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Sebastian Fitzek: "Ich schreibe mir meine Ängste von der Seele"

Sebastian Fitzek im Leserchat  

"Ich schreibe mir meine eigenen Ängste und Sorgen von der Seele"

01.10.2019, 16:27 Uhr
Sebastian Fitzek: "Ich schreibe mir meine Ängste von der Seele" . Sebastian Fitzek im t-online.de-Newsroom: Der Thrillerautor hat live auf die Fragen der Leser geantwortet. (Quelle: t-online.de/Christian Mutter)

Sebastian Fitzek im t-online.de-Newsroom: Der Thrillerautor hat live auf die Fragen der Leser geantwortet. (Quelle: Christian Mutter/t-online.de)

Wie schreibt man eigentlich einen Psychothriller? Sebastian Fitzek hat im Live-Chat mit t-online.de-Lesern über den Ursprung seiner Geschichten, die Arbeit als Autor und die heilende Wirkung des Schreibens gesprochen. 

Sebastian Fitzek beschreibt in seinen Thrillern grausame Geschehnisse. Oft entspringen diese aus vermeintlich alltäglichen Lebenssituationen. Seine Geschichten sind brutal und blutig. Er denkt sich tief in die Psyche seiner Charaktere hinein. Dabei zweifeln die Protagonisten vielfach an sich selbst, verstehen ihr eigenes Leben und Handeln nicht.

Herunterziehen lässt sich der Bestsellerautor von seinen harten Themen nicht. Schreiben, sagt er, befreie ihn: von Sorgen, Ängsten und bösen Tagträumen. Dadurch kann er unbeschwerter durchs Leben gehen.

Dennoch fällt Sebastian Fitzek das Schreiben manchmal schwer: Auch er muss sich immer wieder aufraffen und disziplinieren. Im Prozess des Schreibens kämpft er nicht nur gegen sich selbst. Ab Seite 80 stellen ihn seine eigenen Charaktere vor eine große Herausforderung.

In der Diskussion mit Lesern hat Deutschlands erfolgreichster Thrillerautor berichtet, wie diese Herausforderung genau aussieht und sich vielen weiteren Fragen gestellt.

Vita: Ist an Ihren Geschichten auch etwas Wahres dran?

Sebastian Fitzek: Leider in der Regel die Grundidee. Oftmals muss ich die Realität abändern, da sie zu grausam oder verrückt ist und mir die Wahrheit so nicht geglaubt werden würde.

Patrik Spohn: Was ich mal wissen will: Wie kommst du auf die ganzen Ideen?

Ich finde meine Ideen im Alltag. Als mir der Postbote ein Paket für einen Nachbarn aushändigte, den ich gar nicht kannte, begann bei mir sofort ein Thriller im Kopf, der mich zu "Das Paket" motivierte.

Uta B. Rentschler: In welchen Stadien während des Entstehungsprozesses eines Buches wird die Arbeit zäher oder mühsamer?

Grundsätzlich ist der Anfang sehr mühsam. Hier müssen alle Figuren eingeführt, Fährten gelegt und das Thema angeschoben werden. Als nächstes kommt spätestens ab Seite 80 ein ganz großer Stolperstein. Dann nämlich, wenn die Figuren ihr Eigenleben entwickeln und nicht mehr das tun, was der Autor will.

Julia Reith: Wie wird man eine Hauptfigur in einem Ihrer Bücher?

Ich versuche grundsätzlich neue, einzigartige Figuren zu erschaffen und will es unbedingt vermeiden, dass sich jemand in meinen Büchern wiedererkennt. Ich meine, wer will das schon, in einem Psychothriller auftauchen?

Svesta: Scherzfrage: Wie krank muss man im Kopf sein, um auf solche Geschichten zu kommen? Ich lese die Bücher gerne als Zeitvertreib und muss mir wahrscheinlich umgekehrt die Frage gefallen lassen: "Wie krank muss man sein, um so etwas zu lesen?"

