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Krankenpfleger zu Coronavirus-Krise: "Wir haben nicht genug Pflegekräfte"

INTERVIEWAlexander Jorde  

"Wir haben genügend Betten – aber nicht genügend Pflegekräfte"

Von Sandra Simonsen, Melanie Weiner, Manfred Schäfer

17.03.2020, 11:35 Uhr
Krankenpfleger zu Coronavirus-Krise: "Wir haben nicht genug Pflegekräfte". Alexander Jorde: Bereits 2017 kritisierte er das deutsche Gesundheitssystem scharf. Jetzt sieht er Krankenhäuser und Personal nicht gut auf die Coronakrise vorbereitet.  (Quelle: imago images/Jürgen Heinrich)

Alexander Jorde: Bereits 2017 kritisierte er das deutsche Gesundheitssystem scharf. Jetzt sieht er Krankenhäuser und Personal nicht gut auf die Coronakrise vorbereitet. (Quelle: Jürgen Heinrich/imago images)

Alexander Jorde sorgte 2017 im ganzen Land für Aufsehen. Der Krankenpfleger aus Hildesheim hatte in der "ARD-Wahlkampfarena" die deutsche Pflegesituation scharf kritisiert. Im Gespräch mit t-online.de erklärt der heute 23-Jährige, warum er nicht glaubt, dass Deutschland gut auf das Coronavirus vorbereitet ist.

"Die Würde des Menschen wird tagtäglich in Deutschland tausendfach verletzt": Mit Aussagen wie dieser wurde Alexander Jorde im September 2017 bekannt. Als Auszubildender in der Pflege diskutierte er im Fernsehen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel über die Überlastung seiner Branche und die Zustände, die er schon damals als "unhaltbar" bezeichnete. Heute ist er ausgebildeter Gesundheits- und Krankenpfleger und SPD-Mitglied. Er sieht das Gesundheitssystem durch die Coronakrise auf eine neue Probe gestellt, auf die seiner Meinung nach Krankenhäuser und Pflegekräfte nicht gut vorbereitet sind.

Im Gespräch mit t-online.de sagt er, dass er Angst um seine eigene Gesundheit hat und nicht daran glaubt, dass sich durch die Coronakrise etwas an den Zuständen im deutschen Gesundheitssystem verbessern könnte. 

Wie gut ist unser Gesundheitssystem aus Ihrer Sicht im Kampf gegen das Coronavirus aufgestellt?

Ich halte es nicht für gut aufgestellt. Ich war ja damals auch in der Wahlarena 2017 und habe die Situation und die Zustände in der Pflege kritisiert. Das lässt darauf schließen, dass schon vorher einiges im Argen lag. Es war schon lange vor Corona so, dass Intensivstationen aber auch Normalstationen immer öfter Betten sperren mussten, weil es an Pflegepersonal mangelte. Wir haben genügend Betten, wir haben genügend Beatmungsgeräte, wir haben sogar meistens auch genügend Ärzte. Aber wir haben nicht genügend Pflegekräfte.

Und das ist das Problem, das sich jetzt noch zusätzlich dadurch verschärft, dass es jetzt mehr Patienten sind, die eine Intensivtherapie benötigen. Und da hilft es auch nichts, wenn man zusätzlich Beatmungsgeräte beordert oder sagt, dass wir im Vergleich zu Italien deutlich mehr Intensivbetten oder Beatmungsgeräte haben. Das bringt alles nichts, wenn wir kein Personal haben, dass die Menschen, die in den Betten liegen, versorgt.

Haben sich die Missstände seit Ihrem Aufsehen erregenden Fernsehauftritt 2017 verbessert?

Frau Merkel meinte ja damals, wenn wir uns in zwei Jahren wiedersehen würden, sei vielleicht vieles schon ganz anders. Ich habe damals schon gesagt, das kann gar nicht sein. Es kann sich gar nicht so schnell verbessern. Und das ist dementsprechend auch nicht eingetreten. Man muss aber sagen, dass es durchaus Maßnahmen gab und gibt, die strukturell ansetzen, die ich wirklich gut finde. Beispielsweise die Pflegekosten aus Fallpauschalen auszugliedern.

