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Interview mit Ringer-Star: "Ich war am Limit, habe nichts gegessen. Arme und Beine waren zittrig"

INTERVIEWRinger-Star Stäbler  

"Ich war am Limit, habe nichts gegessen. Arme und Beine waren zittrig"

Von Alexander Kohne

06.11.2018, 15:52 Uhr
Interview mit Ringer-Star: "Ich war am Limit, habe nichts gegessen. Arme und Beine waren zittrig". Pure Freude: Nach seinem Sieg im WM-Finale gegen den Ungarn Balint Korpasi ließ Frank Stäbler seinen Emotionen freien Lauf. (Quelle: imago/Sportfoto Rudel)

Pure Freude: Nach seinem Sieg im WM-Finale gegen den Ungarn Balint Korpasi ließ Frank Stäbler seinen Emotionen freien Lauf. (Quelle: Sportfoto Rudel/imago)

Mit seinem dritten WM-Titel in der dritten Gewichtsklasse hat Frank Stäbler Ringer-Geschichte geschrieben. Dafür trainierte der 29-Jährige hart – und ungewöhnlich. Sogar im Kuhstall.

Es war ein Kampf für die Geschichtsbücher: Durch seinen Sieg gegen den Ungarn Balint Korpasi holte Griechisch-Römisch-Ringer Frank Stäbler Ende Oktober den Weltmeistertitel – seinen dritten in Folge in drei unterschiedlichen Gewichtsklassen. Das hat in der ur-olympischen Sportart noch niemand geschafft.

Danach brachen die Emotionen förmlich aus dem 29-Jährigen heraus, er war kaum zu halten. Das erklärte sich vor allem dadurch, dass der Weg zum Titel mehr als steinig war. Im Gespräch mit t-online.de verrät Stäbler, wie er diesen trotzdem meisterte und welche Ziele Deutschlands erfolgreichster Ringer noch hat.

t-online.de, Herr Stäbler, könnten Sie sich nach dieser WM eigentlich eine Karriere als Mental- oder Motivationstrainer vorstellen?

Frank Stäbler: Das wurde ich bisher noch nie gefragt (lacht). Und Sie haben mich erwischt: Ich habe nämlich wirklich vor etwa einem Jahr beschlossen, dass meine Karriere nach den Olympischen Spielen 2020 in Tokio endet – und ich dann in den Speaker-Bereich gehe. Also: Ja, ich möchte dann als Motivations- und Life-Coach arbeiten! Ich bin in dem Bereich zwar lange kein Profi oder speziell rhetorisch ausgebildet, aber ich denke, dass ich authentisch bin und Leute mit meinem Erfolg und dem dazugehörigen Leidensweg erreichen und inspirieren kann.

Frank Stäbler (r.) traf t-online.de-Sportredakteur Alexander Kohne in Berlin. (Quelle: t-online.de)Frank Stäbler (r.) traf t-online.de-Sportredakteur Alexander Kohne in Berlin. (Quelle: t-online.de)

Apropos Leidensweg: Wenige Monate vor der WM wurde bei Ihnen ein Herzinfarkt vermutet, der sich als Rippenverletzung herausstellte, sie starteten mit Fuß- und Handgelenksblessuren und lagen bei allen fünf Kämpfen auf dem Weg zum Titel hinten. Woher haben Sie die mentale Stärke genommen, all diesen Widrigkeiten zu trotzen?

Ich arbeite seit eineinhalb Jahren mental fast so intensiv wie körperlich. Irgendwann ist mir bewusst geworden, dass es im Leistungssport mit steigendem Erfolg und vor allem steigendem Alter jeden verdammten Tag etwas schwerer wird. Da habe ich mir gesagt: Ich muss ganz schnell etwas ändern, um das Level halten zu können und sogar noch etwas draufzusetzen. Vorher hatte ich nie mental gearbeitet, doch seitdem werde ich unterstützt von Christian Bischoff…

… dem ehemaligen Trainer von Basketball-Bundesligist Brose Baskets Bamberg…

… genau, und Francisco Medina, der auch als Schauspieler (aus der Fernsehsendung „Alles was zählt“, Anm. d. Red.) bekannt ist. Zusammen mit meinem Trainerteam haben sie hinbekommen, dass ich mental wesentlich stärker geworden bin. Damit meine ich, den unerschütterlichen Glauben an sich selbst zu haben und nie an sich zu zweifeln… auch wenn man aussichtlos eine Minute vor Schluss 0:6 zurückliegt wie ich im WM-Viertelfinale.


Sie kennen also gar keine Selbstzweifel?

