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Nebenwirkungen durch den Nocebo-Effekt?

dpa-tmn, Julia Felicitas Allmann

Aktualisiert am 14.01.2021Lesedauer: 4 Min.
Nach der Corona-Impfung: Nebenwirkungen durch Nocebo-Effekt?
Nach der Corona-Impfung: Nebenwirkungen durch Nocebo-Effekt? (Quelle: RTL)
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Sie enthalten keinen Wirkstoff und helfen dennoch: Die Wirkung von Placebos lĂ€sst sich wissenschaftlich erklĂ€ren und hat eine Menge mit Erwartungen zu tun. Das gilt auch fĂŒr den gegenteiligen Effekt.

Es kommt nicht nur darauf an, welche Medikamente Patienten erhalten – auch ihre Einstellung zu den Pillen, Salben oder SĂ€ften ist entscheidend. Denn der Kopf ist ebenso wichtig wie die Inhaltsstoffe einer Arznei.


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Der Glaube kann Heilungsprozesse in Gang setzen

Das zeigt sich an einem bekannten und einem weniger bekannten Effekt: Placebo und Nocebo. Placebos, teils Scheinmedikamente genannt, dĂŒrften fast jedem ein Begriff sein. "Als Placebo-Effekt bezeichnet man positive körperliche oder psychische VerĂ€nderungen nach der Einnahme von Medikamenten ohne jeglichen Wirkstoff", erklĂ€rt Ulrike Bingel, Professorin fĂŒr Klinische Neurowissenschaften am UniversitĂ€tsklinikum Essen.

Wie der Nocebo-Effekt Nebenwirkungen der Corona-Schutzimpfung verstÀrken kann, sehen Sie oben im Video oder hier.

"Er kann auch nach einer Scheinbehandlung wie zum Beispiel bei einer simulierten Operation oder einer Infusion mit einer einfachen Kochsalzlösung auftreten", fĂŒhrt die Expertin aus.

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Das habe mit Erwartungseffekten zu tun, die auf komplexen psycho-neurobiologischen VorgÀngen im Gehirn beruhen, so Bingel. Der Glaube an die Wirksamkeit der Therapie könne Mechanismen im Körper aktivieren, die den Erfolg verstÀrken.

Gehirn schĂŒttet schmerzlindernde Substanzen aus

Durch die positive Erwartung wĂŒrden Patienten auf "eine Art körpereigene Apotheke" zurĂŒckgreifen, deren Wirksamkeit sogar zu beobachten sei: "Mit bildgebenden Verfahren lĂ€sst sich zeigen, dass dabei bestimmte Areale im Gehirn aktiviert werden, zum Beispiel schmerzlindernde Systeme."

Geht ein Patient also davon aus, dass die Einnahme des Medikaments seine Schmerzen bessern wird, schĂŒttet sein Gehirn schmerzlindernde Substanzen aus. "Es handelt sich dabei um sogenannte körpereigene Opioide, die sogar die Weiterleitung des Schmerzreizes im RĂŒckenmark verĂ€ndern können", so Bingel. "Dadurch lassen die Schmerzen nach, obwohl beispielsweise ein Patient mit RĂŒckenschmerzen gar kein Opioid-Schmerzmittel eingenommen hat."

Vorerfahrungen sind wichtig

Hilfreich ist es, wenn Betroffene die Wirksamkeit eines Mittels schon mehrfach erlebt haben. "In diesem Fall ist es einfacher, die Reaktionsmuster im Körper durch die eigene Erwartung zu reproduzieren", sagt Winfried Rief, Professor fĂŒr Klinische Psychologie und Psychotherapie an der UniversitĂ€t Marburg, und erlĂ€utert: "Wenn ich weiß, dass Schmerzmedikamente bei Kopfschmerzen helfen und ich ein Placebo einnehme, das ich fĂŒr eine Kopfschmerztablette halte, ist ein positiver Effekt wahrscheinlich."

