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Kurt Kr├Âmer ├╝ber seine Depression: "Das hat alles ver├Ąndert"

  • Steven Sowa
Von Steven Sowa

Aktualisiert am 10.03.2022Lesedauer: 8 Min.
Kurt Kr├Âmer: Der Comedian gew├Ąhrt in seinem neuen Buch ├╝berraschend offene Einblicke in sein Seelenleben.
Kurt Kr├Âmer: Der Comedian gew├Ąhrt in seinem neuen Buch ├╝berraschend offene Einblicke in sein Seelenleben. (Quelle: Urban Zintel)
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Berliner Kodderschnauze, immer ruppig und laut: Das ist Kurt Kr├Âmer. Doch der Comedian litt jahrelang unter Depressionen. Mit t-online spricht er ├╝ber die Krankheit und seine Karriere.

Kurt Kr├Âmer l├Ąsst die Hosen herunter. Der so scharfz├╝ngige Comedian hat ein Buch ├╝ber seine Depression geschrieben. Die Schilderungen dort: ungesch├Ânt, schonungslos, voll auf die Zw├Âlf. Entw├╝rdigende Abst├╝rze durch eine jahrelange Alkoholsucht, Selbstzweifel, schwindende Potenz, Schlafprobleme und "immer diese schwarze Wolke ├╝ber dem Kopf, diese emotionale Leere" ÔÇô so beschreibt der 47-J├Ąhrige in "Du darfst nicht alles glauben, was du denkst. Meine Depression" seinen Leidensweg.


Jahrgang 1974: Diese Stars wurden im selben Jahr geboren

Komikerin Martina Hill: 14. Juli 1974
Model Kate Moss: 16. Januar 1974
+13

Auf knapp 200 Seiten erf├Ąhrt der Leser, wie sich der Fernsehmoderator trotz seiner Depression als alleinerziehender Vater von vier Kindern durchs Leben schlug. Wie er sich in einer Berliner Klinik helfen lie├č und seine Krankheit in den Griff bekam. Im t-online-Videointerview erleben wir einen Kr├Âmer, wie Zuschauer ihn kennen: schlagfertig und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

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t-online: Sie haben einen etwas sonderbaren Traum, Herr Kr├Âmer.

Kurt Kr├Âmer: Ach ja? Erz├Ąhlen Sie.

Sie wollen am Theater den Hauptmann von K├Âpenick spielen. Dann, so sagten Sie, "kann bei mir die Kiste zugehen". Wieso ausgerechnet diese m├Ąrchenhafte Gestalt des Friedrich Wilhelm Voigt?

Das ist die beste Rolle, die ich mir vorstellen kann. Ich bin im Wedding gro├č geworden. Dieses St├Ąnkern gegen die Obrigkeit und Leuten gegen das Schienbein treten, liegt mir schon immer. Ich sehe den Hauptmann von K├Âpenick als meine Paraderolle.

Friedrich Wilhelm Voigt soll bei jeder Gelegenheit Cognac gesoffen haben. In der Hinsicht haben Sie ihm etwas voraus: Sie sind trockener Alkoholiker ÔÇô aber ist das f├╝r die Rolle ein Problem?

├ťberhaupt nicht. Ich kann ja Theater-Cognac trinken. Wenn ich im "Tatort" mitmische, muss ich ja auch niemanden wirklich erschie├čen. Ist ja nur ein Spiel und ob M├Ârder oder S├Ąufer: Spielen kann ich sie alle.

Sehen Sie sonst noch Parallelen zwischen Voigt und Ihnen?

Wenn ich heute auf der Meldestelle oder im Ordnungsamt bin wegen eines neuen Personalausweises, ist es noch genauso wie damals bei Voigt. Dieser Mief, diese Lahmarschigkeit: Das hat sich in den letzten 100 Jahren nicht ver├Ąndert. Heute fehlt nur noch die Pickelhaube, aber diese Befehlsh├Ârigkeit, nur das zu machen, was einem von oben vorgegeben wurde, ist absolut identisch.

Kurt Kr├Âmer: Er grillt in "Chez Kr├Âmer" Spitzenpolitiker und zu Hause W├╝rstchen f├╝r seine vier Kinder.
Kurt Kr├Âmer: Er grillt in "Chez Kr├Âmer" Spitzenpolitiker und zu Hause W├╝rstchen f├╝r seine vier Kinder. (Quelle: /imago-images-bilder)

Was Sie noch mit dem Hauptmann gemeinsam haben, ist die Verkleidung ÔÇô jedenfalls metaphorisch gesprochen. Sie haben Ihrem Publikum jahrelang etwas vorgespielt und haben Ihre Depression nicht ├Âffentlich gemacht. Wie anstrengend war das f├╝r Sie?