Doch, natürlich. Und die kamen gerade im angesprochenen Viertelfinale auf. Da gab es die Video-Untersuchung einer strittigen Aktion, und ich hatte zwei Minuten Zeit nachzudenken. Mir schossen negative Gedanken durch den Kopf wie „Ich schaffe das nicht“ oder „Der Traum platzt“. Doch als mir das bewusst geworden ist, habe ich sofort umgeschaltet und mir gesagt: „Moment mal! Geil, das Lebens stellt mich vor eine solche Herausforderung, um zu testen, wie sehr ich den WM-Titel wirklich will.“ Und was soll ich sagen: Ich habe die Herausforderung angenommen – und es hat wirklich geklappt. Manchmal kann ich es selbst nicht glauben (lacht).

In welchem Zeitraum fällt man so eine Entscheidung?

Das läuft in Sekunden ab. Man muss nur bereit sein, sich darauf einzulassen. Das kann man auf das ganze Leben ausweiten – und kennt eigentlich auch jeder: Wenn es schlecht läuft, dann spinnt der Mensch Ängste gewohnheitsmäßig weiter. Allerdings treten etwa 90 Prozent dieser menschlichen Ängste gar nicht ein.

Frank Stäbler (l.) während der Bekanntgabe seines Sieges gegen Balint Korpasi (r.), der ihm den dritten WM-Titel bescherte. (Quelle: imago/Pressefoto Baumann)Frank Stäbler (l.) während der Bekanntgabe seines Sieges gegen Balint Korpasi (r.), der ihm den dritten WM-Titel bescherte. (Quelle: Pressefoto Baumann/imago)

Im Finale gegen den ungarischen Lokalmatadoren Balint Korpasi waren fast alle der 8000 Zuschauer in der Halle gegen Sie. Wie haben Sie sich darauf eingestellt? 

Ich habe das Finale im meinem Kopf vorher mehrmals durchgekämpft. Und da habe ich mich auch auf das Publikum eingestellt.

Sie haben sich also genau diese Paarung vorgestellt?

Genau. Ich habe ihm das auch noch vor dem Kampf gesagt und außerdem, dass das meine Party wird. Er hat gelacht, es war ja ein Spaß. Aber am Ende hat zum Glück alles geklappt.

Wie viel Prozent dieses Titels gehen denn auf das Mentale zurück?

Vor den Olympischen Spielen 2016 hatte ich das Ziel, ein bis zwei Prozent dadurch rauszuholen. Mittlerweile sind es nicht zwei, sondern 20 Prozent. Mein Trainer hat mir schon vor Jahren gesagt, dass es reicht, bei einem sportlichen Höhepunkt zu 80 Prozent in körperlicher Form zu sein – wenn der Kopf zu 100 Prozent da ist.

Trotzdem haben Sie gesagt, dass Sie nicht schlafen konnten und nachts Schweißausbrüche hatten.

Richtig, weil die psychische Belastung immens war. Ich war am Limit, habe am Tag des Finales nichts gegessen, weil ich so nervös war. Meine Arme und Beine waren zittrig. Das war brutal. Aber dann kam der Kopf wieder ins Spiel und ich habe mir gesagt, dass das alles für die Situation eigentlich ganz normal ist.

Bei den Olympischen Spielen 2016 wurde Frank Stäbler (l., hier im Kampf gegen Tomohiro Inoue ) Siebter. (Quelle: imago)Bei den Olympischen Spielen 2016 wurde Frank Stäbler (l., hier im Kampf gegen Tomohiro Inoue ) Siebter. (Quelle: imago)

Bei Olympia 2016 hat Sie ein Syndesmoseriss behindert, den sie sich kurz vor  den Spielen zugezogen haben. Da kann man selbst mit der entsprechenden Mentalität nichts dran ändern.

Naja, Marco Reus hatte die gleiche Verletzung und seinen Fuß drei Monate in Gips. Ich habe ein olympisches Turnier gekämpft – und zwar weil ich total fokussiert darauf war. Acht Tage habe ich quasi mit niemandem mehr reden können und alles ausgeblendet. Ich habe nur versucht, den Schmerz auszublenden und Gewicht zu verlieren, weil ich noch neun Kilo abnehmen musste, um in meiner Gewichtsklasse starten zu dürfen. Und das habe ich geschafft – sodass ich quasi auf einem Fuß Olympiasiebter geworden bin. Das ist für mich vergleichbar mit WM-Gold.

Haben Ihre Ärzte nicht protestiert?

Klar. Der erste Arzt hat mir gesagt, dass ich den Fuß ein halbes Jahr hochlegen soll. Als ich ihm geantwortet habe, dass ich in acht Tagen Olympiasieger werden will, hat er mich ausgelacht. Und auch andere Ärzte haben gesagt, dass das unmöglich ist. Letztendlich habe ich dann ein Formular unterschrieben und bestätigt, dass ich auf eigene Gefahr handle, sodass die Ärzte rechtlich abgesichert sind. Und dann hat mich der Nationalmannschaftsarzt mit Tape und Schmerzspritzen unterstützt und ich konnte teilnehmen.

