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Corona-Impfungen: Wie die Suche nach freien Terminen erschwert wird

"Das ist ja wie im Mittelalter"  

Wie die Suche nach freien Impfterminen künstlich erschwert wird

12.03.2021, 11:05 Uhr
Corona-Impfungen: Wie die Suche nach freien Terminen erschwert wird. Auf dem Weg zum Impfzentrum: Der Impfterminmonitor hat tausenden Impfwilligen geholfen, einen Termin zu finden. Jetzt musste er abgeschaltet werden.  (Quelle: t-online/Ralph Peters)

Auf dem Weg zum Impfzentrum: Der Impfterminmonitor hat Tausenden Impfwilligen geholfen, einen Termin zu finden. Jetzt musste er abgeschaltet werden. (Quelle: Ralph Peters/t-online)

Warum einfach, wenn's auch kompliziert geht? Webseiten wie der impfterminmonitor.de haben Tausenden Impfwilligen geholfen, bürokratische Hürden zu überwinden. Sogar Impfzentren haben davon profitiert. Jetzt stehen die Angebote vor dem Aus – weil Transparenz offensichtlich nicht gewollt ist.

Wer wie wo und wann geimpft wird, ist Sache der Bundesländer – und die gehen bei der Terminvergabe sehr unterschiedlich vor. Eine zentrale Plattform, bei der sich alle Impfwilligen vorab registrieren können, gibt es nicht. Immerhin: In sechs von 16 Ländern können Bürger auf den Online-Impfterminservice der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zurückgreifen.

Doch die Suche nach einem freien Termin erfordert auch hier viel Geduld und Ausdauer. Die Impfzentren lassen sich nur einzeln anwählen. Anschließend müssen sich Nutzer durch einen mehrstufigen Prüfungsprozess klicken, in dem sie zum Teil ihr Alter oder ihre Kontaktdaten angeben sollen.

Probieren Sie es doch morgen noch mal!

Am Ende der Eingabe stellt sich oft heraus: In dem ausgewählten Impfzentrum stehen gar keine freien Termine zur Verfügung. "Bitte probieren Sie es später erneut", heißt es dann. Eine Möglichkeit, seine Daten abzuspeichern und sich automatisch benachrichtigen zu lassen, sobald wieder Kapazitäten frei sind, gibt es nicht.

"Das ist ja wie im Mittelalter hier", dachte sich Michael Günther aus Bietigheim-Bissingen bei Stuttgart – und programmierte kurzerhand seine eigene Plattform, die die Daten der KBV-Seite automatisch ausliest und alle verfügbaren Termine in den Impfzentren übersichtlich auflistet. Eine Woche lang war das Angebot covidimpftermine.de online und verhalf zuerst Günthers Eltern und Bekannten, dann immer mehr Menschen zu einem Impftermin.

Doch damit ist jetzt Schluss. Die KV Digital hat ihre Systeme angepasst und den automatisierten Datenabfragen einen Riegel vorgeschoben. Nicht nur Günthers Hobby-Projekt covidimpftermine.de ist seither unbenutzbar, weil die Daten veraltet sind. Auch der weitaus bekanntere impfterminmonitor.de des freien Entwicklers Joshua Jung aus Illertissen liegt nun brach. Hier konnten Nutzer bis vor Kurzem auf einen Blick sehen, welche Impfzentren in ihrer Region noch Termine zu vergeben hatten und welche Vakzine dort verabreicht werden. Zur Buchung wurde der Nutzer auf die offizielle KBV-Seite weitergeleitet.

Offensichtlich traf das einen Nerv bei vielen Nutzern: Allein der Impfterminmonitor hatte nach nur einem Monat im Betrieb zuletzt 100.000 Besucher am Tag. Einige davon bedankten sich beim Entwickler Joshua Jung mit einer Spende. Jetzt weist ein Banner darauf hin, dass die Seite vorübergehend außer Betrieb ist. Es sei klar geworden, dass eine automatisierte Datenabfrage nicht erwünscht sei und vom Betreiber des Impfterminservices aktiv verhindert werde.

Die KV Digital wiederum bestreitet, einzelne Onlineangebote gezielt zu blockieren und begründet die Sperre auf Nachfrage von t-online mit Spamschutz-Maßnahmen. Die automatisierten Aufrufe von Seiten wie dem Impfterminmonitor seien "nicht von schädlichen Aufrufen unseriöser Programmierer zu unterscheiden, sodass wir den Zugriff unterbinden mussten", teilte eine Sprecherin mit.

Enttäuschung im Impfzentrum bei Freiburg

Impfterminmonitor-Erfinder Jung zeigt dafür sogar Verständnis. Schließlich können zu viele wiederholte Anfragen in kurzer Zeit eine Seite überlasten. "Seiten mit einem Traffic, wie sie der impfterminservice.de wohl hat, zu betreiben, ist nicht einfach, und jede Maßnahme, die seine Stabilität sichert, ist erst einmal total legitim", sagt er.

