Corona-Impfungen beim Hausarzt

Diese Patienten sind offenbar beim Impfstart benachteiligt

Von Melanie Weiner, Sandra Simonsen

01.04.2021, 12:05 Uhr

Impfung gegen Covid-19: Nach Ostern sollen Hausarztpraxen flächendeckend mitimpfen. (Quelle: Nicolas Armer/dpa)

Mehr Tempo für die Impfkampagne in Deutschland: Schon bald sollen Hausärzte flächendeckend gegen Covid-19 impfen. Eine Patientengruppe soll dabei jedoch im Nachteil sein.

"Impfen, impfen, impfen" – so lautet die Devise von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Um diese umzusetzen, sollen in Kürze auch Hausärzte gegen Corona impfen. In der Nacht zum 1. April soll die Impfverordnung allerdings nochmals geändert werden. Wie genau soll das Impfen in den Praxen ablaufen? Welche Patienten erhalten zuerst ein Angebot und wer ist von der Änderung betroffen?

Wann starten die Impfungen in den Hausarztpraxen?

Nach Ostern – ab dem 7. April – sollen Hausärzte bundesweit in die Impfkampagne einbezogen werden. Das kündigte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am 27. März an. Zunächst solle das Impfen in bis zu 50.000 Praxen stattfinden. Ende April/Anfang Mai werden dann bis zu 100.000 Arztpraxen Coronavirus-Impfungen verabreichen können, so Spahn.

Einfach erklärt: Die Etappen bis zur Zulassung eines Corona-Impfstoffs

Die Entwicklung eines Impfstoffs startet mit der Arbeit im Labor. Zuerst muss das Virus analysiert und verstanden werden, über welche Mechanismen der Erreger die Immunreaktionen des Körpers auslöst. Erst dann folgen die eigentlichen Etappen bis hin zur Zulassung. (Symbolbild) (Quelle: janiecbros/Getty Images)

Etappe 1 – Erprobung an Tieren: Zunächst wird getestet, wie wirksam und verträglich der Impfstoff ist. Neben Affen nutzen Forscher bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen SARS-CoV-2 auch Frettchen und genetisch veränderte Mäuse. (Symbolbild) (Quelle: Evgenyi_Eg/Getty Images)

Etappe 2 – Klinische Prüfung des Impfstoffs: Es folgen die Impfungen an freiwiliigen Probanden. Diese Etappe ist unterteilt in drei Phasen. (Symbolbild) (Quelle: FilippoBacci/Getty Images)

In Phase I wird der Wirkstoff an einer kleinen Gruppe freiwilliger gesunder Testpersonen verimpft und in Phase II an einer größeren Teilnehmergruppe getestet. Darunter können sich auch Personen befinden, die an der Krankheit leiden, auf die der potenzielle Wirkstoff ausgerichtet ist. In der abschließenden Phase III folgt eine große Studie mit einer repräsentativen Patientengruppe, die oft aus mehreren Tausend Teilnehmern aus verschiedenen Ländern besteht. (Symbolbild) (Quelle: South_agency/Getty Images)

Etappe 3 – Zulassungsverfahren: Fallen die Ergebnisse der klinischen Tests vielversprechend aus, wird der Impfstoff von der jeweils zuständigen Behörde geprüft. In der EU übernimmt die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) die Zulassung von Impfstoffen. (Symbolbild) (Quelle: bombuscreative/Getty Images)

Etappe 4 – Massenproduktion: Wird der Impfstoff zugelassen, werden die Impfstoffdosen produziert. Einige Hersteller starten damit angesichts der Pandemie bereits vor der offiziellen Zulassung, um die Impfungen schnellstmöglich bereitzustellen. (Symbolbild) (Quelle: Neznam/Getty Images)

Was passiert mit Privatpatienten?

Nach t-online-Informationen soll in der Nacht zum 1. April eine neue Impfverordnung in Kraft treten, die Privatärzte sowie Betriebsärzte vom Impfstart ausschließt. Demnach sollen betroffene Privatpatienten zunächst keine Impfung erhalten. "Die neue Impfverordnung tritt heute Nacht in Kraft und betrifft Privatärzte und Betriebsärzte", erklärte eine Sprecherin des Privatärztlichen Bundesverbands (PBV) auf t-online-Anfrage. "Da geht es nur noch um Macht, es kann nicht mehr um den Patienten oder die Pandemie gehen." Sie erklärte, der Impfstoff werde dann neu aufgeteilt, "durch das knappe Kontingent konnten nicht alle Praxen ihre bestellten Impfmengen bekommen – durch das Kontingent der Privatärzte wird das der anderen aufgefüllt, zumindest wenn der jeweilige Hausarzt mehr bestellt hat, als er zuvor bekommen konnte."

