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Franz Beckenbauer und München-Giesing: Der "Kaiser" aus dem Arbeiterviertel


Franz Beckenbauer und Giesing
Der Junge aus dem Münchner Arbeiterviertel


09.01.2024Lesedauer: 4 Min.
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Als junger Mann: Franz Beckenbauer kehrte einst für dieses Foto zum Sportplatz des SC 1906 zurück und stieg durch ein Loch im Zaun. (Quelle: Imago )

Franz Beckenbauer wuchs einst in München-Giesing auf. Die Mentalität des Arbeiterviertels hatte die Legende des FC Bayern laut Weggefährten bis zum Ende verinnerlicht.

Das Leben von Franz Beckenbauer war zweifelsohne voller Anekdoten. Dazu passend: Auch heute noch lebt ein "Kaiser" – oder eine "Kaiserin" – in der Zugspitzstraße 6 in München-Giesing. Der Name sticht auf dem Klingelschild seines Elternhauses sofort hervor, für jene, die wissen, dass dort Deutschlands mutmaßlich bester Fußballer der Sportgeschichte aufgewachsen ist.

Am Montagabend, um 19.15 Uhr, wirkte die unscheinbare Straße bei bitterkalten minus sechs Grad bedächtig. Ziemlich genau zwei Stunden, nachdem die Nachricht vom Tod Beckenbauers, der 78 Jahre alt war, über die Nachrichtenticker der Republik gelaufen waren, hatten sich vor dem Haus keine Fans des FC Bayern eingefunden, um ihrer Ikone dort mit Kerzen oder Blumen zu gedenken. Vor der Zugspitzstraße 6 stand stattdessen ein mit Schnee bedeckter Motorroller. Ein Hinweis, dass hier der "Kaiser" gelebt hatte, fand sich nicht.

Bodenständigkeit des Stadtteils hat sich bis heute bewahrt

Es war bezeichnend: Beckenbauer und seine Heimatstadt hatten schon länger miteinander gefremdelt, hatte der gebürtige Münchner der Isarmetropole schließlich zuerst in den 1970er-Jahren nach Ärger mit dem Fiskus und später ganz den Rücken gekehrt. In Giesing, diesem kernigen Arbeiterviertel, das sich gegen die großstädtische Gentrifizierung wehrt, sucht man vergeblich nach Graffitis oder Aufklebern von Fußballfans, die ihren Franz ehren.

Die Straßen sind tiefblaues Hoheitsgebiet des Stadtrivalen TSV 1860 München. Bayerns Leon Goretzka wohnt heute dennoch um die Ecke. Der Nationalspieler erzählte einmal in einem Interview, dass ihn das Viertel an das ebenfalls hemdsärmelige Bochum – seine Heimatstadt im Ruhrgebiet – erinnere. Die Bodenständigkeit, die in anderen Münchner Stadtteilen kaum zur Identität gehört, hat sich bis heute bewahrt.

Franz Beckenbauer: In Giesing aufgewachsen

Bei den "Löwen" war Beckenbauer trotz seiner Karriere bei den "Roten" seit November 1998 Lebensmitglied. Der Klub trauerte am Montagabend um einen "waschechten Giesinger", für die er beinahe gespielt hätte. Jene Anekdote, die das verhinderte, erzählte Beckenbauer später immer wieder selbst. Als zwölfjähriger Jugendspieler des SC München von 1906 kassierte er in einer Partie gegen Sechzig von seinem Gegenspieler eine "Watschn", wie er es in seinem markanten Münchner Dialekt umschrieb, also eine Ohrfeige.

Auf den Sportplatz seines Jugendklubs konnte er aus seinem Zimmer schauen – er liegt noch heute gegenüber des einstigen Elternhauses in Giesing. "Wir sind raus auf die Straße, Zaunlatte zur Seite, und auf den Fußballplatz", erzählte Bruder Walter Beckenbauer in der jüngsten ARD-Dokumentation "Beckenbauer – Legende des deutschen Fußballs".

