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Streit um die Totenruhe auf der "Titanic": "Dann stellen wir die Kameras ab"

"Dann stellen wir die Kameras ab"  

Streit um die Totenruhe auf der "Titanic"

Von Angelika Franz

07.12.2020, 08:50 Uhr
Videoaufnahmen zeigen, was vom Wrack der "Titanic" übrig ist

1985 wurde das Schiffswrack der "Titanic" erstmals in 3.800 Metern Tiefe auf dem Grund des Atlantischen Ozeans entdeckt. Aufnahmen aus dem Jahr 2019 zeigen, was noch übrig ist. (Quelle: t-online)

Aufnahmen der "Titanic" aus 3.800 Metern Tiefe: Was von dem berühmtesten Wrack der Welt geblieben ist. (Quelle: t-online)


Die "Titanic" ist das berühmteste Wrack der Welt. Eine Firma will ein kostbares Funkgerät daraus bergen, Experten sind dagegen. Denn der Tauchroboter könnte auch auf die Überreste der Ertrunkenen stoßen.

Jack Phillips und Harold Bride hatten viel zu tun am Abend des 14. April 1912. Sie durften den modernsten und mit Abstand leistungsstärksten Funktelegrafen der Welt bedienen, einen nagelneuen Löschfunksender der Firma Marconi International Marine Communication Co. Außerdem war es amüsant, die Botschaften der reichen Briten und Amerikaner zu lesen, mit denen diese von Bord der "R.M.S. Titanic" ihre Liebsten daheim grüßten.

Ein teurer, aber an Bord äußerst beliebter Spaß: Für ein privates Telegramm mit zehn Wörtern mussten die Passagiere zwölf Schilling berappen, was heute in etwa 250 Euro entsprechen würde. So vertieft waren Phillips und Bride in ihre Arbeit, dass sie vermutlich die Wettermeldungen, die ebenfalls auf dem Gerät ankamen, zunächst ungelesen beiseitelegten – und erst viel zu spät Kapitän Edward John Smith die acht Eisbergwarnungen jener Nacht brachten.

"Brauchen sofort Hilfe"

Um genau 00:10 Uhr am 15. April 1912 hämmerten dann die Finger von Jack Phillips erstmals verzweifelt eine Botschaft der ganz anderen Art auf die Morsetaste des Marconi Funktelegrafen: "41° 46'N 50° 14'W – sinken – brauchen sofort Hilfe". Fast zwei Stunden lang funkten Phillips und sein Kollege Bride den Notruf immer wieder in die eisigen Weiten des Nordatlantiks. Als das Wasser den beiden Funkern schon bis zu den Knien reichte, fiel der Strom endgültig aus. Das Weitere ist Geschichte, der Untergang der "Titanic" ist eines der größten Unglücke der Seefahrt.

Jahrzehnte später wollten Taucher der Firma RMS Titanic Inc. das berühmte Funkgerät nun aus dem Wrack der Titanic bergen, das in 3.800 Metern Tiefe rund 645 Kilometer südöstlich von Neufundland liegt. Tatsächlich erteilte ihnen im Mai diesen Jahres Richterin Rebecca Beach Smith vom Bezirksgericht Norfolk im US-Bundesstaat Virginia auch die Erlaubnis dazu. Die Bergung "wird zur Erinnerung an den unauslöschlichen Verlust der Titanic beitragen, an jene Passagiere, die überlebten wie auch an jene, die ihr Leben gaben.".

Doch schon kurze Zeit später mischte sich die US-Regierung ein. Der geplante Tauchgang, argumentierten die Staatsanwälte, sei eine Verletzung des Abkommens zwischen den USA und Großbritannien zum Schutz des Wracks und seines Status als Erinnerungsstätte, das seit dem 18. November 2019 in Kraft ist.

Diamanten der Toten

Es wäre nicht der erste Tauchgang von RMS Titanic Inc. Seit 1994 besitzt die Firma das ausschließliche Eigentums- und Bergungsrecht am Wrack. Trotzdem muss jeder neue Tauchgang gerichtlich genehmigt werden. Bislang konnte das Unternehmen über 5.500 Objekte bergen, von denen etwa 250 heute im Luxor Hotel & Casino in Las Vegas ausgestellt sind, darunter Geschirr, Besteck, aber auch Schuhe und Handschuhe der Passagiere.

