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"Ich bin erschüttert, wie hartnäckig sich viele Impfmythen halten"

  • Sandra Simonsen
Von Sandra Simonsen

Aktualisiert am 30.01.2021Lesedauer: 6 Min.
Eckart von Hirschhausen mit Studienleiterin Professor Dr. Clara Lehmann (Uniklinik Köln): An der Uniklinik Köln durchläuft er alle Schritte einer Impfstudie.
Eckart von Hirschhausen mit Studienleiterin Professor Dr. Clara Lehmann (Uniklinik Köln): An der Uniklinik Köln durchläuft er alle Schritte einer Impfstudie. (Quelle: WDR/Bilderfest GmbH)
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Seit rund einem Jahr wird an Impfstoffen gegen das Coronavirus geforscht. Einer der Probanden ist der bekannte Arzt Eckart von Hirschhausen. t-online hat mit ihm über seine Impfung gesprochen.

Er ist bekannt als Wissenschaftsjournalist und Arzt. Jetzt hat Eckart von Hirschhausen in einer WDR-Dokumentation selbst an einer Impfstudie zum Coronavirus teilgenommen. An der Uniklinik Köln hat er wie andere Teilnehmer alle Stufen vom Aufklärungsgespräch bis zur Impfung mit einem noch nicht zugelassenen Impfstoff oder einem Placebo mitgemacht. t-online hat mit dem bekannten Mediziner über die Studie, Impfstoffe, aber auch seinen ganz persönlichen Blick auf die Corona-Pandemie gesprochen.


Einfach erklärt: Die Etappen bis zur Zulassung eines Corona-Impfstoffs

Die Entwicklung eines Impfstoffs startet mit der Arbeit im Labor. Zuerst muss das Virus analysiert und verstanden werden, über welche Mechanismen der Erreger die Immunreaktionen des Körpers auslöst. Erst dann folgen die eigentlichen Etappen bis hin zur Zulassung. (Symbolbild)
Etappe 1 – Erprobung an Tieren: Zunächst wird getestet, wie wirksam und verträglich der Impfstoff ist. Neben Affen nutzen Forscher bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen SARS-CoV-2 auch Frettchen und genetisch veränderte Mäuse. (Symbolbild)
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t-online: Wie sehr belastet Sie persönlich die Corona-Pandemie emotional?

Eckart von Hirschhausen: Seit meiner ersten Doku "Hirschhausen auf Intensiv", weiß ich, was es für schwere Verläufe geben kann, und deshalb zucke ich jeden Tag zusammen, wenn es wieder heißt: gestern über 1.000 Tote. Weil ich dann an die Umstände denke, unter denen viele sterben – oft allein in Altenheimen, aber auch jüngere Menschen auf Intensivstationen. Das war auch der Grund, warum ich darüber nachgedacht habe, an welcher Stelle ich mich wieder zu Wort melde.

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Vor einem Jahr ist in Deutschland erstmals das Coronavirus nachgewiesen worden. Hören Sie hier im Podcast ein Gespräch über eine Jahresbilanz der Corona-Krise.

Sie sind ja nicht nur Wissenschaftsjournalist, sondern auch Bühnenkünstler. Wie geht es der Kulturbranche?

Ich erlebe schmerzlich mit, wie der Wert der Künste und all der Menschen, die in dieser Branche meist freiberuflich arbeiten, vor die Hunde geht. Ich vermisse meine Crew, mein Publikum, und natürlich auch, andere Künstler in ihrem Element zu erleben. Konzerte, Lesungen, Kabarett sind auch systemrelevant, da sind mehr Menschen beschäftigt als in der Autoindustrie, bei deutlich weniger Ressourcenverbrauch. Beim Zuhören oder Lachen wird nicht mehr CO2 frei als beim Meckern. Es macht aber bessere Stimmung. Warum "retten" wir ständig mit kollektivem Steuergeld Jobs in Branchen, die uns kollektiv Schaden zufügen, wie der Braunkohle, der Agrarindustrie und dem Flugverkehr? In welcher Welt wollen wir eigentlich leben? In einer enkeltauglichen. Die Pandemie ist entstanden durch die brutale Zerstörung der Lebensräume von Wildtieren. Darüber sollten wir sprechen, denn wenn wir so weitermachen, kommt nach HIV, SARS, Ebola und jetzt Corona garantiert bald die nächste Pandemie. Gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde.

(Quelle: imago images/Andreas Gora)

Eckart von Hirschhausen



Dr. Eckart von Hirschhausen (Jahrgang 1967) studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus in Berlin, London und Heidelberg. Seine Spezialität: medizinische Inhalte auf humorvolle Art und Weise zu vermitteln und gesundes Lachen mit nachhaltigen Botschaften zu verbinden. Seit mehr als 20 Jahren ist er als Komiker, Autor und Moderator unterwegs.

