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Sturm Ylenia sorgt für Chaos in Hamburg

Von Eva Puschmann, Jannis Große

Aktualisiert am 17.02.2022Lesedauer: 4 Min.
Eine Hafenfähre fährt im Sturm auf der Elbe: Wegen des Sturmes haben viele Reedereien den Verkehr im Hamburg eingestellt.
Eine Hafenfähre fährt im Sturm auf der Elbe: Wegen des Sturmes haben viele Reedereien den Verkehr im Hamburg eingestellt. (Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa-bilder)
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Unwetterwarnungen sind in Hamburg schon fast Normalität – vor allem in der Zeit der Winterstürme. In den letzten Wochen stand der Fischmarkt mehrfach unter Wasser. Nun hat erneut ein orkanartiger Sturm die Hansestadt erreicht.

"Vermeiden Sie den Aufenthalt im Freien", so lautet die amtliche Warnung des Deutschen Wetterdienstes für Donnerstag. In Hamburg peitschen "orkanartige Böen mit Windgeschwindigkeiten zwischen 80 und 110 Kilometern pro Stunde".

Seit Mittwochabend musste die Feuerwehr zu mehr als 600 Einsätzen im Stadtgebiet ausrücken. "Umgestürzte Bäume, abgebrochene Äste, umkippende Gerüste, umherwehende Plakate und Planen verursachten viele Gefahrenstellen im gesamten Stadtgebiet", so die Feuerwehr. Personen kamen dabei noch nicht zu Schaden.

Und das ausgerechnet an einem Tag, an dem sich in Hamburg die historische Sturmflut von 1962 jährt. Sie gilt als die schlimmste Sturmflut im 20. Jahrhundert. Genau vor 60 Jahren, in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar brechen zahlreiche Deiche, große Flächen werden überflutet, viele verlieren ihr Zuhause, mehr als 300 Menschen sterben.

Für t-online war ein Reporter unterwegs, um die Ausmaße des Sturmes "Ylenia" zu zeigen.

Der Anleger in Neumühlen kurz nach Hochwasser am Mittwochnachmittag.
Der Anleger in Neumühlen kurz nach Hochwasser am Mittwochnachmittag. (Quelle: Jannis Große)

Fluttore am Mittwochnachmittag noch offen

Am Mittwochnachmittag war von orkanartigen Böen und Sturmflut noch nicht viel zu merken. Der Fischmarkt war trocken, die Fluttore offen. Nur am Elbstrand und Anleger in Neumühlen ist der erhöhte Pegelstand der Elbe sichtbar. Der Parkplatz am Anleger ist überflutet, gerade so hoch, dass die Bank vor dem Leuchtturm nicht mehr zu sehen ist.

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Auch am Elbstrand ein paar Meter weiter stehen Schilder unter Wasser. Normalerweise ist der Strand hier deutlich breiter. Von einer Sturmflut spricht man hier aber noch nicht, dafür müsste das Wasser auf 3,65 Meter über den Meeresspiegel (NHN) steigen.

Der Fischmarkt bei Hochwasser am Mittwochnachmittag.
Der Fischmarkt bei Hochwasser am Mittwochnachmittag. (Quelle: Jannis Große)

Infoschilder weisen auf historische Sturmflut hin

Die Flut von 1962 wird hingegen als sehr schwere Sturmflut eingestuft, das Wasser der Elbe stieg auf 5,70 Meter über NHN. Das sind knapp 3,50 Meter über dem normalen Hochwasser in Hamburg. Besonders schwer getroffen hat es bei der Sturmflut vor 60 Jahren die Gebiete auf der Elbinsel. Der Klütjenfelder Hauptdeich brach und Wilhelmsburg wurde überflutet. Alleine hier starben mehr als 200 Menschen.

Insgesamt neun Schilder erzählen entlang des Deiches die Spreehafengeschichte. Fast alle sind durch Vandalismus und Wettereinfluss nicht mehr lesbar. Im Deichknick steht das Schild mit der Nummer drei. Es ist umgefallen und ein Teil davon abgebrochen. Blass kann man ein Foto eines zerstörten Deichs erkennen. Daneben steht: "In der Sturmflutnacht [...] brach hier, wie auch an anderen Stellen der Deich."

Schild zur Geschichte der Sturmflut von 1962 am Klütjenfelder Hauptdeich: Mehr als 300 Menschen sind durch die Flut gestorben.
Schild zur Geschichte der Sturmflut von 1962 am Klütjenfelder Hauptdeich: Mehr als 300 Menschen sind durch die Flut gestorben. (Quelle: Jannis Große)

Am Ende des Deichs bei Veddel zeigt ein Schild in der Harburger Chaussee den Wasserpegel in der Flutnacht. Es hängt genau zwischen zwei Fenstern knapp über den Köpfen der Menschen, die eilig zur S-Bahn hasten.

Ylenia lässt mehrere Bäume umstürzen

Gegen 23 Uhr stürzt ein Baum auf die Schienen der U1. Der U-Bahnverkehr zwischen Ohlsdorf und Kellinghusenstraße wird gesperrt. Mitarbeiter der Hochbahn, ausgestattet mit Kettensägen und hellen Taschenlampen, räumen den Baum zur Seite. "War mittelgroß", sagt einer beim Weglaufen. Sie haben es eilig und müssen weiter. Knapp 45 Minuten nach der ersten Meldung wird der U-Bahn-Verkehr wieder aufgenommen.

