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Mesut Özil tritt zurück: "Für Grindel bin ich nur Deutscher, wenn wir gewinnen"


Mittelfeldstar nicht mehr für DFB  

Mesut Özil tritt aus der Nationalmannschaft zurück

22.07.2018, 23:20 Uhr | t-online.de, dd

Mesut Özil tritt zurück: "Für Grindel bin ich nur Deutscher, wenn wir gewinnen". Nach 92 Länderspielen und 23 Toren ist Schluss im DFB-Team für Mesut Özil. (Quelle: imago images)

Nach 92 Länderspielen und 23 Toren ist Schluss im DFB-Team für Mesut Özil. (Quelle: imago images)

In einer langen Erklärung gibt der 29-Jährige seinen Abschied aus der Nationalelf bekannt – und erhebt schwere Vorwürfe gegen den DFB-Präsidenten.  Die Erklärung im Wortlaut.

Mesut Özil ist aus der deutschen Nationalmannschaft zurückgetreten. Dies erklärte der Mittelfeldspieler am Sonntagabend auf Twitter. Vorausgegangen waren gleich mehrere lange Tweets, in denen Özil das umstrittene Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan erklärte und mit Kritikern, Sponsoren und auch mit dem DFB abrechnete.

Özil hatte 2009 bei der 0:1-Niederlage gegen Norwegen im DFB-Team debütiert, wurde 2010 WM-Dritter beim Turnier in Südafrika, feierte 2014 mit dem Gewinn des WM-Titels den größten Erfolg seiner Karriere. Insgesamt absolvierte der Offensivspieler 92 Länderspiele, erzielte dabei 23 Tore.



In seiner Erklärung greift Özil besonders DFB-Präsident Reinhard Grindel scharf an: "Was mich in den letzten Monaten besonders frustriert hat, war die schlechte Behandlung durch den DFB, besonders durch DFB-Präsident Reinhard Grindel", schreibt der Weltmeister von 2014 – und geht ins Detail: "Nach meinem Foto mit Präsident Erdogan wurde ich von Joachim Löw gebeten, meinen Urlaub zu verkürzen, nach Berlin zu kommen und mit einer gemeinsamen Erklärung die Diskussionen zu beenden und für Klarheit zu sorgen."

Özil: Grindel setzte meine Meinung herab

Laut Özil ein ernüchterndes Gespräch: "Während ich versuchte, Grindel mein kulturelles Erbe, meine Familiengeschichte und damit die Beweggründe für das Foto zu erklären, war er viel mehr daran interessiert, über seine eigenen politischen Ansichten zu sprechen und meine Meinung herabzusetzen."

Özil erklärt auch, warum er in der WM-Vorbereitung den Medien aus dem Weg ging: "Wir stimmten überein, dass es das Beste wäre, sich voll auf den Fußball und die anstehende Weltmeisterschaft zu konzentrieren," schreibt er weiter. "Deshalb habe ich auch nicht den DFB Medientag während der Vorbereitung besucht. Ich wusste, dass Journalisten, die über Politik und nicht Fußball sprechen, mich attackieren würden, obwohl die ganze Thematik von Oliver Bierhoff in einem TV-Interview vor dem Saudi-Arabien-Spiel in Leverkusen für beendet erklärt wurde."

"Für Grindel bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber Einwanderer, wenn wir verlieren"

Özil legt gegen Grindel noch nach: "Seit dem Ende der Weltmeisterschaft steht er in der Kritik für seine Entscheidungen, die er vor dem Turnier getroffen hat, und das zu Recht. Vor kurzem hat er öffentlich gesagt, ich solle meine Aktion erneut erklären, und hat mir die Hauptschuld für die schlechten Ergebnisse der Mannschaft in Russland gegeben, obwohl er mir in Berlin sagte, es sei vorüber."



Und: "Ich will nicht länger der Sündenbock sein für seine Inkompetenz und Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu machen. Ich weiß, dass er mich nach dem Foto aus der Mannschaft haben wollte, und veröffentlichte seine Ansicht ohne Nachdenken oder Beratung auf Twitter, aber Joachim Löw und Oliver Bierhoff traten für mich ein und verteidigten mich."

Der Mittelfeldspieler wird noch deutlicher: "In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Einwanderer, wenn wir verlieren. Das ist so, weil ich, obwohl ich in Deutschland Steuern zahle, deutsche Schulen mit Spenden unterstütze und 2014 den WM-Titel mit Deutschland gewonnen habe, immer noch nicht in der Gesellschaft akzeptiert werde. Ich werde behandelt wie einer, der 'anders' ist."

"Wieso akzeptieren die Menschen nicht, dass ich Deutscher bin?"

Özil zählt seine Erfolge auf – und stellt eine entscheidende Frage: "Ich habe 2010 den Bambi als Beispiel erfolgreicher Integration gewonnen, ich habe 2014 das Silberne Lorbeerblatt der Bundesrepublik erhalten, und ich war 'Deutscher Fußball-Botschafter' 2015. Aber natürlich bin ich kein Deutscher? Gibt es Kriterien dafür, deutsch zu sein, die ich nicht erfülle?"