Allerdings sammelten die Tauchroboter sie nicht aus dem Inneren des Schiffes, sondern auf dem Deck oder in der Umgebung des Wracks. Ein Antrag, ins Innere des Schiffes einzudringen, um dort nach den Diamanten der Passagieren zu suchen, wurde im Jahr 2000 bereits abgelehnt. Auch das Funkgerät liegt nicht offen auf dem Meeresgrund, sondern im Funkraum der Titanic. Um dort hinzugelangen, soll ein Tauchroboter durch einen Lichtschacht ins Innere vordringen oder sich durch die stark verrostete Decke schneiden. Ausgestattet mit einem Saugbagger und Greifarmen könnte er sich zum Funkraum vorarbeiten, den Telegrafen freilegen und bergen.

"Titanic": Das Schiff galt als "unsinkbar". (Quelle: John Parrot Stocktrek Images)"Titanic": Das Schiff galt als "unsinkbar". (Quelle: John Parrot Stocktrek Images)

Entscheidend für die Erlaubnis wird am Ende auch die Frage sein, ob bei der Bergung die Totenruhe der 1.514 ertrunkenen Passagiere und Besatzungsmitglieder gestört werden könnte. RMS Titanic Inc. gibt an, auf den rund 200 bisherigen Tauchgängen niemals einen Toten gesehen zu haben. Fische und andere Lebewesen hätten sämtliches Fleisch längst verzehrt, behauptet David Gallo, der als Berater für die Firma arbeitet, und die Knochen wären in der chemischen Zusammensetzung des Salzwassers längst aufgelöst.

Eine Frage der Moral

"Außerdem gibt es ein ungeschriebenes Gesetz", behauptet er gegenüber der Nachrichtenagentur AP, "wenn wir auf menschliche Überreste stoßen, stellen wir die Kameras ab." Andere Fachleute widersprechen dem vehement. David Conlin, Direktor des Submerged Resources Center des National Park Service weist in einem Gutachten für das Gericht darauf hin, dass die Bedingungen für die Erhaltung organischen Materials im sehr kalten, sehr sauerstoffarmen Wasser am Grund des Atlantiks ideal sind.

"Es wäre wissenschaftlich absolut erstaunlich, wenn dort unten keine menschlichen Überreste liegen würden", betont er. Schließlich hätte man tote Besatzungsmitglieder auf schon viel älteren Wracks gefunden. So entdeckten Taucher acht gut erhaltene Seeleute an Bord des konföderierten U-Bootes "H.L. Hunley", das 1864 vor der Küste des US-Bundesstaates South Carolina sank.

Einige der Männer umklammerten mit ihren Händen immer noch die Kerzen, die ihnen im Dunkel des U-Bootes den Weg geleuchtet hatten. Und sogar auf einem Wrack aus dem ersten Jahrhundert vor Christus, das im Mittelmeer vor der griechischen Insel Antikythera gesunken war, hatten sich die Skelette der Mannschaft erhalten.

Ein Funker überlebte

Ähnlich sieht das auch der deutsche Unterwasserarchäologe Florian Huber: "Mit menschlichen Überresten in Form von Knochen muss man auch an der 'Titanic' rechnen. Aus ethischen Gesichtspunkten ist die Bergung meiner Meinung nach vertretbar, sobald ein wissenschaftliches Interesse besteht. Reine kommerzielle Unternehmungen, die sich durch diese Aktion bereichern wollen, halte ich allerdings für bedenklich." Noch ist jedenfalls nichts entschieden, der Fall liegt derzeit vor dem 4. Berufungsgericht in Richmond.

Zu den rund 1.500 Menschen, die in der Nacht zum 15. April 1912 mit der Titanic untergingen, gehörte auch Funker Jack Phillips. Sein Kollege hatte mehr Glück. Als der Passagierdampfer "Carpathia" zwei Stunden nach dem Untergang die Unglücksstelle erreichte, konnte dessen Crew 705 Überlebende aus den Rettungsbooten der Titanic an Bord holen. Unter ihnen befand sich auch der 22-jährige Harold Bride. Er hatte sich auf ein kieloben treibendes Rettungsboot vom Dach der Offizierskabinen retten können und trug lediglich Erfrierungen an den Füßen davon.

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