Interview
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"Bin beruhigt, dass die S├╝dstadt doch nicht schick geworden ist"

Von Peter Hesse

Aktualisiert am 31.03.2021Lesedauer: 7 Min.
Wolfgang Niedecken: Der K├Âlner Musiker wird am 30. M├Ąrz 70 Jahre alt.
Wolfgang Niedecken: Der K├Âlner Musiker wird am 30. M├Ąrz 70 Jahre alt. (Quelle: Matthias Bothor)
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Am 30. M├Ąrz wurde der Musiker, Autor und K├╝nstler Wolfgang Niedecken 70 Jahre alt. Zum Jubil├Ąum hat t-online mit ihm ├╝ber seine Heimatstadt K├Âln, seine Idole und die Lehren seines Lebens gesprochen.

Er geh├Ârt genauso zum Stadtinventar von K├Âln wie an anderer Stelle der Dom, der Rhein und das M├╝ngersdorfer Stadion. Anl├Ąsslich seines 70. Geburtstags hat unser Autor mit dem ber├╝hmten "BAP"-K├Âlschrocker ("Verdamp lang her") Wolfgang Niedecken gesprochen: ├╝ber Corona, das ver├Ąnderte K├Âlner Stadtbild und seinen Schlaganfall vor zehn Jahren.

t-online: Ihr Kollege, der K├Âlner Rockmusiker Hans-J├╝rgen Zeltinger, ist vor zwei Jahren 70 Jahre alt geworden. Haben Sie sich schon Tipps geholt, worauf Sie sich im neuen Jahrzehnt einstellen m├╝ssen?

Wolfgang Niedecken: (lacht) Nein ÔÇô noch nicht! Komischerweise leben wir in der gleichen Stadt, aber sehen uns viel zu selten. Der J├╝rgen ist ein Stehaufm├Ąnnchen und ├ťberlebensk├╝nstler. Es ist echt bewundernswert, wie der sich immer durchschl├Ąngelt. Aber das war schon immer so. Guter Mann, der J├╝rgen!

Wolfgang Niedecken bei einem Livekonzert (Archivbild): Der K├Âlner liebt neben der Musik auch die Malerei.
Wolfgang Niedecken bei einem Livekonzert (Archivbild): Der K├Âlner liebt neben der Musik auch die Malerei. (Quelle: Karl-Maria Hofer)
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Wir leben nun gut ein Jahr mit den Auswirkungen von Corona. Das kulturelle Leben liegt brach. ÔÇô Wie geht es Ihnen pers├Ânlich ohne Theater, Kino und Konzerte?

Es f├Ąllt mir nicht leicht ÔÇô aber es gibt ganz andere Probleme, die derzeit viel wichtiger sind. Wenn ich mich in eine Kleinfamilie hineinversetze, die auf engstem Raume lebt und zwei Kinder hat, brennt es dort viel mehr. Kinderg├Ąrten und Schulbesuche sind nur eingeschr├Ąnkt m├Âglich, dazu muss der Vater im Homeoffice arbeiten und die Mutter wird streckenweise ├╝berfordert sein. Das sind die eigentlichen Probleme. Was meinen Beruf betrifft, werden wir mit Sicherheit die Letzten sein, die wieder arbeiten d├╝rfen.

Mir tun hierbei vor allem die Jungs und M├Ądels leid, die f├╝r uns arbeiten, als dass ich mir selbst leidtue. Unsere Crews leiden sehr stark an diesem "Berufsverbot" ÔÇô au├čer sie besorgen sich irgendeinen anderen Job. Und viele suchen sich ja gerade notgedrungen neue Bet├Ątigungsfelder. Wenn wir dann endlich mal wieder auf Tour gehen k├Ânnen, kann es noch hart werden. Denn dann werden viele Bands gleichzeitig am Start sein und das Gerangel um die Crews und Tontechniker wird gro├č werden.