Hoffst du auf jeder Seite, dass am Ende wirklich alle tot sind und es gar keine Hoffnung mehr gibt? Dann würde ich mir wirklich Gedanken machen. Geht es dir aber darum, dich in einem sicheren Ambiente einer "Nahtoderfahrung" auszusetzen (etwa so wie mit einer Achterbahn) dann ist das ein vollkommen gesundes Verhalten.
PS: Wäre ich krank im Sinne von psychopathisch, dann würde ich keinerlei Empathie besitzen und könnte derartige Geschichten gar nicht schreiben. Ich schreibe mir meine eigenen Ängste und Sorgen von der Seele und finde das einen sehr heilsamen Prozess.

Alicia Hellwig: Wie lege ich beim Schreiben Hinweise auf einen Täter aus, ohne dass es zu offensichtlich oder unmöglich für den Leser ist, ihn zu enttarnen?

Dafür gibt es keine Formel, und leider auch ich habe keine Garantie, dass mir das immer gelingt. Bei Thrillern kommt es, im Unterschied zu Krimis, aber mir auch gar nicht so sehr darauf an, wer etwas getan hat, sondern eher warum, und wie ich mich selbst in der konkreten Situation verhalten würde.

Jeffrey Pachur: So detailliert, wie Sie gewisse Abläufe in der Rechtsmedizin und in der menschlichen Psyche beschreiben: Woher bekommen Sie Ihre ganzen Informationen?

Ich mache zunächst eine rudimentäre Grundrecherche und erschaffe mir dann meine Fantasiewelt. Die lasse ich dann aber immer von Experten gegenchecken, denen ich den ersten Entwurf zum Lesen gebe. (Etwa einem Psychiater, einem Kapitän oder jüngst einem ehemaligen Analphabeten, da in "Das Geschenk" jemand in der Hauptrolle ist, der weder lesen noch schreiben kann. In der Rechtsmedizin habe ich, bevor ich anfing zu schreiben, bei einer Obduktion anwesend sein dürfen.)

Uta B. Rentschler: Was fasziniert Sie an der Tätigkeit als Schriftsteller und was mögen Sie daran nicht?

Mich fasziniert, immer wieder gefahrlos in die gefährlichsten Welten aufbrechen zu können. Weniger gefällt mir, dass mein ohnehin angeborener Haltungsschaden vor dem Laptop nicht gerade besser wird.

Ivonne Doktor: Wollten Sie immer schon Bücher schreiben? Wie fing alles an?

Nein, ich wollte erst Tennisspieler, dann Schlagzeuger, dann Tierarzt und dann Strafverteidiger werden. Schreiben fand ich zu anstrengend, hab’ dann aber beim Radio (was auch nicht als Karriereschritt geplant war) gemerkt, dass mir das Geschichtenerzählen liegt.


Uta B. Rentschler: Wie schwierig ist es, sein eigenes Buch zu einem Drehbuch adaptieren zu lassen, es also "aus der Hand geben zu müssen", wie zum Beispiel bei "Abgeschnitten"? Waren Sie daran beteiligt oder durften bezüglich der Umarbeitung mitsprechen?

Meine Arbeit am Drehbuch beginnt und erschöpft sich (fast) mit der Auswahl des Drehbuchautors. Ein Drehbuch zu schreiben ist eine eigenständige Kunst, für die man viel Übung und Erfahrung braucht. Mir fehlt beides, weswegen ich mich nur im Vorfeld entscheide, ob mein Werk in guten Händen ist. Dann fange ich nach der Entscheidung aber nicht mehr an, dem Autor ins Werk zu reden. So wie ich einem Chirurgen nicht sage, wie er mich aufzuschneiden hat, auch wenn mir mein Körper sehr viel bedeutet und ich ihn ungerne anderen überlasse.

Sebastian Fitzek: So, vielen Dank für Eure Fragen und Kommentare. Ich muss jetzt leider weiter, aber es hat mir großen Spaß gemacht!

  


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