Von meiner Depression habe ich erst im Sommer 2020 erfahren. Davor wusste ich gar nicht, was mit mir los ist. Also konnte ich auch nichts verstecken. Als ich dann in die Klinik gekommen bin und endlich Klarheit ├╝ber meinen Zustand bekam, habe ich mich sofort im Freundeskreis geoutet. Ich war sehr erleichtert und habe allen gesagt: 'Ich wei├č es endlich. Es ist eine verfickte Schei├čdepression!' Das war echt traurig und lustig zugleich. Ich habe Freudenspr├╝nge gemacht vor Dankbarkeit, endlich zu wissen, warum ich so neben der Spur bin.

In Ihrem Buch "Du darfst nicht alles glauben, was du denkst: Meine Depression" schreiben Sie zu dieser Erkenntnis: "Endlich hat das Kind einen Namen." Also war allein die Diagnose schon ein Brustl├Âser?

Ich fragte mich schon ewig, was mit mir los war. Insofern war die Gewissheit ein gro├čer Schritt. Und ich wusste endlich, wohin ich damit muss. Das hat nat├╝rlich alles ver├Ąndert.

Auch andere Prominente wie Nora Tschirner sind damit an die ├ľffentlichkeit gegangen. Sie haben sich in Ihrer Fernsehshow "Chez Kr├Âmer" mit Ihrem Kollegen Torsten Str├Ąter dar├╝ber unterhalten. Leben wir in einer Zeit der gro├čen Depression oder wird jetzt einfach nur dar├╝ber geredet?

Ich glaube, wir sind endlich in einem Zeitalter angekommen, wo wir mal ehrlich miteinander sind. Einfach mal sagen k├Ânnen: "Mir geht es schei├če." Das geht so langsam los und deswegen outen sich zurzeit so viele.

Warum ist das Bewusstsein f├╝r Depressionen heute ein anderes als noch vor 20, 30 Jahren?

Meine Eltern haben mir vorgelebt, dass man dar├╝ber nicht spricht. Man spricht nicht ├╝ber Gef├╝hle. Man sagt nicht, dass es einem schlecht geht. Man geht immer arbeiten, auch wenn einem ein Bein fehlt. Schei├čegal. Anderen Leuten geht es noch viel schlechter. Punkt. Ende aus. Das schwingt nat├╝rlich mit, auch wenn ich das selbst nicht so sehe. Aber wenn einem das von seinen Eltern vorgelebt wird, muss man sich davon erst mal frei machen.

Von einer veralteten Sichtweise ÔÇŽ

Ja, aber nicht die einzige. Bei meinen Eltern galt auch noch die eiserne Regel: Die Frau geh├Ârt in die K├╝che und k├╝mmert sich um die Kinder. Das habe ich infrage gestellt, weil ich dachte, irgendwas stimmt doch mit den beiden nicht. Und dennoch ist es in dir drin: Ich sehe dieses Bild von meiner Mutter immer noch vor mir. Wie sie sonntags ab fr├╝hmorgens in der K├╝che steht und kocht.

Sie hingegen sind alleinerziehender Vater und haben vier Kinder. Was machen Sie bei Ihren Kids anders?

Ich mache genau das Gegenteil von dem, was mir beigebracht worden ist. Aber zuerst musste ich lernen, mit mir selbst klarzukommen.

Wann genau war das?

Ich glaube, so mit 25 Jahren habe ich realisiert, dass man auch ├╝ber Gef├╝hle reden darf. Dass man einer Frau, mit der man zusammen ist, auch sagen kann: "Ich liebe dich" ÔÇô das war mir vorher gar nicht klar.

Und bei Ihren Kindern: Was genau ist da anders als bei Ihnen?

Meine Kinder werden nicht terrorisiert, psychisch unter Druck gesetzt oder fertiggemacht. Und bei uns zu Hause steht nat├╝rlich keine Frau in der K├╝che, sondern ich.

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Haben Sie eigentlich neben all dem Zuspruch auch mal das Gegenteil erlebt seit Ihrer Bekanntmachung? Also dass ├╝ber Sie und die Depression abf├Ąllig gesprochen wurde?

