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Ein Fenster in die Zukunft des Klimawandels

Von dpa
13.12.2021Lesedauer: 4 Min.
Olufemi Olubodun untersucht ein Nest von Siedlerwebern in einer Akazie, in das sich ein Paar Zwergfalken eingenistet hat.
Olufemi Olubodun untersucht ein Nest von Siedlerwebern in einer Akazie, in das sich ein Paar Zwergfalken eingenistet hat. (Quelle: Kristin Palitza/dpa./dpa)
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Kuruman, S├╝dafrika (dpa) - Tausende Zikaden geben ein ohrenbet├Ąubendes Konzert. Die Sonne brennt vom wolkenlosen Himmel auf den rostroten Sand. Regen gilt in diesem Teil der Erde als Segen. ├ťberleben k├Ânnen nur die Widerstandsf├Ąhigsten, egal ob Pflanze oder Tier.

In flimmernder Hitze untersucht Olufemi Olubodun (30) ein Nest von Siedelwebern. Die in Kolonien br├╝tenden V├Âgel haben das Nest wie drei riesige Trauben mit Grashalmen um die ├äste einer Akazie geflochten. Die ├╝berdimensionale Massenbehausung besteht aus Dutzenden ineinander verflochtenen Brutkammern, die das Innere des Gemeinschaftsnests trotz hoher Au├čentemperaturen k├╝hlhalten. Diese k├Ânnen in der Kalahari oft 40 Grad Celsius ├╝berschreiten.

Olubodun inspiziert eine Brutkammer, in der sich ein Paar Zwergfalken bei den Koloniebr├╝tern eingenistet hat. Die kleinen Raubv├Âgel helfen, die Nester vor hungrigen Schlangen zu sch├╝tzen, sind aber auch ein Feind, der den Nachwuchs der Weber t├Âtet. Behutsam nimmt Olubodun ein Falkenk├╝ken nach dem anderen aus dem Nest. Sie werden gemessen, gewogen, beringt. So verfolgt er, wie sich die V├Âgel trotz extremer Temperaturen und langer D├╝rreperioden entwickeln.

Oluboduns Forschung am Fachbereich Biowissenschaften an der Universit├Ąt zu Kapstadt (UCT) ist Teil einer gr├Â├čeren Studie. Das Kalahari Bedrohtes ├ľkosystem Projekt (KEEP) bringt im Dedeben-Forschungszentrum im s├╝dafrikanischen Naturreservat Tswalu, wenige Kilometer s├╝dlich von Botsuana, Wissenschaftler zahlreicher Universit├Ąten zusammen.

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F├╝r die Forscher der ideale Ort

Sie wollen vor allem eins erforschen: Wie ver├Ąndert sich die Welt, wenn sich die Erde um 1,5 Grad erw├Ąrmt - ein Temperaturanstieg, der laut dem Pariser Abkommen der Vereinten Nationen nicht ├╝berschritten werden soll. Die aus W├╝ste und Savanne bestehende Kalahari, die sich ├╝ber rund eine Million Quadratkilometer durch Namibia, S├╝dafrika und Botsuana zieht und schon heute als Klimawandel-Hotspot gilt, ist daf├╝r der ideale Ort.

In der Kalahari ist es hei├čer und trockener als an vielen Orten der Erde. Tiere und Pflanzen m├╝ssen sich steigenden Temperaturen und geringer werdenden Niederschl├Ągen anpassen, um zu ├╝berleben, darunter zahlreiche bedrohte Arten. In den vergangenen 50 Jahren sind nach Angaben des s├╝dafrikanischen Wetterdienstes die Temperaturen in Teilen des s├╝dlichen Afrikas doppelt so schnell gestiegen wie im globalen Durchschnitt. Forscher prognostizieren, dass die Durchschnittstemperatur in der Kalahari um 2,2 Grad Celsius steigen wird, wenn weltweit ein Anstieg von 1,5 Grad Celsius zu verzeichnen ist. Das hei├čt: Die Kalahari gew├Ąhrt Klima-Forschern ein au├čergew├Âhnliches Fenster in die Zukunft, aus dem der Rest der Welt wichtige Schl├╝sse ziehen kann.

