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EM-Talk bei "Markus Lanz" – Marcel Reif: "Löw hat sich nichts getraut"


EM-Talk bei "Markus Lanz"  

Reif: "Löw hat sich nichts getraut"

Eine TV-Kritik von Nina Jerzy

08.07.2021, 07:53 Uhr
EM-Talk bei "Markus Lanz" – Marcel Reif: "Löw hat sich nichts getraut". Marcel Reif bei "Markus Lanz" (Archivbild): In der jüngsten Folge diskutierten der Sportjournalist und die anderen Gäste über Englands Sieg im Halbfinale.  (Quelle: imago images)

Marcel Reif bei "Markus Lanz" (Archivbild): In der jüngsten Folge diskutierten der Sportjournalist und die anderen Gäste über Englands Sieg im Halbfinale. (Quelle: imago images)

Willkommen zur überflüssigsten Ausgabe von "Markus Lanz" 2021. Ehrlich: Wer braucht eine Talkshow nach Mitternacht zur EM? Die interessanten Fragen wurden dabei ohnehin nur gestreift oder gleich ganz vergessen.


Die Gäste

  • Ewald Lienen, Fußballtrainer, Ex-Profifußballer

  • Tabea Kemme, Ex-Nationalspielerin

  • Marcel Reif, Sportjournalist

  • Lucas Vogelsang, Sportjournalist und Podcaster


Auf dem Rasen weinten Dänen, Prinz William klatschte royal zurückhaltend und "Markus Lanz" sendete allen Ernstes ausgerechnet nach dem EM-Halbfinale live aus Hamburg. Wegen der Verlängerung der Partie im Wembley Stadion ging die Talkshow statt um 23.30 Uhr um 0.15 Uhr auf Sendung. Die Gäste waren hellwach und freuten sich sichtlich darüber, ausführlich über das Spiel und das gesamte Turnier zu fachsimpeln. Hätte man in dieser Ausführlichkeit vielleicht lieber in privater Runde gemacht als im Fernsehen. Für manch einen Zuschauer war es möglicherweise ein netter Ausklang des Fernsehabends. Aber die angekündigten großen Bogen zu Fußball und Kommerz, vollen Stadien in Corona-Zeiten und der gesellschaftlichen Verantwortung des Spiels streifte der Moderator wenn überhaupt nur oberflächlich. Stattdessen fragte er lieber: "Wer hat positionsfremd gespielt?"

Rund ein Drittel der Sendezeit ging anfangs allein mit der Analyse des Halbfinales drauf. Hier stand natürlich – neben dem zeitweise zweiten Ball auf dem Spielfeld – der Elfmeter im Zentrum, der England den Sieg gebracht hat. "Ich gönne es den Engländern", meinte Ewald Lienen zwar und attestierte den Dänen, ab der 70. Minute chancenlos gewesen zu sein. Der Ex-Spieler von Borussia Mönchengladbach und ehemaliger Cheftrainer des FC St. Pauli kritisierte aber die Art und Weise des Erfolgs der Gastgeber. "Das ist für mich eine Schwalbe. Das ist nicht England-like", monierte der Experte den Sturz des Engländers Raheem Sterling nach einem angeblichen Foul. "Das stößt mir bitter auf, dass so ein wichtiges Spiel durch so was entschieden wird."

EM-Talk bei Lanz

"Das ist keine völlig klare Fehlentscheidung", meinte Marcel Reif zwar, hätte sich vom Schiedsrichter dennoch ein anderes Urteil gewünscht. "Er macht es einfach smart. Das muss man auch einfach sagen", sagte Tabea Kemme. Die Ex-Nationalspielerin ließ aber durchblicken, dass sie sich für eine solche Aktion auf dem Platz geschämt hätte: "Das ist nicht die Art von Fußball, die ich spielen möchte." Das wäre die perfekte Überleitung gewesen, um mit der Expertenrunde mal tiefgründiger zu diskutieren, ob und warum der Profifußball mehr Show als Substanz bietet und wo echte Talente oder auch die Fans in diesem Milliardengeschäft bleiben.

Es gab einige interessante Ansätze. "Eine Nationalmannschaft ist immer auch ein Teil der Fußballkultur", stellte Lienen das frühe Aus der deutschen Elf bei der EM in einen größeren Zusammenhang. Für ihn beginnt das Übel bereits bei den Leistungszentren. In denen werde der Nachwuchs "kaputt trainiert": "Dadurch, dass wir es so gründlich machen wollten, nehmen wir vielen den Spaß", warnte der Ex-Profi. Das und die mangelnde Selbstständigkeit der Spieler zeige sich später bei deren (fehlenden) Persönlichkeit. Reif sah ein Grundübel darin, dass es an bestimmten Positionen im Kader fast ein Überangebot gibt, Mittelstürmer aber beispielsweise fehlten. "(Jogi) Löw hat sich nichts getraut", warf er dem Ex-Bundestrainer vor. In dessen Amtszeit fiel auch die Vermarktung der Männer-Elf als "Die Mannschaft". "Das ist das absolut Lächerlichste, was sie gemacht haben", kritisierte Lienen. "Damit hat man alles kaputt gemacht."

Sportjournalist Lucas Vogelsang erhoffte sich von Löws Nachfolger Hansi Flick einen Neustart mit Rückgrat, gerade angesichts der bevorstehenden Weltmeisterschaft im Emirat Katar. Er wünschte sich, dass Flick den Mut aufbringt, das Turnier, "an dem eh schon Blut klebt", mit einer jungen, neu zusammengestellten Mannschaft zu bestreiten – quasi die WM als Testlauf für die Heim-EM 2024.

Lanz ist Fußball-Laie

Das alles war interessant, streifte das Zusammenspiel von Sport, Macht, Unterdrückung und immer wieder Geld, Geld, Geld jedoch nur am Rande. Von der vorerst gescheiterten Super League war überhaupt nicht die Rede. Selbiges galt für die vom ZDF für die Sendung angekündigte Debatte zu vollen Fußballstadien in Zeiten der Delta-Variante. Das alles hätte sich vermutlich sorgfältiger in einer wie gehabt vorab aufgezeichneten Sendung ohne Aktualitätsdruck besprechen lassen. Am Ende war nicht ganz klar, wer die Idee für die Live-Ausgabe mit nahe-liegendem Verspätungsrisiko hatte, Lanz oder das ZDF. Der Gastgeber scheint jedenfalls nicht gerade für den Sport zu brennen. "Ich als Laie, der von Fußball kaum Ahnung hat", outete er sich früh in der Sendung.

Lanz hatte im Branchenmagazin "Journalist" vor kurzem betont, sich auf dem spätabendlichen Sendeplatz im Zweiten zwar wohl zu fühlen. "Einzige Einschränkung: Wir werden da manchmal unglaublich herumgeschoben", kritisierte er die täglich wechselnden Anfangszeiten meist kurz vor Mitternacht. "Diese sehr spezielle ZDF-Schnitzeljagd sorgt nicht nur bei der Redaktion gelegentlich für Frust, sondern auch bei denen, um die es geht: die Zuschauer. Wer eine Sendung kaputtprogrammieren will, nimmt ihr jede Verlässlichkeit."

Verwendete Quellen:
  • "Markus Lanz" vom 7. Juli 2021

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