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Berlin: Tänzerin klagt gegen Kündigung nach Rassismus am Staatsballett

INTERVIEWRassismus am Staatsballett Berlin  

Tänzerin Gomes: "Jetzt musst du dein Gesicht weiß machen"

Von Neneh Sowe

19.04.2021, 13:23 Uhr
Berlin: Tänzerin klagt gegen Kündigung nach Rassismus am Staatsballett. Chloé Lopes Gomes: Ihr Wunsch ist, dass in Zukunft keine anderen schwarzen Tänzerinnen mehr Diskriminierungserfahrungen machen müssen. (Quelle: Dean Barucija)

Chloé Lopes Gomes: Ihr Wunsch ist, dass in Zukunft keine anderen schwarzen Tänzerinnen mehr Diskriminierungserfahrungen machen müssen. (Quelle: Dean Barucija)

Die schwarze französische Tänzerin Chloé Lopes Gomes wirft einer Ballettmeisterin am Staatsballett Berlin Rassismus vor. Ende vergangenen Jahres ging sie mit den Vorwürfen an die Öffentlichkeit. 

Zweieinhalb Jahre lang tanzte die Französin Chloé Lopes Gomes am Staatsballett Berlin. Nachdem sie wegen einer Verletzung und wegen rassistischen Beleidigungen und Witze, die eine Ballettmeisterin ihr gegenüber gemacht haben soll, pausierte, kehrte sie wieder zurück. Kurz darauf erfuhr sie, dass ihr Vertrag nicht verlängert werden würde. Nun klagt die Tänzerin gegen das Staatsballett Berlin wegen der Nichtverlängerung ihres Vertrags und fordert Konsequenzen für die Ballettmeisterin. Die Verhandlung findet am 21. April statt. Im Interview spricht die Tänzerin über Rassismus, fehlende Unterstützung und die Fehlinterpretation von Diversität. 

t-online: Frau Gomes, Sie waren die erste schwarze Tänzerin am Staatsballett Berlin. Wann haben Sie dies herausgefunden und was waren Ihre Gedanken dazu?

Chloé Lopes Gomes: Ja, ich war die erste schwarze Tänzerin hier. Ich erfuhr es von einer Journalistin, die von der ersten Aufführung der Saison von "Schwanensee" berichten wollte. Sie war sehr überrascht, eine schwarze Ballerina im Corps de Ballet zu sehen und fragte, ob
ich weiß, dass ich die erste schwarze Tänzerin am Staatsballett Berlin bin. Im Jahr 2018 die erste schwarze Tänzerin zu sein, konnte ich mir nicht vorstellen. Ich war also ziemlich glücklich. Irgendwo muss man ja anfangen (lacht).

Haben Sie früher in Ensembles anderer Kompanien getanzt, in denen Sie ebenfalls die einzige oder eine von wenigen nicht weißen Tänzerinnen waren und ähnliche Diskriminierungserfahrungen gemacht haben?

Nein, hatte ich nicht. Vorher war ich am Béjart Ballet in Lausanne (Schweiz), was eine der diverseren Kompanien in Europa ist. Dort habe ich keine negativen Erfahrungen oder Diskriminierungserfahrungen machen müssen. In der Bolshoi Ballet Academy in Moskau, in der ich unter anderem ausgebildet wurde, war ich auch die erste schwarze Tänzerin. Dort habe ich aber nie Rassismus erfahren. Hier in Berlin am Staatsballett war es das allererste Mal.

Viele schwarze Menschen erleben immer wieder, dass in der Maske nicht der richtige Hautton für sie da ist, oder dass Stylistinnen nicht mit Afrohaar umgehen können. Sie haben ähnliche Dinge in Ihrem Artikel in der CNN geschildert. Wie sind Sie damit umgegangen?

Normalerweise gibt es eine Sylistin und eine Person, die das Make-up macht. Anfangs hat die Hairstylistin versucht, mir einen Dutt zu machen und es sah katastrophal aus. Seitdem mache ich es selber. Genauso wie das Make-up. Ich bin die einzige Tänzerin, die ihr Make-up selber und vom eigenen Geld kaufen musste, weil das Staatsballett nicht die
richtige Foundation für schwarze Tänzerinnen hat.

Hat sich etwas geändert, seitdem Sie dies öffentlich gemacht haben?

Nicht wirklich. Die Intendantin des Staatsballetts, Christiane Theobald, war schockiert darüber und sagte, sie hätte nichts davon gewusst. Auch nicht von anderen Diskriminierungen, die ich erfahren habe. Doch als Intendantin, so sehe ich das, kann man doch nicht ignorant demgegenüber bleiben, was in der Kompanie passiert. Das Staatsballett will für Diversität
stehen, aber ich war die einzige, die kein Make-up zur Verfügung hatte. Ich habe mich nie darüber beschwert, aber es sind eben diese kleinen Dinge, an denen du merkst, dass du anders bist.