Anderes Thema: Sie haben immer in K├Âln gelebt. Wenn Sie heute durch die S├╝dstadt flanieren, erkennen Sie da noch Ihre alte Heimat wieder? Oder hat die Gentrifizierung alles auf den Kopf gestellt?

Wir haben 1981 f├╝r unser Album "F├╝r Usszeschnigge!" den Song "S├╝dstadt, verz├Ąll nix" aufgenommen ÔÇô und dieses Lied behandelte ja das Thema Gentrifizierung. Ich bin sehr beruhigt, dass die K├Âlner S├╝dstadt doch nicht schick geworden ist. Wenn man mal ├╝ber die Severinstra├če geht, sieht man ganz viele "einfache" Menschen, die im Viertel leben. Und als Nicht-Schickeria-Mensch kann man dort immer noch wunderbar leben. Das gef├Ąllt mir sehr gut. Allerdings sind die Mieten in einem Ma├če hochgegangen, dass es sozial nicht sehr vertr├Ąglich ist.

Ein gro├čer Einschnitt war der Bau der U-Bahn vor vielen Jahren, da wurde alles umgepfl├╝gt. Viele kleine Gesch├Ąfte sind dabei auf der Strecke geblieben. Aber es ist auch klar: Es ist heute nicht mehr die S├╝dstadt, die ich in meiner Kindheit kennengelernt habe. Wie auch? Das war damals eine Art Bullerb├╝ ÔÇô ein niedliches Dorf zum Anfassen, wo quasi jeder jeden kannte.

Ihr Vater Josef f├╝hrte bis 1979 an der Severinstra├če 1 ein Lebensmittel- und Feinkostgesch├Ąft. Er kam aus Unkel nach K├Âln und stammt aus einer alten Winzerfamilie. Haben Sie die Weintrinker-Gene vererbt bekommen?

Auf jeden Fall. Lange Zeit habe ich ├╝berhaupt nicht dar├╝ber nachgedacht, aber tats├Ąchlich: Mein Lieblingswein ist Riesling! Einen sch├Ânen, trockenen, ehrlichen Riesling ziehe ich irgendwelchen schlauen Weinen vor. Und das ist genau das, was meine ganze Verwandtschaft ├╝ber Generationen angebaut hat: Riesling.

Niedecken posiert vor einem Graffiti: Der K├Âlschrocker sagt selbst, er f├╝hle sich wie 50.
Niedecken posiert vor einem Graffiti: Der K├Âlschrocker sagt selbst, er f├╝hle sich wie 50. (Quelle: Tina Niedecken)

Ihre aktuell erschienene Biografie "Wolfgang Niedecken 70 Jahre" haben Sie Ihren Eltern Josef und Tinny gewidmet. Denken Sie oft an Vater und Mutter?

Mein Vater hat viele Jahre lang k├Ârperlich hart gearbeitet ÔÇô und das Lebensmittelgesch├Ąft, das er f├╝hrte, war in der Summe schon ziemlicher Raubbau. Er ist mit seinen Kr├Ąften an seine Grenzen gekommen und es war allerh├Âchste Zeit, dass er den Laden irgendwann meinem Halbbruder ├╝bergeben hat. Leider hat er von seiner Pensionierung nicht viel gehabt ÔÇô ein Jahr danach ist er im Alter von 76 Jahren verstorben.

Aber ich denke noch oft an ihn. Er war ein sehr gl├Ąubiger Mensch. Wenn zum Beispiel bei uns Lebensmittel weggeschmissen worden sind, dann sagte er immer: "Das hat der Herrgott alles f├╝r uns wachsen lassen". Und mit dieser Art von Spr├╝chen zitiere ich ihn schon mal gerne.

Ihre Mutter hat Ihren Vater um 20 Jahre ├╝berlebt ÔÇô welche Erinnerung haben Sie an die erste Frau Ihres Lebens?

