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Franz Beckenbauer wird 75 Jahre alt: Lichtgestalt mit Schattenseiten

Der "Kaiser" wird 75 Jahre alt  

Franz Beckenbauer: Lichtgestalt mit Schattenseiten

11.09.2020, 09:19 Uhr | dpa, sid, t-online

Franz Beckenbauer wird 75 Jahre alt: Lichtgestalt mit Schattenseiten. Franz Beckenbauer: Die deutsche Fußballlegende feiert am 11. September seinen 75. Geburtstag. (Quelle: imago images/Sven Simon)

Franz Beckenbauer: Die deutsche Fußballlegende feiert am 11. September seinen 75. Geburtstag. (Quelle: Sven Simon/imago images)

Franz Beckenbauer wird 75 Jahre alt. Der "Kaiser" hat sich immer als Glückskind gesehen, in den vergangenen Jahren sind auf die Lichtgestalt aber auch Schatten gefallen. Zum ersten Mal sagt er, sei er "ein bisschen nachdenklich".

Vor seinem 75. Geburtstag kam Franz Beckenbauer ins Philosophieren. "Ich muss sagen, dass mich dieses Alter zum ersten Mal in meinem Leben ein bisschen nachdenklich macht. Alle anderen Geburtstage sind leichter an mir vorübergegangen", sagte der "Kaiser" tiefsinnig und ganz ohne die ihm eigene Leichtigkeit. An diesem Freitag, dem 11. September, feiert der vielleicht größte deutsche Fußballer seinen Ehrentag im Familienkreis. Beckenbauer blickt kurz vor diesem runden Geburtstag "sehr zufrieden" auf sein Leben zurück.

Vieles von dem Glück, das ihm widerfahren ist, sofern es wirklich nur Glück war, hätte Beckenbauer vermutlich gerne eingetauscht in den vergangenen Jahren: Auf die Lichtgestalt des deutschen Fußballs sind Schatten gefallen. So liegt vor allem seine Rolle beim Skandal um das "Sommermärchen" weiter im Dunkeln. Zu einer gerichtlichen Aufklärung kam es nicht – seine Gesundheit sei zu stark angegriffen, hieß es. Seit 2016 musste Franz Beckenbauer unter anderem zweimal am Herzen operiert werden. 

"Ich denke, das gehört zum Leben dazu, dass man zwangsläufig mal an den Punkt kommt, an dem man darüber nachdenkt, dass das Leben endlich ist: Wann ist es so weit, dass du entschwindest? Und in welche Sphären? Das Weltall da draußen ist groß genug – es gäbe jedenfalls genug Möglichkeiten, wohin es einen verschlagen könnte", sinnierte Beckenbauer im Mitgliedermagazin "51" des FC Bayern.

"Lichtgestalt" Beckenbauer macht sich rar

Der "Kaiser" hat sich in den vergangenen Jahren öffentlich rar gemacht. Selbst Stadionbesuche, wie sie in der Rückrunde der Münchner Triple-Saison bei Geisterspielen der Fall waren, sind für den "Kaiser" keine Selbstverständlichkeit mehr. Mit Mund-Nasen-Schutz oder Gesichtsvisier freute sich Beckenbauer in den vergangenen Monaten in der Münchner Arena über zwei klare Bayern-Siege.

Franz Beckenbauer (li.) mit Karl-Heinz Rummenigge (re.): Der "Kaiser" besuchte wiederholt Geisterspiele des FC Bayern in den vergangenen Monaten. (Quelle: imago images/Poolfoto)Franz Beckenbauer (li.) mit Karl-Heinz Rummenigge (re.): Der "Kaiser" besuchte wiederholt Geisterspiele des FC Bayern in den vergangenen Monaten. (Quelle: Poolfoto/imago images)

"Ein hervorragendes Fußballspiel" machte der Alleskönner im deutschen Fußball beim viel beachteten Stadion-Comeback nach langer Pause im Mai beim 5:2 gegen Eintracht Frankfurt aus. Legendärer als Lob sind aber Wutausbrüche, Tadel oder Spott des einstigen Stilisten, der als der Libero schlechthin ein Inbegriff von Eleganz auf dem Rasen war.

Über "Obergiesing gegen Untergiesing" oder "Rumpel-Fußball" schimpfte Beckenbauer immer wieder mal bei seinen scharfen Analysen. Das Video der legendären Bankettrede auf dem Weg zum Champions-League-Sieg 2001, als er das Team um Stefan Effenberg und Oliver Kahn als "Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft" verhöhnte, war vor dem diesjährigen Triple-Triumph seines heiß geliebten Klubs Dauerbrenner im Internet.

Neuere Auftritte dieser Güteklasse gibt es nicht. Der Ehrenpräsident des FC Bayern und Ehrenspielführer der Nationalmannschaft, der einst gerne in jedes Mikrofon plauderte oder eine Jahreshauptversammlung des Rekordmeisters als Alleinunterhalter leiten konnte, hat sich mehr und mehr zurückgezogen. Vielleicht auch weil er über die Jahre immer gedankenloser agierte. Als Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees votierte er für Russland als Ausrichter der WM 2018 – und unterschrieb danach einen Vertrag mit einem russischen Gasproduzenten. Über den WM-Gastgeber 2022 sagte er: "Ich habe noch nicht einen einzige Sklaven in Katar gesehen. Die laufen da frei rum." Er sei oft vor Ort, sein Bild daher "realistischer".