Not und Elend: Familie hat auf engstem Raum gewohnt

Diese war bereits für den Montagabend im Free-TV geplant, ehe die Familie am selben Tag bekannt gab, dass der langjährige Spieler des FC Bayern und der deutschen Nationalmannschaft bereits am Sonntag (7. Januar) verstorben war.

Franz sei ein "braves Kind" gewesen, "sehr beliebt im ganzen Haus, in der ganzen Straße". Dort habe die Familie "auf engstem Raum gewohnt. Das war einfach Not und Elend in München, in Giesing, wo wir aufgewachsen sind", erzählte Bruder Walter. Vater Franz war Postobersekretär, Mutter Antonie Hausfrau. Es ging schlicht zu in der Nachkriegszeit.

Seine einfache Giesinger Herkunft tauchte später immer wieder im Wortschatz Beckenbauers auf. In der ZDF-Doku "Beckenbauer – Triumphe, Affären und Skandale" berichtete Bruder Walter, wie Franz nach dem WM-Sieg 1990 (als Teamchef Deutschlands) zu ihm gesagt habe: "Stell Dir vor, wie wir aufgewachsen sind. Und jetzt das!" Als Trainer meinte er nach einem schlechten Münchner Derby gegen die Sechzger einmal: "Das war ein bisschen wie Obergiesing gegen Untergiesing."

Beckenbauer führt FC Bayern zur ersten Meisterschaft

Nur einen Kilometer Luftlinie weiter von der Zugspitzstraße 6 entfernt steht in Obergiesing noch heute das Grünwalder Stadion, in dem Beckenbauer den FC Bayern in der Saison 1968/69 zur ersten Bundesliga-Meisterschaft der Klub-Geschichte geführt hatte. Nördlich der Innenstadt, zwischen Neuhausen, Schwabing und Milbertshofen, machte er Deutschland dagegen am 7. Juli 1974 mit einer famosen Leistung als Kapitän, Denker und Lenker im Finale von München gegen die Niederlande (2:1) im Olympiastadion zum Weltmeister.

Beckenbauer war damals den einfachen Verhältnissen längst entflohen, ein gefragter Werbepartner und international ein Star. Es folgte eine wechselhafte Liebesbeziehung mit der Isarmetropole.

Ein Beispiel: In den 1970er-Jahren musste er nach Versäumnissen dem Finanzamt München 1,8 Millionen D-Mark Steuern nachzahlen, weswegen ihm sein Wechsel in die USA 1977 als Steuerflucht ausgelegt wurde. Er habe sich vom FC Bayern unabhängig machen wollen, erzählte dagegen seine damalige Lebensgefährtin Diana Sandmann dem ZDF.

In den Restaurants und Lokalen der "Schickeria" sah man ihn selten

Beckenbauer kam wieder, war von 1994 bis 2009 Präsident des deutschen Rekordmeisters. In den Restaurants und Lokalen der "Schickeria" sah man ihn jedoch selten, das galt selbst für das Oktoberfest. Er lebte immer zurückgezogener. Exemplarisch: Einer seiner Münchner Stamm-Italiener, die "Trattoria Al Paladino", befindet sich noch heute am wenig schicken und vergleichsweise unspektakulären Heimeranplatz.

Zwar lebte der "Kaiser" als junger Mann im damaligen Villenviertel Solln, später im Luxus-Vorort Grünwald, ab 2005 in Salzburg in Österreich und als Senior schließlich im mondänen Kitzbühel in Tirol. Dennoch bescheinigte ihm nicht nur der bekannte Sportjournalist und Weggefährte Marcel Reif am Montagabend im "heute journal" des ZDF: "Er wusste immer, wo er herkommt. Er war der Junge aus Giesing, der in die Welt hinauszog."

Verwendete Quellen
  • Eigene Beobachtungen vor Ort
  • ardmediathek.de: "Beckenbauer – Legende des deutschen Fußballs"
  • zdfmediathek.de: "Beckenbauer – Triumphe, Affären und Skandale"
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