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Fall Silas: "Spieler sind von Personen mit Kontakten nach Europa abhängig"

Afrika-Experte zum Fall Silas  

"Die Spieler sind von Personen mit Kontakten nach Europa abhängig"

10.06.2021, 10:36 Uhr
Fall Silas: "Spieler sind von Personen mit Kontakten nach Europa abhängig". Silas Katompa Mvumpa: Der Stuttgart-Profi spielte in der Bundesliga zwei Jahre unter falscher Identität. (Quelle: imago images/Sven Simon)

Silas Katompa Mvumpa: Der Stuttgart-Profi spielte in der Bundesliga zwei Jahre unter falscher Identität. (Quelle: Sven Simon/imago images)

Der Fall Silas beschäftigt nicht nur die Fußballöffentlichkeit: Der Profi des VfB Stuttgart lebte und spielte jahrelang unter falscher Identität. Ein in Afrika tätiger Spielervermittler erklärt t-online die Beweggründe. 

In der abgelaufenen Bundesliga-Saison erzielte Silas Wamangituka elf Treffer für den VfB Stuttgart. Das dachte man zumindest. Denn wie am Dienstag herauskam, heißt der torgefährliche Außenbahnspieler der Schwaben gar nicht Wamangituka, sondern Katompa Mvumpa. Der Kongolese, der seit 2019 beim VfB unter Vertrag steht, klärte seinen Klub darüber auf, dass er unter einer falschen Identität lebe, die ihm vermutlich sein früherer Berater Olivier Belesie zugelegt hat.

Die sportliche Leitung der Stuttgarter machte den Fall publik und sprach im selben Atemzug von Menschenhandel, der mit Katompa Mvumpa, der in der Bundesliga mit dem Rückenflock "W. Silas" auflief, betrieben worden sei. "Ich habe in den letzten Jahren in ständiger Angst gelebt und mir auch um meine Familie im Kongo große Sorgen gemacht. Es war ein schwerer Schritt für mich, meine Geschichte zu offenbaren", sagte Katompa Mvumpa selbst über sein Schicksal.

Afrika-Experte Nehf: Solche Dinge überraschen mich nicht

"Dass solche Dinge passieren, überrascht mich nicht", sagt wiederum Paul Nehf. Der gelernte Journalist ist bereits seit vielen Jahren als Scout, Spielervermittler und Berater auf dem afrikanischen Kontinent aktiv. "Die allermeisten afrikanischen Spieler sind von Personen, die Kontakte zu Vereinen nach Europa haben, abhängig", erklärt er. Dabei entstehen auch für das europäische Auge unverständliche Beziehungsgeflechte, in denen die Spieler ihren Managern quasi eine "Carte Blanche" ausstellen. Nehf appelliert, bei solchen Fällen nicht die Nase zu rümpfen, sondern die Realität des Fußballmarktes in Afrika anzuerkennen – "und die ist nun einmal, dass es für junge afrikanische Fußballer unglaublich schwer ist, den Sprung nach Europa zu schaffen."

Silas Katompa Mvumpa: Der Außenbahnspieler konnte seinen Marktwert in dieser Saison laut "Transfermarkt" auf 25 Millionen Euro erhöhen. (Quelle: imago images/Sportfoto Rudel)Silas Katompa Mvumpa: Der Außenbahnspieler konnte seinen Marktwert in dieser Saison laut "Transfermarkt" auf 25 Millionen Euro erhöhen. (Quelle: Sportfoto Rudel/imago images)

Der Afrika-Experte nennt das Beispiel Deutschland: "Bei uns ist es Afrikanern nicht erlaubt, unterhalb der 2. Bundesliga oder in den Nachwuchsmannschaften der Bundesligisten zu spielen. Die Hemmschwelle für deutsche Profivereine, ein junges afrikanisches Talent zu verpflichten, ist also enorm." Auf der Scouting-Weltkarte wird der Kontinent so für deutsche Profiklubs zum blinden Fleck. Die Spieler müssen sich mit den lokalen vermeintlichen Heilsbringern arrangieren, also Personen wie Belesi. Grundsätzlich verteufeln will Nehf solche Vermittler dennoch nicht: "Ohne sie gäbe es noch weniger afrikanische Fußballererfolgsgeschichten." Oder in anderen Worten: "Wäre Belesie nicht, wäre Katompa Mvumpa vielleicht immer noch im Kongo und kein Hahn würde in Deutschland nach ihm krähen."

Paul Nehf: Der gelernte Journalist ist seit Jahren als Berater auf dem afrikanischen Kontinent tätig. (Quelle: Paul Nehf/Privat)Paul Nehf: Der gelernte Journalist ist seit Jahren als Berater auf dem afrikanischen Kontinent tätig. (Quelle: Paul Nehf/Privat)

Doch wie gelingt es Personen wie Belesi Spieler wie Katompa Mvumpa dann auch in Vereinen unterzubringen? Nehf hat da eine Theorie: "Belesi besitzt, wie ich hörte, einen französischen Pass und kann somit relativ einfach junge Talente für einige Monate zu sich nach Frankreich holen. In dieser Zeit karrt er sie dann von Klub zu Klub, von Probetraining zu Probetraining. Da landet dann auch mal ein absolutes Top-Talent bei einem französischen Fünftligisten, Hauptsache, man bringt es erst einmal in Europa unter Vertrag." Denn, erhält das Talent erst einmal ein Visum und eine Spielberechtigung, erleichtert sich für den Agenten auch die Vermittlung an weitere, besser gestellte Vereine. Der lukrative Teil des Geschäftsmodells beginnt.

Spielervermittler nimmt Europäer in die Pflicht

Der Manager schnürt das Abhängigkeitsverhältnis enger, "weil er den Spieler immer wieder damit konfrontiert, was er Gutes für ihn und seine Familie getan hat", so Nehf, der erklärt, dass diese Praxis öfters zu Gebrauch kommt, als man annehmen würde. So sei ihm der Fall eines Topspielers eines europäischen Renommeeklubs bekannt, der sich "aus Loyalität zu dem, der ihm die Chance auf eine Karriere gegeben hat", bis heute finanziell ausnutzen lässt.

Dass Katompa Mvumpa unter falscher Identität im Profifußball durchstartete, lässt sich laut Nehf indes auch mit finanziellen Gründen erklären. "Sind die Spieler über ihren Verein beim nationalen Fußballverband registriert, haben diese Anrecht auf die bei Transfers ausgeschüttete Ausbildungsentschädigung. Dadurch, dass der Berater die Identität in Wamangituka änderte, erschien der Spieler in keinem Register mehr und konnte somit ablöse- und entschädigungsfrei transferiert werden", zeichnet der Vermittler und Berater nach.

Um solchen ungesunden Abhängigkeitsverhältnissen entgegenzuwirken, fordert Nehf bessere Chancen für afrikanische Nachwuchsspieler durch mehr europäisches Engagement vor Ort, Visa-Erleichterungen und Spielgenehmigungen auch im Juniorenbereich. Erst so könne der blinde Flick nachhaltig als florierender Markt talentierter Fußballer erschlossen werden. Dass dies bisher noch nicht geschehen ist, schreibt Nehf der Bequemlichkeit vieler Klubs und Scouts zu: "Viele ziehen es eben vor, nach Rio de Janeiro zu fliegen, sich auch mal ein paar schöne Stunden an der Copacabana zu machen und im Stadion ein paar Erstligaspiele mitzunehmen, als sich in Abidjan an irgendeinen Bolzplatz zu stellen, wo ein lokales Turnier ausgespielt wird."

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Paul Nehf
  • Eigene Recherche

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