Der Kniff zur Halbzeit

So zerlegte der FC Bayern Topklub Tottenham

Von Constantin Eckner

02.10.2019, 11:10 Uhr

FC Bayern: Das war der Schlüssel für Serge Gnabrys vier Tore. (Quelle: Omnisport)

Diesen Artikel teilen

Der FC Bayern hat am Dienstagabend einen spektakulären Sieg in London errungen. Doch wie ist das gegen ein englisches Topteam in dieser Höhe überhaupt möglich? Die Taktik-Analyse zum Spiel. 

In einer denkwürdigen Europapokalnacht zerlegt der FC Bayern München den Champions-League-Finalisten der Vorsaison. Beim 7:2-Sieg gegen die Tottenham Hotspur drehen die Münchner am Dienstagabend erst so richtig auf, als sie den Ball kontrollieren und die Oberhand im Mittelfeld erlangen. Wie ist dieser spektakuläre Erfolg zu erklären? 


Note 1 für zwei DFB-Stars! Die Bayern in der Einzelkritik

Mit einem furiosen 7:2 bei Tottenham Hotspur hat der FC Bayern München die Tabellenführung in Champions-League-Gruppe B ausgebaut. Dabei überragte ein Außenstürmer. Die t-online.de-Noten zum Durchklicken. (Quelle: Reuters)

Manuel Neuer: Starke Parade im Eins-gegen-eins nach nur fünf Minuten, chancenlos beim 0:1, beim Elfmeter zum 2:4 noch dran. Rettete mit famosem Reflex gegen den enthemmt aufspielenden Tanguay Ndombelé (26.) und lenkte einen Schuss von Christian Eriksen in Weltklasse-Manier mit den Fingerspitzen über die Latte. Note 1 (Quelle: imago images)

Jerome Boateng: Lange nur am Reagieren statt am Agieren. War beim 0:1 viel zu spät dran und viel zu weit weg vom Gegenspieler. Hatte mit den spritzig flinken Londonern trotz des deutlichen Ergebnisses erhebliche Probleme, kam teils überhaupt nicht hinterher. Note 4 (Quelle: Reuters)

Niklas Süle: Die Abwehrkante ließ sich in der Anfangsphase immer wieder vom kleinen quirligen Ex-Bundesliga-Profi Heung-Min Son überrumpeln. Stabilisierte sich mit zunehmender Spieldauer, ohne in der Spieleröffnung wirklich zu überzeugen. Note 3 (Quelle: Reuters)

Benjamin Pavard: Wenn Ndombelé und Moussa Sissoko die Flügel wechselten, brannte es auf seiner Seite oft lichterloh. Der französische Weltmeister kam mitunter nicht mal in die Zweikämpfe. Bestätigte mit seinem recht passiven Auftritt, ob es für das allerhöchste Level reicht. Note 4 (Quelle: imago images)

David Alaba: Rettete für den geschlagenen Neuer gegen Harry Kane vor der Linie (16.). Initiierte mehrere Angriffe, aber auch der Österreicher hatte seine liebe Müh und Not in der Rückwärtsbewegung. Auch er stabilisierte sich nach der Pause deutlich und arbeitete am Kantersieg mit. Note 3 (Quelle: imago images)

Joshua Kimmich: Was für eine Reaktion auf den Boss-Rüffel! Zeigte beim Ausgleich die ganze Dominanz, die er selbst eingefordert hatte. Hielt mit viel Einsatz und Herzblut im Zentrum und mit der Körpersprache eines Leaders dagegen. Note 2 (Quelle: dpa)

Corentin Tolisso: Anfangs überrumpelt wie mehrere seiner Nebenleute. Hatte seine beste Aktion vor dem 2:1, als er im Sechzehner am Boden liegend nicht nachgab. Ansonsten bewies der 25-Jährige viel Engagement und Zug zum Tor. Note 2 (Quelle: imago images)

Philippe Coutinho: Keine inspirierenden Laufwege, keine Gefahr durch seine Standards, wenig zwingende Pässe - vom "kleinen Magier" war wenig Zauberhaftes zu sehen. Trotzdem: Ab und an kam seine Weltklasse zum Vorschein. Note 3 (Quelle: Reuters)

Kingsley Coman: Wurde reihenweise von den Spurs-Verteidigern gedoppelt und geblockt, rannte aber unermüdlich an. Musste zeitweise auf defensiv umstellen und nach hinten mitarbeiten, was der junge Franzose nur widerwillig tat. Bekam dann auch noch den klarsten Elfmeter überhaupt nicht zugesprochen. Note 3 (Quelle: Reuters)

Serge Gnabry: Gala-Auftritt! Zwang Spurs-Keeper Hugo Lloris nach nur zwei Minuten zu einer Glanztat. Nach der Pause mit seinem ersten Champions-League-Viererpack (!) der Matchwinner. Seine explosiven Antritte im Eins-gegen-eins waren auch diesmal eine Waffe und von den Engländern nicht zu unterbinden. Note 1 (Quelle: imago images)