Der PBV kritisiert die neue Impfverordnung scharf: "Das ist eine Ungleichbehandlung: Kassenpatienten dürfen zum Arzt ihres Vertrauens gehen, um sich impfen zu lassen, Privatpatienten müssen zu Impfzentren oder anderen Impfärzten und dürfen somit nicht frei wählen."

Der PBV werde "alle rechtlichen und politischen Möglichkeiten" prüfen, damit möglichst viele Ärzte (auch Privatärzte und Betriebsärzte) Patienten impfen können. "Je schneller die Bevölkerung geimpft ist, desto schneller können die Restriktionen zurückgenommen werden." t-online hat zusätzlich weitere Stellen zu Informationen zum Thema angefragt. 

Welche Praxen impfen zuerst gegen Corona?

In fast allen Bundesländern impfen Hausärzte bereits in Modellprojekten gegen das Coronavirus. In Berlin etwa wurden rund 100 Praxen, darunter 60 Hausarztpraxen sowie diabetologische und onkologische Schwerpunktpraxen, damit beauftragt, ihren Risikopatienten eine Covid-19-Schutzimpfung anzubieten.

Auf eine Anfrage von t-online, welche Hausarzt- und Schwerpunkpraxen in anderen Bundesländern zuerst Impfungen vornehmen, teilte ein Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) mit: "Die entsprechenden Regelungen werden auf der Landesebene getroffen, bundesweite Vorgaben gibt es hierbei nicht."

Wie viele Impfdosen stehen zur Verfügung?

Nach Angaben der KBV sind in den Praxen der niedergelassenen Hausärzte und Fachärzte fünf Millionen Impfungen in der Woche "absolut machbar". Sofern ausreichend Impfstoff verfügbar ist.

Genau hier liegt aktuell das Problem: In der ersten Woche stehen dafür nur rund eine Million Dosen zur Verfügung, wie aus dem Beschlusspapier der Beratungen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und der Länderregierungschefs hervorgeht. Pro Woche wird jede Praxis zunächst circa 20 Impfdosen erhalten. Aufgeteilt wird die zur Verfügung stehende Menge an Impfstoffen – wie auch bei den Impfzentren – nach dem Bevölkerungsschlüssel.

Einen Schub soll es dann in der Woche vom 26. April mit insgesamt 5,4 Millionen erwarteten Dosen geben – davon 3,2 Millionen für die Praxen und damit erstmals mehr als für die Impfzentren, die wöchentlich fest 2,25 Millionen Dosen reserviert bekommen.

Welche Patienten werden zuerst geimpft?

Wer geimpft wird, entscheidet sich nach den Vorgaben der aktuellen Impfverordnung. Diese könne aber von den Hausärzten "flexibel angewandt" werden, erklärten Bund und Länder Mitte März. Man bitte die Ärzte, zuerst die vulnerablen Gruppen und Ältere zu Hause zu impfen. Mit "flexibel" sei etwa gemeint, dass es sinnvoll sei, die betreuenden Angehörigen gleich mit zu impfen, statt sie an ein Impfzentrum zu verweisen.

Sobald mehr Impfstoff zur Verfügung steht, sollen die Ärzte mehr Spielraum bei der Frage bekommen, wen sie impfen.

Wie läuft die Terminvergabe ab?

Wie die Impfterminvergabe beim Hausarzt genau ablaufen wird, ist noch nicht ganz klar. Generell entscheidet laut Deutschem Hausärzteverband jede Praxis individuell über die Organisation der Termine. Solange wenig Impfstoff verfügbar ist, wird ein Großteil der Praxen ihre Risikopatienten kontaktieren, um ihnen ein Impfangebot zu machen.

Welche Impfstoffe erhalten die Patienten beim Hausarzt?

Zum bundesweiten Impfstart nach Ostern wird in Hausarztpraxen ausschließlich das Mittel von Biontech/Pfizer zum Einsatz kommen – laut Gesundheitsminister Jens Spahn in den ersten beiden Wochen (7. bis 18. April).

Danach sollten zunächst Biontech und Astrazeneca, eine weitere Woche später dann auch Johnson & Johnson als dritter Impfstoff an die Praxen geliefert werden, sagte Spahn. "Jede Impfdose sollte schnellstmöglich verimpft werden." Moderna solle ausschließlich in Impfzentren verimpft werden.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

Verwendete Quellen:
  • Deutscher Hausärzteverband
  • Privatärztlicher Bundesverband
  • Pressemitteilung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) vom 26. März 2021
  • Pressemitteilung der KV Berlin vom 11. März 2021
  • Deutsche Apotheker Zeitung
  • Nachrichtenagentur dpa
  • Eigene Recherche
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