Meine Mutter hat nach dem Tod meines Vaters ihr Leben noch genossen. Sie ist viel gereist und hat viel mit ihren Freundinnen unternommen. Am Ende ist sie sehr krank gewesen und an Alzheimer gestorben. Das war ganz bitter, die letzten zwei Jahre ist sie mehr oder weniger dahinged├Ąmmert. Sie hat am Schluss nur noch mich erkannt.

Im vergangenen Jahr sind Sie auch Gro├čvater geworden, welche Rolle spielen Ihre Enkelkinder in Ihrem Leben?

Ich habe vier Kinder und mittlerweile zwei Enkel ÔÇô das ist schon ein ganz anderes Empfinden, emotional findet das auf einer anderen Ebene statt. Gro├čvater zu sein ist etwas ganz anderes als Vater zu sein. Man sieht seine Kinder in den Enkeln und erinnert sich an diese Zeiten. Und dann stellst du nat├╝rlich fest, wie schnell die Zeit vergeht. Meine Innensicht ist ja auch eine andere ÔÇô ich f├╝hle mich nicht wie 70, sondern irgendwie eher was mit 50 Jahren. Ich habe auch ehrlich gesagt keinen Bock darauf, st├Ąndig dar├╝ber nachzudenken, wie alt ich nun wirklich bin.

Sie sagten mal an anderer Stelle: "Der Seilt├Ąnzer in mir hat selten nach unten geschaut". Ist das anders geworden, als Sie vor zehn Jahren einen Schlaganfall erlitten haben?

Der Schlaganfall war f├╝r mich so eine Art Gelbe Karte. Es gibt Fu├čballspieler, die sagen dann: "Schei├č drauf!" und kriegen ein paar Minuten sp├Ąter Gelb-Rot. Das habe ich nicht gemacht. Ich habe diese Schiedsrichterverwarnung wirklich sehr ernst genommen. Mit dem Seilt├Ąnzer-Zitat ist eher was anderes gemeint. Ich habe mal einen Bandscheibenvorfall erlitten, bei dem ich merkte, dass ich ans Ende meiner Kr├Ąfte komme ÔÇô vor allem, weil das sehr schmerzhaft war. Ich habe mich aber nicht operieren, sondern konservativ behandeln lassen.

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Daf├╝r muss ich jeden Tag meine ├ťbungen machen. Ich fahre, seit ich 50 wurde, jeden Morgen eine ordentliche Strecke auf dem Heimtrainer ÔÇô meist so 28 Kilometer. Aber das Wichtige dabei ist ja die Selbsterkenntnis. Ab dem Moment der schmerzhaften R├╝ckenprobleme habe ich mich oft gefragt: "Wie lange kannst du noch als Musiker Konzerte geben"? Ich will ja schlie├člich nicht auf die B├╝hne gehen und mich dann bedauern lassen.

Im Moment erleben wir Sie in einer neuen Rolle: als den Autor Wolfgang Niedecken. F├╝r den K├Âlner Verlag Kiepenheuer & Witsch haben Sie eine sehr subjektive Fan-Biografie ├╝ber Bob Dylan geschrieben. ÔÇô Wie kam es dazu?

In der Reihe sind ja schon eine Menge B├╝cher erschienen, einige davon hatte ich gelesen: Wie der Bochumer Autor Frank Goosen ein Fanbuch ├╝ber die Beatles verfasst hat ÔÇô das hat mir gut gefallen. Auch wie Thees Uhlmann, den ich auch privat sehr gerne mag, ├╝ber die Toten Hosen schrieb und auch das Buch von Tino Hanekamp ├╝ber Nick Cave war sehr stark. Diese Herangehensweise, dass jemand ganz subjektiv ├╝ber den K├╝nstler ÔÇô oder die Band ÔÇô schreibt, die ihn am meisten beeindruckt hat, das finde ich sehr angenehm.

