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Clubhouse: Die neue Audio-App ist elitär und undemokratisch

MEINUNGNeue Audio-App  

Clubhouse ist elitär und undemokratisch

Eine Kolumne von Nicole Diekmann

27.01.2021, 17:32 Uhr
Clubhouse: Die neue Audio-App ist elitär und undemokratisch. Bodo Ramelow und Angela Merkel: Bei Clubhouse plaudern Politiker hinter verschlossenen Türen (Quelle: imago images/Karina Hessland/Political Moments)

Bodo Ramelow und Angela Merkel: Bei Clubhouse plaudern Politiker hinter verschlossenen Türen (Quelle: Karina Hessland/Political Moments/imago images)

Es wird viel geschrieben um die neue App namens "Clubhouse". Was über dem Skandälchen um Bodo Ramelow kaum zur Sprache kommt: das undemokratische Prinzip dahinter.

"Guten Abend, danke für die Einladung. Ich heiße Nicole Diekmann, ich arbeite als Korrespondentin beim ZDF…" – "Lügenpresse, Lügenpresse!" – "Entschuldigung, bevor Sie so was behaupten, belegen Sie doch bitte solche Unterstellungen. Und ich würde gerne ausreden. Also, ich arbeite beim ZDF ..." – "Ja klar, du GEZ-Hure! Ihr vom Staatsfernsehen hängt hier rum, statt zu arbeiten! Von meinem Geld!"

So stelle ich mir Clubhouse vor. Zumindest, wenn es offen wäre für alle. Denn solche freundlichen Zuschriften bekomme ich quasi täglich, melde ich mich bei Twitter, Facebook oder auch Instagram zu Wort. Da können alle mitmachen, und die Folge ist: Da gehört Hassrede zur Tagesordnung.

In sozialen Netzwerken gehört Hassrede zur Tagesordnung

Aber Clubhouse ist anders. Neben dem größten augenscheinlichen Unterschied, dass dort das gesprochene und nicht das geschriebene Wort gilt, denn es ist ja eine Audio-App, ist der Kreis dort nämlich erlesen. Erstens aus technischen Gründen: Momentan läuft die App nur auf iPhones. Aber auch aus sozialen: Ins Klubhaus gelangt man per Einladung. Und unter dem eigenen, und zwar dem echten Namen, unter dem man sich registrieren muss, steht, von wem man eingeladen wurde. Benimmt man sich daneben, kann man rausfliegen, und der Person, auf deren Geheiß man mitmachen durfte, droht dasselbe.

Die Fernsehjournalistin Nicole Diekmann kennt man als seriöse Politik-Berichterstatterin. Ganz anders, nämlich schlagfertig und lustig, erlebt man sie auf Twitter – wo sie bereits Zehntausende Fans hat. In ihrer Kolumne auf t-online filetiert sie politische und gesellschaftliche Aufreger rund ums Internet.

Das ist eine direkte Reaktion auf das Gift und die Gülle, die auf den anderen, oder, präziser: allen anderen Social-Media-Plattformen nonstop ausgekippt werden, und die dadurch unsere Demokratie, die auf gegenseitigem Respekt und Anstand basiert, gefährden. Twitter, Facebook, YouTube stinken nach dem Rassismus, Antisemitismus und den anderen gefährlichen Phänomenen dort, derer sie allen Beteuerungen zum Trotz nicht Herr werden.

Bei Clubhouse will man das nicht – und schottet sich ab

Also hat man sich bei Clubhouse gedacht, man macht es anders und hält den Laden sauber, indem man die Mitglieder gleichzeitig zu Türsteherinnen und Türstehern macht. Rein kommt nur, wer sich benehmen kann.

Ich muss zugeben: Das hat seinen Reiz. Der Mob. Die Gereiztheit. Die Algorithmen, die Zuspitzungen geradezu erzwingen und differenzierte Debatten gar nicht erst einpreisen. Die Blasen, die inzwischen oft verhärtete Fronten sind. All das nervt. All das ist bis jetzt anders bei Clubhouse.

Aber: Ist das wirklich das, was wir wollen? Uns abschotten? Abgesehen davon, dass wir uns so wieder eine kleine, wenn auch wirklich anständige Blase basteln – schauen wir uns doch mal an, wer da unterwegs ist.