Kam von den Zuständigen eine Rückmeldung, nachdem sie offiziell davon erfahren haben?

Im Anschluss an die Veröffentlichung meines Artikels bei CNN, wurde ich gefragt, ob ich irgendetwas für meine Make-up-Ausstattung bräuchte. Zu dem Zeitpunkt waren es nur noch drei Monate, die ich am Staatsballett angestellt war und ich hatte natürlich schon alles an Make-up, was ich brauchen könnte. Ich glaube, es war nur für die Medien und für die
Außenwirkung.

Der vorherige Intendant Johannes Öhman sprach sich gegen die Tradition des Whitefacing aus, bei der das Gesicht weiß geschminkt wird. Als Öhman das Staatsballett verließ, sollen Sie dies auch gemacht haben müssen. Wie kam es dazu?

Es ist eine Tradition im Ballett und alle Tänzerinnen des Corps de Ballet müssen sich so schminken, um zum Beispiel bei "Schwanensee" einheitlicher zu wirken. Die Ballettmeisterin fand eine schwarze Tänzerin im Corps de Ballet nicht ästhetisch, weil ich herausstechen würde als einzige Person, die keinen hellen Hautton hat. Wir tragen doch bereits alle das gleiche Kostüm und tanzen die gleiche Choreografie. Warum dann auch noch die gleiche Farbe im Gesicht? Nachdem Herr Öhman die Kompanie dann 2020 verließ, sagte die Ballettmeisterin vor all meinen Kolleginnen und Kollegen zu mir: "So, jetzt musst du dein Gesicht weiß machen."

Choreograf Johannes Öhman: Von August 2018 bis Dezember 2020 leitete er das Staatsballett Berlin. (Quelle: Mauersberg)Choreograf Johannes Öhman: Von August 2018 bis Dezember 2020 leitete er das Staatsballett Berlin. (Quelle: Mauersberg)

Was waren Ihre Gedanken, als diese Aufforderung kam?

Seit meinem ersten Tag an der Kompanie machte sie schon rassistische Kommentare und Witze. Außerdem meinte sie zu einem meiner Kollegen, das Staatsballett sollte mich nicht einstellen, weil ich schwarz bin. Jede Person wusste, dass sie rassistisch ist. Manche versuchten das zu entschuldigen, indem sie sagten: "Nein, sie ist aus Ostdeutschland.
Deswegen ist sie so". So oft hörte ich das, aber das ist doch kein Argument rassistisch zu sein.

Mein erster Gedanke war also, dass ich keine Person habe, die mich unterstützt und schützt, weswegen ich mich weiß schminken muss. Das Problem ist nicht, dass nur schwarze Menschen ihr Gesicht weiß machen müssen, was natürlich rassistisch ist, sondern dass es immer noch alle machen müssen. Sie ist sehr konservativ in meinen Augen und will nicht, dass Dinge sich verändern. Die Ballettmeisterin sagte es aber explizit zu mir, weil sie wusste, dass diese Praxis vorher von Herrn Öhman untersagt wurde. Indem sie das gesagt hatte – und sie wusste genau was sie da tat – hat sie sich über die Direktion gestellt.

Was brachte Sie dann dazu die Vorfälle zu veröffentlichen, auch wenn Sie wussten, dass niemand in der Kompanie hinter Ihnen stand?

Ich bin bereits in den ersten Monaten nach meinem Engagement zum Intendanten gegangen, als die Ballettmeisterin nur mir für eine Probe von "La Bayadère" keinen weißen Schleier geben wollte. Sie sagte, der Schleier sei weiß und ich schwarz, deswegen bekäme ich keinen. Dabei lächelte sie mir ins Gesicht. Dies sprach ich bei Herrn Öhman an, doch wegen ihres Vertrags auf Lebenszeit war sie vor Konsequenzen, geschweige denn einer Kündigung durch diese rassistische Bemerkung geschützt. Sie machte also weiterhin rassistische Witze. Ich wurde krank, bekam Depressionen und eine Verletzung. Als ich nach acht Monaten wieder arbeiten konnte, hatte ich nicht mehr die Möglichkeit, auf der Bühne zu tanzen und wurde nicht mehr gecastet.

Dann kündigte Herr Öhman im Januar 2020 seinen Rücktritt als Co-Intendant an und ein paar Monate später wurde mir gesagt, dass mein Vertrag nicht mehr verlängert werden wird. Normalerweise gibt es aber immer ein Feedbackgespräch mit den Tänzerinnen.

Als ich mit der neuen kommissarischen Intendantin Frau Theobald, die seit Gründung des Staatsballetts Berlin dabei war, sprach, war ihre Begründung, dass ich nicht mehr in die Kompanie passe. Sie hätte unter anderem auch mit der Ballettmeisterin gesprochen, die mich von Anfang an nicht dabei haben wollte, und diese hat das natürlich bestätigt.

