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Olympia | Harting: "Es wird Zeit, diese bedrohliche Entwicklung zu stoppen"


MEINUNGEin deutsches Problem  

Es wird Zeit, diese bedrohliche Entwicklung zu stoppen

Eine Kolumne von Robert Harting

28.07.2021, 13:31 Uhr
Olympia | Harting: "Es wird Zeit, diese bedrohliche Entwicklung zu stoppen". Die deutschen Turner gingen im Teamwettbewerb leer aus: Kolumnist Robert Harting (r.) fordert mehr Geld für mehr Medaillen. (Quelle: dpa)

Die deutschen Turner gingen im Teamwettbewerb leer aus: Kolumnist Robert Harting (r.) fordert mehr Geld für mehr Medaillen. (Quelle: dpa)

Drei volle Wettkampftage beendete Deutschland ohne Goldmedaille. Am Dienstag gab es dann die doppelte Erlösung. Doch die Kritik am Trend der letzten Jahre ist damit nicht verschwunden.

In diesen Tagen schauen wir täglich zweimal in den Spiegel. Einmal in den im Badezimmer und einmal in den Medaillenspiegel der Olympischen Spiele. Wer liegt vor Deutschland? Wen haben die DOSB-Athleten hinter sich gelassen?

Neidisch geht der Blick gerne mal Richtung USA oder China, die schon fleißig Edelmetall gesammelt haben und im Ranking weit oben stehen. Und dann muss ich Aussagen von Sportfunktionären hören, die davon reden, dass man entweder mit diesen Nationen mithalten oder die ethische Linie des Sports einhalten könne. Das Wort "oder" in diesen Zitaten finde ich perfide. Warum geht denn nicht beides?

Deutschland sollte sich nicht kleiner machen, als es ist. Wir sind ein vielfältiges Land mit 80 Millionen Menschen und tollen Errungenschaften. Wir haben gute Voraussetzungen, um wieder mehr Medaillen zu holen. Warum sind wir als Bundesrepublik nicht mutiger?

Ich würde mir wünschen, dass häufiger selbstbewusst gesagt wird: Wir wollen Erster sein. Wenn das nicht klappt, ist das doch kein Weltuntergang. Aber wir sollten aufhören, nur den politisch korrekten Weg zu gehen und immer nur zu sagen: Platz fünf ist auch okay. Natürlich ist er das, aber sollte er unser Anspruch sein? Natürlich nicht.

Deutschland muss den Abwärtstrend im Medaillenspiegel als Warnsignal sehen. 1992 gab es 82 Medaillen. 2000 waren es immerhin noch 56. Und 2016? Da holte das deutsche Team nur noch 42 Mal Edelmetall.


Es wird Zeit, diese bedrohliche Entwicklung zu stoppen. Daran sollte auch die Bundesregierung Interesse haben. Schließlich hat ein sportlicher Erfolg positive Auswirkungen auf die Bevölkerung.

Das Vorbild

Schauen wir uns doch mal den Fußball an. Die EM 2000 wurde zum Reinfall, die Enttäuschung war groß. Wie wurde reagiert? Der DFB hat mächtig Geld in die Hand genommen und gesagt, dass alles anders werde. Und das wurde es. Der komplette Nachwuchsfußball wurde umstrukturiert, die Ausbildung der Spieler klar verbessert.

Das deutsche Team um Trainer Erich Ribbeck (m.) bei der Fußball EM 2000: Die Lehren aus dem enttäuschenden Turnier führten zum WM-Titel 2014. (Quelle: imago images/Stockhoff)Das deutsche Team um Trainer Erich Ribbeck (m.) bei der Fußball-EM 2000: Die Lehren aus dem enttäuschenden Turnier führten zum WM-Titel 2014. (Quelle: Stockhoff/imago images)

Das Ergebnis kennen wir alle: 2014 ist Deutschland Fußballweltmeister geworden. Das war ein Ereignis, das dieses ganze Land bewegt hat. Genau so was brauchen wir auch wieder bei Olympia. Einen sagenhaften Erfolg bei den Spielen, der die ganze Republik mitreißt und zeigt, was für tolle Athletinnen und Athleten wir in diesem Land haben.

Zwischen 2000 und 2014 lagen 14 Jahre. Wenn wir im nächsten Jahr den olympischen Sport reformieren, was ist dann in 14 Jahren? Genau, die Sommerspiele 2036, die bekanntermaßen in Berlin stattfinden sollten.

Wir brauchen ein System, das funktioniert, das etwas bewegt. Die Bundesregierung will Effizienz. Mit möglichst wenig Geld und Förderung sollen möglichst viele Medaillen geholt werden. Aber dieses Denken ist naiv. So läuft uns die Konkurrenz davon.

Nehmen Sie als Beispiel die 4x100 Meter Freistil-Staffel im Schwimmen: Deutschland hat als Letzter im Halbfinale das Finale klar verpasst – hinter der Schweiz oder den Niederlanden. Die USA haben im gleichen Lauf mit einer B-Auswahl souverän den ersten Platz geholt.