Viele Politikerinnen und Politiker, viele Medienschaffende. Nicht nur die Hinterbänkler, sondern auch die erste Garde. Kanzleramtschef Helge Braun ist dabei, Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und auch Springer-Chef Mathias Döpfner, den die Welt bis dato noch auf keiner sozialen Plattform angetroffen hat. Ihn dürfte die erlesene und interessante Riege gelockt haben, und sicherlich auch, dass er sich nicht von Nutzern mit Namen wie "Widerstand1000" oder "Penispropeller" beschimpfen lassen muss.

Das ist mehr als verständlich. Und es ist nicht gut.

Ein gemeinsamer Club, in dem Medienschaffende und Politikerinnen und Politiker viel Zeit miteinander verbringen, also Menschen, deren Aufgabe es vielfach eigentlich ist, für die öffentliche Allgemeinheit da zu sein? Und deren Distanz zueinander ein wichtiges Element funktionierender Demokratien darstellt? Und das bei geschlossener Tür?

Bodo Ramelow nannte die Kanzlerin dort "Merkelchen"

Dass Bodo Ramelow sich dort vor Publikum dermaßen in Plauderei verlor, dass er Angela Merkel, immerhin noch Bundeskanzlerin, "Merkelchen" nannte und ausplauderte, dass er in den Bund-Länder-Treffen zur Corona-Krise "Candy Crush" spielt, ist bestimmt zu einem Teil der Persönlichkeit Ramelows geschuldet. Zu einem anderen aber wohl auch der Tatsache, dass eine dermaßen kuschelig-kumpelige Atmosphäre entstand, dass Thüringens Ministerpräsident dachte, hier könne er so was mal raushauen.

Ei, ei, ei.

Sowohl im Journalismus als auch in der Politik sind Menschen seit Jahren Anfeindungen ausgesetzt wie lange nicht. Die sozialen Medien spielen dabei eine zentrale Rolle. Paradoxerweise drohen beide Berufsgruppen gerade auf einer Plattform, die als Gegenbewegung dazu entstanden ist, das Klischee zu bedienen: abgehoben zu sein und gemeinsame Sache zu machen. 

Ein weiterer schwieriger Punkt, den alle sozialen Plattformen und Messengerdienste gemein haben: das Problem mit dem Datenschutz. Wer die eigenen Leute einladen will zu Clubhouse, muss dafür erst mal seine Kontakte freigeben. Die Unions-Fraktion im Bundestag zieht bereits erste Konsequenzen: Die App soll von den Handys der Fraktionsmitglieder gelöscht werden. Wer sie schon hat, solle sie besser wieder entfernen, heißt es.

Ausgerechnet die Staatsministerin für Digitalisierung scheinen beide Themen – Ausschluss der Öffentlichkeit und mögliche Datenlecks – nicht anzufechten: Die CSU-Politikerin Dorothee Bär kündigte am Dienstag auf Twitter ein Panel bei Clubhouse zum Thema "Digitalstrategie der Bundesregierung" an. Kritische Nachfragen wischte Bär später, ebenfalls auf Twitter, weg: Es gäbe ja vorher eine Pressekonferenz zum Thema – und fügte süffisant hinzu: "Live. In Farbe. Und bunt. Danach um 12 Uhr erst auf Clubhouse. Also totaler Wettbewerbsnachteil für die, die auf Exklusivität setzen ... ;-)"

Zu einem entscheidenden Unterschied schrieb Bär allerdings nichts: Pressekonferenzen dienen dem Zweck, dass Journalistinnen und Journalisten dort kritisch nachfragen und die Antworten darauf in ihrer Berichterstattung verwenden können. Clubhouse hingegen beruht auf dem Prinzip, dass von den dort besprochenen Inhalten nichts nach außen dringen darf.

Auch eine Antwort auf die Nachfrage, ob sie es denn wirklich überhaupt nicht diskussionswürdig finde, wenn Strategien der Bundesregierung auf einer aktuell geschlossenen Plattform diskutiert würden, blieb Bär zunächst schuldig. Vielleicht weiß sie selbst, dass die Sache problematischer ist, als sie glauben machen will.

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