Herr Öhman, der immer sehr zufrieden mit meiner Arbeit war und sich in zweieinhalb Jahren nie beschwert hat, sprach nochmals mit Frau Theobald und berichtete von den rassistischen Bemerkungen, die ich bereits in meinen ersten Monaten erfahren habe. Daraufhin sagte die Intendanz, sie würden etwas tun, aber nichts tat sich. Also hatte ich keine andere Möglichkeit, als damit an die Öffentlichkeit zu gehen und zu klagen.

War es eine schwierige Entscheidung, die Geschehnisse öffentlich zu machen?

Ja, ich war sehr unsicher. In der Ballettwelt kennen sich die Intendantinnen und Intendanten alle untereinander. Es ist immer ein Risiko und hinzu kam Corona, womit es noch schwieriger werden könnte, eine neue Stelle zu finden. Ich hatte aber keine Wahl.

Nach der Veröffentlichung entschuldigte sich das Staatsballett öffentlich bei mir, doch ist das genug? Wenn man sich entschuldigt, muss man doch auch Dinge richtigstellen und konsequent sein. Die Ballettmeisterin zu entlassen oder wenigstens irgendetwas zu ändern wäre eine Konsequenz gewesen. Aber es zeigt eindeutig, auf welche Seite sich die Intendantin stellt und es zeigt die Machtverteilung auf. Eine Person mit so viel Macht einfach unkommentiert und ohne Folgen weiterarbeiten zu lassen, ist gefährlich für alle Tänzerinnen. Und dann kam die öffentliche Stellungnahme des Staatsballetts.

Was sagen Sie zu dem Statement auf der Website, welches veröffentlicht wurde, nachdem Sie Ihre Rassismuserfahrungen in der Kompanie publik machten?

In meinen Augen ist es einfach nur scheinheilig. Es wurde eine "Clearingstelle" für Diskriminierungserfahrungen am Staatsballett eingerichtet. Constantin Olbrisch und Eva Eschenbruch leiteten diese und führten anonymisierte Interviews mit Tänzerinnen und Tänzern, die bestätigten, dass meine Aussagen und geschilderten rassistischen Erfahrungen wahr sind.
Das Staatsballett wusste davon, machte dies allerdings nicht publik. Auch die Tatsache, dass Christiane Theobald das Statement nur mit "Intendanz des Staatsballetts Berlin" unterzeichnete und nicht mit ihrem Namen, zeigt, wie wenig Wille dort ist, sich die Schuld einzugestehen und wirklich etwas gegen den Rassismus an der Institution zu unternehmen.

Es wird gesagt, das Staatsballett sei mit Tänzerinnen und Tänzern aus über 30 Nationen stolz auf seine Diversität. Doch das eine hat nichts mit dem anderen zu tun. Nationalität oder Internationalität hat nichts mit Diversität zu tun, wenn es russische Tanzende, US-amerikanische und ein paar Tänzerinnen aus Japan gibt. Es ist zwar international, doch nicht divers. Man sollte beispielsweise arabische, mexikanische, schwarze und indische Tänzerinnen und Tänzer einstellen, dann wäre das Diversität..

Würde es Ihrer Meinung nach helfen, wenn es Antidiskriminierungsstellen in Kompanien gäbe? Könnte es betroffenen Menschen helfen und sie besser schützen?

Nein, ich glaube nicht. Vielleicht in anderen Ländern, aber nicht in Deutschland. Hier gibt es das AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz, Anm. der Red.). Das besagt, dass man zwei Monate nach dem letzten Vorfall Zeit hat, um eine formelle Beschwerde einzureichen. Zwei Monate sind eine sehr kurze Zeit. Wie sollst du wissen, dass es dieses Gesetz gibt, wenn du nicht deutschsprachig bist und dich nicht mit dem deutschen Recht auskennst?

In Frankreich gibt es Gesetze, die wenigstens potenziell die Opfer von rassistischer Diskriminierung beschützen könnten. Hier nicht. Bist du mutig genug zur Polizei zu gehen, wenn deine Karriere von der Person und deinem Job abhängt? Das ist die Frage, die einem durch den Kopf geht. Ist es das wert? Man braucht Zeit diese Dinge abzuwägen. Zwei Monate sind dafür viel zu kurz. Wenn man mit solch einem Gesetz wirklich alle Menschen schützen will, dann doch nicht so.

Mit ihrem Anwalt Christoph Partsch geht Gomes gegen die Nichtverlängerung ihres Vertrages am Staatsballett Berlin, der im Sommer 2021 ausläuft, vor. Die Verhandlung findet am 21. April vor dem Bezirks-Bühnenschiedsgericht Berlin beim Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg statt. Partsch verlangt eine Wiedereinstellung der Tänzerin sowie eine Entschädigung in Höhe von mindestens 20.000 € für die täglichen rassistischen Anfeindungen.

Verwendete Quellen:

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