Natürlich sei es schade um das Projekt, das er in seiner Freizeit umgesetzt habe und für sinnvoll gehalten habe. Er hege aber "keinen Groll" gegen die KV. "Undokumentierte offene Schnittstellen wie jene, die ich genutzt habe, können und dürfen sich jederzeit ändern. Das war ein Risiko, das ich bewusst eingegangen bin", gesteht Jung.

Für den ehemaligen Freiburger Stadtrat Sebastian Müller überwiegt unterdessen die Enttäuschung. Müller arbeitet im Impfzentrum und erlebt täglich, wie impfbereite und -berechtigte Menschen an der Bürokratie bei der Terminvergabe scheitern und zum Teil am Eingang abgewiesen werden müssen. "Wir sollten aufhören, den Leuten, die sich gerne impfen lassen wollen, Steine in den Weg zu legen", so die Auffassung des ausgebildeten Rettungsassistenten.

Bundesländer wollen keine Transparenz

Eine Terminübersicht wie die von Jung wäre ein guter Anfang gewesen. Müller hatte sogar schon Flyer entworfen und gedruckt, um in seinem Umfeld für den Impfterminmonitor zu werben. Die kann er jetzt wegwerfen. "So werden gute digitale Projekte der Zivilgesellschaft in der Pandemie blockiert oder kaputt gemacht", macht er seinem Ärger auf Twitter Luft, als er erfährt, dass die Seite ihren Betrieb einstellen musste.


Gleichzeitig macht der Berufsverband der Kassenärzte keine Anstalten, für Ersatz zu sorgen. Laut KV Digital werde das Impfterminservice-Portal zwar laufend weiterentwickelt, "um auf neue Anforderungen wie neue Impfstoffe oder Änderungen in der Impforganisation zu reagieren oder die Datensicherheit weiter zu optimieren". Eine Übersicht der offenen Termine ist aber offenbar weiterhin nicht geplant.

Über die wahren Gründe spricht man ungern öffentlich. Doch eigentlich ist es ein offenes Geheimnis: Die Bundesländer haben kein Interesse an einem gänzlich transparenten Terminportal – zu groß ist die Angst vor dem länderübergreifenden "Impftourismus".

Nachts ist die Chance auf einen freien Termin am höchsten

Müller sorgt sich eher, dass verfügbare Dosen trotz großer Nachfrage nicht schnell genug verabreicht werden können, weil Impfwillige nach vergeblicher Terminsuche frustriert das Handtuch werfen. "Die Leute sind durchaus mobil und wären auch bereit, in ein Impfzentrum zu fahren, das weiter weg liegt", bestätigt er – und sieht darin eher eine Chance für den Fortschritt der Impfkampagne als eine Gefahr.

Zwar sei es nachvollziehbar, dass es bei der Terminvergabe Anlaufschwierigkeiten gebe. "Man brauchte schnell ein funktionierendes System. Inzwischen ist es aber auch schon seit drei Monaten in Betrieb und man hätte es längst besser machen können", findet Müller. Stattdessen werde nun darüber nachgedacht, den impfbereiten Bürgern einen "Terminmanager" zur Seite zu stellen, der mitten in der Nacht darauf warten müsse, dass neue Termine ins System eingestellt werden. "Das ist doch lächerlich", meint Müller. "Ich hoffe, dass sich der Druck auf die Politik erhöht, hier für bessere Lösungen zu sorgen."

Open-Source-Community bietet ihre Hilfe an

Diese Lösung muss den Staat nicht einmal etwas kosten. "Mein Traumszenario wäre, dass der Impfterminservice die offiziellen Verfügbarkeitsdaten im Sinne von 'Open Data' für die Öffentlichkeit maschinenlesbar bereitstellt", sagt der Macher des Impfterminmonitors. "Dann hätten alle Entwickler die Möglichkeit, diese zu nutzen, um daraus hilfreiche Produkte wie den Impfterminmonitor zu bauen." Die Motivation in der Entwickler-Community sei "ungebrochen", so Jung.

Doch die Hilfe ist offenbar nicht erwünscht und fürs Erste ist Rückzug angesagt. Zwar gebe es Mittel und Wege, die Daten-Blockade der KV Digital technisch zu umgehen, räumen die Entwickler ein. Das sei jedoch aus rechtlicher Sicht bedenklich, sagt Jung. Und Günther meint, der Aufwand lohne sich jetzt nicht mehr. "Sobald die Hausärzte ab April impfen dürfen, nimmt das sowieso den Druck von den Impfzentren."

Es herrscht also das Prinzip Hoffnung: Wenn alles gut geht, stehen bald genug Termine und Impfdosen zur Verfügung, so dass Mangelverwaltung kein Problem mehr darstellt. So wird Abwarten auch zur Lösungsstrategie. 

Verwendete Quellen:

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