Es wird pro Patient ein bestimmter Betrag für die Krankenhausbehandlung errechnet. Je mehr Diagnosen ich stellen kann, je mehr Eingriffe ich durchführen kann, desto mehr Geld bekomme ich für den Patienten. Die Pflege hat da eine sehr untergeordnete Rolle gespielt. Das war natürlich zu unserem Nachteil. Dadurch, dass die Pflegekosten aus dieser Fallpauschale genommen werden, werden sie jetzt eins zu eins gedeckt. Unabhängig davon, welche Diagnose es für den Patienten gibt.

Wo sehen Sie die größten Schwachstellen?

Das Essentielle in der Pflege ist immer: Wie viele Patienten betreue ich mit welchem Aufwand. Wenn der steigt, ist das natürlich der Hauptfaktor für Belastung und Gefahren. Man ist ja jetzt immer noch dabei, einen Personalschlüssel zu finden. Die Schritte dahin waren eigentlich die richtigen, aber jetzt gab es wieder einen krassen Rückschritt. Jens Spahn hat die Personaluntergrenzen, die letztes Jahr erst eingeführt wurden, ausgesetzt. Und was ich wirklich dreist finde, ist, wie er das begründet hat. Angeblich sollen die Personaluntergrenzen aufgehoben werden, um die Pflegekräfte zeitlich zu entlasten und uns die Dokumentation zu sparen. Aber das ist einfach eine Lüge.

Diese Dokumentation nimmt kaum Zeit in Anspruch und wird in der Regel nicht von den Pflegekräften selbst ausgeführt. Dadurch, dass diese Untergrenzen jetzt wieder ausgesetzt wurden, könnte ich beliebig viele Patienten betreuen und das wäre legitim. Und das als Entlastung für uns zu verkaufen – ich weiß nicht, ob Herr Spahn uns für dumm hält oder was sein Gedanke dahinter ist – aber viele Kollegen durchschauen, dass es eine Mehrbelastung für uns ist. Das bedeutet mehr Stress, enormen Zeitdruck und das alles gefährdet Patienten und Personal und wird uns als Entlastung verkauft.

Sind Sie ausreichend versorgt mit Schutzausrüstung wie Atemmasken und Schutzkleidung?

Das ist ein Punkt, den viele diskutieren: der sowohl qualitative als auch quantitative Mangel an entsprechender Schutzausrüstung. Bei uns beispielsweise gab es noch keinen Engpass an Material. Aber es gab schon viele Berichte von Kolleginnen und Kollegen, die sagen, dass sie Masken nur einmal pro Tag wechseln dürfen. Das ist hygienisch nicht sehr sinnvoll. Wenn der Patient beispielsweise hustet oder die Beatmung gewechselt wird, dann haften die Sekrete natürlich auf der Maske. Und wenn ich die immer wieder auf- und absetze, dann besteht natürlich eine höhere Gefahr mich zu infizieren. Normalerweise müsste man – so ist es bei uns zum Glück noch – alles nach dem einmaligen Verbrauch im Zimmer wegwerfen. Aber das ist natürlich nicht möglich, wenn es nicht genügend Material gibt.

Ich habe auch schon Bilder gesehen, dass die Schutzmasken zum Trocknen aufgehängt werden. Diese Masken schützen natürlich nicht mehr. Ich bin gespannt, was passiert: Wir sind jetzt wirklich am Anfang – die Zahl der Patienten wird stark steigen in den nächsten Wochen. Was passiert, wenn wir nicht mehr die ausreichenden Schutzmaterialien haben? Wird dann von den Pflegenden und Ärzten erwartet, dass wir ohne Schutz in diese Zimmer gehen und uns und unsere Angehörigen und Kollegen gefährden? Ich habe wirklich Angst vor dieser Situation, irgendwann die Entscheidung treffen zu müssen: Gefährde ich jetzt mein eigenes Leben oder helfe ich diesem Patienten – stirbt der Patient im Zweifel vielleicht sogar, wenn ich nicht helfe? Und ich finde es feige, dass diejenigen, die für die Versäumnisse verantwortlich sind, nicht diejenigen sind, die diese Entscheidungen treffen müssen.

Wie konnte es Ihrer Meinung nach zu der aktuellen Lage in den Kliniken kommen?

