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Mobilitätsdaten zeigen: Die Wirkung des Teil-Lockdowns bleibt schwach

Mobilitätsdaten zeigen  

Die Wirkung des Teil-Lockdowns bleibt schwach

22.11.2020, 14:58 Uhr
Mobilitätsdaten zeigen: Die Wirkung des Teil-Lockdowns bleibt schwach . S-Bahn-Passagiere in Berlin: Zuhause bleiben ist für viele Arbeitnehmer immer noch keine Option. (Quelle: imago images/Stefan Zeitz)

S-Bahn-Passagiere in Berlin: Zuhause bleiben ist für viele Arbeitnehmer immer noch keine Option. (Quelle: Stefan Zeitz/imago images)

Kino, Restaurantbesuche, Freizeitsport, Konzerte: Die Deutschen müssen derzeit auf vieles verzichten, was Spaß macht. Durch den "Wellenbrecher-Lockdown" sollen die Kontakte reduziert werden. Doch bleiben die Deutschen jetzt wirklich mehr Zuhause?

Gleich zweimal hintereinander wandte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrem Podcast mit denselben eindringlichen Worten an die Bevölkerung. "Ich bitte Sie: Verzichten Sie auf jede Reise, die nicht wirklich zwingend notwendig ist, auf jede Feier, die nicht wirklich zwingend notwendig ist", sagte die Kanzlerin im Oktober. "Bitte bleiben Sie, wenn immer möglich, zu Hause, an Ihrem Wohnort." 

Eine Woche später war die Zeit des Bittens schon vorbei – aus den Empfehlungen wurden Vorschriften. Seit dem 2. November befindet sich ganz Deutschland im "Lockdown light". Das bedeutet: Schulen, Kitas und Geschäfte bleiben offen. Freizeiteinrichtungen müssen großteils schließen. 

Eigenverantwortung versus Verbote

Die Pandemie zwingt die Menschen, ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken und auf Sozialkontakte zu verzichten. Kontaktbeschränkungen sind das wirkungsvollste Mittel im Kampf gegen das neuartige Virus – zumindest bis es einen Impfstoff gibt.

Doch waren staatliche Verbote dazu nötig? Kritiker der Maßnahmen würden lieber auf freiwilligen Verzicht und Eigenverantwortung setzen. Der Blick in die Mobilitätsdaten von Google und Apple zeigt jedoch: In den Wochen vor dem offiziellen "Shutdown" im November fiel es den Bundesbürgern sichtlich schwerer, zu Hause auszuharren, als zu Beginn der Pandemie. 

Woher kommen die Daten?
Die in diesem Artikel dargestellten Daten basieren auf den Mobilitätsberichten von Google und Apple. Die beiden Hersteller der mobilen Betriebssysteme Android und iOS werten dazu die Standort- und Bewegungsdaten ihrer Nutzer aus und stellen sie aggregiert und anonymisiert zur Verfügung (Links in den Quellenangaben). Aus den Google-Daten lässt sich insbesondere ablesen, an welchen Wochentagen bestimmte Orte hochfrequentiert sind. Apple hingegen analysiert vor allem, wie sich die Menschen fortbewegen: Zu Fuß, mit dem Auto oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Daten reichen bis Mitte November und stellen einen Bundesdurchschnitt dar. 

Weniger Bewegung im ersten Lockdown

Im Vergleich zur ersten Phase der Epidemie im Frühjahr verbrachten die deutschen Android-Nutzer weniger Zeit in den Wohngebieten, wie sich aus den Google-Daten ablesen lässt. Im März blieben die Menschen sogar schon vor der offiziellen Ankündigung des "Lockdowns" am 22. März freiwillig zu Hause. Dies könnte sowohl mit der großen Verunsicherung zur damaligen Zeit, aber auch mit der zuvor beschlossenen Schulschließung zu tun haben.