Sie sind selbst Proband einer klinischen Impfstudie: Wie erleben Sie die Prüfung der Impfstoffe bisher?

Es ist eine Sensation, dass wir bereits so schnell Impfstoffe haben, mit voller Zulassung nach allen Regeln, keine Notzulassung wie in anderen Ländern. Aber wie alle wissen, reichen die Kapazitäten vorne und hinten nicht. Deshalb brauchen wir ja noch sehr viele neue Impfstoffe, gerade auch welche, die für Länder ohne viel Geld und Kühlketten funktionieren.

Warum haben Sie sich entschieden, an der Studie teilzunehmen?

Als Arzt in der Kinderheilkunde habe ich schon vor 25 Jahren erlebt, was für ein Segen wirksame Impfungen sind und ich habe auch selber Kinder geimpft. Seitdem verfolge ich die Diskussionen, bin in Fachgremien, begleite Kongresse und bin erschüttert, wie hartnäckig sich viele Mythen halten. Deshalb habe ich überlegt, was mein Beitrag sein könnte, damit wir den Impfstart in Deutschland nicht durch Wissenslücken und Misstrauen in den Sand setzen.

Wie läuft so eine Studie für die Teilnehmer ab?

Das ist ganz schön zeitintensiv. Es gibt lange Aufklärungsgespräche, körperliche Untersuchungen, Bluttests, die beiden Impfungen selber, Nachbeobachtung vor Ort, Symptomprotokolle schriftlich und als App, damit alle Nebenwirkungen erfasst werden und und und. Vor der Phase drei gibt es ja schon lange Tests, in denen die Sicherheit und die richtige Dosierung ermittelt werden. Das ganze Vorgehen ist dokumentiert, megatransparent und gründlich. Dass die Zulassungen schneller geklappt haben als bei anderen Impfungen ist keine Schluderei, sondern das Ergebnis von sehr effizienten Abläufen, die ineinandergreifen, statt hintereinander zu laufen wie sonst.

Hirschhausen als Corona-Impfproband: Der bekannte Wissenschaftsjournalist ist selbst Proband in einer klinischen Impfstudie.
Hirschhausen als Corona-Impfproband: Der bekannte Wissenschaftsjournalist ist selbst Proband in einer klinischen Impfstudie. (Quelle: WDR/Bilderfest GmbH)

Wie haben Sie sich vor der ersten Impfung gefühlt? Hatten Sie Angst oder Sorge?

Für einen Moment habe ich tatsächlich gezögert, denn logischerweise ist ein Impfstoff, den es schon 20 Jahre gibt, besser verstanden als ein neuer. Deshalb habe ich mit vielen Fachleuten gesprochen, einige kommen auch im Film vor wie Frau Professorin Marylyn Addo, eine der weltbesten Infektiologinnen und selber Studienärztin, Volker Stollorz vom Science Media Center oder Karl Lauterbach, der sich wirklich exzellent mit den aktuellen Studien auskennt und auch Cornelia Betsch, die Expertin ist für Impfkommunikation. Auch die Aufklärung an der Uniklinik Köln für alle Studienteilnehmer durch die Professorin Clara Lehmann war sehr gut. Alle haben mir den Prozess erklärt und mit bestem Wissen und Gewissen zugeraten. Ich konnte zu jedem Zeitpunkt Nein sagen. Habe ich aber nicht.

Welche Nebenwirkungen haben Sie an sich festgestellt?

Das lässt sich nicht eindeutig beantworten, weil viele "Nebenwirkungen" allein deshalb erlebt werden, weil man vermehrt auf seinen Körper achtet. Ich habe die letzten Wochen unerklärbare Schmerzen an der Schulter und am Oberarm, recht lästig und häufig, nennt sich "frozen shoulder". Die hatte ich auch schon vor der Impfung. Wären die Schmerzen aber kurz nach der Impfung aus dem Nichts aufgetaucht, hätte ich sofort die Impfung verdächtigt, dafür ausschlaggebend zu sein. Um solche falschen Zuweisungen zu vermeiden, gibt es drei wichtige Prinzipien bei Studien: möglichst viele Leute, Zufallsverteilung in die Gruppen und Verblindung. Dafür mache ich ja die Sendung, damit viele verstehen, wie viel Aufwand, Detailarbeit und Professionalität hinter einer Studie steht.

