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Der Trupp, den die Wehrmacht in arktischer KĂ€lte vergessen hatte

  • Marc von LĂŒbke-Schwarz
Von Marc von LĂŒpke

05.09.2020Lesedauer: 5 Min.
Unternehmen "Haudegen": Auf Nordostland errichteten diese Soldaten im Zweiten Weltkrieg eine deutsche Wetterstation.
Unternehmen "Haudegen": Auf Nordostland errichteten diese Soldaten im Zweiten Weltkrieg eine deutsche Wetterstation. (Quelle: Leibniz-Institut fĂŒr LĂ€nderkunde, Archiv fĂŒr Geographie)
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Der Zweite Weltkrieg war fĂŒr die Deutschen lĂ€ngst vorbei, doch am Ende der Welt harrte ein Trupp der Wehrmacht weiter aus. Die MĂ€nner hatten eine kriegswichtige Mission.

Ein U-Boot der deutschen Kriegsmarine eilt Anfang September 1944 durch den Arktischen Ozean gen Norden. Seine Mission ist streng geheim – es transportiert einen Trupp Marinesoldaten nach Nordostland, einer Insel des norwegischen Spitzbergen-Archipels. Elf MĂ€nner gehören zur Truppe mit der Tarnbezeichnung Unternehmen "Haudegen", nach der Ankunft in einer Bucht des Rijpfjords erwartet sie harte Arbeit.

In grĂ¶ĂŸter Eile entladen die MĂ€nner "U-307" und das Begleitschiff "Karl J. Busch" – denn jederzeit könnten alliierte Einheiten die Deutschen angreifen. Hunderte FrachtstĂŒcke werden an Land gebracht, wĂ€hrend andere MĂ€nner an Land eine Behausung errichten. Denn als die "U-307" und "Karl J. Busch" nach einiger Zeit wieder in See stechen, lassen sie das knappe Dutzend auf der unbewohnten Insel inmitten vom Nirgendwo zurĂŒck. "Das wird eure zweite Heimat werden", verkĂŒndet Expeditionsleiter Wilhelm Dege, wie sich der Zeitzeuge Siegfried Czapka Jahrzehnte spĂ€ter in der "ARD"-Dokumentation "Krieg in der Arktis" erinnern sollte.

Minen gegen Feinde

FĂŒr die Wehrmacht ist die Mission "Haudegen" von höchster Bedeutung. Sie soll dabei aber keineswegs gegnerische Einheiten bekĂ€mpfen, nein, die MĂ€nner sollen Wetterberichte gen SĂŒden schicken. Denn fĂŒr deutsche Kriegsschiffe, Flugzeuge und auch die Bodentruppen ist es von Ă€ußerster Wichtigkeit, das kommende Wettergeschehen genau einschĂ€tzen zu können.

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Immer wieder haben die Deutschen deshalb Stationen im hohen Norden installiert – auf Grönland, der BĂ€reninsel, Spitzbergen und selbst an der kanadischen KĂŒste. Wohl bewusst, was die gegnerischen Wetterfrösche in Uniform trieben, hoben die Alliierten immer wieder derartige Basen aus. Beim Unternehmen "Haudegen" herrscht deshalb große Vorsicht. Nach Errichtung der Unterkunft – elf MĂ€nner auf rund 50 Quadratmetern – legen die Deutschen eine Minensperre gegen feindliche Angriffe an.

Die eigentliche Arbeit soll ohnehin erst lange nach der Ankunft auf Nordostland beginnen: im Oktober, wenn riesige Eismassen die Bucht fĂŒr Schiffe unpassierbar machen und die Polarnacht das Eiland in lange Dunkelheit taucht. Über den richtigen Zeitpunkt dafĂŒr entscheidet Kommandeur Wilhem Dege. Er ist kein Berufssoldat, sondern im Zivilberuf Lehrer und Wissenschaftler, der zudem Arktiserfahrung hat.

Entsprechend fĂŒhrt der Mittdreißiger seine MĂ€nner nicht als Kommisskopf. Als sich die Truppe im norwegischen TromsĂž etwa zur Weiterfahrt nach Nordostland vorbereitete, erreichte sie die Nachricht von der Versenkung des U-Boots "354". Das eigentlich die Mission hĂ€tte begleiten sollen. Dege befragte daraufhin seine MĂ€nner, ob sie auch unter diesen UmstĂ€nden weiterhin teilnehmen wollten. Keiner verweigerte sich.

Pressholz gegen arktische KĂ€lte

Die Truppe war handverlesen – Siegfried Czapka aus Sachsen etwa war Funker im besetzten Paris gewesen, als er erfuhr, dass Freiwillige fĂŒr eine besondere Aufgabe an unbekanntem Ort gesucht wurden. "Wir durften auch unseren Eltern nicht sagen, wohin es geht", so beschreibt er spĂ€ter fĂŒr die "MDR"-Reportage "ZurĂŒck ans Ende der Welt" das damalige Geschehen. So tauschte Czapka nach einer Ausbildung fĂŒr das Überleben und KĂ€mpfen unter eisigen Bedingungen etwa im Riesengebirge das doch recht bequeme Leben in Frankreichs Hauptstadt mit der Ödnis des Nordpolarkreises.

