geschichte >

Zweiter Weltkrieg: Wehrmacht-Soldaten wurden in arktischer Kälte vergessen

Geheimmission bei Kriegsende 1945  

Der Trupp, den die Wehrmacht in arktischer Kälte vergessen hatte

05.09.2020, 10:55 Uhr
Zweiter Weltkrieg: Wehrmacht-Soldaten wurden in arktischer Kälte vergessen. Unternehmen "Haudegen": Auf Nordostland errichteten diese Soldaten im Zweiten Weltkrieg eine deutsche Wetterstation. (Quelle: Leibniz-Institut für Länderkunde, Archiv für Geographie)

Unternehmen "Haudegen": Auf Nordostland errichteten diese Soldaten im Zweiten Weltkrieg eine deutsche Wetterstation. (Quelle: Leibniz-Institut für Länderkunde, Archiv für Geographie)

Der Zweite Weltkrieg war für die Deutschen längst vorbei, doch am Ende der Welt harrte ein Trupp der Wehrmacht weiter aus. Die Männer hatten eine kriegswichtige Mission.

Ein U-Boot der deutschen Kriegsmarine eilt Anfang September 1944 durch den Arktischen Ozean gen Norden. Seine Mission ist streng geheim – es transportiert einen Trupp Marinesoldaten nach Nordostland, einer Insel des norwegischen Spitzbergen-Archipels. Elf Männer gehören zur Truppe mit der Tarnbezeichnung Unternehmen "Haudegen", nach der Ankunft in einer Bucht des Rijpfjords erwartet sie harte Arbeit.

In größter Eile entladen die Männer "U-307" und das Begleitschiff "Karl J. Busch" – denn jederzeit könnten alliierte Einheiten die Deutschen angreifen. Hunderte Frachtstücke werden an Land gebracht, während andere Männer an Land eine Behausung errichten. Denn als die "U-307" und "Karl J. Busch" nach einiger Zeit wieder in See stechen, lassen sie das knappe Dutzend auf der unbewohnten Insel inmitten vom Nirgendwo zurück. "Das wird eure zweite Heimat werden", verkündet Expeditionsleiter Wilhelm Dege, wie sich der Zeitzeuge Siegfried Czapka Jahrzehnte später in der "ARD"-Dokumentation "Krieg in der Arktis" erinnern sollte.

Minen gegen Feinde

Für die Wehrmacht ist die Mission "Haudegen" von höchster Bedeutung. Sie soll dabei aber keineswegs gegnerische Einheiten bekämpfen, nein, die Männer sollen Wetterberichte gen Süden schicken. Denn für deutsche Kriegsschiffe, Flugzeuge und auch die Bodentruppen ist es von äußerster Wichtigkeit, das kommende Wettergeschehen genau einschätzen zu können.

Immer wieder haben die Deutschen deshalb Stationen im hohen Norden installiert – auf Grönland, der Bäreninsel, Spitzbergen und selbst an der kanadischen Küste. Wohl bewusst, was die gegnerischen Wetterfrösche in Uniform trieben, hoben die Alliierten immer wieder derartige Basen aus. Beim Unternehmen "Haudegen" herrscht deshalb große Vorsicht. Nach Errichtung der Unterkunft – elf Männer auf rund 50 Quadratmetern – legen die Deutschen eine Minensperre gegen feindliche Angriffe an.

Die eigentliche Arbeit soll ohnehin erst lange nach der Ankunft auf Nordostland beginnen: im Oktober, wenn riesige Eismassen die Bucht für Schiffe unpassierbar machen und die Polarnacht das Eiland in lange Dunkelheit taucht. Über den richtigen Zeitpunkt dafür entscheidet Kommandeur Wilhem Dege. Er ist kein Berufssoldat, sondern im Zivilberuf Lehrer und Wissenschaftler, der zudem Arktiserfahrung hat.

Entsprechend führt der Mittdreißiger seine Männer nicht als Kommisskopf. Als sich die Truppe im norwegischen Tromsø etwa zur Weiterfahrt nach Nordostland vorbereitete, erreichte sie die Nachricht von der Versenkung des U-Boots "354". Das eigentlich die Mission hätte begleiten sollen. Dege befragte daraufhin seine Männer, ob sie auch unter diesen Umständen weiterhin teilnehmen wollten. Keiner verweigerte sich.

Pressholz gegen arktische Kälte

Die Truppe war handverlesen – Siegfried Czapka aus Sachsen etwa war Funker im besetzten Paris gewesen, als er erfuhr, dass Freiwillige für eine besondere Aufgabe an unbekanntem Ort gesucht wurden. "Wir durften auch unseren Eltern nicht sagen, wohin es geht", so beschreibt er später für die "MDR"-Reportage "Zurück ans Ende der Welt" das damalige Geschehen. So tauschte Czapka nach einer Ausbildung für das Überleben und Kämpfen unter eisigen Bedingungen etwa im Riesengebirge das doch recht bequeme Leben in Frankreichs Hauptstadt mit der Ödnis des Nordpolarkreises.

Denn bald nach der Ankunft von "Haudegen" wird Nordostland von schweren Stürmen heimgesucht, die Deutschen ziehen sich in ihre Behausung aus Pressholzplatten zurück. Raus müssen die Wettermänner aber selbst bei schlechten Wetterverhältnissen. Denn achtmal am Tag sind Daten zu erheben, auch ein mit Wasserstoff befüllter Ballon wird zu diesem Zweck immer wieder in die Höhe geschickt. Codiert sendet Deutschlands Stützpunkt im hohen Norden die Werte dann Richtung Süden.

