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Garri Kasparow im Interview: "Von KI kann die gesamte Menschheit profitieren"

INTERVIEWGarri Kasparow über KI  

"Von neuen Technologien profitiert die gesamte Menschheit"

Von Ali Vahid Roodsari

13.10.2018, 13:16 Uhr
Garri Kasparow im Interview: "Von KI kann die gesamte Menschheit profitieren". Garri Kasparow auf der re:publica 2017: Der Ex-Schachweltmeister findet, dass Menschen keine Angst vor KI haben sollten. (Quelle: imago images/Mauersberger)

Garri Kasparow auf der re:publica 2017: Der Ex-Schachweltmeister findet, dass Menschen keine Angst vor KI haben sollten. (Quelle: Mauersberger/imago images)

Viele Menschen fürchten sich vor künstlicher Intelligenz. Im Interview erklärt Schachlegende Garri Kasparow, warum die Angst unbegründet ist und wie der technologische Fortschritt der gesamten Menschheit helfen kann.

Wir sind bereits umgeben von künstlicher Intelligenz (KI): Sie steckt in unseren Computern, unseren Autos, unseren Smartphones – ja manchmal sogar in Haushaltsgeräten. Während manche Experten Vorteile von KI preisen, misstrauen Umfragen zufolge viele Deutsche der Technologie. Manche Menschen fürchten, durch die Technologie ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Unternehmer Elon Musk bezeichnete KI sogar als das "größte Risiko für unsere Zivilisation".

Positiver sieht das Ganze Garri Kasparow. Der Ex-sowjetische, beziehungsweise russische Schachweltmeister weiß, wie es ist, von einer KI übertroffen zu werden: Kasparow verlor 1997 einen Schachwettkampf gegen den IBM-Computer "Deep Blue". Damit war er der erste Schachweltmeister, den eine Maschine bezwang.

Kasparow engagiert sich seit einigen Jahren als politischer Aktivist und ist Kritiker von Russlands Präsident Putin. Zudem ist er "Security Ambassador" beim Antivirenhersteller AVAST. Im Interview mit t-online.de spricht Kasparow über künstliche Intelligenz, warum die Technologie nicht das Ende der Welt bedeutet und wie Menschen und Maschinen kooperieren können.

Herr Kasparow, würden Sie sich als Freund oder Feind von KI bezeichnen?

Garri Kasparow: Weder noch: Ich sehe sie als Werkzeug. So wie jede Technologie ist sie eine Medaille mit zwei Seiten. Atomtechnologie lässt sich beispielsweise für Atomkraftwerke verwenden – oder auch für Atombomben. KI können wir für großartige Sachen nutzen. Aber mit der Technologie lässt sich auch Schaden anrichten.

Viele Menschen fürchten, dass sie ihren Arbeitsplatz durch KI verlieren. Experten warnen, dass Millionen Jobs obsolet werden.

Schon im 20. Jahrhundert sind wegen der Industrialisierung Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen. Hat sich die Welt aufgehört zu drehen? Nein! Ja, Jobs werden verschwinden. Aber gleichzeitig wird KI neue Möglichkeiten kreieren. Das ist die Natur jeder Technologie. Der erste Teil des Zyklus' besteht darin, derzeitige Industrien zu vernichten – und dann neue Industrien zu erschaffen

Aber was wird aus Menschen, die ihre Arbeit an KI verloren haben?

Natürlich müssen wir an die Leute denken, die zurückgelassen werden. Aber die Menschheit gewinnt immer durch neue Technologien. Wissen Sie, ich verstehe den Schmerz: Ich war einer der ersten Wissensarbeiter, der von einer Maschine herausgefordert und besiegt wurde. Aber die Entwicklung ist nicht mehr zu stoppen. Also sollten wir aufhören, rumzuheulen und uns stattdessen auf die neuen Möglichkeiten konzentrieren.

Was meinen Sie damit?