Denn bald nach der Ankunft von "Haudegen" wird Nordostland von schweren StĂŒrmen heimgesucht, die Deutschen ziehen sich in ihre Behausung aus Pressholzplatten zurĂŒck. Raus mĂŒssen die WettermĂ€nner aber selbst bei schlechten WetterverhĂ€ltnissen. Denn achtmal am Tag sind Daten zu erheben, auch ein mit Wasserstoff befĂŒllter Ballon wird zu diesem Zweck immer wieder in die Höhe geschickt. Codiert sendet Deutschlands StĂŒtzpunkt im hohen Norden die Werte dann Richtung SĂŒden.

Nebenbei muss fĂŒr die Dinge des tĂ€glichen Bedarfs in der lebensfeindlichen Umgebung nördlich des Polarkreises gesorgt werden. Der Schnee tĂŒrmt sich meterhoch hinauf, die Temperaturen sinken weit unter den Gefrierpunkt.

Nordostland: In dieser kleinen Unterkunft lebte der der deutsche Wettertrupp ein gutes Jahr lang.
Nordostland: In dieser kleinen Unterkunft lebte der der deutsche Wettertrupp ein gutes Jahr lang. (Quelle: Leibniz-Institut fĂŒr LĂ€nderkunde, Archiv fĂŒr Geographie)

Zwar ist die Mission mit reichlich VorrĂ€ten ausgestattet worden, nicht zuletzt mit alkoholischen GetrĂ€nken, aber Brennholz braucht es trotzdem. Wie auch körperliche ErtĂŒchtigung. Zur Anregung von Geist und Verstand erteilt Dege des Abends Lektionen etwa in Literatur, er hat fĂŒr BĂŒcher gesorgt. Entspannung finden die MĂ€nner in der Sauna, die sie sich eingerichtet haben.

Besuch von EisbÀren

Wenig entspannend ist hingegen die Bedrohung durch die heimische Fauna. EisbĂ€ren haben schnell die Anwesenheit der Menschen bemerkt, die "Haudegen" gehen bald nur noch bewaffnet aus dem Haus. Einmal erschießen sie eine BĂ€rin. Und kĂŒmmern sich hinterher um deren Jungtiere, bis diese Reißaus nehmen.

So gehen die Tage der Besatzung der Wetterstation "Haudegen" dahin. Die MÀnner sind trotz des oft eintönigen Dienstes in Sorge, denn um den Krieg steht es schlecht. Vor allem um die Familien in der Heimat sorgen sich die Soldaten. Mit Recht, in Siegfried Czapaks Heimat Sachsen wird etwa Dresden bei alliierten Bomberangriffen im Februar 1945 schwer zerstört.

Und so fern ist das Sterben auch nicht von der Basis "Haudegen" entfernt. Ende 1944 erreichte sie ein Notruf der Kameraden von der Station "Zugvogel", einer anderen Wettermission, nur eben auf einem Schiff in der Grönlandsee. Diese eine Bitte um Hilfe sandte "Zugvogel" aus, dann herrschte Schweigen im Äther. Von Schiff und Besatzung wurde nie wieder etwas gehört.

Monate spĂ€ter gab es noch einen weiteren Untergang. Wenn auch auf andere Weise. Am 8. Mai 1945 kapitulierte die Wehrmacht, der Krieg war fĂŒr die Deutschen vorbei. Bis eben auf die kleine Truppe auf Nordostland, die das Ereignis mit SteinhĂ€ger begoss. "Was wird aus uns?", diese alles entscheidende Frage stellten sich die MĂ€nner, wie Czapka in "Krieg in der Arktis" berichtete. "Allein konnten wir nicht weg."

Vergessen am Ende der Welt

Mit TromsĂž gibt es noch etwas Kontakt per Funk, dann Stille. Die Sorge der MĂ€nner um die Verwandten wĂ€chst und wĂ€chst, Dege hĂ€lt dagegen. Die Insel wird auf Expeditionen erkundet, es wird nach dem Ende des Nationalsozialismus ĂŒber Demokratie diskutiert. Und natĂŒrlich sendet "Haudegen" weiterhin die ermittelten Daten zum Wetter. Jetzt allerdings ohne Codierung.

SehnsĂŒchtige Blicke werden Richtung Meer geworfen – und immer wieder enttĂ€uscht. Hat man die "Haudegen" endgĂŒltig vergessen? Dann, am 3. September 1945, folgt die Erlösung. Ein norwegischer RobbenfĂ€nger lĂ€uft in den Fjord ein, Wilhelm Dege macht sich auf zur BegrĂŒĂŸung des KapitĂ€ns. Zur Überraschung aller fallen sich der Deutsche und der Norweger in die Arme. Beide hatten sich in der Vergangenheit bereits kennengelernt.

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"Wir haben dann mit den Norwegern zusammen die letzten Stunden verbracht", erklĂ€rt der damalige Wetterfunker Heinz Schneider ebenfalls in "Krieg in der Arktis". Dann wird gefeiert, die Deutschen wollen sich angesichts ihres gut gefĂŒllten Proviantlagers nicht lumpen lassen. Es geht bis in die ersten Stunden des nĂ€chsten Tages. Dann fĂ€llt dem norwegischen KapitĂ€n etwas Wichtiges ein: Die Deutschen mĂŒssen noch kapitulieren! So wollen es die alliierten SiegermĂ€chte.

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Aber wie? Wilhem Dege legt kurzerhand seine Pistole ab, damit ist die Sache erledigt. Die letzte Einheit der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg hat damit die Waffen gestreckt. SpĂ€ter am Tag legt der RobbenfĂ€nger "Blassel" mit den Deutschen ab. ZurĂŒck bleiben die Reste der Wetterstation "Haudegen". Was Wind und Wetter nicht zerstört haben, befindet sich noch immer dort.

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