Nebenbei muss für die Dinge des täglichen Bedarfs in der lebensfeindlichen Umgebung nördlich des Polarkreises gesorgt werden. Der Schnee türmt sich meterhoch hinauf, die Temperaturen sinken weit unter den Gefrierpunkt.

Nordostland: In dieser kleinen Unterkunft lebte der der deutsche Wettertrupp ein gutes Jahr lang. (Quelle: Leibniz-Institut für Länderkunde, Archiv für Geographie)Nordostland: In dieser kleinen Unterkunft lebte der der deutsche Wettertrupp ein gutes Jahr lang. (Quelle: Leibniz-Institut für Länderkunde, Archiv für Geographie)

Zwar ist die Mission mit reichlich Vorräten ausgestattet worden, nicht zuletzt mit alkoholischen Getränken, aber Brennholz braucht es trotzdem. Wie auch körperliche Ertüchtigung. Zur Anregung von Geist und Verstand erteilt Dege des Abends Lektionen etwa in Literatur, er hat für Bücher gesorgt. Entspannung finden die Männer in der Sauna, die sie sich eingerichtet haben.

Besuch von Eisbären

Wenig entspannend ist hingegen die Bedrohung durch die heimische Fauna. Eisbären haben schnell die Anwesenheit der Menschen bemerkt, die "Haudegen" gehen bald nur noch bewaffnet aus dem Haus. Einmal erschießen sie eine Bärin. Und kümmern sich hinterher um deren Jungtiere, bis diese Reißaus nehmen.

So gehen die Tage der Besatzung der Wetterstation "Haudegen" dahin. Die Männer sind trotz des oft eintönigen Dienstes in Sorge, denn um den Krieg steht es schlecht. Vor allem um die Familien in der Heimat sorgen sich die Soldaten. Mit Recht, in Siegfried Czapaks Heimat Sachsen wird etwa Dresden bei alliierten Bomberangriffen im Februar 1945 schwer zerstört.

Und so fern ist das Sterben auch nicht von der Basis "Haudegen" entfernt. Ende 1944 erreichte sie ein Notruf der Kameraden von der Station "Zugvogel", einer anderen Wettermission, nur eben auf einem Schiff in der Grönlandsee. Diese eine Bitte um Hilfe sandte "Zugvogel" aus, dann herrschte Schweigen im Äther. Von Schiff und Besatzung wurde nie wieder etwas gehört.

Monate später gab es noch einen weiteren Untergang. Wenn auch auf andere Weise. Am 8. Mai 1945 kapitulierte die Wehrmacht, der Krieg war für die Deutschen vorbei. Bis eben auf die kleine Truppe auf Nordostland, die das Ereignis mit Steinhäger begoss. "Was wird aus uns?", diese alles entscheidende Frage stellten sich die Männer, wie Czapka in "Krieg in der Arktis" berichtete. "Allein konnten wir nicht weg."

Vergessen am Ende der Welt

Mit Tromsø gibt es noch etwas Kontakt per Funk, dann Stille. Die Sorge der Männer um die Verwandten wächst und wächst, Dege hält dagegen. Die Insel wird auf Expeditionen erkundet, es wird nach dem Ende des Nationalsozialismus über Demokratie diskutiert. Und natürlich sendet "Haudegen" weiterhin die ermittelten Daten zum Wetter. Jetzt allerdings ohne Codierung.

Sehnsüchtige Blicke werden Richtung Meer geworfen – und immer wieder enttäuscht. Hat man die "Haudegen" endgültig vergessen? Dann, am 3. September 1945, folgt die Erlösung. Ein norwegischer Robbenfänger läuft in den Fjord ein, Wilhelm Dege macht sich auf zur Begrüßung des Kapitäns. Zur Überraschung aller fallen sich der Deutsche und der Norweger in die Arme. Beide hatten sich in der Vergangenheit bereits kennengelernt.

"Wir haben dann mit den Norwegern zusammen die letzten Stunden verbracht", erklärt der damalige Wetterfunker Heinz Schneider ebenfalls in "Krieg in der Arktis". Dann wird gefeiert, die Deutschen wollen sich angesichts ihres gut gefüllten Proviantlagers nicht lumpen lassen. Es geht bis in die ersten Stunden des nächsten Tages. Dann fällt dem norwegischen Kapitän etwas Wichtiges ein: Die Deutschen müssen noch kapitulieren! So wollen es die alliierten Siegermächte.

Aber wie? Wilhem Dege legt kurzerhand seine Pistole ab, damit ist die Sache erledigt. Die letzte Einheit der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg hat damit die Waffen gestreckt. Später am Tag legt der Robbenfänger "Blassel" mit den Deutschen ab. Zurück bleiben die Reste der Wetterstation "Haudegen". Was Wind und Wetter nicht zerstört haben, befindet sich noch immer dort.

Verwendete Quellen:
  • "ARD"-Dokumentation: Krieg in der Arktis (von Ralf Daubitz und Jens Becker)
  • "MDR Sachsenspiegel": Zurück ans Ende der Welt (von Ralf Daubitz und
  • "Spiegel": Die vergessenen Haudegen
  • "Welt": Vergessen, verloren, verwirrt
  • "Damals": "Die Haudegen"
  • Wilhelm Dege: Wettertrupp Haudegen. Eine deutsche Arktisexpedition 1944/45, 1954
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team von t-online

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Ulla Popkentchibo.deOTTOmyToysbonprix.deLIDLBabistadouglas.deXXXLutz

shopping-portal