Wir müssen einsehen, dass Maschinen immer größere Bereiche übernehmen werden. Aber leistungsfähigere Maschinen werden neue Möglichkeiten eröffnen, damit Menschen weniger Input leisten müssen, aber effektiver sind. Maschinen werden niemals 100 Prozent der Arbeit übernehmen. Es wird immer einen Platz für menschlichen Input geben. Und wenn wir schon über Jobs reden, die verloren gehen: Wir reden hier auch von sogenannten "White Collar Jobs", also anspruchsvollere Aufgaben wie in der Medizin – beispielsweise in der Radiologie.

Macht das einen Unterschied?

Wissen Sie, sobald wir das Thema aus dem Blickwinkel der Menschheit betrachten, sieht es anders aus: KI wird solche Prozedere vereinfachen. Durch sie werden Kosten gesenkt – damit stehen sie mehr Menschen zur Verfügung, da nicht mehr unbedingt teure Spezialisten gebraucht werden. Dadurch gehen beispielsweise in den USA ein paar Tausend Arbeitsplätze verloren. Aber da es billiger ist und mehr Leute nutzen können, kann man hunderttausende Leben in beispielsweise Indien oder Afrika retten.

KI kann der Menschheit also helfen?

Genau. Wir sollten anfangen, auf viele Dinge als gesamte Menschheit zu schauen. Wenn mutige Entdecker den Pazifik überquerten, waren sie vielen Herausforderungen ausgesetzt. Und die Wahrscheinlichkeit zu überleben, war sehr gering. Aber die Menschheit profitierte davon. Viele starben in den tiefen Meeren. Aber wir wussten, dass Menschen die Welt erforschen können. Dabei wurden auch neue Technologien erfunden. Das war Vorteilhaft für die gesamte Menschheit.

Nicht jeder sieht das so positiv: Wenn wir heute von KI reden, sind ja hauptsächlich Algorithmen gemeint. Aber manche Menschen warnen vor einer echten KI, die Schaden anrichten könnte. Was ist wenn es so eine KI mal wirklich gibt?

Ich sehe nicht, dass es passiert. Punkt! Bis jetzt ist es Science-Fiction. Geschichten über eine "Artifical general intelligence" sind Sci-Fi. Wir sind in einer frühen Phase von etwas, was man KI nennen könnte. Alles, was man jetzt KI nennt, hat nichts damit zu tun. Diese Programme nutzen unsere Daten und optimieren unsere Routinen, Leben und unsere Geschäfte. Wir gehen erst noch durch eine Transformationsphase. Transformation bedeutet, dass Sie es mit Maschinen zu tun haben, die ihre eigenen Daten generieren – so wie Alpha Zero von Google. Aber das ist erst der Anfang. Jeder der erzählt, dass er KI nutzt, meint sogenannte "Type A"-Maschinen. Die verwenden Brute-Force-Methoden in Kombination mit verbesserten Algorithmen.

Eine menschliche und künstliche Hand berühren sich (Symbolbild): Laut Schachlegende Garri Kasparow kann die Technologie viel Gutes bewirken. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images/joruba)Eine menschliche und künstliche Hand berühren sich (Symbolbild): Laut Schachlegende Garri Kasparow kann die Technologie viel Gutes bewirken. (Quelle: joruba/Thinkstock by Getty-Images)

Dennoch sorgte KI-Entwicklung für viel Aufruhr: Erst schlug ein Computer 1997 Sie in Schach. 2016 gewann eine KI gegen den Go-Champion Lee Sedol. 2017 siegte eine KI gegen Profigamer im Videospiel Dota. Das schreckt Leute auf.

Das wird zwar als großer Durchbruch verkauft – ist es aber nicht wirklich. Die Maschinen agieren hier in geschlossenen Systemen. Solange sie das tun, dominieren Computer. Denn sie berechnen Wahrscheinlichkeiten und machen so weniger Fehler. Menschen passieren dagegen manchmal Schnitzer.

Wobei sind Menschen noch besser als Maschinen?

Wir haben unsere Kreativität und unsere Flexibilität. Bei so etwas zitiere ich gerne Joseph Weizenbaum: Die Maschine entscheidet – und der Mensch wählt.