Auch kurz vor dem November-Shutdown steigt die Bereitschaft, zu Hause zu bleiben wieder leicht an, jedoch nicht so signifikant wie im März. Spätestens mit dem Beginn des "Lockdown Light" am 2. November pendelt sich die Kurve auf einem höheren Niveau sein. 

Erläuterung: Die Werte geben an, inwiefern sich die Besucherzahl und Aufenthaltsdauer an bestimmten Orten, z.B. in Geschäften und Einrichtungen während der Coronavirus-Pandemie verändert hat. Als Referenzlinie (Nulllinie) dient ein Vergleichswert aus der Zeit vor der Pandemie. Deutlich sichtbar sind die periodischen Ausschläge während einer "normalen" Woche. 

Google nutzt die Standortdaten normalerweise, um zum Beispiel in Google Maps die Stoßzeiten für bestimmte Lokalitäten nach Wochentagen und Tageszeiten anzuzeigen. Wie Sie verhindern, dass Ihre Standortdaten in solche Auswertungen einfließen, erfahren Sie hier.  

Vermutlich haben Maskenpflicht und Abstandsregeln sowie neue Erkenntnisse über die Verbreitung des Coronavirus dazu beigetragen, dass sich die Deutschen inzwischen auch außerhalb ihres Wohnbereichs sicher genug fühlen, um beispielsweise shoppen zu gehen. Meinungsforscher stellen jedoch auch eine gewisse "Corona-Müdigkeit" in der Bevölkerung fest. Auch die weitgehende Erholung der Wirtschaft dürfte dazu beitragen, dass wieder mehr Verkehr herrscht. Hinzu kommen die anstehenden Feiertage – das Weihnachtsgeschäft läuft an und macht sich in vollen Fußgängerzonen und Shopping-Malls bemerkbar. 

Weniger Homeoffice, mehr Fußgänger

Arbeitsplätze sind zwar immer noch weniger stark frequentiert als vor der Pandemie, aber die Tiefstwerte vom März, April und Mai werden nicht mehr erreicht. Viele Arbeitgeber haben ihre Mitarbeiter offenbar aus dem Homeoffice zurückgeholt und zögern noch, sie wieder nach Hause zu schicken.

Die Auslastung der Bahnhöfe und öffentlichen Verkehrsmittel geht dennoch zurück. Das deutet darauf hin, dass die Arbeitnehmer zwar wieder ins Büro gehen, dabei aber auf die öffentlichen Verkehrsmittel verzichten. Viele Pendler sind wohl aufs Auto oder Fahrrad umgestiegen oder gehen zu Fuß.

Laut den Apple-Bewegungsdaten war die deutsche Bevölkerung in den Sommermonaten noch deutlich mobiler als zu Beginn der Pandemie. Seit Anfang Oktober aber – seitdem die Neuinfektionen in Deutschland exponentiell zunehmen – werden immer weniger Fahrten unternommen. Aktuell liegt die Mobilität leicht unter dem Durchschnitt. Dazu muss gesagt werden, dass iPhone-Nutzer tendenziell eher zu den Besserverdienern gehören und in Jobs arbeiten, die Heimarbeit ermöglichen. Diese Daten sind also nicht unbedingt repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. 

Shoppinglust und Freizeitfrust

Von Alltagserledigungen lässt sich nach einem kurzen Einbruch im Frühjahr kaum noch jemand abhalten. Bei den Freizeitaktivitäten hingegen haben sich die Deutschen zuletzt wieder eingeschränkt – allerdings bei Weitem nicht so stark wie kurz vor den Kontaktbeschränkungen im März. Erst mit der Zwangsschließung von Bars, Restaurants und Kulturstätten ist ein deutlicher Rückgang der Besucherzahlen zu sehen.  