Robert Lewandowski: Der Pole war anfangs nur zweiter Sieger im Duell mit der belgischen Kante Jan Vertonghen, zermürbte seinen Gegenspieler aber unnachgiebig und hämmerte den Ball dynamisch und herrlich platziert aus der Drehung zum 2:1 in die Ecke. Kurz vor Schluss legte er einen zweiten Treffer nach. Note 2 (Quelle: dpa)

Thiago: Denker und Lenker - der Spanier mit dem eingebauten Ballsonar brachte mit seiner Einwechslung ganz viel Stabilität und Struktur ins Spiel der Münchner. Gewann in der Defensive robust wichtige Zweikämpfe. Note 2 (Quelle: Reuters)

Ivan Perisic: Kam zu spät für eine Bewertung. Keine Note. (Quelle: Reuters)

Javi Martinez: Kam zu spät für eine Bewertung. Keine Note. (Quelle: imago images)

Interessanterweise entscheidet sich Cheftrainer Niko Kovac vor der Partie für einen personellen Wechsel im zentralen Mittelfeld. Statt Thiago bekommt der laufstärkere Corentin Tolisso den Vortritt. Diese Maßnahme entpuppt sich allerdings sehr schnell als Fehlgriff. Denn ohne Thiago fehlt es den Bayern an der notwendigen Ballsicherheit in der Mitte. 

Die Bayern bleiben auch in London beim 4-2-3-1. Tottenham tritt einmal mehr mit Mittelfeldraute und Doppelspitze an. (Quelle: spielverlagerung.de)

Genau das weiß Tottenham in den ersten 35 Minuten immer wieder auszunutzen. Die beiden Halbspieler im Mittelfeld, Moussa Sissoko und Tanguy Ndombélé, belauern die Passwege durchs Zentrum und setzen gerade den entscheidungsschwachen Tolisso gehörig unter Druck. Es ergeben sich immer wieder schnelle Umschaltangriffe, bis das 1:0 nach einem Abspielfehler von Tolisso fällt.

Die Wende durch Ballbesitz

Die Bayern kommen erst so wirklich ins Spiel, als sie den Ball mit Geduld durch die eigenen Reihen laufen lassen und die erste Pressingwelle von Tottenham ausmanövrieren. Setzen sich die Münchner einmal in der gegnerischen Hälfte fest, haben ihnen auch die Engländer nicht mehr allzu viel entgegenzusetzen.

Natürlich sind es zudem starke Einzelaktionen – etwa von Joshua Kimmich und Robert Lewandowski vor den ersten beiden Bayern-Toren –, die den Bundesligisten auf die Siegerstraße führen. Aber ohne die sichtlich höhere Dominanz am Ball wäre dies keinesfalls möglich.

Zunächst funktioniert der Matchplan von Tottenham hervorragend. Die angriffslustigen Außenverteidiger Danny Rose und Serge Aurier setzen Bayerns Flügel unter Druck. Das recht passive 4-4-2-Pressing des deutschen Rekordmeisters wird mit Leichtigkeit umspielt. Aber wie so oft in dieser Saison fehlt es den Spurs an der Konstanz über 90 Minuten.

Die Spielentscheider: Thiago und Gnabry

Zudem macht Bayern-Trainer Kovac zur Halbzeit das einzig Richtige: Er wechselt Thiago ein und baut die Dominanz im Mittelfeld weiter aus. Mit dem Spanier als Strippenzieher attackieren die Bayern immer häufiger die Schwachstellen der Spurs – also vor allem die Flügel. Denn aufgrund der Mittelfeldraute – einem System mit vier zentralen Mittelfeldspielern – sind die beiden Außenverteidiger bei schnellen und langen Pässen oft auf sich gestellt.

Das bringt gerade Serge Gnabry ins Spiel. Der 24-Jährige muss in der ersten Halbzeit noch jede Menge Defensivarbeit gegen Aurier verrichten, revanchiert sich aber in den zweiten 45 Minuten mit ständigen Läufen im Schatten Lewandowskis oder mit Sprints direkt hinter die Tottenham-Abwehr. Gnabry nutzt seine Schnelligkeit und bestraft die Spurs dafür, dass sie sich nicht rechtzeitig mit den Mittelfeldspielern zurückziehen.


Zum Ende der Partie wird die ganze Angelegenheit dann zum Selbstläufer, weil Tottenhams Trainer Mauricio Pochettino offensiv einwechselt und das Mittelfeld komplett aufgibt, während bei Gnabry und Co. nahezu jeder Angriff zum Torerfolg führt. Die Folge: Sieben Tore des deutschen Rekordmeisters beim Topspiel in London. 

Diesen Artikel teilen