"Sommermärchen"-Affäre beschädigt den Mythos Beckenbauer

Franz Beckenbauer präsentiert das Logo der WM 2006 in Deutschland. (Quelle: imago images/Kolvenbach)Franz Beckenbauer präsentiert das Logo der WM 2006 in Deutschland. (Quelle: Kolvenbach/imago images)

Der Mythos Beckenbauer wurde nicht nur durch solche Aussagen beschädigt; die "Sommermärchen"-Affäre haftet weiterhin schwer an ihm: "Ich sehe zwar, dass mittlerweile akzeptiert wird, dass da nichts war, aber die letzten Jahre waren schon hart", sagte Beckenbauer in dieser Woche der "Bild".

Bis dahin war das sportliche Werk Beckenbauers im Grunde nur von Glanz und Gloria geprägt. Fußball-, Werbe- und Medien-"Kaiser", Weltmeister-Teamchef, WM-Macher – praktisch alles, was der am 11. September 1945 wenige Monate nach Kriegsende im Arbeiterviertel München-Giesing geborene Sohn eines Postbeamten anfasste, wurde zu Gold. Dank Souveränität und Leichtigkeit wirkte Beckenbauer stets, als stünde er über den Dingen.

Günter Netzer: "Beckenbauer ist das größte Glück des deutschen Fußballs"

"Du bist der erste und beste Vertreter des FC Bayern. Wo Du warst, was Du auch machtest: Du hattest den ganz großen Erfolg", rühmte ihn einst Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. "Franz Beckenbauer ist das größte Glück des deutschen Fußballs. Es gab keinen besseren vor ihm und es wird auch kein besserer nachkommen", erklärte WM-Gefährte Günter Netzer.

Auch Joachim Löw schwärmt von Beckenbauer. "Den Franz Beckenbauer habe ich immer bewundert, und der Franz Beckenbauer ist die Lichtgestalt im deutschen Fußball", befand der Bundestrainer. Persönliche Treffen seien immer eine wahnsinnige Freude, "weil er immer eine gute Geschichte zu erzählen hat. Es ist eine große Ehre für mich, ihn zu kennen, und ich bewundere ihn."

Bayern Münchens Triple-Trainer Hansi Flick kennt Beckenbauer ebenfalls schon lange. "Er ist ein Mensch, der im Fußball eine große Vergangenheit hat, gerade auch beim FC Bayern München", sagte Flick nach einem Besuch des "Kaisers" in diesem Jahr in der Arena. "Ich freue mich, dass er so ein Spiel gesehen hat und hoffe, dass er noch öfter kommt." Zum Geburtstag wünscht Flick Beckenbauer "viel Gesundheit".

Detailversessener und doch müheloser Allesgewinner

Die ist Beckenbauer im reiferen Alter ganz wichtig geworden. Golf war seine sportliche Leidenschaft nach der Laufbahn als Fußballer, in der der Mann mit dem feinen Außenristpass alle Ziele erreichte: Weltmeister, Europameister, Europapokalsieger und, und, und. Es folgten nach Stationen bei Cosmos New York und dem Hamburger SV nahtlos Erfolge in der Karriere nach der Karriere. Neben dem Brasilianer Mario Zagallo und dem Franzosen Didier Deschamps ist er der einzige, der als Spieler und Trainer Weltmeister wurde. Später holte er dann als Sportfunktionär die WM nach Deutschland.

Franz Beckenbauer: Der Erfolgscoach reckt 1990 den WM-Pokal am Frankfurter Römer in die Höhe. (Quelle: imago images/Horstmüller)Franz Beckenbauer: Der Erfolgscoach reckt 1990 den WM-Pokal am Frankfurter Römer in die Höhe. (Quelle: Horstmüller/imago images)

Gerne wurde Beckenbauer mit seiner lapidaren Anweisung "Geht's raus und spielt's Fußball" zitiert. Der gelernte Versicherungskaufmann arbeitete aber auch hart und detailversessen für seine Erfolge. "Das Glück kommt nicht zum Fenster hereingeflogen. Du brauchst Fleiß und Durchhaltewillen. Das Glück muss man sich erarbeiten", sagt Beckenbauer selbst gerne. Trotzdem wirkte es immer mühelos. Bezeichnend, dass er einst beim Schuss auf die berühmte Torwand des ZDF-Sportstudios von einem vollen Weißbierglas traf.

Der alte Franz gab und gibt auch immer gerne die schöne Anekdote zum Start der Weltkarriere zum Besten: Die Watschn, eine Episode aus Münchner Jugendtagen. In Giesing verpasste ihm der "60er" Gerhard König eine Ohrfeige – weshalb der junge Franz zum FC Bayern wechselte und nicht zu den "Löwen". Wer weiß, wie alles gekommen wäre...

Verwendete Quellen:
  • Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa und sid

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