Zwei ehemaligen Mitspielern sei es anders ergangen: "Meine Freunde Lukas Podolski und Miroslav Klose werden nie als Deutsch-Polen bezeichnet, also wieso bin ich Deutsch-Türke? Weil es die Türkei ist? Weil ich Moslem bin? Ich denke, hierin liegt eine wichtige Problematik. Die Bezeichnung als Deutsch-Türke unterscheidet bereits in Menschen, die Familie in mehr als einem Land haben. Ich wurde in Deutschland geboren und ausgebildet, also wieso akzeptieren die Menschen nicht, dass ich Deutscher bin?"

Freunde: Özil (li.) und Lukas Podolski bei einem Länderspiel 2009. (Quelle: dpa)Freunde: Özil (li.) und Lukas Podolski bei einem Länderspiel 2009. (Quelle: dpa)

Özil: Erdogan-Foto für rassistische Zwecke missbraucht

Die Behandlung durch Grindel sei aber nicht die einzige schlimme Erfahrung gewesen. Özil: "Ich wurde von Bernd Holzhauer (einem deutschen Politiker) wegen meines Fotos mit Erdogan und meines türkischen Hintergrundes als 'Ziegenf...' bezeichnet. Werner Steer (Chef des Deutschen Theaters München) sagte mir, ich sollte mich 'nach Anatolien verpissen", einer Region in der Türkei, aus der viele Einwanderer kommen."

Damit sei eine Grenze überschritten worden, denn "Diskriminerung als Werkzeug für politische Propaganda zu nutzen, sollte sofort zum Rücktritt dieser respektlosen Personen führen. Diese Menschen haben mein Foto mit Präsident Erdogan als Möglichkeit genutzt, ihre zuvor versteckten rassistischen Tendenzen offen auszudrücken, und das ist gefährlich für die ganze Gesellschaft. Sie sind nicht besser als der deutsche Fan, der mir nach dem Spiel gegen Schweden sagte: 'Özil, verpiss Dich Du scheiss Türkensau. Türkenschwein hau ab.'"

Grindel-Verhalten "unverzeihlich und unvergesslich"

Auch über andere Kanäle sei er beleidigt worden: "Ich möchte gar nicht erst über die Hassbotschaften, Droh-Anrufe und Social-Media-Kommentare sprechen, die meine Familie und ich erhalten haben. Sie alle repräsentieren ein Deutschland der Vergangenheit, ein Deutschland, das neuen Kulturen gegenüber nicht offen ist, und ein Deutschland, auf das ich nicht stolz bin. Ich bin überzeugt, dass viele stolze Deutsche, die eine offene Gesellschaft begrüßen, mir zustimmen würden."

Schwer angeschlagen: DFB-Präsident Reinhard Grindel steht auch für sein Management des WM-Debakels in der Kritik. (Quelle: imago images)Schwer angeschlagen: DFB-Präsident Reinhard Grindel steht auch für sein Management des WM-Debakels in der Kritik. (Quelle: imago images)

Dann wendet sich Özil erneut an Grindel: "Ich bin enttäuscht, aber nicht überrascht von Ihrem Handeln. 2004 erklärten Sie als Bundestagsabgeordneter, dass  'Multikulturalismus in Wahrheit ein Mythos [und] eine Lebenslüge' sei, haben gegen die doppelte Staatsbürgerschaft gestimmt und gesagt, dass islamische Kultur in vielen deutschen Städten schon zu verwurzelt sei. Das ist unverzeihlich und unvergesslich."

"Ich habe das deutsche Trikot mit Stolz und Freude getragen, aber jetzt nicht mehr"

Letztendlich sei ihm bei der Entscheidung keine andere Wahl geblieben: "Durch die Behandlung, die ich durch den DFB und viele andere erfahren habe, möchte ich das deutsche Nationaltrikot nicht mehr tragen. Ich fühle mich unerwünscht und denke, dass meine Erfolge seit meinem internationalen Debüt 2009 vergessen wurden. Menschen mit einer Geschichte rassistischer Diskriminierungen sollten nicht im größten Fußballverband der Welt, der viele Spieler mit multikulturellem Hintergrund hat, arbeiten dürfen."

Özil schließt die Mitteilung mit dem Rücktritt: "Schweren Herzens und nach langen Überlegungen werde ich aufgrund der letzten Ereignisse nicht mehr für Deutschland spielen, solange ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre," schreibt er. "Ich habe das deutsche Trikot mit Stolz und Freude getragen, aber jetzt nicht mehr. Diese Entscheidung war extrem schwierig, weil ich für meine Mitspieler, das Trainerteam und die Menschen in Deutschland immer alles gegeben habe. Aber wenn mich hochrangige DFB-Offizielle so behandeln, wie sie das getan haben, meine türkischen Wurzeln nicht respektieren und mich selbstsüchtig für politische Zwecke ausnutzen, dann ist genug genug. Dafür spiele ich nicht Fußball, und ich werde mich nicht zurücklehnen und nichts dagegen tun. Rassismus sollte niemals akzeptiert werden."


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