KEEP untersucht nicht nur einzelne Tier- und Pflanzenarten, sondern will einen ├ťberblick ├╝ber die gesamte Nahrungskette schaffen: von Gr├Ąsern ├╝ber Insekten, V├Âgel und Reptilien bis zu S├Ąugetieren. Wer beeinflusst wen? Wer ist von wem abh├Ąngig und welche Folgen hat das? So wollen die Forscher Schl├╝sselarten identifizieren, die f├╝r die Nahrungskette unverzichtbar sind und darum besonders gesch├╝tzt werden m├╝ssen, um das gesamte ├ľkosystem zu sch├╝tzen. "Es geht uns um den Dominoeffekt, der ausgel├Âst wird, wenn ein Glied der Kette vom Klimawandel betroffen ist", erkl├Ąrt Tswalu Forschungsleiter Dylan Smith.

Noch steckt das 2019 gestartete Projekt in den Kinderschuhen. Wissenschaftler ben├Âtigen Datens├Ątze ├╝ber viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, um sichere Aussagen machen zu k├Ânnen. Dennoch g├Ąbe es bereits zielf├╝hrende Indikatoren, vor allem von Forschern, die ihre Studien schon vor Beginn des KEEP-Projekts gestartet hatten, erkl├Ąrt Smith: "Wir sehen definitiv erste Verhaltensmuster".

Schwere D├╝rren haben ganz konkrete Folgen

Zwei schwere D├╝rren 2015 und 2019 seien gute Indikatoren f├╝r m├Âgliche Auswirkungen des Klimawandels gewesen. So hatte sich in dem Zeitraum beispielsweise das Graswachstum reduziert, erkl├Ąrt KEEP Projektleiterin Wendy Panaino. Als Folge habe es weniger Termiten gegeben, die Gras zum ├ťberleben brauchen. Das wiederum wirkte sich auf die Tiere aus, die Termiten fressen, wie die auf der Roten Listen der ICUN als bedroht eingestuften Pangoline.

Panaino beobachtete w├Ąhrend der beiden D├╝rreperioden einen scharfen R├╝ckgang der Schuppentiere. Auch viele andere Tiere seien gestorben oder ausgehungert gewesen. "Die Tiere der Kalahari haben sich bereits extremen Wetterbedingungen angepasst. Jetzt wird es noch hei├čer und trockener. Damit stellt sich die Frage: Wann ist das Limit erreicht?", fragt sich Panaino.

Betroffen ist auch der Afrikanische Wildhund, der in S├╝dafrika mit gesch├Ątzten 500 Exemplaren als stark gef├Ąhrdet gilt. Tierschutz-Physiologin Keafon Jumbam, Postdoktorantin an der Witwatersrand Universit├Ąt in Johannesburg, beobachtet in Tswalu ein kleines Rudel mit implantierten Temperaturmessger├Ąten. An hei├čen Tagen erreiche die K├Ârpertemperatur der Wildhunde fast 40 Grad Celsius, so Jumbam. "Die Tiere fressen weniger, da die Jagd nach Beute ihre K├Ârpertemperatur weiter erh├Âhen w├╝rde", erkl├Ąrt sie. Auch das Zeitfenster, in dem es k├╝hl genug sei, um Beute zu erlegen, verk├╝rze sich zunehmend. Dies f├╝hre langsam aber sicher zu einem R├╝ckgang des Tierbestands, f├╝rchtet Jumbam.

Schritt f├╝r Schritt setzen die Forscher des KEEP Projekts die Puzzleteile zusammen, die ihnen einen ├ťberblick ├╝ber das gesamte ├ľkosystem der Kalahari geben sollen. Die Arbeit ist langsam und m├╝hselig, doch Panaino ist sicher: "Unsere Ergebnisse werden f├╝r ├ľkosysteme ├╝berall auf der Welt relevant sein."

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