Kommen wir nochmal zur WM-Vorbereitung, da haben Sie lange in einem ehemaligen Kuhstall trainiert.

Genau, der Vorstandsvorsitzende meines Vereins TSV Musberg hat uns Ringern verboten, in der Vereinshalle zu trainieren. Das hat mich echt fertig gemacht – zumal ich immer noch Vereinsmitglied bin. Doch irgendwann habe ich die Situation umgekehrt und da mein Vater eine Landwirtschaft hat, haben wir kurzerhand ein paar Ringermatten in einen alten Kuhstall gelegt. Da waren es oft nur zwölf, 13 Grad, weshalb wir uns beim Training immer dick eingepackt und mit Wärmesalbe gearbeitet haben, um Muskelverletzungen zu vermeiden. Das war sehr umständlich, hat aber funktioniert.

Frank Stäbler (r.) beim Training in einem ehemaligen Kuhstall auf dem Hof seines Vaters. (Quelle: Pressefoto Baumann)Frank Stäbler (r.) beim Training in einem ehemaligen Kuhstall auf dem Hof seines Vaters. (Quelle: Pressefoto Baumann)

Trainieren Sie dort immer noch?

Nein, mittlerweile sind wir auch da rausgeflogen, weil die Getreideernte anstand (lacht). Jetzt hoffe ich, dass dieser unglaubliche Irrsinn bald aufhört und ich wieder regelmäßig in die Halle kann. Denn die Stadt hat mir die offizielle Erlaubnis gegeben, dort jeden Morgen und zweimal in der Woche abends zu trainieren – das muss reichen für olympisches Gold (lacht).

Die Geschichte wirkt sinnbildlich für viele kleinere Sportarten in Deutschland. Sind Sie manchmal neidisch auf Bundesliga-Fußballer, die sich mit so etwas nicht rumschlagen müssen?

Ach, ich habe mittlerweile aufgehört, derartige Vergleiche zu ziehen. Denn – wie zuvor gesagt – diese Vergleiche sorgen nur für eine negative Programmierung. Mir ist egal, dass andere Millionen verdienen. Ich will innerer Millionär werden. Mir sind ideelle Werte wie Fairplay, Durchhaltevermögen und Disziplin wichtig – und die hat mich der Sport gelehrt.

Wie weit ist es denn noch bis zum „innerer Millionär“, fehlt dazu noch Olympisches Gold 2020?

Nein, mit diesem WM-Titel habe ich die innere Million eigentlich schon voll. Alles was jetzt kommt, ist Bonus.


Wie stehen denn die Chancen bei Olympia?

Die Chancen, dass ich mich qualifiziere, sehe ich bei zehn Prozent. Denn meine Gewichtsklasse ist nicht mehr bei Olympia dabei. Deshalb muss ich runter auf 67 Kilogramm – also acht Kilogramm abnehmen. Das ist für einen Ringer ein wahnsinniger Einschnitt. Dazu ist die Qualifikation nochmal verschärft worden. Und da die Leistungsdichte in Europa mit Abstand am höchsten ist, die Kontingente allerdings auf alle Kontinente gleich verteilt sind, wird etwa die Hälfte der Weltklasse-Leute auf der Strecke bleiben. Deshalb ist die Qualifikation in Europa fast schwerer, als bei Olympia eine Medaille zu gewinnen. Das ist eigentlich krank. Aber egal, ich werde es trotzdem schaffen und olympisches Gold gewinnen. Ich suche nur noch den Weg.

Ringer-Techniken sind auch im MMA sehr effektiv, das hat beispielweise Khabib Nurmagomedov gerade gegen Superstar Conor McGregor gezeigt. Haben Sie schonmal überlegt, dorthin zu wechseln?

Ich habe aus Spaß zwar McGregor mal im Ringen herausgefordert, aber MMA kommt für mich absolut nicht in Frage. Da wird man mich definitiv nicht sehen. Ich habe schon drei entsprechende Angebote bekommen, diese aber alle abgelehnt. Teilweise wurden pro Kampf 150.000 Euro geboten – und da ich für den WM-Titel im Ringen 1500 Euro bekomme, dachten die MMA-Manager, dass ich total ausflippe…

… aber?

MMA ist einfach nichts für mich. Da braucht man den absoluten Killerinstinkt. Durch Ringen habe ich allerdings mein Leben lang Werte wie Fairplay kennengelernt. Im MMA gibt es dagegen Szenen, in denen einer am Boden liegt und der andere ihm blind mit Ellenbogen und Knien ins Gesicht haut, stumpf auf ihn einprügelt. So etwas könnte ich einfach nicht. Trotz den Schiedsrichtern hat es schon MMA-Kämpfe gegeben, bei denen ein Bewusstloser noch drei, vier Schläge kassiert. Und da sage ich mir: Was bringen mir 150.000 Euro, wenn ich mein Leben danach im Rollstuhl verbringen muss...

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