Denn die zehntausendste Bob-Dylan-Biografie braucht ja eigentlich kein Mensch ÔÇô sowas gibt es ja alles schon. Ich hatte vor ein paar Jahren f├╝r den TV-Sender Arte an der Doku "Auf den Spuren von Bob Dylan" mitgearbeitet und ich habe den roten Faden dieser Reise genommen und dazu erz├Ąhlt, was ich pers├Ânlich mit Bob Dylan erlebt habe. Da konnte ich wunderbar einflechten, was in meinem eigenen Leben mit dem gro├čen Songwriter stattgefunden hat. Das Schreiben hat gro├čen Spa├č gemacht und bis jetzt kam noch keine negative Reaktion auf das Buch. Bin mal gespannt, wann der erste Verriss kommt ...

Wolfgang Niedecken blickt nachdenklich: Er bezeichnet seinen Schlaganfall vor zehn Jahren heute als "Gelbe Karte".
Wolfgang Niedecken blickt nachdenklich: Er bezeichnet seinen Schlaganfall vor zehn Jahren heute als "Gelbe Karte". (Quelle: Tina Niedecken)

Urspr├╝nglich haben Sie ja Freie Malerei studiert. Finden Sie, dass der Maler Wolfgang Niedecken in Ihrem Leben zu kurz gekommen ist?

Ja, aber das w├Ąre sehr undankbar, wenn ich das jetzt bem├Ąngeln w├╝rde. Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre war ich mit ein paar Ausstellungen schon ziemlich weit. Ich habe in Berlin in guten Avantgarde-Galerien ausgestellt und vereinzelte Ausstellungen in Hamburg und in K├Âln gehabt. Sp├Ąter sogar im Lenbachhaus in M├╝nchen. Ich war ziemlich weit. Aber wenn man sich nicht verzetteln will, dann sollte man nur eine Sache richtig machen. Als h├Ątte ich auf der Innenseite meiner Stirn den Sinnspruch t├Ątowiert: "Blo├č nicht verzetteln!". Denn ich neige da leider zu und bin dadurch selbst vor mir gewarnt.

Das klingt jetzt wie ein Satz von Ihrem Vater.

Nein, das ist meine eigene Erfahrung. Ich habe in fr├╝hen Tagen zusammen mit dem "BAP"-Perkussionisten Manfred "Schmal" Becker gewohnt und gearbeitet. Wir beide haben zusammen gemalt und mehrere Kunstprojekte auf die Beine gestellt. Der Schmal war dabei ein unglaublich akribischer Maler. Von dem habe ich sehr viel gelernt, auch mich nicht zu verzetteln. Er hat mir beigebracht: "Mach lieber weniger ÔÇô und das dann richtig!"

Lieber Herr Niedecken, wir bedanken uns bei Ihnen f├╝r das Gespr├Ąch.

Zur Person: Wolfgang Niedecken, 1951 in K├Âln geboren, studierte von 1970 bis 1975 Freie Malerei und gr├╝ndete danach die K├Âlsch-Rock-Band BAP, mit der er 1982 den ├╝berregionalen Durchbruch schaffte. Mit seiner Band BAP hat der Musiker, Maler und Autor seit 1979 mehr als sechs Millionen Tontr├Ąger verkauft und insgesamt 20 Studio- und 6 Live-Alben ver├Âffentlicht, darunter 11 Nr.1-Titel. Seit dem Jahr 2004 vertritt der vielseitige Allroundk├╝nstler als Botschafter die Dachorganisation ÔÇťGemeinsam f├╝r AfrikaÔÇŁ. Niedecken erhielt zahlreiche Preise, darunter das Bundesverdienstkreuz f├╝r sein gesellschaftliches Engagement und den "Echo" f├╝r sein Lebenswerk. Niedecken hat vier Kinder und zwei Enkelkinder. Von seinem K├Âlner Arbeitszimmer aus schaut der ├╝berzeugte K├Âlner Lokalpatriot direkt auf den Rhein.

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