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Polizisten im Brennpunkt: "Wenn ein Clan-Mitglied droht, hat das eine andere Qualität"


Serie: Polizisten im Brennpunkt
"Wenn ein Clan-Mitglied droht, hat das eine andere Qualität"

  • Patrick Schiller ist t-online Regio Redakteur in Hannover.
Von Patrick Schiller

Aktualisiert am 30.01.2023Lesedauer: 5 Min.
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Ein Motorradpolizist im Einsatz zu Silvester (Archivbild): Wie geht es eigentlich Deutschlands Polizisten nach den SIlvester-Krawallen?Vergrößern des Bildes
Ein Motorradpolizist im Einsatz an Silvester (Archivbild): Wie geht es eigentlich Deutschlands Polizisten nach den Silvesterkrawallen? (Quelle: Sabine Gudath/imago images)

An vorderster Front: Was Polizisten in Deutschlands Brennpunkten täglich ertragen müssen. Erfahrene Beamte geben Einblicke in ihren Alltag.

Bei den Krawallen in der Silvesternacht wurden alleine in Niedersachsen 45 Mal Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr angegriffen, in Hamburg wurden nach den Krawallen mehrere Wohnungen durchsucht. Wie blicken Einsatzkräfte auf die Ausschreitungen zurück? Und wie normal sind derartige Vorfälle mittlerweile im Arbeitsalltag? t-online spricht mit Polizisten, die seit Jahren in Brennpunktbezirken im Dienst sind.

Um die Polizisten zu schützen, haben wir ihre Namen geändert. Die Gründe für diese Maßnahme erklären sich im Laufe des Interviews von selbst. In diesem Teil der Reihe sprachen wir mit Paul, der seit einigen Jahren als Streifen- und Bereitschaftspolizist in Brennpunktbezirken eingesetzt wird.

t-online: Seit wie vielen Jahren sind Sie bereits Polizist?

Paul: Seit 15 Jahren. Zunächst in einer größeren Metropole, dann in einer ruhigeren Stadt und jetzt wieder in einer Großstadt. Dabei fahre ich vor allem in Brennpunktgebieten Streife.

Waren die Silvesterkrawalle in deutschen Städten etwas Neues?

Ich kenne diese Szenen schon aus vergangenen Jahren. Diesmal war es nur intensiver. Und das hat seit 2015 deutlich zugenommen.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Während einer Silvesternacht mussten wir fast blind durch Nebelschwaden fahren. Wir wurden von allen Seiten mit Böllern und Raketen beschossen – auch als wir auf Fußstreife waren. Als sie uns von vier Seiten beschossen, hatte ich wirklich Angst.

Wie normal ist es inzwischen, dass Sie im Dienst angegangen, beleidigt oder verletzt werden?

Das hängt vom Arbeitsbereich ab: In ländlichen Gegenden ist es seltener, im Innenstadtbereich Alltag. In letzter Zeit gab es häufig plötzliche Widerstände und Attacken, oft in Verbindung mit Alkohol, Aufputsch- oder Betäubungsmitteln.

Mir fällt auch auf, dass mehr Menschen an psychischen Erkrankungen leiden. Das macht unsere Einsätze schwieriger. Besonders Schizophrenie und Wahnvorstellungen nehmen zu. Aber auch gesellschaftliche Probleme wie Stress oder Kriegserfahrungen spielen zunehmend eine Rolle. Auch sonst hört man bei Beleidigungen gar nicht mehr hin. Es gibt aber auch immer mehr Bedrohungen.

Bedrohungen gegenüber Ihnen als Polizisten?

Ja. Wenn ein Mitglied einer Clan-Großfamilie bewusst eine Kollegin bedroht, indem er sagt, er wisse, wo sie wohnt, dann hat das eine andere Qualität. Es ist ein Versuch, uns einzuschüchtern und gefügig zu machen.

Wie schützen Sie sich in solchen Situationen?

Wir werden ja generell vorbereitet. Und wir versuchen, im Dienstalltag Trainings einzuschieben. Aber vieles ist aufgrund des Schichtdienstes kaum noch leistbar. Wir müssen oft einfach zurechtkommen. Allerdings werden Einsätze oder Situationen nachbesprochen. Dann ist man in der Zukunft besser vorbereitet und weiß schon im Streifenwagen, dass man gleich die Handschuhe anziehen sollte. Das klappt oft.

Gibt es denn das gesellschaftliche Bild des "Freundes und Helfers" überhaupt noch?

