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Pandemie: Alkoholkonsum von Partys auf die Couch verlagert

Von dpa
27.12.2021Lesedauer: 4 Min.
Zu viel Alkohol ist riskant.
Zu viel Alkohol ist riskant. (Quelle: Finn Winkler/dpa./dpa)
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Berlin (dpa) – Zwei Jahre kein Oktoberfest, weniger Partys und kaum noch Weihnachtsfeiern: Das hat sich deutlich auf das Trinkverhalten in Deutschland ausgewirkt.

Es habe bislang wĂ€hrend der Corona-Pandemie weniger Gelegenheiten zum gemeinsamen Trinken gegeben, sagt Suchtmediziner und Ärztlicher Direktor Falk Kiefer vom Zentralinstitut fĂŒr Seelische Gesundheit in Mannheim. Dennoch sei der durchschnittliche Alkoholkonsum in Deutschland im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie in etwa gleich geblieben, er habe sich nur in die Wohnungen und damit auf eine spezielle Untergruppe von Konsumenten verlagert, erlĂ€utert Kiefer, der PrĂ€sident der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Suchtforschung und Suchttherapie ist.

"Menschen, die ohnehin schon regelmĂ€ĂŸig Alkohol zuhause getrunken haben, zum Beispiel zum Schöntrinken des Abends - zum Vertreiben von Einsamkeit, Langeweile oder Sorgen, die trinken nun mehr", sagt Kiefer mit Verweis auf eigene und internationale Studien. FĂŒr Deutschland heißt das: "Die rund 25 Prozent der Erwachsenen, die vor der Pandemie ĂŒberdurchschnittlich viel getrunken haben, haben ihren Konsum im Schnitt gesteigert." Die meisten Menschen hĂ€tten ihren Alkoholkonsum jedoch nicht geĂ€ndert, einige, die Geselligkeits- oder Partytrinker, ihn sogar reduziert.

Lockdown und Alkoholkonsum

Im ersten Lockdown hatten laut einer Studie des Zentralinstituts und der Uniklinik NĂŒrnberg sogar 37 Prozent der ĂŒber 2000 befragten Erwachsenen einen höheren Alkoholkonsum angegeben als zuvor, 21 Prozent einen geringeren. Ein Ă€hnliches Bild ergab sich dabei fĂŒr den Tabakkonsum. Auch wenn solche Studien auf oft online erhobenen SelbstauskĂŒnften beruhen, sind die Ergebnisse durch die hohen Fallzahlen und die internationale Vergleichbarkeit laut Kiefer belastbar.

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Der Bundesverband Wein und Spirituosen International kann das Bild fĂŒr Alkohol im Groben belegen: Im Lebensmitteleinzelhandel und Online-Handel sei der Absatz von Wein und Sekt gestiegen, dies kompensiere die pandemiebedingten starken RĂŒckgĂ€nge im Gastronomiebereich zumindest teilweise.

Ein internationales Team um Jakob Manthey von der TU Dresden hatte 40.000 Menschen in 21 LĂ€ndern Europas von April bis Juli 2020 nach dem Alkoholkonsum befragt. Demnach wurde in dieser Zeit insgesamt etwas weniger Alkohol getrunken als zuvor. "Der RĂŒckgang des Konsums ist vor allem auf eine Reduktion der Gelegenheiten zum Rauschtrinken zurĂŒckzufĂŒhren", schreiben die Autoren.

Alkoholkonsum und Alkoholsucht

In Deutschland (1659 Befragte; 24.4. bis 30.6.2020) habe der Konsum im Schnitt nicht so stark abgenommen wie in Europa insgesamt. So hÀtten weniger Menschen das Trinken reduziert. Zudem habe es eine Zunahme des Konsums bei Frauen gegeben, bei Menschen mit beruflichen und finanziellen Schwierigkeiten sowie bei denjenigen, die ohnehin schon einen riskanten Alkoholkonsum hatten. Ein möglicher Grund sei der vergleichsweise geringe Preis: "In Deutschland sind alkoholische GetrÀnke traditionell unterdurchschnittlich besteuert", schreiben die Forscher. Hier könne der Staat ansetzen.

Auch Kiefer sieht als einen Grund fĂŒr ein vermehrtes Trinken den pandemiebedingten psychosozialen Druck. "Menschen, die die Pandemie als belastend empfunden haben, haben im Schnitt mehr getrunken als andere." Stressfaktoren sind laut Kiefer zum Beispiel Mehrfachbelastungen durch Kinder im Home-Schooling oder Ehepartner im Homeoffice. Aber auch Langeweile und das GefĂŒhl des Nichtgebrauchtwerdens sei fĂŒr einige ein Grund zum Trinken.

Nach Angaben von Christine Kreider von der Deutschen Hauptstelle fĂŒr Suchtfragen (DHS) ist es schwer, wieder von einem erhöhten Konsum loszukommen. "Alkohol hat die Eigenschaft, dass man sich an ihn gewöhnt."

"Wir haben zudem eine Kultur, in der Alkoholkonsum normal ist. Wir mĂŒssen aber vor allem eine Kultur entwickeln, in der wir mit Freunden, Bekannten und Familie darĂŒber sprechen können", sagt die Expertin fĂŒr SuchtprĂ€vention. Um ein besseres GefĂŒhl fĂŒr den eigenen Konsum zu erhalten, könne es helfen, sich selbst genauer zu beobachten, sagt sie und rĂ€t etwa, ein Trinktagebuch zu fĂŒhren, dass es bei der DHS auch als App gibt (http://www.trinktagebuch.org). Auch Menschen, die denken, dass sie zu viel trinken, aber noch kein richtiges Problem damit haben, könnten zur Suchtberatung gehen. Und jeder sollte sich notfalls wirklich Hilfe holen: "Alkoholsucht ist keine CharakterschwĂ€che, sondern eine Krankheit", sagt Kreider.

Angehörige und Freunde sollten es ansprechen, wenn sie meinen, dass jemand zu viel trinkt, rÀt Mediziner Kiefer. "Wichtig ist, dies nicht als Vorwurf zu formulieren, sondern als Sorge um den anderen. Das regt mehr zum Nachdenken an."

Alkoholkonsum ist laut Kreider immer riskant. "Es ist ein Zellgift, das schadet mit jedem Tropfen und spielt bei rund 200 Krankheiten eine Rolle. Das berĂŒhmte gesunde Glas Rotwein ist ein AmmenmĂ€rchen", sagt Kreider. "Kein Tropfen Alkohol ist daher der beste Weg." Möchten Erwachsene dennoch etwas trinken, sollte die Menge bei gesunden Frauen 12 Gramm Alkohol (etwa 0,3 Liter Bier oder 0,15 Liter Wein) pro Tag nicht ĂŒberschreiten, fĂŒr MĂ€nner gelte die doppelte Menge. Als Voraussetzung dafĂŒr sieht die DHS dabei mindesten zwei bis drei alkoholfreie Tage pro Woche an. Jeder reagiere zudem anders auf Alkohol, so seien etwa auch GrĂ¶ĂŸe und Gesundheitszustand zu beachten.

Und fĂŒr Feste wie etwa Silvester? Vorher ĂŒberlegen, wie viel man trinken wolle, rĂ€t Kreider. "Sich bewusst machen, was man möchte, und das den anderen auch sagen." Und eben auch mal deutlich machen: "Ich habe mich entschieden, heute keinen Alkohol zu trinken."

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