Die schlechte Ausstattung mit Schutzmaterial ist eigentlich kein Wunder: Krankenhäuser sind heutzutage im Prinzip Wirtschaftsunternehmen. Und Wirtschaftsunternehmen versuchen möglichst wenig auf Lager zu haben – denn alles, was auf Lager liegt, kostet Geld. Deshalb sind viele Krankenhäuser so aufgestellt, dass vieles nicht für einen langen Zeitraum reicht. Und das ist meiner Meinung nach in vielen Krankenhäusern schlechtes Risikomanagement. Man muss in einem Krankenhaus immer auf so eine Situation vorbereitet sein. Auch der Gesetzgeber hat es verpasst, da Richtlinien festzulegen. Wir sollten auch die Debatte aufmachen, ob es denn überhaupt richtig ist, die Produktion von Schutzgütern ins Ausland zu verlagern und dann vollkommen abhängig zu sein. Wenn eine Pandemie herrscht und jedes Land erst einmal für sich selbst sorgen muss, ist doch völlig klar, dass wir so ein Problem bekommen. Das ist etwas, was wir aus der Krise mitnehmen sollten.

Sorgen Sie sich um Ihre eigene Gesundheit?

Also natürlich möchte man sich möglichst nicht mit irgendwelchen Krankheiten anstecken. Wir kennen dieses Virus noch nicht hundertprozentig, wir wissen noch nichts über den langfristigen Verlauf. Wir wissen jetzt viel über die Akutsituation, dass sich eben bei älteren Menschen oder Menschen mit Vorerkrankungen die Situation sehr schnell verschlechtern kann. Aber es gibt auch jüngere Menschen, die schon verstorben sind. Natürlich ist das Risiko gering – aber dennoch möchte ich mich diesem Risiko möglich wenig aussetzen. Aber dazu kommt auch, dass ich natürlich auch Angehörige habe, die älter sind oder chronisch erkrankt.

Diese Corona-Pandemie wird wahrscheinlich noch mindestens ein Jahr andauern. Ich möchte aber nicht ein Jahr lang meine Angehörigen nicht mehr besuchen dürfen. Jeder, der Kontakt zu Infizierten hatte, kommt für zwei Wochen in Quarantäne. Wir haben jeden Tag Kontakt und bei uns ist es nicht einmal möglich, nach längerem Kontakt einen Abstrich zu machen, um frühzeitig zu erkennen, ob wir infiziert sind. Also ich finde, da wird mit zweierlei Maß gemessen und man kommt sich als Pflegekraft wie ein Mensch zweiter Klasse vor.

Was benötigen Sie und Ihre Kollegen Ihrer Meinung nach jetzt am meisten?

Gerade jetzt, wenn Schulen und Kitas geschlossen werden, wäre es wichtig, dass für alle Kollegen die Kinderbetreuung sichergestellt ist. Und wir erwarten, dass uns ausreichend und qualitativ hochwertiges Schutzmaterial zur Verfügung gestellt wird, um uns, die Patienten und die Angehörigen zu schützen. Und was ich noch wichtig finden würde: Dass alle, die länger Kontakt mit einem Coronapatienten hatten, einen Abstrich bekommen und auf das Virus getestet werden. Ich möchte jetzt nicht, dass jeder, der mal vorbeigelaufen ist, gleich einen Abstrich machen soll. Aber jeder, bei dem die Gefahr besteht, dass er sich infiziert hat, sollte regelmäßig getestet werden. Damit rechtzeitig bekannt ist, wenn man infiziert ist. Wenn der Abstrich erst erfolgt, wenn man erste Symptome zeigt, dann hat man längst andere Kollegen in der Schicht angesteckt – und wenn die alle ausfallen, wird es wirklich gefährlich. Es sollte daher Priorität haben, dass wir abgestrichen werden, wenn wir Kontakt zu Infizierten hatten.

Was könnte die Politik tun, um die Situation zu verbessern?

Für Bankenrettung, für die Wirtschaft gibt es sehr viele Möglichkeiten, kurzfristig viel Geld zur Verfügung zu stellen. Und für eine Gefahrenzulage für Pflegekräfte und Ärzte sollte diese Möglichkeit auch bestehen. Auch im Bereich der Schutzmaterialien sollten jetzt alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, um die Arbeitsbedingungen für uns sicherzustellen.

Die Grünen fordern eine temporäre Gehaltszulage für medizinische Berufe – was halten Sie von dem Vorschlag?