Die einzigen, die gest├Ąnkert haben, waren die der AfD. Die haben manchmal so getan, als w├╝rde meine Aversion gegen sie nur damit zusammenh├Ąngen, weil ich krank bin. Aber es ist nicht schwer, eine Handvoll Leute zu ignorieren.

Und dennoch bem├╝hen Sie sich immer, AfD-Politiker in Ihre Sendung einzuladen ÔÇŽ

Immer! Wir fragen jedes Jahr alle von der AfD an. Aber nie traut sich jemand. Frauke Petry war zwar bei mir in der Sendung, aber zum damaligen Zeitpunkt schon Ex-AfD-Politikerin. Doch das war trotzdem gut. F├╝nf Monate nach meiner Therapie war das ÔÇô und ich habe damals eine viel bessere Figur gemacht als noch bei Boris Palmer.

Wieso? Was war bei Palmer so schlecht?

Ich habe es total verkackt. Das war eine unterirdische Leistung von mir. Wir haben damals aufgezeichnet mitten in der Phase, in der ich gerade in Therapie war. Mein Produzent Friedrich K├╝ppersbusch hat im Nachgang, als wir uns die Aufzeichnung anschauten, gemeint: "Das Tor war leer, der Ball lag direkt davor ÔÇô aber du hast dich umgedreht und nicht geschossen." Ich hatte einfach keine Kraft ÔÇô und auch irgendwie keine Lust. Bei Frauke Petry war die alte Kraft dann wieder zur├╝ck.

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Sind Sie inzwischen eigentlich symptomfrei oder erleben Sie immer noch depressive Sch├╝be?

Meine Therapeuten haben gesagt, ich habe sehr gut aus der Depression herausgefunden. Ich nehme noch Antidepressiva, aber auch das soll demn├Ąchst abgesetzt werden. Wir werden beobachten, was nach dem Absetzen passiert. Symptome habe ich nicht mehr. Aber man muss sich das vorstellen wie bei einer Blinddarm-OP. Man kommt ins Krankenhaus, es muss sofort gehandelt werden. Danach wird man nach Hause geschickt, ist aber immer noch wackelig auf den Beinen. So war das bei mir auch. Ich bin nach der Therapie aus der Tagesklinik nach Hause gekommen und hatte immer noch so eine diffuse Angst. Ich habe mich immer gefragt: Sehen die Leute jetzt, dass etwas nicht mit mir stimmt? Ich musste mich wieder ein bisschen einfummeln in die Gesellschaft. Das hat schon so ein halbes Jahr bis acht Monate gedauert.

Aber jetzt gelten Sie als geheilt und sind ├╝ber alles hinweg?

Ich bin gesund, ja. Auf die Frage, ob ich Angst davor habe, wieder depressiv zu werden, sage ich immer: Das ist eine Sache f├╝r Depressive. Ich setze mich dann erst wieder damit auseinander, wenn ich depressiv werden sollte. Dann ist der Tag, an dem ich meinen Therapeuten anrufe und wei├č, jetzt geht die Schei├če wieder von vorne los. Aber bis jetzt, toi toi toi, geht es mir gut.

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"Zu realisieren, dass ich nicht perfekt sein kann, das hat mir geholfen", schreiben Sie in Ihrem Buch. Fernsehzuschauer kennen Sie mit einer gewissen H├Ąrte und Schroffheit. Haben Sie eigentlich eine Ver├Ąnderung gesp├╝rt seit Ihrer Therapie? Dass Sie nicht nur sich selbst gegen├╝ber, sondern auch allgemein mehr Milde walten lassen?

Nein, ├╝berhaupt nicht. Wir sind jetzt gerade in der Vorbereitung f├╝r die n├Ąchste Staffel. Daf├╝r habe ich k├╝rzlich eine Liste voll mit "Arschl├Âchern" bekommen, wo ich dann direkt gemerkt habe: Oh, super Gast. Dem geh├Ârt ordentlich eins auf die Fresse gehauen, also verbal. Diese Aggressivit├Ąt, dieses Laute, dieses cholerische Karikieren ist immer noch da. Darauf habe ich Bock.

Wieso eigentlich? Woher kommt diese Aggressivit├Ąt?

Das ist mein Kampf gegen meinen Alten, der immer nur rumgemeckert hat, den ganzen Tag cholerische Ausbr├╝che gekriegt hat. Wenn die Leute jetzt Angst h├Ątten, w├Ąre das schlecht. Aber es lachen ja alle. Von daher ist es jetzt immer noch ein Kampf. Ein Kampf, mit dem ich zeige: Schaut her, es ist v├Âllig ├╝berfl├╝ssig, rumzubr├╝llen.