Insgesamt lässt sich bei den Besucherzahlen in Freizeiteinrichtungen (Restaurants, Cafés, Einkaufszentren, Freizeitparks, Museen, Bibliotheken und Kinos) für Gesamtdeutschland seit Beginn der Pandemie ein Minus von 19 Prozent feststellen. Bahnhöfe sind um 24 Prozent weniger frequentiert, Arbeitsorte um 20 Prozent. Dafür haben Parkbesuche deutlich zugenommen (+66 %).

Stärkerer Rückgang in den Hotspots

Der hier dargestellte Bundesdurchschnitt in den Mobilitätsdaten verschleiert die zum Teil erheblichen Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen. Zwischen September und Oktober hatte sich die Lage in vielen Teilen Deutschlands bereits so weit zugespitzt, dass lokale Einschränkungen eingeführt wurden. Mitte Oktober folgte unter anderem das umstrittene Beherbergungsverbot. 

Die unterschiedlichen Reaktionen auf das Infektionsgeschehen vor Ort spiegeln sich auch im Mobilitätsverhalten wider, wie eine Sonderauswertung des Statistischen Bundesamts von Ende Oktober zeigt. Demnach verzeichneten die "Corona-Hotspots" – also Landkreise, die zwischen Mitte September und Mitte Oktober die Obergrenze von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in sieben Tagen (7-Tage-Inzidenz) überschritten hatten – einen deutlich stärkeren Rückgang im Reise- und Pendlerverkehr als weniger stark betroffene Regionen.

Doch zeigen die Maßnahmen auch eine Wirkung auf die Pandemie-Entwicklung? Erste Auswertungen, zum Beispiel aus Berchtesgaden, wo am 20. Oktober der bundesweit erste "regionale Lockdown" verhängt wurde, machen Hoffnung. Auch die Kurve der täglichen Infektionszahlen im Wochenmittel weist Anfang November erstmals seit dem 4./5. Oktober wieder einen Knick auf und flacht ab. 

Größere Anstrengungen sind nötig

Im Vergleich zu der "harten Bremse" vom März fehlt aber noch ein ganzes Stück. Damals ist es gelungen, den sogenannten R-Wert innerhalb von wenigen Tagen auf deutlich unter 1 zu drücken und die Zahl der aktiven Fälle kontinuierlich zu senken.

Zur Erinnerung: Die Reproduktionszahl R gibt an, wie viele weitere Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Bei R > 1 steigt die Zahl der Neuinfektionen exponentiell an. Das Robert Koch-Institut (RKI) schätzt, dass der R-Wert derzeit etwa bei 1 liegt. Ende Oktober lag er noch zwischen 1,31 und 1,41.

Die schlechte Nachricht ist: Von einer nachhaltigen Trendwende kann noch keine Rede sein, vielmehr scheinen die Zahlen auf bedrohlich hohem Niveau zu stagnieren. Die Intensivstationen werden wohl bald an ihre Kapazitätsgrenze stoßen.

Hinzu kommen die erschwerenden Bedingungen im Herbst und Winter – in schlecht belüfteten Innenräumen ist die Ansteckungsgefahr um ein Vielfaches größer als im Freien. Es kann also gut sein, dass im Vergleich zum Frühjahr noch größere Anstrengungen unternommen werden müssen, um die Lage in den Griff zu bekommen. Lediglich durch die Einhaltung der AHA-L-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, plus Lüften) lässt sich ein Stück Freiheit erkaufen. Am kommenden Mittwoch wollen die Ministerpräsidenten und die Bundesregierung über mögliche weitere Maßnahmen beraten. 

Erst wenn es gelingt, das Virus so weit zurückzudrängen, dass Ausbrüche wieder kontrollierbar werden, sind Lockerungen denkbar. Experten schätzen, dass es bei einem dauerhaften R-Wert von 0,7 und einer niedrigen Inzidenz möglich wäre, weitgehend zu einem Leben in Normalität zurückzukehren. Diese Aussicht könnte ein Ansporn sein. 

Verwendete Quellen:

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