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FC Bayern: Franz Beckenbauers Lyon-Wutrede – "Altherrenfußball!"

Vor Bayerns CL-Halbfinale  

Beckenbauers legendäre Lyon-Wutrede: "Das ist Altherrenfußball"

19.08.2020, 21:21 Uhr | t-online, sid

FC Bayern: Franz Beckenbauers Lyon-Wutrede – "Altherrenfußball!". Franz Beckenbauer während einer Bankettrede 2001: Nach einer sensationellen Niederlage gegen Olympique Lyon kam es zum verbalen Rundumschlag des damaligen Bayern-Präsidenten. (Quelle: imago images/Pressefoto Baumann)

Franz Beckenbauer während einer Bankettrede 2001: Nach einer sensationellen Niederlage gegen Olympique Lyon kam es zum verbalen Rundumschlag des damaligen Bayern-Präsidenten. (Quelle: Pressefoto Baumann/imago images)

2001 setzte es für den FC Bayern eine peinliche Niederlage in der Champions League: 0:3 gingen die Münchner bei Olympique Lyon unter. Klub-Präsident Franz Beckenbauer rechnete mit dem Team ab. Die Wutrede im Wortlaut.

"Über das Spiel wird man sicherlich das eine oder andere (Wort) verlieren müssen. Ich sag immer: Man kann jedes Spiel verlieren. Die Frage ist immer nur, wie man ein Spiel verliert. Und das war heute – eine Blamage. So, wie wir gespielt haben. Aber das hat sich schon in den letzten Wochen und Monaten angedeutet. Das hat nichts mit Fußball zu tun. Das ist eine andere Sportart, die wir spielen.

Bordeaux... äh, Bordeaux, sage ich schon. Lyon hat Fußball gespielt, wir haben nicht Fußball gespielt. Das war... wir haben zugeschaut, wir haben körperlos gespielt – das ist nicht Fußball! Das ist Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft, Altherrenfußball. Tut mir leid, wenn ich das so sagen muss. Das ist so!

Es hat von außen, von der Tribüne wahrscheinlich noch wesentlich schlimmer ausgesehen, als ihr das vielleicht am Platz so mitbekommen habt. Das hat nichts mit Fußball zu tun. Wir sind jetzt in einer Situation, wo wir sicherlich noch einiges retten können. Wir sind noch in der Meisterschaft mit einem Punkt Rückstand Zweiter. Wir sind noch in der Champions League Tabellenführer.

"Trophäen werden sicherlich nicht nach München gehen"

Nur: Wir müssen – oder: Ihr müsst, ich nicht, ich schaue nur oben auf der Tribüne zu, ich sehe einiges! Ihr müsst euer Spiel komplett umstellen. Wenn ihr so weiterspielt wie jetzt, werden die ganzen Trophäen sicherlich nicht nach München gehen, sie werden woandershin gehen, und sie werden woanders feiern.

Nur: Wir haben jetzt noch die Zeit. Aber es ist sicherlich fünf Minuten vor zwölf. Aber wenn wir so weiterspielen, wenn wir keine Zweikämpfe annehmen, wenn wir keine Dribblings annehmen, dann hat das – ich meine, ich will jetzt da gar nicht so sehr in die Einzelheiten gehen. Ihr wisst selbst und ihr habt ja auch schon gezeigt, dass es anders geht. Moskau zum Beispiel, wo man die Zweikämpfe angenommen hat.

Frank Beckenbauer im Zwiegespräch mit Ottmar Hitzfeld (v.r.): Trotz des Dämpfers gegen Lyon nahm die Saison 2000/2001 für den FC Bayern ein erfolgreiches Ende. (Quelle: imago images/Sammy Minkoff)Frank Beckenbauer im Zwiegespräch mit Ottmar Hitzfeld (v.r.): Trotz des Dämpfers gegen Lyon nahm die Saison 2000/2001 für den FC Bayern ein erfolgreiches Ende. (Quelle: Sammy Minkoff/imago images)

Ja, oder Anschauungsunterricht: der heutige Gegner. Das ist Olympique Lyon! Das ist nicht Real Madrid, Barcelona oder Manchester United. Und wir haben heute eine Vorführung bekommen. Warum? Weil die Einstellung nicht gestimmt hat. Weil wir zurzeit einen Fußball spielen, der einfach nicht mehr adäquat ist. Den hat man gespielt vielleicht mal vor 30 Jahren. Aber so was spielt man heute nicht mehr.

Und da müsst ihr euch schleunigst wieder daran gewöhnen, an das Einmaleins des Fußballs: Zweikämpfe. Wenn die Zweikämpfe nicht angenommen werden, wenn du zu weit vom Gegner weg bist, dann bist du immer zweiter Sieger. Sogar gegen eine Mannschaft wie heute, die sicherlich eine gute Mannschaft ist, aber nicht zu den besten gehört. Da schaust du aus wie ein Lehrbub, und zum Schluss kannst noch froh sein und sagen: 'Vielen Dank, dass wir nur 3:0 verloren haben.'

"Müssen uns alle einen anderen Beruf suchen"

Und das ist... In Zukunft könnt ihr das nicht machen, sonst müssen wir uns alle einen anderen Beruf suchen, das ist vielleicht gescheiter. Aber das hat nichts mehr mit Fußball zu tun. Also bitte schleunigst darüber nachdenken und euer Spiel komplett umstellen. Weil sonst haben wir wirklich noch Probleme.

Man kann das noch korrigieren. Aber dann müsst ihr morgen anfangen. An die Leistungsgrenze gehen, den inneren Schweinehund überwinden. Sonst stehen wir am Saisonende mit leeren Händen da. Das ist genau das, was wir nicht wollen. Tut mir leid, dass ich das so schonungslos sagen muss. Wenn einer Nachhilfeunterricht braucht, dann werde ich ihm noch was ganz was anderes sagen. Also, ich stehe auch heute noch und die nächsten Tage zur Verfügung, denn ich habe sicherlich noch mehr gesehen, als ich jetzt gesagt habe. Aber das, glaube ich, genügt.

Ansonsten: Es gibt noch auch was Erfreulicheres: Gestern hat der Jens Jeremies Geburtstag gehabt. Herzlichen Glückwunsch nachträglich. Die französische Polizei hat uns super begleitet. Vielen Dank für die super Betreuung, das war sehr schön. Alfons (Schuhbeck, Bayerns Teamkoch, Anm. d. Red.), du auch mit deiner Truppe. Also, bis auf das Spiel war das eigentlich ein schöner Ausflug. Schönen Abend noch, und wir sehen uns dann morgen in alter Frische beim Rückflug. Vielen Dank."

Beckenbauers Rede fruchtete: Zwei Monate später gewann der FC Bayern um Kapitän Stefan Effenberg und Torwart Oliver Kahn unter Trainer Ottmar Hitzfeld in Mailand die Champions League durch einen Erfolg im Elfmeterschießen gegen den FC Valencia. Es war insgesamt das vierte Mal und das erste Mal seit 1976, dass die Münchner den Henkelpott wieder in den europäischen Nachthimmel stemmen durften.

Verwendete Quellen:
  • Mit Material der Nachrichtenagentur sid

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