Also erleben die Zuschauer Alexander Bojcan, der seinen cholerischen Vater bek├Ąmpft.

Ja und Nein. Auch wenn bei Kurt Kr├Âmer immer von einer Kunstfigur die Rede ist. Nach meiner R├╝ckkehr aus Afghanistan 2012 ist mir etwas klar geworden. Da hat eine Metamorphose stattgefunden. Seitdem gibt es nur noch eine Figur: Alexander Bojcan und Kurt Kr├Âmer sind deckungsgleich. Wir hatten die gleiche Krankheit, wir haben den gleichen Beruf, wir teilen denselben Humor. Aber Kurt Kr├Âmer ist der, der in der ├ľffentlichkeit auftritt.

Seit einigen Monaten ist Kurt Kr├Âmer gesund. Doch jahrelang schwebte eine "dunkle Wolke" ├╝ber ihm ÔÇô die Depression.
Seit einigen Monaten ist Kurt Kr├Âmer gesund. Doch jahrelang schwebte eine "dunkle Wolke" ├╝ber ihm ÔÇô die Depression. (Quelle: Kiepenheuer&Witsch)

Haben Sie eigentlich manchmal Mitleid mit den G├Ąsten, die Sie ins Kreuzverh├Âr nehmen?

N├Â! Wie war der Spruch von Harald Schmidt? Jedem, der ├╝ber 15.000 Euro im Monat verdient, kann in den Arsch getreten werden.

Harald Schmidt gilt heute aber auch als Paradebeispiel eines Zynikers. Eine Zuschreibung, die auf Sie nun sp├Ątestens durch Ihr Buch nicht zutreffen d├╝rfte.

Also ich liebe Harald Schmidt heute noch. Ich wei├č noch, wie ich das damals als Zeiteinheit gebraucht habe: "Schatz, ich bin zu Harald Schmidt zu Hause." 23.15 Uhr, Sat.1. Damals habe ich diesen Zynismus geliebt, diesen morbiden Humor, dieses Dreckige. Aber ich habe gemerkt: Das passt heute nicht mehr in die Zeit. Auf Zynismus, bei all der Schei├če, die da drau├čen passiert, habe ich keinen Bock mehr. Lieber klar ansprechen, geradeheraus sein: Ich kann dich nicht leiden, weil du das und das falsch gemacht hast ÔÇô fertig. Keine zynischen Witzchen machen, sondern klar und ehrlich das Thema benennen.

Und direkt mit den Leuten reden, so wie bei "Chez Kr├Âmer"?

Ja, einfach mal Dampf ablassen. Da haben alle etwas von.

Zweifeln Sie trotzdem manchmal, dass Ihr Weg nicht der richtige ist?

Nat├╝rlich zweifle ich auch manchmal. Teilweise sage ich es sogar in der Sendung und rege mich ├╝ber mein eigenes Format, ├╝ber die vorbereiteten Fragen auf. Sich st├Ąndig selbst infrage stellen, ist daf├╝r essenziell. Deswegen ist auch "Chez Kr├Âmer" f├╝r mich eine Hassliebe: Ich hasse das Format, aber ich liebe es auch. Das ist Teil des Erfolgsrezepts. Und ich finde das ganz wichtig. Viele Leute werfen mir ja immer vor, ich w├╝rde die Interviews mit den sympathischen G├Ąsten viel lieber machen. Das stimmt auch. Aber das Konzept der Sendung ist eben, dass es auch ein bisschen wehtun muss. Die Mischung machts ÔÇô und ich habe nur Angst, dass irgendwann keine Unsympathen mehr zusagen.

Wir haben zu Beginn des Gespr├Ąchs Ihren Traum angesprochen, den Hauptmann von K├Âpenick zu spielen. Was ertr├Ąumen Sie sich noch f├╝r die Zukunft?

Das ist der einzige Traum, den ich habe. Neben Zigaretten, von denen tr├Ąume ich auch wieder.

Sie rauchen wieder?

Ja, ich bin wieder ganz der Alte. Mein Arzt hat mir gesagt, ich muss viel mehr rauchen. Also mache ich das. (lacht) Ich bin trockener Alkoholiker seit elf Jahren, ich nehme keine Drogen. Die Zigaretten sind das Einzige, was mir noch geblieben ist.

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