Sie haben auch mit Ärzten und anderen Studienteilnehmern gesprochen – wie ist Ihr Eindruck: Herrscht eher Unsicherheit oder Zuversicht?

Pioniergeist!

Wie finden Sie die bisherige Kommunikation der Politik in der Krise – hätte man da etwas besser machen können, um die Akzeptanz der Maßnahmen und auch der Impfungen zu stärken?

Ja. Es fehlt an einer Entscheidungshilfe, bei der nüchtern die Zahlen nebeneinandergestellt werden und jeder sich seine Meinung bilden kann, sowas wie der Wahl-O-Mat nur fürs Impfen. Es fehlt an guten Videos, die Falschinformationen geraderücken und die Fragen aufnehmen, die Menschen haben – aber nicht in langen Bleiwüsten und unübersichtlichen Listen, sondern zeitgemäß mit Grafiken, Animationen, bekannten und vertrauenswürdigen Erklärern aus Medizin und Pflege. Vor allem gibt es eine Verantwortungsdiffusion, wer dafür zuständig ist. Ich vermisse auch eine fachgruppenspezifische Ansprache der Pflegefachkräfte. Warum gibt es für diese größte Gruppe im Gesundheitswesen keinen Podcast, bei dem man sich unkompliziert auf dem Weg zur Arbeit aufschlauen kann?

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Wieso gibt es aus Ihrer Sicht so viele Impfgegner?

Ich kann verstehen, dass Impfen ein sehr sensibles Thema ist. Viele Menschen mögen keine Spritzen. Da hatte es die Schluckimpfung auf einem Zuckerwürfel einfacher. Viele haben Angst, dass die Spritze ihre körperliche Integrität verletzt. Es geht uns buchstäblich etwas unter die Haut. Wir vergessen dabei aber, dass jeder Atemzug unsere körperliche Integrität verletzt.

Inwiefern?

Wir atmen ständig Feinstaub, Krankheitserreger und jede Menge fremder Erbinformationen ein. Jedes Stück Fleisch und jedes Stück Gemüse enthält jede Menge DNA. Für unser Immunsystem ist es relativ egal, auf welchem Weg ein Erreger oder der Bauplan für einen Teil des Erregers – und genau das ist ja die Impfung – in Kontakt mit uns kommt. Für den Lymphknoten, in dem das Abwehrsystem ihre Zellen trainiert, ist es unerheblich, ob etwas im Blut, über die Lunge oder über den Oberarmmuskel angeliefert wurde. Deshalb macht die Impfung im Kern lediglich aus einem zufälligen Vorgang, dass jemand mir seine Aerosole zuhustet, einen gezielten, planbaren und sicheren Vorgang. Ich weiß, was mir lieber ist! Aber ich verstehe auch, dass Menschen Angst haben, wenn ihnen das so noch niemand erklärt hat.

Was entgegnen Sie jenen, die sich nicht impfen lassen wollen?

Dass sie einmal darüber nachdenken sollten, welche Auswirkungen und massiv größere Schäden durch die echte Infektion verursacht werden. Jeden Tag sterben Menschen, oft über 1.000, das kann einen doch nicht kaltlassen. Viele haben nach einer durchgemachten Infektion Spätschäden mit Verlust des Geschmacksinns, neurologischen Schäden bis zu anhaltender Mattigkeit – das will keiner.

Was raten Sie Unentschlossenen?

Um eine gute Entscheidung für sich zu treffen, müssen wir uns drei Fragen stellen: Was ist der Nutzen, was ist der Schaden, und was passiert, wenn ich abwarte und erst mal nichts tue. Der Nutzen der Impfung ist glasklar belegt, ein extrem hoher Schutz vor schweren Verläufen von Covid-19, sogar höher als bei anderen Impfungen. Der "Schaden" der Impfung ist auch ziemlich klar: zwei Tage Unwohlsein mit Kopfschmerzen, Krankheitsgefühl, Unwohlsein, so wie bei jedem anderen Infekt auch. Und wenn ich nichts mache, riskiere ich die Erkrankung plus die Tatsache, dass ich, bevor ich selber um meine Virenlast weiß, schon längst andere angesteckt habe, womöglich sogar meine Allerliebsten in meinem Umfeld. Da habe ich lieber zweimal einen kleinen Pieks, bin keine Gefahr mehr für andere und fühle mich solidarisch und sicher.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr von Hirschhausen!

Der WDR-Film "Hirschhausen als Impfproband" wird am Montag (1. Februar, 20.30 Uhr) im Ersten ausgestrahlt, den Trailer können Sie hier vorab anschauen.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Von Christiane Braunsdorf
  • Sandra Simonsen
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