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Jakob Augstein veröffentlicht ersten Roman

Von dpa
Aktualisiert am 17.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Der Verleger und Journalist Jakob Augstein legt seinen DebĂŒtroman vor.
Der Verleger und Journalist Jakob Augstein legt seinen DebĂŒtroman vor. (Quelle: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa./dpa)
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Berlin (dpa) - Jakob Augstein legt seinen ersten Roman vor. Der 54-JĂ€hrige ist vor allem als Journalist, Verleger und Sachbuchautor bekannt. In seinem RomandebĂŒt "Strömung" geht es um einen Politiker einer namentlich nicht benannten Partei in Deutschland, der ganz nach oben will.

Das Ganze kann man auch als Abgesang auf eine Generation lesen. Bei diesem einen Roman wird es voraussichtlich nicht bleiben. Augstein sitzt bereits am nÀchsten Buch, wie er der Deutschen Presse-Agentur sagte.

Wenn man die Biografie des Verlegers (linksliberale Wochenzeitung "Der Freitag" in Berlin) und Kolumnisten (frĂŒher "Spiegel"-Kolumne "Im Zweifel links") verfolgt, sticht natĂŒrlich jetzt dieses Detail heraus: Er erschließt sich mit dem Romanschreiben ein Metier, in dem sein leiblicher Vater schon lange tĂ€tig ist: Martin Walser - einer der bekanntesten Schriftsteller Deutschlands. Augstein, Sohn von "Spiegel"-GrĂŒnder Rudolf Augstein (1923 - 2002), machte vor Jahren die leibliche Vaterschaft öffentlich.

SpĂŒrt man womöglich eine Blockade, weil man neu in dem Metier ist, in dem der Vater schon lange tĂ€tig ist? Augstein sagte der dpa: "Nein. Ich glaube, dafĂŒr bin ich zu alt. Als junger Mensch wĂ€re das vielleicht ein Problem gewesen, heute nicht mehr." Haben seine Eltern den Roman schon gelesen? - darauf antwortete Augstein: "Lustige Frage an jemanden, der Mitte fĂŒnfzig ist. Aber ja, ich glaube, die fanden den Text ganz gut. Vermutlich sind sie nicht ganz neutral."

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Wladimir Putin 2012 im Kanzleramt in Berlin.


Ein Politiker will nach oben

Auf rund 300 Seiten entwickelt Augstein die Geschichte des Protagonisten Franz Xaver Misslinger im Jahr 2016. Ein Mann in den Vierzigern, der ĂŒber sich selbst sagt: "Ich war mal der Shootingstar der deutschen Politik!" Er will an die Parteispitze. Der Typ ist in einem Ich-Kosmos unterwegs, völlig unsympathisch ist er aber nicht. Es menschelt sehr: Er verheddert sich zum Beispiel, wenn er zeitgleich seiner Frau und seinem neuen Flirt Nachrichten auf dem Handy schreibt.

Sein großes Vorbild in der Partei - Walter, eine Art ĂŒbermĂ€chtige Figur - rĂ€t ihm zu einer Rede, die alles im Kampf um die Spitze entscheiden soll. Misslinger begibt sich zum Schreiben auf eine Art Wallfahrt in die USA. Immer wieder kann man aus dem Roman einen religiösen Sound heraushören.

RĂŒckblick auf eine Dekade der Selbstgewissheit

Augstein sagte ĂŒber den Protagonisten: Es gebe fĂŒr das Buch ein Oberthema, nĂ€mlich Freiheit. "Es ist ein Buch ĂŒber die Religion einer Generation, ĂŒber ein Glaubenssystem, das jetzt zusammengebrochen ist. Ich halte RĂŒckschau auf die 1990er Jahre. Eine Zeit der großen westlichen, kapitalistischen und eben auch mĂ€nnlichen Selbstgewissheit." Misslinger sei ein Mann, der glaube, er könne alles, was er will. "Die Selbstgewissheit ist von allen Seiten zerschossen und zerschreddert worden. Und das erlebt diese Figur."

Wie real ist der Protagonist, hatte Augstein jemanden im Kopf? "NatĂŒrlich gibt es Zitatfetzen. Ich arbeite mit der Wirklichkeit, die ich vorfinde. Aber es ist kein SchlĂŒsselroman", erlĂ€uterte der Autor.

Er selber habe in seiner journalistischen Arbeit wenig klassische politische Berichterstattung gemacht. "Ich war kein politischer Journalist in dem Sinne, dass ich zu Pressekonferenzen gegangen oder in einer Kanzler-Maschine mitgeflogen bin. Ich habe diese Welt immer nur von außen betrachtet und habe sie eigentlich wie Literatur oder wie einen Film wahrgenommen. Ich hatte immer eine Art feuilletonistischen Zugang", sagte Augstein.

Das Buch sei fĂŒr ihn eher ein religiöses Buch als ein politisches. "Ich glaube, dass dieser Neoliberalismus eine Religion war mit allen Vor- und Nachteilen. Religionen sind etwas Wunderbares, weil sie Kraft entfalten, den Menschen Halt geben und sie nach vorne tragen." Andererseits hĂ€tten sie alle einen illiberalen Zug, beengten das Denken und verdrĂ€ngten andere Interpretationen der Wirklichkeit.

Augstein schreibt schon am zweiten Roman

Augstein setzt dem mÀnnlichen Protagonisten zwei Frauen zur Seite. Vor allem seine jugendliche Tochter, die ihn in die USA begleitet, hÀlt ihm den Spiegel vor. Ihre Generation tickt anders. Auch Misslingers Frau - die Beziehung steckt in tiefen Problemen - ist eine Art Counterpart.

Herr Augstein, hĂ€tten Sie sich auch vorstellen können, ĂŒber eine weibliche Protagonistin zu schreiben? "Ich schreibe jetzt gerade am nĂ€chsten Buch. Die Protagonistinnen sind zwei Frauen", verriet er. Zum ersten Buch: "Es war fĂŒr mich einfacher, ĂŒber einen Mann zu schreiben. Aber als GegenĂŒber hat er seine Tochter, die ist 16. Dem Alter sind meine Kinder gerade entwachsen, ich kann mir, glaube ich, die Welt einer Jugendlichen ganz gut vorstellen." Zum zweiten Buch sagte Augstein: "Es ist eine Beziehungsgeschichte. Es geht um Liebe und Kinder."

Die Idee, einen Roman zu schreiben, hatte der Verleger, der jĂŒngst beim "Literarischen Quartett" im ZDF zu sehen war, schon lange. "Ich habe mich aber nicht getraut. Es ist eine enorme Herausforderung, vor der ich viel Respekt habe." Er fĂŒhrte auch den journalistischen Alltag an. "Als Journalist haben Sie einen Termin und ein Thema. Man gewöhnt sich also daran, ohne Termin nicht fertig zu werden. Und nun sitze ich vor einem leeren Blatt, oder in meinem Fall vor einem leeren Bildschirm, und erlebe den Horror Vacui – also Schrecken vor der Leere." Den Roman "Strömung" habe er ĂŒber drei, vier Jahre geschrieben.

Jakob Augstein: Strömung. Aufbau Verlag, Berlin 2022, 301 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 9783351039493

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