Größtenteils schon. Aber manchen fehlt das Grundvertrauen in die Polizei. Das liegt vielleicht an schlechten persönlichen Erfahrungen. Aber wenn ein Bäcker mal unfreundlich zu mir ist, dann würde ich auch nicht alle Bäcker als unfreundlich wahrnehmen und bei jedem Besuch mein Smartphone zücken.

Woher rührt das Ihrer Meinung nach?

Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Auf der einen Seite leben ganze Straßenzüge glücklich. Auf der anderen Seite verarmen Stadtteile. Dazu kommen Bildungsnachteile. Diese gesellschaftlichen Probleme machen uns den Dienstalltag schwer. Das hat sich seit der Flüchtlingskrise 2015 deutlich verschärft, als sehr viele arme Menschen auf einmal zu uns kamen – und dann, zum Teil, noch vom Staat im Stich gelassen wurden.

Diese Menschen leben dann jahrelang eng beieinander in Unterkünften, kommen nicht in der Gesellschaft an. So haben die sich ihr Leben sicher nicht vorgestellt – mit wenig Taschengeld und mit viel Langeweile. Kein Wunder, dass dann der kriminelle Weg lockt. Man muss sich entscheiden: Entweder – wenn möglich – schneller abschieben oder die Menschen konsequent in unsere Gesellschaft integrieren.

Werden auch rechtliche Aspekte vernachlässigt?

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind längst da. Das Strafmaß ist entscheidend: Im Alltag haben wir oft Personen, die 60 Mal wegen schwerer Straftaten angezeigt wurden, aber noch immer in Freiheit herumlaufen. Die nehmen das natürlich nicht ernst. Dazu kommt die Überforderung unserer Gerichte. Einige dieser Personen kommen aus Ländern, in denen es extrem hohe Strafen für banale Delikte gibt. Und hier passiert dann nichts oder nur wenig. Das kann verlocken.

CDU-Chef Friedrich Merz spricht in diesem Zusammenhang vom "kleinen Pascha", wenn er über Menschen aus dem arabischen Raum redet. Sehen Sie das ähnlich oder ist das zu allgemein und herabwürdigend?

Man muss Probleme offen ansprechen. Die meisten Menschen, die Silvester randaliert haben, kamen aus dem arabischen Kulturkreis, und wir haben es vermehrt mit arabischer Clankriminalität zu tun. Aber: mich stört, wenn Politiker mit solchen bewussten Vereinfachungen die Spaltung der Gesellschaft vorantreiben. Das führt zu Frust und verhärtet Fronten. Ich wünsche mir weniger Emotionalität und mehr Sachlichkeit.

Kann man nach Feierabend einfach abschalten? Trägt man Extremsituationen auch ins Privatleben?

Vor Weihnachten war eine heftige Phase, die man mit nach Hause nimmt. Ich bespreche das mit meiner Ehefrau. Aber nach fünf Minuten ist das abgehakt. Auch Freundeskreis und Familie helfen. Man braucht unbedingt ein intaktes Privatleben, um alles zu verarbeiten.

Gibt es denn Hilfestellungen seitens der Behörde, falls das nicht reicht?

Das funktioniert ganz gut. Es hat sich in den letzten Jahren viel getan. Nach schlimmen Situationen haben wir schon beim nächsten Dienst eine E-Mail mit Hilfsangeboten im Postfach. Und auch die Mentalität der Chefs hat sich geändert. In den Achtzigerjahren hieß es wohl noch, man müsse solche Situationen einfach aushalten.

Bei den ganzen Schilderungen sollte man annehmen, dass einige Polizisten längst über einen Berufswechsel nachdenken ...

Es gibt Leute, die sich das überlegen. Und auch welche, die den Job tatsächlich an den Nagel hängen. Das sind aber Ausnahmen. Die meisten stellen sich der Herausforderung. Sie wollen gesellschaftlich etwas verändern und für mehr Sicherheit sorgen.

Erhoffen Sie sich Veränderungen innerhalb der Polizei? Sollte an bestimmter Stelle nachgebessert werden?

Die Personalnot ist seit Jahren oder Jahrzehnten ein großes Problem. Um Probleme wirklich anpacken zu können, brauchen wir mehr Personal. In Sachen Ausrüstung hat sich schon viel getan. Man stellt zwar ein, aber es gibt auch neue Bedarfsfelder. Zum Beispiel Cybercime. Oder man stockt berechtigt den Staatsschutz auf. Die schlucken die neuen Kräfte. Bei der Polizei, die Streife läuft, kommt das nicht an.

Mehr Personal bei der Polizei. Das wünsche ich mir wirklich.

Danke für das Gespräch.

Verwendete Quellen
  • Gespräch mit Polizisten aus Norddeutschland
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