Habe man noch keine Erfahrungen mit dieser Art von Medikamenten gemacht, sei es schwieriger. Bei chronischen Krankheiten, in deren Verlauf Patienten das Vertrauen in die Behandlung verloren haben, stĂ¶ĂŸt der Placebo-Effekt ebenfalls an seine Grenzen – es sei denn, es wird neuer Optimismus geweckt.

Es geht beim Placebo-Effekt aber nicht nur um Medikamente, die komplett ohne Wirkstoff auskommen. "Bei fast allen Behandlungserfolgen in der heutigen Medizin handelt es sich um ein Zusammenspiel von direkten biochemischen Effekten und psychischen Effekten", sagt Rief. "Studien im Schmerzbereich zum Beispiel legen nahe, dass man von fast jedem Mittel die doppelte Dosis verabreichen mĂŒsste, wenn Placebo-Effekte wegfielen."

Der Nocebo-Effekt durch negative Erwartungen

Doch auch das Gegenteil ist möglich: Es kann ein sogenannter Nocebo-Effekt auftreten. "Davon gibt es zwei Arten", erklÀrt Rief. Zum einen könne man Nebenwirkungen entwickeln, die durch ein Medikament "biochemisch nicht zu erklÀren" seien. "Sie entstehen allein durch die negative Erwartungshaltung."

Zum anderen könne es passieren, dass eine positive Wirkung ausbleibe, obwohl ein wirksames Medikament verabreicht wurde, so Rief. In beiden FÀllen ist die Erwartung entscheidend. "Wenn ein Patient zum Beispiel durch die Nachbarin oder aus dem Internet erfahren hat, dass schwerwiegende Nebenwirkungen auftreten können, dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, tatsÀchlich Beschwerden zu entwickeln."

Angst vor Schmerzen hemmen Botenstoffe

Die Ursachen fĂŒr diesen Negativ-Effekt sind ebenfalls im Gehirn zu beobachten: "Wenn Menschen Schmerzen erwarten, aktivieren sich die Schmerzzentren im Gehirn", erklĂ€rt Rief. "EvolutionĂ€r gesehen war das ein Vorteil: Wenn man davon ausgeht, dass eine Gefahr droht, stellt sich der Körper schon vorab darauf ein."

Studien weisen darauf hin, dass im zentralen Nervensystem durch negative Erwartungen körperliche VerĂ€nderungen angestoßen werden können. "Angst vor Schmerzen kann zum Beispiel Opioide blockieren und den Botenstoff Dopamin hemmen", sagt Ulrike Bingel. "So wird die Schmerzleitung und -wahrnehmung verstĂ€rkt anstatt herunterreguliert."

Die wichtige Rolle der Mediziner

Ob Placebo- oder Nocebo-Effekt: In beiden Varianten ist die Kommunikation zwischen Medizinern und Patienten entscheidend. "Der behandelnde Arzt kann positive Erwartungen und die Zuversicht fördern. Das spielt bei der Wirksamkeit der Therapie eine große Rolle", sagt Winfried Rief.

"Falls Nebenwirkungen zu erwarten sind, kann man das entweder dramatisieren – oder man sagt: Üblicherweise spĂŒren Sie bei Einnahme des Medikaments morgens ein leichtes Ziehen im Kopf. Dann wissen Sie, dass das Mittel genau an der richtigen Stelle wirkt", beschreibt der Experte. Das beeinflusse den Handlungsverlauf positiv.

Auch Ulrike Bingel ist ĂŒberzeugt, dass die Kommunikation durch den Arzt eine zentrale Rolle einnimmt. "Ärzte können Patienten erklĂ€ren, dass zehn Prozent der Menschen Nebenwirkungen spĂŒren – oder sie weisen darauf hin, dass 90 Prozent der Patienten das Medikament sehr gut vertragen." Es sind die gleichen Fakten, nur anders prĂ€sentiert. "Es geht nicht darum, Informationen zu unterschlagen oder zu beschönigen", sagt Bingel. "Aber man kann sie als Arzt so vermitteln, dass Patienten sie angstfreier aufnehmen."

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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