Sarah Köhler holte am Mittwoch die erste deutsche Medaille im Schwimmen. Zuvor ging Deutschland leer aus. (Quelle: Reuters/Aleksandra Szmigiel)Sarah Köhler holte am Mittwoch die erste deutsche Medaille im Schwimmen. Zuvor ging Deutschland leer aus. (Quelle: Aleksandra Szmigiel/Reuters)

Es braucht Geld, viel Geld

Das Grundproblem ist, dass Bundesregierung und DOSB nicht an einem Strang ziehen. Es braucht eine intensive Zusammenarbeit. Dem DOSB fehlen die finanziellen Mittel, um die Reformen allein zu stemmen. Es braucht Hilfe aus der Politik und der Wirtschaft.

Wir müssen nicht drumherum reden: So eine Neustrukturierung kostet um die drei Milliarden Euro. Das ist viel Geld, aber glauben Sie mir, es ist gut investiert. Leuten, die sagen, dass es mehr auf Personalien als auf Geld ankomme, entgegne ich, dass es beides braucht. Teilweise bekommst du die richtigen Trainer, Betreuer und Funktionäre auch nur, wenn du ihnen ein gutes Budget und die idealen Mittel zur Seite stellen kannst. Mit dem Ehrenamt kommen wir da nicht weiter.

Der Weg zum Erfolg hat drei Ebenen

Ich habe mir zu diesem Thema schon seit geraumer Zeit Gedanken gemacht und sehe drei Schritte, wie Deutschland wieder mehr Medaillen holen kann.

Schritt 1: Es braucht eine Taskforce aus Sport, Politik und Wirtschaft.

Ich rede nicht von einer Gruppe aus Menschen, die das nebenbei macht. Ich rede von Personen, die bereit sind, 60 Stunden pro Woche zu investieren. Ex-Sportler, die wissen, worauf es ankommt. Auch Mitarbeiter der Bundesregierung und Vertreter der Wirtschaft sind notwendig.

Diese Taskforce muss bisherige Strukturen und Arbeitsweisen überdenken und aufbrechen. Denn mit dem richtigen Konzept ist der Weg zum Erfolg geebnet, aber längst nicht garantiert.

Schritt 2: Das Ansehen von Sport in Deutschland muss verbessert werden.

Leistung wird in Deutschland immer weniger anerkannt und gewürdigt. Fragen Sie doch mal eine Krankenschwester, eine Polizistin oder einen Feuerwehrmann, ob sie oder er sich wertgeschätzt fühlt in diesem Land. Ich würde behaupten, dass nur zwei von zehn Befragten "Ja" sagen würden. Oder vergleichen Sie mal, wie Soldaten nach Einsätzen in Kriegsgebieten in Deutschland empfangen werden – und wie sie in den USA empfangen werden. Dazwischen liegen Welten.

Genauso ist es auch bei Sportlern. Das Gleichgewicht zwischen Aufwand und Ertrag kippt. Der Anteil des Aufwands wird immer größer. Dabei geht es nicht ums Geld, es geht um das Ansehen im Land. Und das ist bei anderen Nationen höher. Dort wird Leistung noch mehr gefeiert und gewürdigt, dazu wird der Nutzen von Sport auch noch mehr gesehen.

Denn es geht auch um die Effekte für die Gesellschaft. Erfolgreiche Spitzensportler werden zu Vorbildern und Ikonen, woraufhin mehr Kinder und Erwachsene angetrieben werden, Sport zu machen, was wiederum Gesundheit und Wohlbefinden steigert. Das darf man nicht unterschätzen.

Und: Die steigende Wertschätzung der einen gibt auch anderen Berufsgruppen mehr Kraft.

Schritt 3: Wir müssen den Sport im Lehrsystem umstrukturieren.

Sport ist fester Bestandteil der Schulzeit. Doch mit deren Ende hört das auf. Wir verlieren 50 Prozent der Menschen, weil nach Abitur und Co. nichts mehr kommt. Es braucht ein System, das bis in die Universitäten weitergeht. In den USA zum Beispiel ist Sport viel stärker in der Kultur der Unis verankert. Genau diesen Ansatz brauchen wir auch in Deutschland. Wir könnten einen weiteren Wettbewerbscharakter schaffen.

Zum Beispiel könnte man die Republik in vier Regionen aufteilen, die miteinander konkurrieren: Nord, Ost, Süd und West. Dieser Konkurrenzkampf fördert die Leistung und schafft bessere Grundlagen für den Leistungssport. Das könnte auch das Ansehen des Sports in Deutschland, was ich in Schritt 2 angesprochen habe, begünstigen.

Fakt ist in jedem Fall: Wir brauchen ein Umdenken. Ein "weiter so" darf es nicht geben. Denn sonst hängen nicht nur die USA und China Deutschland ab.

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