Das ist natürlich auch meine Forderung. Erst einmal sind wir einem höheren Risiko ausgesetzt. Und es wird mit Sicherheit mehr Arbeit auf uns zukommen. Der Staat sollte auch Anreize setzen, um Pflegekräfte zurückzugewinnen, die jetzt beispielsweise in Teilzeit arbeiten oder den Beruf gewechselt haben. Zumindest für den Zeitraum der Krise. Ich finde schon, da sollte es eine attraktive Zusatzvergütung geben. Für die Wirtschaft hat es ja auch nicht lange gedauert, bis Milliardenhilfen zur Verfügung standen. Und die Kassenärztliche Vereinigung beispielsweise bietet Ärzten, die in Coronatestzentren Untersuchungen machen, 200 Euro pro Stunde. Und die haben dort wahrscheinlich seltener akute Notfälle und genügend Zeit, um sich vorzubereiten und sicher einzukleiden. Das ist bei uns längst nicht immer der Fall. Und wir bekommen gar keine Zusatzvergütung. Auch nicht bei Überstunden oder wenn wir einspringen müssen, weil Kollegen ausfallen. Da macht sich ein Gefühl von Ungerechtigkeit breit.

Glauben Sie, dass es jetzt durch Corona ein Umdenken in Politik und Gesellschaft gibt, was die Wichtigkeit von Pflege betrifft?

Da bin ich sehr pessimistisch. Sobald diese Krise vorbei sein wird, wird es auch keinen mehr interessieren. Und das ist genau das Problem. Genau in so einer Krise, wo wir vielleicht ein bisschen mehr Aufmerksamkeit haben als sonst, ist es nicht möglich, Forderungen zu stellen. Beispielsweise durch einen Streik. Denn was würde passieren, wenn wir jetzt streiken würden? Wir wären sofort die Buhmänner der Nation. Wenn Piloten in der Urlaubszeit streiken, dann beschweren sich auch Leute – sie gelten dann aber bei weitem nicht so böse wie wir, wenn wir jetzt streiken würden. Und das ist eben genau das Problem. In den Punkten, wo wir am meisten belastet sind, ist es uns gar nicht möglich zu streiken, weil wir dann sofort mit der Moralkeule eins übergezogen bekommen.

Wir können im Prinzip fast gar nicht für unsere Rechte eintreten. Und wenn die Krise vorbei ist, wird’s auch wieder keinen interessieren. Und das ist etwas, wo ich selbst auch keinen Lösungsansatz sehe. Ich habe natürlich die Hoffnung, dass diese Krise vielleicht auch ein Stück weit hilft zu verdeutlichen, was für eine Arbeit wir leisten. Aber ich habe genauso auch schon erlebt, dass Leute sagen, wir sollen uns nicht beschweren und nicht jammern, wir hätten uns diesen Beruf ja ausgesucht.

Sie sind ja bekannt geworden, weil Sie das Pflege- und Gesundheitssystem scharf kritisieren – warum haben Sie dennoch diesen Beruf ergriffen?

Es ist natürlich ein total interessanter Beruf, der sehr anspruchsvoll ist. Man kann Menschen in entscheidenden Phasen ihres Lebens zur Seite stehen. Man muss viele komplexe Situationen bewältigen. In vielen Serien entsteht das Bild, dass wir vielleicht diejenigen sind, die dem Arzt den Kaffee reichen und dem Patienten die Hände halten. Das hat aber überhaupt nichts mit professioneller Pflege zu tun. Und in vielen, vielen Ländern ist das total anders, da ist der Beruf sehr hoch angesehen. Im Bundestag wird vorgeschlagen, einfach Langzeitarbeitslose in die Pflege zu bringen, was impliziert, es könne ja jeder machen. Und es könnten vielleicht auch einige, es geht aber um das Bild, was von Pflege dabei entsteht. Nicht jeder kann pflegen.

Und trotzdem gibt es Positives: Ich glaube, es gibt kaum einen Beruf, in dem man in dem Alter, in dem ich jetzt bin, so viel Verantwortung trägt für andere Menschenleben. Das kann natürlich belastend sein, ist aber auf der anderen Seite auch erfüllend. Weil man weiß, man macht einen Job, bei dem man weiß, man hat jemandem vielleicht das Leben gerettet, jemandem zur Heilung verholfen oder ihm im Sterben zur Seite gestanden und Schmerzen genommen. Das, was wir hier tun, hat wirklich einen Sinn und das hilft Menschen. Und so ist der Beruf für viele eigentlich attraktiv – das Problem sind eben die Arbeitsbedingungen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Jorde. 

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online.de können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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