Einsatzkräfte der Feuerwehr zersägen einen Baum: Die Gäste vor der Kneipe wurden nicht verletzt.
Einsatzkräfte der Feuerwehr zersägen einen Baum: Die Gäste vor der Kneipe wurden nicht verletzt. (Quelle: BlaulichtNews/Elias Bartl)

Auch auf der Margaretenstraße in Eimsbüttel wird ein Baum vom Sturm umgerissen. Er kracht in eine Gruppe von knapp 20 Personen vor einer Kneipe. Wie durch ein Wunder wird niemand verletzt. Hier rückt die Berufsfeuerwehr zusammen mit der Freiwilligen Feuerwehr Pöseldorf an und räumt den umgestürzten Baum von der Straße.

Flugverkehr in Hamburg wegen Sturm Ylenia gestört

Ein Flugzeug der Lufthansa aus München soll am Abend auf dem Hamburger Flughafen landen. Stattdessen dreht es aber eine Schleife und fliegt zurück nach München, wie die Daten einer Flugtracking-Webseite zeigen. Zweieinhalb Stunden nach Start sind die Fluggäste wieder dort, wo sie gestartet sind.

Am Donnerstagmorgen berichtet die Deutsche Presseagentur, dass am Flughafen Hamburg rund ein Dutzend Flüge verschiedener Airlines ausfallen wird. Die Lufthansa hatte in der Nacht bereits auf Anfrage mitgeteilt, dass sie vorsorglich 20 Flüge gestrichen habe. Auch am größten deutschen Flughafen in Frankfurt sind nach Angaben der Betreiber Verbindungen nach Berlin, Hamburg und München betroffen.

Orkan nimmt am Donnerstagmorgen Fahrt auf

Erst in den frühen Morgenstunden beginnt der Sturm in Hamburg richtig. Böen peitschen durch die Straßen Wilhelmsburgs. Die Wetterstation in Bergedorf misst Windgeschwindigkeiten bis zu 100 km/h. Der Wind treibt das Wasser in den Spreehafen.

Rund vier Meter über NHN sind angekündigt. Die Wellen klatschen gegen die Hausboote und den unteren Teil des Deichs. Die Flutschutzanlage an der S-Bahn-Station Veddel ist geschlossen.

Bahnen im Norden stehen still

"In der Nordhälfte verkehren bis in die Mittagsstunden keine Züge im Fernverkehr", so ein Sprecher der Deutschen Bahn. Das betrifft Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Brandenburg.

Reisende warten im Hauptbahnhof vor dem Reisezentrum. Sturmtief Ylenia sorgt für zahlreiche Zugausfälle.
Reisende warten im Hauptbahnhof vor dem Reisezentrum. Sturmtief Ylenia sorgt für zahlreiche Zugausfälle. (Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa-bilder)

Auch im Regionalverkehr komme es zu Zugausfällen und Verspätungen. In Niedersachsen sei aufgrund der Sturmschäden südlich von Hamburg kein Zugverkehr möglich. Wegen des noch andauernden Sturms ist mit weiteren Störungen zu rechnen. Die Deutsche Bahn arbeitet daran, Störungen zu beseitigen. In Hamburg ist außerdem vielerorts Ersatzverkehr mit Schienen eingerichtet.

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Autobahn wegen Wassermassen gesperrt

Auf der A7 Richtung Norden hatten sich auf Höhe Volkspark riesige Wasserlachen gebildet, die Autobahn musste Richtung Norden gesperrt werden. Die Feuerwehr rückte an und pumpte das Wasser von der A7. Im Hamburger Hafen wurde der Betrieb eingestellt, Schiffe nicht mehr be- und entladen. Alle Verladebrücken wurden hochgeklappt und dort, wo üblicherweise auch nachts reger Betrieb ist, tut sich zurzeit gar nichts mehr. Auch auf den Terminals ist das Arbeiten eingestellt.

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Polizisten räumen Barken von der Fahrbahn, die der Wind weggeweht hat. Auf dem Deich ist es zeitweise schwer, sich auf den Beinen zu halten. Dennoch fahren hier die ersten Menschen mit dem Fahrrad zur Arbeit. Auch die Straßen füllen sich langsam wieder.

Aktivisten fordern besseren Flutschutz

Währenddessen kann man auf Twitter 'live' mitverfolgen, wie sich der Sturm vor 60 Jahren zu einer Katastrophe entwickelt hat. Der Account "60 Jahre Hamburger Flut" der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung will die Erinnerung an die historische Sturmflut in die Gegenwart holen.

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An der S-Bahn-Station Veddel haben unbekannte Aktivisten Plakate aufgehängt, die den politischen Umgang mit Flutkatastrophen kritisieren. Auf einem stellen sie die Frage, warum die Hilfe aus Hamburg bei der Sturmflut 1966 erst am Tag danach kam. Auf einem anderen Plakat steht: "Warum sind die Sturmflutwarnungen heutzutage immer noch so miserabel (sic!) wie 1962?". Sie kritisieren fehlende niedrigschwellige Warnungen etwa bei der letzten Flut Ende Januar.

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