Was ist der Unterschied?

Entscheiden heißt Berechnen. Wenn wir über das "Entscheiden" sprechen, können wir quasi bis auf die Wurzel dieses Baumes gehen und sehen, was am Anfang gesagt wurde – warum diese Entscheidung getroffen wurde. Wählen kann aber psychologisch begründet sein, weil wir uns dabei gegen Wahrscheinlichkeiten entscheiden.

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Was heißt das?

In einem offenen System können wir Menschen erkennen, welche Informationen relevant sind und welche nicht. Picasso sagte dazu: Maschinen sind nutzlos, weil sie dir nur Antworten geben. Menschen dagegen können Fragen stellen.

Was meinen Sie denn, woher die Angst vieler Menschen vor KI kommt?

Ich glaube, Menschen haben durch die vielen Hollywood-Produktionen eine Gehirnwäsche erfahren: wie beispielsweise durch die Bilder aus "Terminator" oder "Matrix". Außerdem wird die Debatte derzeit oft von Leuten angeführt, die Weltuntergangsszenarien vertreten.

War es früher denn anders als heute?

Wenn man Sci-Fi-Literatur aus den 50er und 60er liest, dann zeigt diese eher utopische Bilder: Meistens geht es darum, wie Menschen und Computer zusammenarbeiten. Natürlich gab es negativere Geschichten wie "Fahrenheit 51". Aber da ging es nicht um böse Maschinen, sondern um böse Menschen, die die Maschinen für ihre Zwecke nutzten.

Was hat sich geändert?

Ich glaube, so vor 40 oder 45 Jahren gab es ein Umdenken: Wir sehen einen Ruck von einer utopischen zu einer dystopischen Zukunft mit Maschinen. Ich denke, die entwickelte Welt verlor ihre Leidenschaft, Risiken einzugehen – und die Menschen hatten Angst vor Veränderungen. Und Maschinen stehen für dramatische Veränderungen.

Und auch für Gefahr, wie Sie zu Beginn des Gesprächs angedeutet haben.

Die echte Gefahr kommt von menschlicher Bosheit. Bosheit ist eine Eigenschaft, die allein den Menschen zuzuschreiben ist. Also statt sich um "Terminator", "Matrix" oder jeder Art von Killer-Robotern zu sorgen, würde ich mich eher darüber Gedanken machen, dass Gangster, Terroristen oder Diktatoren die neuen Technologien in die Finger bekommen könnten.

Um beispielsweise damit leichter Menschen zu überwachen?

Genau. Über solche Sachen sollten wir uns sorgen. Mich nervt es, wenn Leute sich auf Dinge konzentrieren, die in die Welt der Science-Fiction gehören. Dabei ignorieren sie, dass wir viele Herausforderungen in der modernen Welt haben. Sehen Sie sich um: Da sind neue Technologien in den Händen von Diktatoren und Terroristen. Dabei gibt keine Barrieren, keine Grenzen, keine Rechtsstaatlichkeit, um sie zu überprüfen.

Eine schachbezogene Frage noch: Wie sollte man besser Schach trainieren? Mithilfe menschlicher Spieler oder einem Computer?

Manche verbringen ihr ganzes Leben damit, besser im Schach zu werden. Mit dem Internet hat man heutzutage auch viel mehr Optionen. Man kann gegen Menschen spielen und das Ganze danach mit einem Computer analysieren. Wir sollten Maschinen als eine Möglichkeit sehen, unser Wissen zu erweitern. Wenn ich mir die Empfehlungen von Computern bei Schach anschaue, kann sogar ich etwas von ihnen lernen.

Herr Kasparow, vielen Dank für das Gespräch.

Hinweis: Das Interview mit Garri Kasparow wurde im neu eröffneten Büro des Antivirenherstellers AVAST in Brno geführt. AVAST hatte t-online.de zur Eröffnung eingeladen. Die Reise- und Hotelkosten übernahm die einladende Firma.

Verwendete Quellen:

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